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Hardcore-offlinen, Teil 2

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Eigentlich ... eigentlich sollte ich einen Psychiater oder einen Psychologen aufsuchen, aber ich hege seit meiner Ausbildungszeit (= Steinzeit, oder so ähnlich) eine abgrundtiefe Abneigung gegen diese Sorte Leute. Man könnte auch sagen, ich trage eine ausgewachsene Psychiater/Psychologen-Phobie mit mir herum.

Und so lege ich mich nicht auf eine Couch, sondern belästige heute Sie mit meinem Problem (Achtung: Sollten Sie Psychiater/ Psychologe sein, lesen Sie bitte nicht weiter).

Es ist so: Auf einer Skala von 1 bis 10 bringe ich es in Sachen Internetabhängigkeit problemlos auf eine 9,9 - wenn ich zuhause bin. Kaum verlasse ich aber für kürzere oder auch längere Zeit das Haus, das Dorf, die Region, das Land ..., vermisse ich die virtuelle Welt nicht eine Sekunde. Zwei Wochen Hardcore-offlinen taten nicht im Geringsten weh, nicht einmal in der kleinen Zeh (ja, das reimt sich - ist aber Zufall).

Jedesmal, wenn ich von den Ferien nach Hause komme, nehme ich mir vor, beim Offlinen zu bleiben, oder mindestens nicht stundenlang in die virtuelle Welt abzutauchen. Bis jetzt bin ich damit kläglich gescheitert. Dieses Mal rechne ich mir kleine Chancen aus. Halten Sie mir also bitte die Daumen.

Meine Frage an Sie: Geht es Ihnen auch so? Oder bin ich vielleicht wirklich ernsthaft gaga, ähm, will sagen, krank?

Vielleicht sollte ich noch anfügen, dass ich zwar ein Handy habe (museumsreif), das ich aber nur auf mir trage, wenn ich längere Zeit weggehe, sozusagen als Ersatz für eine Telefonzelle, von denen es ja nicht mehr viele gibt. Es (das Handy) ist nie eingeschaltet und ich verspüre auch keinen Drang, es einzuschalten. Um eine SMS in zu tippen, die aus einem Satz besteht, benötige ich so lange, wie andere Leute brauchen, sich einen 20 cm langen Bart wachsen zu lassen. ipod, mp3 habe ich mir schon gar nicht erst gekauft.

Nochmals meine Frage an Sie: Denken Sie, ich bin ernsthaft gaga, ähm, bescheuert, ähm, nicht von dieser Welt, ähm, krank?.

Ratlose Grüsse

Frau Zappadong

5 Kommentare:

Esther said...

Soeben ist mein Mann, der ganz vertieft in einer Bergsteigerzeitung liest, zusammengezuckt vor Schrecken, weil ich so laut herausgebrüllt habe. Und wissen Sie weshalb? Vor lauter Freude über diesen Blogeintrag! Ich habe ihn buchstäblich verschlungen, und ich versichere Ihnen, liebe Frau Zappadong: Sie sind normal! So nennt man nämlich das Gegenteil von gaga, bescheuert, bekloppt oder was auch immer. Und sie brauchen keinen Psychiater, keine Psychologin, keine Couch, kein gar nichts. Bleiben sie ja, wie Sie sind!
Mit unterstützenden Grüssen
Esther

unkultur said...

Geschätzte Frau Zappadong,
Zuerst Entwarnung: Ich bin bloss Hobbypsychologin; ein echter Psychologe würde mich nie für voll nehmen, ergo bin ich keine Psychologin.

Nun zu Ihrer Frage, ob Sie gaga sind: Beim Lesen der ersten fünf Abschnitte habe ich immer wieder eifrig genickt, nicht weil ich Sie gaga finde, sondern weil ich mich darin wiedererkenne, und weil ich finde, dieses Verhalten sei keinerlei Grund zur Beunruhigung.

Aber: Dann kam ich zum sechsten Abschnitt. Den mit dem Handy, iPod & Co. Und fing mich an zu fragen, ob Sie vielleicht ein kleines Bisschen schizophren sind?

Hochachtungsvoll,
unkultur

Zappadong said...

Liebe Esther

Ihre Begeisterungsschreie in Ehren, aber ich will nicht bleiben, wie ich bin - ich muss dringend etwas gegen meine Internetsucht unternehmen. Es geht einfach zu viel Zeit dafür verloren.

Liebe Frau unkultur

Ich schliesse mich, ebenfalls als Hobbypsychologin (leider hakt es auch hier an der Logik, da die Phobie vor mir selber Halt macht), Ihrer Diagnose an, wobei ich das "bisschen" gerne herausstreichen würde. Nur, das hilft mir gar nichts. Meine Frage bleibt: WARUM, WARUM ersaufe ich regelmässig in der virtuellen Welt - aber nur zuhause und nirgendwo anders?

Das Problem verschärft sich, da ich ZUHAUSE arbeite (wenn ich nicht surfe). Ich kann mich also nicht einmal auswärts in ein Büro verdrücken.

Ziehe ich dann noch meine nicht gerade überwältigend grosse Selbstdisziplin in Betracht, dann stelle ich für mich keine besonders gute Progonse (um es positiv zu formulieren).

Vielleicht sollte ich wieder einmal Russisch Roulette spielen mit Mr Doorman. Oder Herrn Lightbringer beim Auswechseln der Glühbirnen helfen - bei eingeschaltetem Licht.

Ihre immer noch ratlose

Frau Zappadong

Titus said...

Liebe Frau Zappadong

Man soll sich ja gelegentlich einen Spiegel vor Augen halten. Das habe ich nun auch gemacht: Er (der Spiegel) steht jetzt neben meinem Bildschirm. Und ich, nicht einmal Hobbypsychologe, habe ihn gefragt: "Spieglein Spieglein (fast) an der Wand, sind wir denn alle gaga in diesem Land?"

Wissen Sie, was er geantwortet hat? Nicht? Nun - ich liefere Ihnen die Antwort nach, sobald er geantwortet hat...

Schauen Sie doch das Glas als halbvoll an: Nicht wir sind gaga, sondern die anderen! (ob das hilft?)

Eine Frage beschäftigt mich bezüglich letztem Absatz aber ebenfalls: Lebt denn das museumsreife Ding noch? Gibt es gelegentlich noch ein Piep von sich? Oder be-last-en Sie damit nur unnötigerweise Ihr Leben?

Freundliche Grüsse
Titus

Zappadong said...

Lieber Titus

Ja, das museumsreife Ding lebt - aber es ist jedesmal ein Riesenmurks, es anzuschalten.

Es piepst nicht, da mir kein Mensch eine SMS schickt - das wäre ein hoffnungsloses Unterfangen, da ich das gute Stück alle paar Wochen einmal einschalte.

Es belastet mein Leben in keinster Weise (okay, kürzlich, in der Grossstadt, als ich es einschalten musste, da fühlte ich mich schon ein wenig uncool), im Gegenteil. Es ist die ideale Telefonzelle für unterwegs (haben Sie schon einmal versucht, eine richtige Telefonzelle in Ihrer Jackentasche zu verstauen?).

Als ich noch keines (Handy) hatte, bin ich doch tatsächlich einmal in Zürich vom Globus zum Bahnhof gesprintet (als Ortsunkundige war dies der einzige Ort, in dem ich mir noch Telefonzellen vorstellen konnte), weil ich irgendwelche Masse brauchte, um irgendwas zu kaufen oder nicht zu kaufen, und danach den ganzen Weg zurück, nur um das Dingens dann doch nicht zu kaufen. Insofern erleichtert mir mein Museumsstück das Leben ungemein. Ich bringe es allerdings bis zum heutigen Tag nicht ohne tiefe Schamesröte im Gesicht fertig, leise ins Gerätchen zu nuscheln, dass ich zum Nachtessen leider nicht zu Hause sein kann.

Frau Zappadong