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Die Welt der Zappadongs - Grossvater Zappadong

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Grossvater Zappadong (väterlicherseits) hat im Gonzenbergwerk Erz abgebaut. Man könnte auch weniger prosaisch sagen: Er hat sich im Gonzenbergwerg abgerackert und seine Gesundheit ruiniert. Wenn er über den Einstieg "Naus" auf 1000 m ü.M. ins Innere des Berges gelangen musste, dann ist er die ganze Strecke hochgestiegen. Ein Auto hatte er nicht. Nicht selten ist er nach der Arbeit entweder auf den Acker oder Holzen gegangen. Grossvater Zappadong hatte zusammen mit Grossmutter Zappadong 15 Kinder, acht Jungen und sieben Mädchen.

Als Kind wohnte ich ganz in der Nähe von Grossvater Zappadong. In meiner Erinnerung ist er ein Mann mit schlohweissem Haar, einer starken Brille, hinter der wache Augen hervorlugten. Er interessierte sich für Politik, konnte poltern und auf den Tisch hauen wie kein zweiter und las fürs Leben gerne stapelweise Wildwestromane (die ich - wenn er fertig war - nach Hause nahm und ebenfalls las). Als jugendliche Rebellin tat ich nichts lieber, als an dem grossen Küchentisch zu sitzen und ihm zuzuhören, denn er hatte ein Feuer in sich, wie es nur wenige haben. Damals dachte ich, er wäre wohl Kommunist geworden, wenn die Kommunisten bei uns eine Partei gehabt hätten. Heute bin ich nicht sicher, ob er vielleicht SVP gewählt hätte, wenn es die denn schon gegeben hätte. Ich hoffe nicht. Auf jeden Fall war er auf seine ganze eigene Art ein Rebell, der sich nicht auf die Kappe scheissen liess. Von niemandem. Auch nicht den "Oberen" vom Bergwerk. Er konnte problemlos eine Viertelstunde am Stück fluchen ohne sich einmal zu wiederholen. Ein Talent, in dem ihm die meisten seiner Nachfahren nur wenig nachstehen (Frau Zappadong eingeschlossen).

Zu Grossvater Zappadong gehörte Grossmutter Zappadong. Sie gebar 14 ihrer 15 Kinder zu Hause und stellte nach der letzten Geburt im Spital fest, dass es ihr besser ging als bei all den Geburten zuvor. Sie zog ihre Kinder ohne Waschmaschine auf, ohne Zentralheizung, ohne elektrischen Herd. Ich habe sie nie klagen hören. Sie hatte - wie mein Grossvater - diese listigen Augen, war aber zusätzlich noch mit einem köstlichen Humor gesegnet und hielt nie viel von der politischen Polterei ihres Mannes. Im hohen Alter sah sie immer noch wie ein Adler, hörte dafür praktisch nichts mehr.

Grossvater Zappadong ist vor vielen Jahren gestorben. Erstickt auf dem Weg ins Krankenhaus. Grossmutter Zappadong wurde 96. Beinahe auf jeden Fall. Sie starb in der Nacht vor ihrem Geburtstag. Dabei hatte sie doch 100 Jahre alt werden wollen.

Warum ich Ihnen das erzähle? Es schien mir fast ein bisschen so, als habe das Schicksal mit dem Zaunpfahl gewinkt mit der Diskussion um den Grundlohn und Herrn Lightbringers Lebenserfahrungstest. Wenn wir wissen wollen, woher unsere Einstellungen kommen und was unser Denken prägt, müssen wir zurückblicken. Es wird weitere Folgen der Serie "Die Welt der Zappadongs" geben. Weil Lebenserfahrung nicht nur mit Gondelfahren in Venedig zu tun hat.

Ihre Frau Zappadong

10 Kommentare:

philipp said...

frag mal hier wegen der finanzierung (verstehe deinen frust)
http://www.grundeinkommen.ch/

Alex Lightbringer said...

Das garantierte Grundeinkommen - eine schöne Utopie. Ich denke nicht, dass das funktioniert. Dazu gibt es zu viele Menschen, die mit diesem Grundeinkommen zufrieden wären und nichts mehr zum Bruttosozialproduklt beitragen würden. Schwarzarbeit und Schattenwirtschaft feiern fröhliche Urstände. Die Netto-Steuerzahler wären die Dummen.

Gruß Alex L.

Zappadong said...

Ach Alex, so einfach ist es nicht. Ich finde die Idee faszinierend, zweifle aber wie du an der Umsetzung, allerdings aus anderen Gründen als du. Es ginge zu weit, die alle hier auszuführen. Wenn du auf den Link zu Bodeständigi Choscht klickst, kannst du Fragen, Argumente und Gegenargumente lesen. Es hat auch Links auf sehr spannende Seiten. Dummerweise werden meine wichtigsten Fragen nicht beantwortet.

Nur so viel: Es gäbe nur noch eine einzige Steuer. Man würde den Konsum besteuern, und zwar massiv (es geisterte die Zahl 48% durch den Raum). Alles, was du über das Grundeinkommen einnimmst, gehört dir ganz allein, ohne Sozialabgaben, ohne Steuern (ausser der Mwst.). Sprich: Du könntest immer noch nach mehr streben, du dürftest es auch behalten (abzüglich Konsummehrwertsteuer). An und für sich ein bestechender Gedanke. Nur: Wie hoch müsste das Grundeinkommen sein (denn es würde auch Renten und Invalidenversicherungen ersetzen), damit man noch ein "würdiges Leben" führen könnte und was wäre ein "würdiges Leben".

Sogar wenn man das wirklich so finanzieren könnte: Es gäbe wieder Leute, die auf der Strecke blieben - nicht zuletzt, weil das Grundeinkommen dann wohl zu tief wäre, und weil es wieder solche mit mehr und mit weniger Geld gäbe. Irgendwann, früher oder später, würde meiner Meinung nach jemand nach "ich will mehr als das Scheiss-Grundeinkommen!" brüllen und vorschlagen, man solle die Kohle doch von jenen holen, die sie haben. Da wären wir dann gleich weit wie jetzt.

Ich hätte wahnsinnig gerne über solche Punkte debatiert - aber ich war die einzige. Trotzdem werde ich mich in das Thema noch weiter einlesen.

Liebe Grüsse

Frau Zappadong

Zappadong said...

So, jetzt habe ich auch den ganzen Text im Link von philipp gelesen. Und habe beschlossen, dass ich warten werde. Darauf:

Finanzierung des garantierten Grundeinkommens

Zur Finanzierung des garantierten Grundeinkommens gibt es verschiedene Modelle. BIEN-CH erarbeitet zurzeit eine Studie über verschiedene Finanzierungsmodelle für die Schweiz.

Ich bin gespannt.

Frau Zappadong

Alex Lightbringer said...

Bei uns läuft zur Zeit eine heisse Diskussion um Hartz 4. Ein berliner Politiker hat gesagt, mit dem Regelsatz von 3,71 Euro pro Tag könne man sich ausreichend und gesund ernähren, was sofort von einigen Initiativen getestet wurde. Es ist natürlich nicht möglich. Man wird nicht verhungern, aber Mangelerscheinungen lassen sich nicht vermeiden (Obst, Gemüse, Säfte viel zu teuer für diesen Satz).

Bei einem Grundeinkommen, das jedem Menschen ein würdiges Leben ermöglicht, müsste man also von Hartz IV plus etwa 50% ausgehen. Bei einer Konsumsteuer von 48% kommen nochmal 24% zum benötigten Einkommen dazu. Überschlägig würde ich von ca. 600 Euro pro Monat pro Person als unumgängliches Mindestgehalt ausgehen. Sicher wäre hier eine Alters- oder Familienabstufung sinnvoll. Wenn mehrere Personen im Haushalt leben, muss beispielsweise auch nur einmal geheizt werden.

Eine Familie mit zwei Kindern käme so auf einen Satz von ca. 2000 Euro pro Monat. Damit wäre ein einigermaßen anständiges (einfaches) Leben möglich, denke ich (trotz der 48% Umsatzsteuer).

Ich kenne allerdings Familien, deren reales Einkommen trotz Berufstätigkeit der Eltern weit darunter liegt (so im Bereich 1200 - 1400 Euro).

1. Wie genau sollte der Anreiz lauten, diese Menschen dann doch noch zur Arbeit zu bewegen?
2. Wenn sie arbeiten gehen und damit mehr verdienen als das Grundeinkommen, wie soll eine Inflation aufgehalten werden?
3. Wie wird Betrug verhindert? Gläserner Bürger?
4. Wie soll man den Schwarzmarkt und Schwarzarbeit unter Kontrolle bringen bei so hohen Verbrauchssteuern?

Auf diese Fragen fällt mir keine sinnvolle Antwort ein.

Gruß Alex L.

Zappadong said...

Ich sehe das Problem ebenfalls bei der Höhe des Grundeinkommens. In der Schweiz müsste das bei mindestens 3500.00 wenn nicht 4000.00 Franken liegen. Das ist eine ganze Menge Geld!

Befürchtungen von Leuten, die das Modell kritisch angeschaut haben, gehen in ähnliche Richtung wie deine: der Schmuggel würde blühen, die Leute würden in Scharen ins nahe Ausland fahren usw.

Eines der Argumente der Befürworter des Grundlohns ist auch, dass es sowieso nicht mehr Arbeit für alle gibt. Bei uns in der Schweiz sind wir jedoch zur Zeit in einer Phase, in der massenhaft Jobs ausgeschrieben sind und nicht einmal jeder besetzt werden kann. Die Lage wird sich noch verschärfen: Aufgrund des Geburtenrückgangs redet man heute schon davon, dass man vermehrt die Frauen an die Arbeitsplätze "zurückholt".

Ich sehe auch das Problem der Lohntreiberei. Wer es nicht nötig hat, zu arbeiten, der stellt hohe Lohnforderungen, wenn er arbeiten will. Das wird die Güter verteuern, und da wohl nicht die ganze Welt sich dem System "Grundeinkommen" anschliessen wird, verlieren wir unsere Wettbewerbsfähigkeit. Was vielleicht in den Augen der Initianten nicht tragisch ist, in meinen Augen aber schon: Wir würden uns Arbeitslose zuhauf schaffen (und es gibt ja tatsächlich Leute, die gerne arbeiten).

Frau Zappadong

Zappadong said...

Hier noch ein Link für die deutschen Leserinnen und Leser des Blogs (deutsche Modelle, einzeln vorgestellt):

http://www.wdr.de/themen/politik/1/grundeinkommen/modelle.jhtml?rubrikenstyle=politik

Hanspeter Gautschin said...

Ich möchte hier nur noch einen schüchternen Einschub machen:

Arbeit (Schaffen, Erschaffen) ist nicht gleich Erwerbsarbeit.

Und dann noch: Wie kann Frau Zappadong von Schwarzarbeit reden, wenn die Arbeitsleistung (Einkommensbesteuerung) nicht mehr besteuert wird?

Und dann noch: Die bisherigen Aufwendungen der öffentlichen Hand für Sozialhilfe, IV, AL, AHV etc. fallen weg. Wie hoch ist wohl dieser Beitrag? Ich schätze einmal so um die 80 bis 100 Milliarden. Weiss es jemand genauer?

Zappadong said...

Lieber Hanspeter

Ich habe deinen Kommentar leider erst jetzt gelesen.

Eine kurze Erklärung: Mr Lightbringer und ich sind tatsächlich zwei Personen. Über die Schwarzarbeit musst du mit Mr Lightbringer diskutieren (er kommt aus Deutschland, ich aus der Schweiz; mindestens in unserem Fall funktioniert die Zusammenarbeit also).

Als unbezahlte Hausfrau weiss ich sehr wohl, dass Arbeit keinesfalls gleichzusetzen ist mit Erwerbsarbeit. Ich sehe deine Argumente sehr wohl (vor allem die Pensionskasse 2 ist für weniger Verdienende ein schlechter Witz), die AHV ist so kompliziert organisiert, dass man deren Leistungen glatt verdoppeln könnte, wenn man allen gleich viel bezahlen würde, satt nach einem erdenkomplizierten Verfahren, das an Bürokratie kaum zu überbieten ist, jemandem CHF 3.25 weniger zu bezahlen als einem anderen.

Ich sehe die Ansätze, sie gefallen mir nicht schlecht ... aber ich warte nun wirklich diese Studie ab, die konrete Modelle für die Schweiz vorschlägt.

Liebe Grüsse

Frau Zappadong

Alex Lightbringer said...

Hallo, Hanspeter

soweit ich das verstanden habe, wird die Erwerbsarbeit schon noch besteuert, nämlich insoweit, als dass Geld an den Staat zurückfließt in Höhe der vorgestreckten Leistungen. Das sind für mich Steuern, auch wenn der Modus natürlich anders aussieht.

Für mich stellt sich das Problem so: wenn nach den Zahlen von Frau Z. ein durchschnittlicher Mensch 4000 Franken bekommen soll, werden ihm die ersten 4000 Franken, die er verdient, abgezogen und an den Staat abgeführt. Wenn er gar nichts arbeiten würde, würde er auch die 4000 Franken bekommen. Bekommt er mehr, sagen wir mal 4400 Franken, bleiben ihm am Monatsende 400 Franken mehr als wenn er nicht gearbeitet hätte. Welcher vernünftige Mensch würde für 400 Franken einen ganzen Monat arbeiten wollen?

Schwarzarbeit: Wenn ich also einen auf Nicht-Arbeitender mache und dann beim Nachbarn die Heizung repariere/Rasen mähe/Kinder betreue/was auch immer, gehört mir das Geld, das mir der Nachbar gibt, vom ersten Franken an sofort. Das ist dann halt die Schwarzarbeit.

Leider verstehe ich vom schweizer Steuer- und Sozialsystem gar nichts. Allerdings ist das deutsche auch nicht gerade unkompliziert.

Gruß Alex L.