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Kinder bekommen Aufmerksamkeit - fragt sich nur welche

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Kürzlich fragte jemand (ich glaube, es war titus, bin aber nicht sicher) in einem Blog (ich glaube, es war der vom bugsierer, da bin ich mir ziemlich sicher), ob Kinder heutzutage zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Es ging in jener Diskussion um Amokläufe von Jugendlichen und deren Ursachen.

Doch. Kinder und Jugendliche heutzutage bekommen viel Aufmerksamkeit. Nur leider die falsche. Zum Beispiel diese hier:

Gymizwang versetzt Eltern in Ausnahmezustand.

Vielleicht sollten wir nicht so krampfhaft versuchen, unsere Jugend(lichen) zu verteufeln und / oder zu verändern, sondern uns einmal fragen, wie krank wir (die Elterngeneration) im Kopf sind.

Ihre Frau Zappadong (der das Gymi am Hintern vorbeigeht)

15 Kommentare:

Titus said...

Frau Zappadong, ja und ja.

Wortwörtlich:
"Ich frage mich allerdings, was diesbezüglich heute anders ist als noch vor 20 oder 30 Jahren? Schenken die Eltern den Kindern weniger Aufmerksamkeit, ermutigen sie zu wenig, was schlussendlich zu einem Mangel an Selbstwertgefühl führt und zu einem starken Drang, sich durch eine völlig unerwartete Aktion ("denen zeige ich's jetzt mal so richtig!") ins Rampenlicht zu stellen? Sind es die unzähligen Kommunikationsmöglichkeiten, die einen Einzelnen noch mehr "untergehen" oder noch unbedeutender erscheinen lässt? Ist es die allgegenwärtige Oberflächlichkeit unserer Gesellschaft (damit wären ich bei Frau Zappadongs Wertesystem)? Andere Ideen oder Gedanken?"

Beim Tagi-Artikel sind allerdings nicht die Jugendlichen angesprochen, sondern die Eltern. Ich denke, dabei kommt das "Barbie-Syndrom" (wie ich das nenne) zum tragen: Weil die Eltern kaum Spielzeug hatten (und schon gar keine Barbie-Puppe), überhäufen sie ihre Kinder damit. Sie sollen es schliesslich "besser" haben...

Aufs Gymi bezogen heisst das, dass die Kinder allesamt die Matura machen können sollen, weil sie, die Eltern, es selber nicht geschafft haben.

Die Eltern projezieren somit (in beiden Fällen) etwas in ihre Kinder, das diese vielleicht gar nicht wünschen. Ich sage dazu nur: Lieber ein motivierter Maurer als ein lausiger Banker... Die Jugendlichen sich selber entwickeln lassen statt sie unter Druck zu setzen würde wohl so manche jugendliche Rebellion, wie extrem sie auch ausfallen mag, vermeiden.

Bruder Bernhard said...

was versetzt die Eltern nur in eine solche Heidenangst? Denn diese ist es, die sie in diese Endlosspirale der erzieherischen Aufrüstung treibt. Ich sehe das deutlich in meiner Umgebung, wie auch normalerweise ganz vernünftige Menschen, aus Angst, ihr Kind könne den Anschluss verpassen oder bei einer Weichenstellung aus der Kurve fliegen, die wildesten Gehirnvernetzungskapriolen für ihren Nachwuchs suchen und buchen.

Während unsereiner in der Hochkonjunktur noch mit den schlechtesten Zeugnissen eine Lehrstelle finden konnte, hat sich das einschneidend verändert. Schlechtes Zeugnis = keine Lehrstelle, so lautet heute die Gleichung. Keine Lehrstelle = lebenslanges Prekariat, so geht sie weiter.

Schuldige zu suchen, scheint mir hier sinnlos. Auf die Eltern zu zeigen, eine Anmassung. Es haben alle an der selben Schraube gedreht, denn die Gründe sind schlussendlich wirtschaftliche.

Bruder Bernhard said...

PS: schön, dass sich jemand noch die Zeit nimmt, für uns das Miesnetz auf interessante Beiträge zu durchforsten.

Hanspeter Gautschin said...

Schön, dass es Frau Zappadong gibt, die mit träfer und manchmal spitzer Feder den Punkt, den viele nicht mehr sehen, trifft.

Titus said...

Bruder Bernhard: Ist es denn nicht die Generation der Eltern (und älter), welche auch ständig an dieser Schraube drehen? Die Jugendlichen von heute können ja eigentlich (noch) nichts dafür.

Sind es denn nicht wir "Alten", die ständid alles günstiger haben wollen, womit immer "effizienter" produziert werden soll resp. muss und wer nicht effizient ist, der hat keine Chance?

Und vor alle: Wir durchbrechen wir diese Spirale, bevor es an deren Ende zu einer unkontrollierten Reaktion kommt?

Zappadong said...

Kinder sind kein "Projekt". Sie gehören auch nicht uns Eltern. Es sind eigenständige Wesen mit Hoffnungen, Träumen, Wünschen, Talenten, Stärken und Schwächen.

Man kann Kinder brechen, wenn man sie zu sehr biegen will. DAS sollte uns Eltern bewusst sein.

Es ist unsere Pflicht, dort die Grenze zu setzen, wo wir unsere Kinder kaputtmachen. Es ist unsere Pflicht, andere Werte zu vermitteln als immer nur "das Leben ist hart, nur der Starke überlebt, musst einen guten Job lernen, damit du ordentlich Kohle machst."

Es ist unsere Pflicht, die Spirale zu durchbrechen versuchen. Statt ängstlich wie die Karnickel vor der Schlange zu erstarren angesichts dieses höllischen Diktats von "immer mehr, immer schneller, immer besser, immer höher".

Denn genau das macht uns kaputt. Es schafft zwei Klassen. Es vergrössert die Kluft zwischen "oben und unten."

Ich bin froh, lebe ich auf dem Land, wo eine Lehre noch etwas wert ist, wo es kein Gymi gibt (nur später die Kantonsschule, aber da wollen längst nicht alle hin). Ich bin froh, haben wir eine sehr, sehr gute Berufsbildung in der Schweiz (Sohnemann macht eine Lehre an einem guten Ausbildungsplatz und mit zwei Tagen Berufsschule pro Woche). Ich bin froh, scheinen die Leute auf dem Land etwas pragmatischer zu sein - und dennoch ist auch hier der Druck spürbar, ist es auch bei uns nicht einfach.

Eine gute Schulbildung ist wichtig. Aber auch eine gute Ausbildung an einer Realschule (tiefstes Oberstufenlevel) kann zu einem guten, erfüllten Berufsleben führen. Kann, muss nicht. Genau wie eine Gymiausbildung mit Uniabschluss zu einem guten, erfüllten Berufsleben führen kann - aber nicht unbedingt muss.

flashfrog said...

Ich kenne das Schweizer System nicht, aber ich frage mich, in wie weit dieses Auswahlverfahren tatsächlich aussagefähig ist für das Potential der Kinder. Also ob Menschen, die vor allem gelernt haben, im System zu finktionieren und bestimmtes Wissen aus bestimmten Büchern auswendig zu lernen, später mal die besseren Ingenieure, Ärzte, Unternehmer, Lehrer, Politiker und Juristen werden.
Oder wären da nicht noch ganz andere Fähigkeiten gefragt? Kreativität, Sozialkompetenz, Selberdenken, die Fähigkeit (und der Wille) über den Tellerrand hinauszuschauen und Dinge in Frage zu stellen etwa? Wo werden solche Talente abgeprüft?

Zappadong said...

Oh, ja, Frau Flashfrog! Ich bin da völlig gleicher Meinung. Aber so was (Kreativität und Sozialkompetenz) hat im Moment nicht gerade Hochkonjunktur. Das Leben ist Leistung, Leistung, Leistung, Leistung ... bis zum Abwinken. Und darum lassen sich Eltern einschüchtern, reiten auf dieser Welle mit, trichtern den Kindern ein, dass nur der/die was wird, der / die die richtige Schule besucht und studiert. Das gibt Kohle. Das gibt Sozialstatus. Wen kümmert da das Seelenleben eines Kindes?

Das Schweizer TV hat das Thema übrigens aufgenommen. Da geht ein Vater, der seinem Sohn vor der Gymiprüfung Nachhilfeunterricht erteilt hat, mit Sohnemann am Morgen vor der Prüfung joggen und verabreicht ihm dann Kaffee. Muss man da noch was dazu sagen?

Okay, das ist überspitzt formuliert und in meiner Umgebung gibt es sehr viele Leute, die diesen Leistungswahn nicht mitmachen. Mir scheint das ein wenig ein städtisches Phänomen zu sein. Oder irre ich mich da? Städter, Ihre Meinung ist gefragt.

fahnenfluechtling said...

Mal schauen inwieweit das kommende integrative Schulsystem da eine Änderung bringt.

In Städten lebt man sicherlich schneller als auf dem Land. Wobei es not a bene auch unter den Städten unterschiede gibt. Mag mich an eine Studie erinnern, bei welcher die Zeitdauer für gewisse Tätigkeiten (Zahlen, Gehen, Kassieren etc.) untersucht wurden. Resultat: In Bern dauert alles etwas länger als in Zürich. Bzw. in Bern geht man die Dinge eben doch noch etwas gmüetlicher a.

Mara said...

Mir ist es sehr wichtig, dass meine Kinder aufs Gymnasium gehen.
- weils sie mit einem Abitur die freie Auswahl haben
- weil sie dann nicht schon mit 15 entscheiden müssen, welchen Beruf sie erlernen wollen
- ich den frühe selbständige Umgang mit Fremdsprache sehr schätze

- und das Wichtigsts, weil ich immer wieder merke wie unterschiedlich in den einzelnen Institutionen gelehrt und gelernt wird - dort auswendiglernen (kaum dass Zusammenhänge erklärt werden), dort dass Bemühen um selbständig denkende aktive Bürger

Zappadong said...

Liebe Mara

- Das Schweizer Ausbildungssystem ist eines der durchlässigsten der Welt. So kann jemand mit einer Berufslehre eine Berufsmatura machen (entweder als Lehre oder in einem zusätzlichen Ausbildungslehrgang nach der Lehre). Mit Berufsmatura stehen die Türen offen für Fachhochschulen und Universitäten.

- Meine Kinder besuch(t)en beide die Sekundarschule, hatten fantastische Lehrer und der Umgang mit den Fremdsprachen hätte nicht besser sein können. Sohnemann erhält jetzt Fremdsprachenunterricht in seiner Berufsausbildung, ebenfalls einen sehr guten Unterricht.

Es gibt auch gute und schlechte Gmynasien, wie es bessere und weniger gute Oberstufenschulen gibt.

Der einzige Punkt in deiner Argumentation, dem ich mich voll und ganz anschliessen kann: 15 ist für einige Jugendliche wirklich zu jung, um sich für einen Beruf zu entscheiden.

Mara said...

@zappadong

Dast stimmt, es gibt wunderbar viele Wege zur Matur in der Schweiz. - und seine Hände im Laufe des Lebens auch mal benutzen zu lernen hilft auch dem Hirn weiter (und ganz besonders auch beim Einschrauben von Glühbirnen im hohen Alter).

Aber hinsichtlich der Frage was inhaltlich gelehrt wird, bin ich nicht ganz so zuversichtlich wie du. Es braucht schon sehr gute LehrerInnen um einen schlechten Lehrplan gekonnt umzusetzten. Wohingegen es auch mit durchschnittlichen LehrerInnen es möglich ist einen Lehrplan umzusetzen, der auf Eigenständigkeit setzt.

Und ich weiss auch, dass es in den meisten Berufen ziemlich egal ist, auf welche Art und Weise man seine Matur abgelegt hat - aber so seltsam man es auch finden mag - in machen spielt es leider noch eine Rolle. Ich bin selber unschlüssig ob man dies durch eigenes "Elternverhalten" noch fördern soll oder nicht, aber ich gestehe, dass ich meinen Kindern solche Mühsal gerne ersparen möchte.

Zappadong said...

Ich bin ein gebranntes Kind. Ein Gymi gibt's bei uns nicht, aber ich habe die Kanti (Kantonsschule) besucht - eine schlechtere Ausbildung als ich hat wahrscheinlich nicht einmal der schlechtest ausgebildete Lehrling bekommen.

Sohn Zappadong wollte nie an die Kanti und ich habe ehrlich gesagt aufgeatmet. Denn: Was ich so höre über die nächste Kanti ist so schlecht, dass ich bezweifle, dass da viel rauskommt - ausser einem Kantiabschluss (aber eben, das ist ja für viele irgendwie lebensentscheidend).

Tochter hat ein Jahr lang die Realschule besucht (unteres Niveau der Oberstufe): Sie hatte extrem gute und engagierte Lehrkräfte, hat fachlich und persönlich einiges auf den Weg mitgenommen und ist nicht zuletzt eine Sekundarschulspitzenschülerin, weil sie diese Stufe ein Jahr lang besucht hat. Kommt dazu: Ich habe auf der Realschule unterrichtet und finde den Lehrplan nach wie vor um Längen besser als den in der Sek.

Wie auch immer: Tochter Zappadong möchte ebenfalls eine Lehre machen, weil es aber in ihrem Traumberuf nur sehr, sehr wenige Lehrstellen gibt, ist Option C die Kanti. Und ganz ehrlich: Mir fürchtet es davor. Nicht, weil ich denke, dass sie es nicht schaffen würde. Mir fürchtet es vor den Lehrkräften und den Unterrichtsmethoden.

Mag sein, dass das Gymi in dieser Hinsicht mehr zu bieten hat. Ich kann das nicht beurteilen. Und wenn jemand den Grips dazu hat, ist das sicher auch etwas Gutes. Aber Kinder bis zum Umfallen zu "trainieren", damit sie die Prüfung schaffen, das ist in meinen Augen pervers. Denn: Man muss ja nicht nur aufgenommen werden - man muss sich dann auch bewähren.

Titus said...

War nicht auch Albert Einstein in der Schule eine Pfeife (und viele andere, später als "Genie" bezeichnete Persönlichkeiten)?

Titus said...

Pardon, habe soeben festgestellt, dass ich mich missverständlich ausdrückte: Meinte mit dem oben stehenden Kommentar nicht, dass die "Kids" ;-) von Frau Zappadong Pfeifen wären.