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Ohne mich!

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Vorausschicken möchte ich, dass ich - seit ich 18 bin - praktisch immer wählen und stimmen gegangen bin, sprich, die direkte Demokratie gerne leb(t)e.

Das (t) muss leider sein, denn immer häufiger knallt man uns Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern wild zusammengewurstelte Vorlagen auf den Tisch. Will heissen: Würde man die einzelnen Vorlagen in ihre Bestandteile aufdröseln, würde man mit ja, ja, nein, ja, nein, ja, nein (oder ähnlich stimmen) - nur geht das nicht, weil das ganze Gewuschel unter einer einzigen Frage zusammengefasst wird. So zähle ich als Stimmbürgerin meine JAs und NEINs zusammen, wäge ab und schreibe dann entweder ein JA oder ein NEIN auf den Stimmzettel.

Genau das habe ich gestrichen satt. Aber so was von satt.

Gucken wir uns doch die Abstimmungsvorlagen vom 17. Mai mal genauer an:

Da verklickert man mir also, dass wir ohne biometrischen Pass mehr oder weniger vom Rest der Welt abgeschnitten wären, und ich könne doch deshalb nur zustimmen, denn nicht wahr, liebe Stimmbürgerin, du willst doch nicht draussen vor Amerikas Tür stehen und aus dem Schengen-Abkommen gekippt werden, gell. Nein, das will ich tatsächlich nicht. ABER!!! Kein Mensch hat verlangt, dass wir päpstlicher als der Papst sein müssen und in vorauseilendem Gehorsam gleich auch noch eine Datenbank einrichten, ausgerechnet wir, das Land, in dem alles, was zwei Millimeter links vom allgemeinen Denken und Leben abweicht, jahrelang fichiert wurde.

Kurz zusammengefasst: Man will mir zusätzlich zum biometrischen Pass gleich noch eine Datenbank aufdrücken. Meine Antwort darauf: Ihr könnt mich kreuzweise. Wenn ihr nicht wollt, dass die Schweizer draussen vor Amerikas Tür stehen und aus dem Schengen-Abkommen gekippt werden, bringt mir eine neue Vorlage, in der es einzig und ausschliesslich um den biometrischen Pass geht.

Noch kürzer zusammengefasst: NEIN.

In der zweiten Vorlage soll ich darüber entscheiden, ob die Alternativmedizin Aufnahme in der Grundversicherung (und in der Verfassung) findet. Auf den ersten Blick eine simpel einfache Frage. Auf den zweiten Blick eine absolute Frechheit, denn der genaue Wortlaut geht so:

"Bund und Kantone sorgen im Rahmen ihrer Zuständigkeiten für die Berücksichtigung der Komplementärmedizin."

Wenn Sie sich jetzt am Kopf kratzen, geht es Ihnen wie mir. Dieser Satz sagt nämlich zwischen alles und nichts gar alles oder eben gar nichts.

Kurz zusammengefasst: Ich habe nicht die geringste Ahnung, was Bund und Kantone machen werden, wenn ich Ja oder Nein stimme. Warum fragt man mich überhaupt, wenn man mir nichts Genaueres sagen will?

Noch kürzer zusammengefasst: NEIN

Nachsatz: Wenn die Fragen in Zukunft nicht eindeutig und klar beantwortbar sind, werde ich nach rund 30 Jahren der direkten Demokratie den Rücken zukehren. Verarschen kann ich mich selber. Dazu brauche ich nicht gefragt zu werden.

Other than that I'm fine.

Frau Zappadong

17 Kommentare:

Andreas Kyriacou said...

Bitte nicht zu Hause bleiben! Bei der ersten Vorlage hast Du das Wesentliche geschrieben. Bei der zweiten muss man auf die Forderungsliste des Pro-Komitees gucken, um zu erahnen, was uns künftig blüht. Nicht nur sollen pauschal fünf völlig unterschiedliche Disziplinen - von der gut überprüfbaren Phytotherapie bis zur Religion der anthroposophischen "Medizin" und der Scharlatanerie mit den Glaubuli - einen direktdemokratischen Gütesiegel erhalten. Nein, dieser bunte Esoterik-Mix soll nach Vorstellungen der Initianten auch zwingend in die Hochschulen Eingang halten.

Wenn man sieht, dass das Pro-Komitee Numerologen in ihr Präsidium holt, kann man erahnen, wie in ihren Augen Forschung künftig aussehen soll.

Zappadong said...

Lieber Andreaas

Das Stimmcouvert mit den beiden NEIN ist weg.

In Zukunft werde ich jede Gemischtwarenvorlage und jede Wischi-Waschivorlage mit einem NEIN quittieren.

Zu der Komplementärmedizin: Die gehört bestenfalls in eine Zusatzversicherung. Und ja, da tummeln sich ganz seltsame Gestalten - und erst noch mit Stundenansätzen, bei denen es einem normalen Bürger die Tränen in die Augen treibt.

Ich habe mich aber nicht weiter in die Materie vertieft. Allein die blödsinnig allgemeine Frage, auf die ich mit einer Blanko-Unterschrift antworten müsste, hat mir gereicht.

kopfchaos said...

..... auch mein stimm-couvert is' schon vor tagen wieder der post übergeben worden um's in's rathaus zu tragen.....
..... ebenfalls mit jeweils einem klaren "NEIN" zu beiden vorlagen, obschon ich dafür bin, dass in der gesundheitsvorsorge, respektive bei den versicherungen dazu alles angeboten werden sollte, dies jedoch in modularer weise.....
..... sprich jeder versicherte kann sich seine versicherung zusammenstellen wie's im beliebt, mit der konsequenz, dass er dann nur für sich bezahlt was er haben will, und ned auch noch den schamanen des nachbarn, weil der auf indianerzeuchs abfährt.....
..... wer nur ein minimum an versicherung will, der soll eine schlanke grundversicherung erhalten können, welche, ausser der absolut notwendigsten grundversorgung, nichts weiter enthält.....
..... wer den kräuter-quacksalber will, der soll das entsprechede zusätzliche modul für sich buchen.....

..... klar sehe ich den kleinen geissfuss bei dieser methode, denn finanziell nicht so kräftigen schichten der bevölkerung werden sich vielleicht dann nicht so krankenversichern können, wie sie's gerne hätten - doch ma' hand auf's herz, is' denn ned allgemein und überhaupt ein umdenken von nöten zu weniger etepetete.....?

Titus said...

Interssant: Ich habe Aussagen gehört (ich meine es war in der entsprechenden Abstimmungsarena), wonach dieser Wortlaut "endlich" verfassungskonform sei, also nicht eine explizite Forderung enthält, welche so spezifisch nicht in eine Verfassung gehört.

Wovor habt Ihr Angst?

Eine Regelung durch Bund und Kantone würde endlich erlauben, dass im Alternativ-Medizin-Bereich Scharlatane keine Chance mehr hätten resp. die Patienten endlich unterscheiden könnten (Anerkennung durch X, Diplom von Y). Denn selbst Andreas gesteht ein, dass nicht alles Hokuspokus ist, was heute unter "Alternativ-Medizin" läuft.

Im Übrigen vertraue ich den Kräfteverhältnissen im Parlament und im Bundesrat, dass in den anschliessend auszuarbeitenden Gesetzes- und Verordnungsartikel keine Hokuspokus-Methoden unterstützt werden.

Deshalb meinerseits: Bio-Pässe nein, Komplementärmedizin ja.

Andreas Kyriacou said...

@Titus
Dieses Parlament hat seine Hausaufgaben in keiner Form gemacht, sonst hätte es nicht eine solche hirnverbrannte Vorlage entworfen, die a) die Schulmedizin nirgends erwähnt und b) keinerlei Grenzen setzt.

Die Quacksalber sind die Wortführer der Vorlage, nicht die Mitreiter. Aus aktuellem Anlass: Die 100 leckersten homöopathischen Mittelchen.

Und hier noch etwas anthroposophische Medizin im O-Ton:
«Der Mensch – genau gesagt Ich und Astralleib – tritt in die Mondensphäre ein, wo mit Hilfe der Mondenkräfte der Ätherleib aufgebaut wird. Die Mondenkräfte werden durch die Stellung des Mondes zu Erde und Sonne modifiziert und wirken so differenzierend auf den sich aufbauenden Ätherleib. Der erste Einfluss führt zur Geschlechtsdifferenzierung. Die weiteren Wirkungen führen zum Ausbilden der Haarfarbe (und wahrscheinlich der Augenfarbe), in unserem Sinne zur Ausbildung der Konstitution für das ganze kommende Erdenleben. Dunkle Haare und Augen entstehen dadurch, dass der Stoffwechsel stark wirkt und sich bis in die Peripherie ergießt. Dagegen kommen blonde Haare so zustande, dass der Stoffwechsel mehr im Gehirn als in der Peripherie konzentriert wird.»Das ist Konträrmedizin, nicht Komplementärmedizin. Geschrieben von Ricardo Torriani, Fürsprecher der Initiative und praktizierender Hausarzt.

Zappadong said...

Lieber Titus

Noch vor ein paar Jahren hätte ich dein Vertrauen in das Parlament geteilt. Es ist mir leider total abhanden gekommen.

Auf Bundesebene fürchtet mich einerseits der Gedanke an die sehr starke Pharmalobby und andererseits an die Wortführer der Komplementärmedizin-Vorlage.

Auf Kantonsebene macht mir allein der Gedanke an all die "kantonalen" Regelungen Bauchweh. Jeder ein bisschen anders, jeder grad so, wie es ihm in den Kram passt. In einem Kanton darf man sich dann das Bäumeumarmen bezahlen lassen, im anderen geht dann vielleicht nicht einmal eine anerkannte Alternativmethode durch.

Gucken wir doch nach Obwalden. Da sieht man ganz gut, was passiert, wenn der Kanton entscheiden darf.

David said...

Liebe Frau Zappadong. Das war doch schon immer so, dass dem Volk nicht jede Detailfrage vorgelegt wird. Das ist nicht so schlimm, denn es funktioniert so, dass bei einem Nein eine überarbeitete Vorlage ohne die grössten Kritikpunkte vorgelegt werden wird. Es ist ja nicht so, dass bei einem Nein diejenigen Teile, die du befürwortet hättest, für immer vom Tisch sind. Du hast also alles richtig gemacht: Nein gestimmt und damit dem Parlament den Auftrag gegeben, eine bessere Vorlage auszuarbeiten.

Bei der Komplementärmedizin ist die Sache noch etwas anders. Es war ursprünglich eine Volksinitiative, und mit einer solchen kann man nur Verfassungsänderungen vorschlagen. Die Verfassung soll aber nur grobe Grundsätze beinhalten. Darum stimmen wir über einen Satz ab, der sehr viel Interpretationsspielraum lässt. Falls die Vorlage angenommen wird, muss das Parlament ein detailiertes Gesetz dazu ausarbeiten, und die Chance ist gross, dass wir dann über diese Ausführungsgesetzgebung wieder abstimmen können.

Auch wenn wir nicht zu jedem Detail einzeln gefragt werden, haben wir sehr wohl Einfluss auch auf diese Detailfragen – mehr als in jedem anderen Land.

Steffino said...

na, da muss ich dich leider mal verbessern: wir haben eben KEINE direkte demokratie, sondern eine repräsentative!

ich geh auch nicht wählen, die würden sich dadurch nur bestätigt fühlen (man stelle sich vor, es würde niemand mehr wählen, woher nähmen sie ihre legitimation?)

Robinson said...

Also ich bin ja ein Verfechter des Leer-Einlegens. Denn wenn die Entscheidung zwischen Ja und Nein schwierig ist, sollte das nicht zu einem "Nein" werden, sondern "weder Ja noch Nein", also leer. Bei leer eingelegten Stimmzetteln wird die Unsicherheit und der Auftrag zum Ausbessern transparenter. Ein "Nein" sieht jedoch einem "Nein" zum Verwechseln ähnlich...

Der selbe Bias fürs Nein stört mich auch, wenn das Volksmehr A sagt und das Ständemehr B. Da gewinnt dann immer das "Nein", obschon das ja nicht wirklich dem Ergebnis der Abstimmung entspricht.

Ich muss diesmal aber nicht leer einlegen. Bei Reisefreiheit versus politischer Freiheit optiere ich lieber für die politische. Und in die Grundversicherung gehört nur wissenschaftliche Medizin. Alles andere kann man sich selber freiwillig antun, wenn man darauf besteht.

David said...

@Steffino: Eine halbdirekte Demokratie haben wir.

@Robinson: Die leeren werden einfach ignoriert, da kannst du genausogut den Zettel fortschmeissen. Als Protest wird das nicht wahrgenommen.

"Nein" bedeutet: "Ich bin mit der Vorlage nicht ganz einverstanden und hoffe, dass eine bessere Lösung gefunden werden kann."
"Ja" bedeutet: "Ich bin mit der Vorlage einverstanden oder habe keine Hoffnung, dass sich eine bessere Lösung durchsetzen könnte."

Zappadong said...

@ David. Zitat: "Das ist nicht so schlimm, denn es funktioniert so, dass bei einem Nein eine überarbeitete Vorlage ohne die grössten Kritikpunkte vorgelegt werden wird."

Schön wär's. Mich dünkt manchmal, es kommt nur noch viel Kruderes heraus.

@ Steffino. Zitat: "na, da muss ich dich leider mal verbessern: wir haben eben KEINE direkte demokratie, sondern eine repräsentative!"

Als ich (vor gefühlten 1000 Jahren) zur Schule ging, verkaufte man mir unser System noch als direkte Demokratie. Ich werde wohl ein wenig Nachforschung betreiben müssen. In diesem Zusammenhang danke für den Link, David.

Zitat: "ich geh auch nicht wählen".

Das finde ich den schlimmsten Fehler überhaupt. Trotz aller Auswüchse glaube ich, dass die Politik funktionieren kann. Ich will deshalb jene Leute wählen, welche mir integer scheinen. Nur sie können mich angemessen vertreten.

@ David. Zitat: "Die leeren werden einfach ignoriert". Nein. Ich denke, dass bei Wahlen genügend Leerstimmen dazu führen können, dass das absolute Mehr nicht erreicht wird.

David said...

@Zappadong: Bei Personenwahlen (Majorzwahlen) erhöht sich je nach Wahlregeln das absolute Mehr (meist nur im ersten Wahlgang), das ist korrekt. Robinson sprach aber von Abstimmungen – dort erscheinen die leeren Stimmzettel kaum in der Statistik.

Zappadong said...

@David: Bei Abstimmung kann man in der Tat gleich Papierhütchen aus dem Stimmzettel basteln, wenn man ihn leer einlegen will. ABER: Ich frage mich, was passieren würde, wenn es - evtl. dank einer Internetaktion - einmal wirklich saumässig viele leere Stimmzettel gäbe. Würde das die Politiker aufrütteln? (ähm, hoffen kann man ja ...)

Bei Wahlen könnte man ja allzu selbstsicheren Kandidaten eins vor den Bug knallen. Geschehen zum Beispiel in Wildhaus bei den Gemeinderatswahlen. Es gab einen Kandidaten für das Präsidium - und der wurde (im ersten Wahlgang) nicht gewählt. So was nenne ich ein deutliches Misstrauensvotum.

Steffino said...

@Zappadong: oh, Schweiz... ich bin aus Deutschland (daher, repräsentative Demokratie)

"jene Leute wählen, welche mir integer scheinen" - tja, da gibt's in meinen Augen nur leider keine...

Zappadong said...

@steffino: aha (Demokratie)

Ich habe viele Jahre lang selber aktiv Politik gemacht und kann daher sagen: doch, es gibt sie, die integren Politiker und Politikerinnen. Ich kenne ein paar davon.

Leider werden ganz viele auf dem Weg nach oben "zurechtgeschliffen" (ein Grund für mich aufzuhören; ich wollte mal weiter nach oben, aber mit so einem sturen, oft kompromisslosen Schädel wie meinem geht das schlecht)und am Ende sind sie so angepasst, dass man nicht mehr weiss, welche Ideen sie eigentlich vertreten.

Gerade deshalb ist es wichtig, die Politiker im Auge zu behalten, ihr Abstimmverhalten im Parlament unter die Lupe zu nehmen, sie an ihren Auftritten zu messen - und dann jene wählen, denen man traut. Es sind nicht sehr viele; ich bringe den Stimmzettel nie voll - aber finden den Weg auf meinen Zettel immer.

Matthias said...

Ich stimme JA bei der Komplementärmedizin. Da kann mir die Wissenschaft noch lange beweisen, dass Homöopathie nicht wirksam sein kann: Meine persönliche Erfahrung der letzten rund 15 Jahre sieht einfach anders aus; bei mir funktioniert Homöopathie.

Zappadong said...

@Matthias: Etwas vom Besten, das ich je gemacht habe, war eine Kinesiologie-Therapie (auf eigene Kosten, weil mehr oder weniger einfach so und nicht wegen etwas Bestimmtem). Und ich finde die asiatischen Theorien über Energiekreisläufe im Körper total überzeugend.

ABER: So was gehört in eine Zusatzversicherung. Und nicht in die Verfassung.