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Ostschweizer Musikgeschmack, Teil 2 (nach dem Einkaufen)

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Wir setzten uns also in den Wagen. Ich ans Steuer und Mr Doorman hinter den Notizblock. Dann machten wir das Radio an.

Erst einmal kam eine Ansage: "DREIMAL GUTE MUSIK".

"Muss ich das aufschreiben?", fragte Mr Doorman.
"Nein", sagte ich, "bis wir wieder aussteigen, werden Sie das ungefähr ein Dutzend Mal gehört haben und können es auswendig."

Hier Mr Doormans Notizen:

1. "Living on a Prayer", Bon Jovi.
Gut. Vielleicht irrt sich Frau Zappadong und muss sich keinen neuen Musikgeschmack zulegen.

2. "Nothing compares to you", Sinned O'Connor.
Frau Zappadong weiss auch nicht, wie man Sinned schreibt. Macht nichts. Gutes Lied für eine russische Beerdigung.

3. "If you knew what you want", irgendso ein Schweizer Sängerknabe.
Grässlich. Ich bin froh, dass wir bei der Post anhalten und prügle mich mit Frau Zappadong, wer aussteigen und die Briefe einwerfen darf. Ich gewinne. Frau Zappadong verliert und muss den Song weiter anhören. Sie sieht nicht glücklich aus, als ich wieder einsteige.

4. "Goodbye Philadelphia", von einem, der offensichtlich Zahnschmerzen hat.
Ich will aussteigen. Aber Frau Zappadong tröstet mich. Wir sind gleich da. Sie sieht auch aus, als möchte sie schon jetzt aussteigen.

Wir steigen aus. Ich frage Frau Zappadong, ob ich zu Fuss nach Hause darf. Ich darf nicht.

Einkaufen. Ohne Einfkaufszettel. Der liegt auf dem Küchentisch.

5. "Irgendwas", von irgendeiner Adele.
Schon wieder Zahnschmerzenmusik. Ich schlage vor, das Experiment abzubrechen, aber Frau Zappadong will weiterleiden. Ich gestehe neidlos: Die Frau ist zäh.

6. "Irgendwas", von irgendwem.
So ein Hüpfliedchen. Haben wir in Russland nicht einmal im Kindergarten gesungen. Frau Zappadong geht fast drauf, das sehe ich, aber ich darf das Radio nicht ausmachen.

7. "Nochmals irgendwas", von irgendwem.
Der Schmalz tropft aus dem Radio, aber Frau Zappadong will ums Verrecken weiterhören.

8. "Nochmals irgendwas", von irgendwem.
Amerikanischer Schleichschmalzsound. Zum Glück sind wir gleich da. Wir halten an. Das Radio geht aus. Frau Zappadong stürzt sich aus dem Auto und atmet ein paar Kubikmeter frische Luft ein.

PS: Frau Zappadong hat gesagt, ich muss die Eigenwerbung nicht notieren. Bin froh. Das hätte zwei weitere Blätter gefüllt.

Ich steige aus.

"Das ist also Ihr neuer Musikgeschmack?", frage ich und bin froh, dass ich Russe bin und weiterhin auf "Kalinka" und die zwei hübschen Fräuleins von Tattoo abfahren darf.

"Pizza Margherita", brabbelt Frau Zappadong, grün im Gesicht.

Ich verstehe nicht, was sie meint, aber das macht nichts. Nur, fragen, ob ich schon mal die CDs auswechseln und auf ihren neuen Musikgeschmack umstellen soll, das verkneife ich mir. Ist glaub ich der falsche Moment.

Frau Zappadong bittet mich, sie zu entschuldigen. Sie zieht sich gerade eine Portion Iron Maiden rein.

Und so darf für einmal ich unterschreiben (und nachher wohl auch kochen):

Mr Doorman

3 Kommentare:

Anonymous said...

Sehr geehrter Mr. Doorman,

falls Sie nachher kochen dürfen, gebe ich Ihnen einen kleinen Tipp: Machen Sie keine Pizza, und schon gar keine Margherita.

Und vielleicht könnten Sie noch darauf achten, dass Frau Zappadong heute keine Zeitungen mehr liest, Nachrichten hört, und vor allem nichts zu Gesicht bekommt, was mit der EM und mit Fussball zu tun hat.

Jede und jeder hat einen Punkt, an dem die geistige Gesundheit dauerhaft Schaden nimmt - und Grünfärbung im Gesicht ist ein ernstes Anzeichen für erste Beeinträchtigungen. Aber das wissen Sie sicherlich schon.

Hochachtungsvoll

Rösli von Deralp

Frederik Weitz said...

Ach, und ich dachte, die Pizza Margharita wird nur an Royalisten des italienischen Königshauses ausgegeben. Mein kleiner Marxgoldengel flüstert mir jedenfalls zu, dass bei einer gerechten Verteilung des Bruttoinlandproduktes die Menschen eher die FruttidiMare essen würden. Verstört wedele ich den Marxgoldengel weg und lese das Programm der Neoliberalen. Vielleicht sollte ich meinen Körper verkaufen. Meinen Geist will niemand. Zu viel Shostakovich, raunt mir eine andere Stimme zu. Das ist wie Sonne für Dickmilch.
Hilft eine Iron Maiden-Kur?, frage ich beklommen.
Die Stimme kichert Zu spät! und fügt ein wenig später hinzu: Vielleicht, wenn dir jemand sieben Jahre lang dreimal täglich PowerSlave auf Kuhglocken vorbimmelt.- Frische Luft wäre auch nicht schlecht.

Anzeige: Dünnlicher berliner Körper mit dicklicher pariser Philosophie zu verkaufen. Nur an einen IronMaiden-Kuhglockenbimmler. Braucht täglichen Auslauf. Bei hypermotorischen Anfällen oder Schreibwut, hilft es, Hegel zu sagen. Dann verfällt er in Tiefschlaf. Ansonsten pflegeleicht, backt gute Pizza und sät gerne Radieschen. Isst Brötchen auch vom Vortag.

Zappadong said...

Sie sind gekauft, mein Lieber Frederik. Nennen Sie den Preis. Irgendeinen. Mr Doorman und ich bezahlen. Selbst wenn wir einen 40 Milliardenkredit aufnehmen müssen. Bei der UBS hat's so viel, habe ich gehört.

Packen Sie schon mal und machen Sie sich bereit für eine Fahrt ins Blaue ... ähm, die Ostschweiz. Bringen Sie aber bitte Ihr eigenes Radioprogramm mit (nicht Radio 1, das hat der "Rooscheee" gerade selber eröffnet hier). Und jetzt sage ich "Hegel". Schlafen Sie gut.

Ihre Frau Zappadong (mit besten Grüssen von Mr Doorman)