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Jetzt aber zu den Apfelbäumen - Bloggen für die Bilateralen

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Ich hoffe ja stark, dass Sie nach jedem Besuch in Zappadong-Hausen auf den Apfelbaum in der Blogroll geklickt haben! Denn: Eine Sache, die mir zur Zeit sehr am Herzen liegt, ist ...

"Schokolade", fährt Mr Doorman für mich fort.

"Auch", antworte ich. "Aber es gibt noch etwas Wichtigeres."
Mr Doorman zieht erstaunt seine Augenbraue hoch. "Na, da bin ich aber gespannt."
"Setzen Sie sich", sage ich zu meinem Lieblingstürsteher. "Und hören Sie einfach zu. Nicht mir, sondern meinem Alter Ego."
"Oha, jetzt wird's ernst", meint Mr Doorman.

Wird es. Ich schlüpfe für den folgenden Text einen Moment in mein reales Leben. Es folgt der Beitrag, den ich für "Bloggen für die Bilateralen" verfasst habe:

Personenfreizügigkeit aus der Sicht einer Arbeitgeberin – ein persönlicher Einblick in ein mittelgrosses Dienstleistungsunternehmen im Bildungsbereich

Was vor der Inkraftsetzung der Personenfreizügigkeit für unsere Englisch-Sprachschule praktisch unmöglich war, geht heute schnell und relativ unbürokratisch über die Bühne: Das Anstellen von Lehrkräften aus dem EU-Raum. Ich möchte im folgenden Beitrag erklären, warum wir überhaupt Arbeitskräfte aus dem EU-Raum beschäftigen und dabei gleichzeitig ein paar Argumente der Gegner widerlegen.

Warum Lehrkräfte aus dem EU-Raum? Wir haben doch selber genug!
Vorneweg: Wir stellen am liebsten Leute aus der Region ein und schliessen deshalb wann immer möglich Arbeitsverträge mit Menschen aus der Gegend ab. Nur, manchmal ist das eben nicht möglich. Der Grund: Als eduqua-zertifizierte Schule sind unsere Anforderungen an Lehrkräfte sehr hoch; kommt dazu, dass viele international tätige Firmen, in denen wir unterrichten, Lehrkräfte mit englischer Muttersprache bevorzugen oder gar ausdrücklich verlangen. Bei der Suche nach Angestellten, welche diese Anforderungen erfüllen, wird die Luft in der Schweiz sehr dünn – in unserer Randregion manchmal zu dünn. Das ist der Moment, in dem wir unsere Suche auf den EU-Raum ausdehnen.

Personenfreizügigkeit braucht es nicht – es gibt ja die Kontingente!
Blicken wir ein paar Jahre zurück: Theoretisch hätten wir schon früher Leute aus England, Irland oder einem anderen englischsprachigen Land anstellen können: Dafür gab es Kontingente. Leider waren diese meistens in Windeseile an die internationalen Grossfirmen vergeben, und versuchten wir es doch einmal, dauerte das Prozedere wochenlang und war ohne Garantie auf Erfolg. Neue Kurse zu planen war praktisch unmöglich, weil wir nicht wussten, ob wir die Lehrkräfte dazu haben würden. Noch viel schwieriger wurde das Einhalten von bestehenden Aufträgen im Bereich des firmeninternen Englischunterrichtes, deren Volumen manchmal sprunghaft ansteigen konnte. Nicht selten gelangten wir deshalb an und über die Grenzen unserer Belastbarkeit, weil wir viel zu wenig Personal hatten. Mit der Personenfreizügigkeit hat sich unsere Situation zum Wohle aller Angestellten und Kursteilnehmer wesentlich entspannt.

Ausländer einstellen, um den Lohn zu drücken?
Ein beliebtes Argument der Gegner. Ich möchte dem entgegenhalten: Wir bezahlen – wie unzählige andere Betriebe, die Leute aus dem EU-Raum beschäftigen - die Lehrkräfte nach Qualifikationen. Gleich qualifizierte Lehrkräfte erhalten gleich viel Gehalt. Frauen und Männer, Schweizer und EU-Bürger.

Und wie ist das mit den Sozialleistungen?
Von Ausnutzen oder gar Aussaugen unseres Staates kann keine Rede sein: Alle Angestellten haben dieselben Lohnabzüge; es bezahlen unabhängig von ihrer Herkunft alle in den Topf ein, aus dem das Geld für Sozialleistungen kommt. Uns ist eine langfristige Arbeitsbeziehung sehr wichtig; die meisten unserer Lehrkräfte arbeiten über Jahre bei uns, sind also – um es etwas zynisch zu sagen - ein finanzieller Gewinn für die Schweiz.

Von „Wegnehmen“ kann keine Rede sein.
Unsere Angestellten aus dem EU-Raum nehmen niemandem den Job weg; sie sind hier, weil wir niemand anderen gefunden haben, der ihre Arbeit machen könnte. Sie sind nicht aus Profitgier gekommen oder um sich auf Kosten anderer zu bereichern. Sie nehmen an unserem Leben teil und gehen gerne einer Arbeit nach, in der sie ihre Fähigkeiten (nicht zuletzt zum Wohle unserer Kunden) ausleben und einsetzen können. Zusammenarbeit und Herzlichkeit prägen unseren Arbeitsalltag. Manchmal lernen wir staunend Neues dazu – von einander, übereinander. Das alles möchte ich nicht missen. Und darum stimme ich am 8. Februar JA.

Mehr zu den Apfelbäumen und "Bloggen für die Bilateralen" gibt es hier:



Ihre Frau Zappadong

7 Kommentare:

Hanspeter Gautschin said...

Darf ich mal frech fragen, wo nun der Unterschied ist zwischen den um ihren Arbeitsplatz fürchtenden (billige Rumänen/Bulgaren nehmen meinen Job weg) "Büezer" und Dir, als um ihr Geschäft bangende Unternehmerin? Abgesehen natürlich vom Ja/Nein?

Zappadong said...

Du hättest auch anständig fragen dürfen ;-)

Darf ich ausholen? Ich weiss, was es für EU-Bürger bedeutet, in der Schweiz einen Job anzunehmen. Erst hören sie das Gehalt und sind beeindruckt. Dann zeigt man ihnen auf, was die Wohnung kostet, die Lebensmittel, der öffentliche Verkehr usw. und schon sieht alles schon ganz anders aus. Man muss einem Angestellten schon einen rechten Zahltag zahlen, damit er das Leben hier überhaupt "vermag". Das ist schon einmal ein Argument gegen den "billig arbeitenden" Rumänen.

Dann kann ich dem Büezer auch sagen, dass jeder Unternehmer, mit dem ich bis jetzt gesprochen habe, den qualifizierten Schweizer Arbeiter vorzieht. Auf jeden Fall. Nur, was macht er, wenn er keinen bekommt? Dummerweise haben viele von uns Arbeitgebern nicht den Nerv, Aufträge abzulehnen, wenn wir die Arbeitskapazität nicht haben - aus Angst, wir könnten einen Kunden für immer verlieren. Und irgendwer muss den Job dann ja tun. In meinem Fall waren das jahrelang meine Geschäftspartnerin und ich. Bis ich nicht mehr konnte. Ich erinnere mich viel zu gut an den Tag, an dem ich am Telefon mit dem zuständigen Amt in St. Gallen zusammengebrochen bin und praktisch auf den Knien um ein Kontingent gebeten habe.

In Bezug auf jene schwarzen Schafe unter den Arbeitgebern, die tatsächlich die Lohnkosten drücken wollen, muss erwähnt werden, dass es Massnahmen gegen Lohndumping gibt.

Auf den zweiten Teil deiner Frage möchte ich eine sehr persönliche Antwort geben. Es geht bei der Unternehmerin nicht nur um mich. Wenn ich - wie damals vor der Personenfreizügigkeit - nochmals diese Grenze des Belastbaren erreiche, werde ich diesmal die Notbremse ziehen. Versteh den nächsten Satz nicht falsch, denn er ist nicht als Drohung gemeint, sondern als simple Erkenntnis aus ziemlich vielen Jahren als Arbeitgeberin: Ich werde aufhören. Den Laden dichtmachen. Fakt ist: Ich muss nicht Arbeitgeberin sein (ist ziemlich anstrengend). Ich trete noch so gerne ins Glied der Arbeitnehmerin oder Einzelfirma ohne Angestellte zurück. Was mir dabei Sorgen macht: Rund 25 Leute verlieren dann ihren Job. Leute, die ich mag und denen ich mich verpflichtet fühle. Leute, denen ich gerne eine Arbeitsstelle bieten würde. Von diesen 25 sind rund 20 Schweizer oder in der Schweiz niedergelassene Ausländer, die seit Jahren hier sind.

Um die Sache abzurunden und auf den Punkt zu bringen: Ich versuche die Arbeitsstellen meiner "Büezer" zu erhalten, und dafür bin ich auf die Personenfreizügigkeit angewiesen.

Liebe Grüsse

Frau Zappadong

Hanspeter Gautschin said...

Ja, natürlich. Meine Frage musst Du auch nicht als SVP oder NICHT-SPVP verstehen. Sondern nur aus existentieller menschlicher Sicht. Ich weiss, wie "Büzer" denken und fühlen. Ich war merhmals auch einer. Und ich weiss auch, wie Unternehmer denken und fühlen. Ich war auch (mehrmals) einer. Und ich weiss auch, was das Hamsterrad ist. Und ich weiss auch, wie unser System läuft. Deshalb.

Zappadong said...

Ich verstehe deine Frage nicht als SVP oder nicht SVP Frage. Dazu kenne ich zu viele Büezer. (Ich komme aus einer Büezer-Familie).

Es ist tatsächlich sehr oft ein Hamsterrad und um ganz ehrlich zu sein finde ich das derzeitige System zum Brüllen. Für alle: Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Es müssen ganz viele Dinge geändert werden, und ich möchte auch ganz viele Dinge ändern. Meiner Meinung nach ist aber die Ablehnung der erweiterten Freizügigkeit der falsche Weg. Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Abschotten zu diesem Zeitpunkt sehr viel mehr kaputt macht als ein wirkliches Angehen der Probleme. Mehr noch, ich habe Angst, dass es bei einem Nein am 8. Februar massiv schwieriger wird, diese Probleme zu lösen.

Goggi said...

Was mir ja viel mehr sorgen macht, ist dass die Argumentationslage ganz allgemein recht düster ist. Über Krähen und Äpfel, mit denen uns die Bilateralen bildlich erklärt werden, habe ich mich bereits befassen müssen. Nun scheint sich der Dialog - sobald er nicht dem Ansinnen der Befürworter entspricht - eher unerwünscht.

Ich erlaube mir die beiden Artikel hier zu hinterlassen. Ich werde zusammnfassend den Eindruck nicht los, man stimme nicht über die Personenfreizügigkeit ab, sondern gebe seine Stimme dem, der das Vernebeln der Sinne besser im Griff hat...

http://goggiblog.blogspot.com/2009/01/stereophone-augenwischerei.html
http://goggiblog.blogspot.com/2009/01/personenfreizugigkeit-mail-des-tages.html

Zappadong said...

Lieber Goggi

Wie kommst du darauf, dass der Dialog unerwünscht ist? Das ist mir jetzt grad ein bisschen ein Rätsel.

Danke für die Links - aber du darfst sehr gerne (hier, sowohl als beim Bila-Blog) deine Meinung direkt äussern.

Liebe Grüsse

Frau Zappadong

Torte said...

Wie ich finde, eine ganz witzige Meinung zur Thematik:
www.rabenpick.ch