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Pfeifen im Walde

Frau Z. macht offensichtlich ernst. Hardcore-Offlinen... Oh Mann.

Wie soll denn ein heutzutage normal lebender Mensch ohne Vernetzung auskommen? Womöglich dann auch noch ohne Handy? Ich kenne Leute, denen allein bei dem Gedanken daran der kalte Schweiß ausbricht.

Ok, stellen wir uns mal ein Leben ohne Internet und Handy vor.

Am Morgen: bereits das Aufwachen wird durch den schrillen Klang des Weckers zu einer Quälerei. Mein MP3-Player ist ja mangels Nachschub aus dem Netz nicht mehr brauchbar. Mein WLan-Rasierer, der mir bisher im Bad während der Rasur den aktuellen Wetterbericht und die neuesten Nachrichten ins Ohr gesäuselt hat, bleibt hartnäckig stumm. Am Frühstückstisch fehlt die Milch, die ich beim Online-Versand nicht bestellen konnte. Offline:Online 0:3 würde ich sagen.

Vormittag: Bei der Fahrt zur Arbeit wurde ich von ein paar Staus überrascht, die mir das Navigerät nicht angezeigt hat (weil es ausgeschaltet war). Ich bin zu kalt angezogen, da ich den Wetterbericht nicht online abfragen konnte und die Zeitung für heute schönes Wetter voraussagte. Von diesem Nieselregen war da nie die Rede.

In der Arbeit angekommen, sitze ich erst mal völlig sinnfrei da, weil ich keine elektronische Post bekommen habe. Bisher war mein Vormittag angefüllt mit haufenweise Arbeit: brauche ich schon Viagra? Nein, weg mit der Mail. Was zum Teufel verbirgt sich hinter "Re: Re: Re: Re: Re: Frage"? Weg damit. Den Benzinpreis-Selbsthilfegruppe-Newsletter werde ich abbestellen. Aha, im Hausmeister-Forum ist eine neue Antwort auf meinen Beitrag gekommen, gleich mal nachschauen.

Jetzt sitze ich da, mein Computer ist stumm. Die Stille hat aber auch was. Ich gieße die Büropflanzen. Ich arbeite ein paar offene Sachen durch. Ich räume meinen Schreibtisch auf. Schließlich wird es mir zu langweilig und ich gehe eine Runde durch das Gebäude. Dabei fallen mir ein paar Sachen auf, die ich schon lange reparieren wollte, die ich aber bisher immer verdrängt hatte. Offline:Online 2:3

Mittag: Ich gehe auf gut Glück in ein Restaurant und bekomme dort keinen Platz. Der Concierge murmelt was von Online-Reservierung und verweist auf die Webseite des Lokals. Auf meine Bemerkung "bin Offline" reagierte der Mann erst mit Verwirrung, dann mit zunehmender Erheiterung. Ich verlasse fluchtartig das Lokal und kaufe mir einen Döner in so einem immobilisierten Wohnwagen. Offline:Online 0:1

Nachmittag: Im Keller ist eine Wasserpumpe defekt. Die Nummer des Installateurs muss ich mühsam über die Telefonauskunft erfragen. Der Installateur sagt, ich soll die Pumpen-Seriennummer ablesen und diese ihm zumailen. Ich habe kein Mailsystem, ob ich das auch faxen könnte. Der Installateur meint, wo ich den leben würde und er habe sein Faxgerät kürzlich verkauft, weil das keiner mehr benutzt. Ich schreibe also eine Bestellung, drucke die aus und versende sie mit der Schneckenpost. Das mit der Pumpe kann dauern. Offline:Online 0:1

Abend: Der Fernseher bleibt aus, weil ich meine TV-Zeitschrift zugunsten eines Online-Abos abbestellt hatte. Durch die fehlenden Newsletter, RSS-Feeds, Forenbeiträge fühle ich mich etwas unterinformiert. Was ist heute weltweit passiert? Habe ich was verpasst? Mein Horizont, der vorher quasi weltumspannend war, hat sich verengt auf meine nächste Umgebung. Erdbeben in Indien? Nichts von gemerkt. Neuester Mißbrauchsfall in Österreich? Hmmm. Bürgerkrieg in Somalia? Tja.

Da das Wetter sich gebessert hat, setze ich mich auf die Terrasse. Ich werfe ein paar Birkenscheite in meine Feuerschale, trinke mit meiner Frau ein Glas Rotwein, sehe in den Sonnenuntergang und beginne, das Buch zu lesen, das schon seit Wochen herumliegt.

Als ich den Tag Revue passieren lasse, stelle ich fest, dass ich bei weitem weniger gestresst bin als früher. Ich war nur erreichbar, wenn ich an meinem Arbeitsplatz war. Meine Zeit hat sich auf magische Weise vervielfacht. Ich habe mein Arbeitspensum locker geschafft. Ich bin nicht abgelenkt worden, so dass sich auch meine Arbeitsqualität erhöht hat. Damit bin ich zufriedener zu Hause angekommen. Vielleicht liegt Frau Z. doch nicht ganz daneben.

Gruß Alex L.

3 Kommentare:

Stray said...

Frau Zappadong meldet sich zurück. Nach 2 Wochen ohne Internet, Telefon oder Handy (okay, in Woche 2 gabs ein TV Gerät mit englischem Satellitenprogramm - der Rocksender lief ab und zu).

Es war HIMMLISCH!

Ach ja, ich war übrigens in Frankreich, wo die Landschaft schön, die Leute nett und das Essen gut waren :-)

Frau Zappadong

Alex Lightbringer said...

Und Sie haben auch gleich ihren Namen geändert?

Welcome back in Civilization.

Gruß Alex L.

Zappadong said...

Huch! Meine Uraltvergangenheit hat mich eingeholt ...

Danke für das Willkommen. Ehrlich gesagt, versuche ich gerade, einen grossen Teil dieses beflügelnden Hardcore-Offlinens in den Alltag zu retten.

Mehr über den Selbstversuch nach einer weiteren Aufräumaktion im Zappadong-Gebäude.