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Sandleben

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Beim Trübsalblasen fiel mir etwas ein. Von wegen Sand und so. Vor einigen Jahren habe ich eine Kurzgeschichte geschrieben - nach einer Diskussion über die Regeln der Kurzgeschichte (ja, es gibt durchaus sinnvolle Regeln beim Schreiben von Kurzgeschichten). Weil mich die Diskussion etwas genervt hatte, knallte ich einen Text hin, in dem ich versuchte, so viele Regeln wie möglich zu brechen. Das hat unglaublich viel Spass gemacht :-). Hier also eine absolut regelwidrige Geschichte, in der u.a. Sand eine Rolle spielt. Wenn Sie Freude haben an Regelwidrigkeiten, können Sie gerne die Regelbrüche suchen - wenn Ihnen Kurzgeschichten ein Gräuel sind, ist jetzt der Zeitpunkt, auszusteigen. PS: Suchen Sie nicht nach Qualität - darum ging es nicht beim Schreiben.

"Entschuldigung, wo geht’s denn hier zum Meer?“
Brain konnte nicht glauben, was er soeben gehört hatte. „Zum Meer?“ fragte er.
„Ja, zum Meer“, sagte die Unbekannte, „der Strand ist ja ganz nett, aber wo ist das Meer?“
Brain wurde nicht gerne verarscht. „Spendier mir einen Drink und ich verrat’s dir“, antwortete er.
„Kein Problem“, meinte sie, „lass uns an die Strandbar gehen, der Sonne beim Untergehen zuschauen und einen heben.“
Einen heben, das würde Brain in der Tat müssen. Aber nicht mit dieser Braut.„Schätzchen, das Meer ist dort drüben.“ Er zeigte in Richtung Westen.
„Wo? Ich kann’s nicht sehen! Diese blöden Dünen versperren mir die Sicht.“ Brain zog die linke Augenbraue hoch.
Florence schaute den komischen Kauz an.„Mann, du Waschlappen, nun zier dich nicht so“, dachte sie. Sie wollte endlich ihre Zehen in kühles, blaues Wasser halten und ihre Seele baumeln lassen.Dazu war sie hier. Im Hochglanzprospekt hatte der Strand phantastisch ausgesehen.
„Von wo bist du ausgebrochen?“, fragte der Rüpel.
Florence widerstand der Versuchung, ihm in seine Weichteile zu treten, setzte mit ihrem letzten Vorrat an Geduld ein Lächeln auf, drehte sich um und lief in die Richtung, in welche der Depp vorher leicht genervt seinen Arm gehalten hatte.

Die Düne blieb stumm, als Florence auf ihr herumtrampelte. Geduldig ertrug sie die spitzen Absätze und zog sich in ihre eigene Gedankenwelt zurück. „ich bin eine düne und mich gibt es schon seit vielen 1000 jahren. ich habe ein recht auf ein seelenleben. ich muss mir nicht alles gefallen lassen. aber ich darf und will. weil mich das stark macht und mir die ewige weisheit gewiss ist.“ Dummerweise bohrte Florence genau in diesem Augenblick ihren linken Absatz ein wenig zu weit in die Seele der Düne. „SCHEISS AUF DIE WEISHEIT!“ schrie die Düne stumm, schüttelte sich einmal kurz und fühlte, wie das kleine Menschlein mit den unmenschlichen Absätzen von ihr hinunterkugelte. „recht so“, dachte sich die Düne, nun wieder ein wenig sanftmütiger, konnte es aber trotzdem nicht lassen, eine Ladung Sand über Florence zu schütten.

Brain zündete sich eine Zigarette an und grinste. So unelegant hatte er noch niemanden eine Düne hinunterkugeln sehen. Als Florence schliesslich ihren Weg aus dem Sandhaufen hinaus gefunden hatte, entlud sie ihren Ärger in einem Feuerwerk an Flüchen. Brains Herz schmolz auf der Stelle. Wer so fluchen konnte, verdiente seinen Respekt. Galant schritt er auf sie zu und bot ihr seinen Arm an. „Kannst dich dran hochziehen“, sagte er mit seiner Clint-Eastwood-Stimme. Was so locker klang, hatte eine beträchtliche Anzahl Übungsstunden gebraucht.
„Spar dir deine doofen Sprüche, Clint“, rief Florence und spuckte ein paar Sandkörner in Brains Gesicht.
Ein echter Eastwood hat schon Schlimmeres erlebt, und so machte Brain der Braut ein Angebot: „Ich lad dich auf einen Drink ein.“
„Pfeif drauf! Das hab ich schon getan. Du wolltest nicht. Pech gehabt. Chance verpasst. Hasta la vista, Baby!”
Brains geschmolzenes Herz erwärmte sich um weitere 25 Grad Celsius. Die Braut kannte Schwarzenegger! Sie waren geschaffen füreinander. „Okay, Süsse, weil du es bist, verrat ich dir ein Geheimnis.“
„Tu mir einen Gefallen und behalte es für dich. Ich gehe jetzt baden. Du weisst schon: Meer, Dolce Vita und so.“
Brain erlebte zum ersten Mal in seinem Leben ein Deja Vu. „Süsse, das sagtest du schon. Ein Witz ist nur einmal lustig.“
„Süsser, ich beliebe nicht zu scherzen.“ Florence stapfte durch den Sand.
Was sagt man zu seiner eben gefundenen grossen Liebe, wenn sie auf bestem Weg ist, einen grossen Fehler zu machen? In solchen Angelegenheiten war Brain nicht sehr erfahren, und so schrie er ihr die ungeschminkte Wahrheit hinterher: „Süsse, hier gibt’s kein Meer!“
Das war der falsche Satz. Florence erstarrte. Brain wünschte sich, er könnte den Film des Lebens anhalten und es nochmals versuchen, diesmal mit einer in Watte verpackten und damit abgefederten Wahrheit. Zu spät! Florence wirbelte herum. „Idiot!“ brüllte sie.
Brain liess sich auf die Knie sinken. Er hatte einmal von einem Kumpel gehört, dass sich diese Masche in absoluten Notfällen bewährte. Mann verlor zwar seinen Stolz, behielt aber die Frau. Kein schlechter Deal, dachte sich Brain. Und dies hier war ein Notfall.„Baby, Süsse, sorry, hier gibt’s kein Meer, tut mir echt Leid.“
„Ach ja, und woher willst du das wissen?“ Florence brüllte immer noch.
„Weil dies hier Timbuktu ist. Und in Timbuktu gibt es kein Meer, sondern nur viel Sand.“
Die Antwort verschlug Florence die Sprache. Aber nicht lange.„Hab mir noch gedacht, die Sache hat einen Haken“, murmelte sie. Und etwas lauter rief sie in Richtung Brain: „Was soll’s. Lass uns eine Runde Beach-Volleyball spielen.“

Die Düne summte ein gelassenes ommmm, und langsam senkte sich die Sonne. An einem andern Ende der Welt ging dieselbe Sonne auf. Ihre ersten Strahlen fielen auf das Gesicht eines bekannten Rächers. Er erwachte, streckte sich kurz und sprang dann mit einem entschlossenen Satz aus seinem Bett. Noch bevor er sich das Nachthemd auszog, setzte er seine Maske auf und schnallte sich sein Schwert um. Zorro war bereit für einen neuen Tag. Aber das ist eine andere Geschichte.

5 Kommentare:

Titus said...

Nette Geschichte :-)

Heute haben es alle irgendwie mit dem Sand, siehe Link hinter meinem Namen.

(Wenn es jetzt regnen würde - und um einen Bezug zu dieser Geschichte zu erstellen, könnte man das nun ummünzen auf: Ein Tropfen macht noch kein Meer, ist aber ein guter Anfang).

Zappadong said...

Wunderschöner Blog, Titus.

In letzter Zeit passieren total irre Dinge - ich bin soweit, dass ich an eine vierte Dimension glaube (nicht an Gott), aber an eine vierte Dimension.

Die Sandgeschichte ist eine davon. In meinem Parallelblog (dem Autorinnenblog) ging es gestern um Rasenmäher - heute Morgen kam eine private Mail an mich, die mir schon fast unheimlich war. Es hatte einfach ein Rasenmäher sein müssen!

Die vierte Dimension lebt! (Was das für die schwarzen Löcher im Cern Zentrum bedeutet, wage ich mir gar nicht auszurechnen; die Leutchen dort gehen nämlich von drei Dimensionen aus).

Nachdenkliche Grüsse

Frau Zappadong

Titus said...

Damit nicht ein falscher Eindruck entsteht: Der oben verlinkte Blog ist nicht meiner (will mich da nicht mit fremden und dazu noch sehr schönen Federn schmücken).

Das mit dem Mail und dem Rasenmäher habe ich nicht verstanden (fehlt mir da eine Dimension in meinem Denken?): Hat Ihnen das Sandmännchen einen Rasenmäher verkaufen wollen? ;-)

Zappadong said...

Lieber Titus

Ist trotzdem ein wunderschöner Blog, den ich zu meinen Favoriten genommen habe.

Das mit dem Rasenmäher ist einfach: Ich buchstabenfressender und buchstabenspeiender Gierschlund blogge auch unter dem Namen meines Alter Egos (den Link finden Sie irgendwo in den Tiefen der Blogroll auf der rechten Seite) ... und da ging es vorgestern um einen Rasenmäher. Die Rasenmäherstory wird heute im anderen Blog nochmals aufgenommen, womit dann hoffentlich alles klar ist :-)

Esther said...

Alice, Alice,
deine Sandgeschichte hat mich wahrscheinlich gestern so beeindruckt, dass ich in der Buchhandlung eine Agenda fürs 2009 gepostet habe. Auf dem Titelbild ist der Ausschnitt eines Meerstrands mit schaumgekrönten Wellen und einem Fussabdruck im Sand zu sehen. 'WeisheitsSpuren' steht auf meiner Neuerwerbung. Ich hoffe nun, dass etwas davon auch mir zufällt im nicht mehr allzu fernen Jahr 2009...