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Offener Brief an Jasmin Hutter

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Guten Tag Frau Hutter

Sie wollen also zurück zum Leistungsprinzip an den Schulen.

"Die Volksschule braucht eine konsequente Orientierung an einem wettbewerbs- und leistungsorientierten System. Sie hat sich von der ideologisch begründeten Leistungsverweigerung der 68er-Generation zu lösen. "

Nun, ich nehme an, Sie haben keine Kinder im schulpflichtigen Alter, denn sonst wüssten Sie, dass unsere Schule sehr wohl leistungsorientiert ist. Ich unterschreibe pro Woche zwei bis drei Schulnoten, die mir Tochter Zap nach Hause bringt (Sohnemann Zappo geht in die Lehre; dazu also später). Ein sehr häufig gehörter Satz: "Muss noch für eine Prüfung lernen." Und zwar in einem der vielen, vielen Fächer, die bei uns an der Oberstufe unterrichtet werden - auf einem Niveau, das ich damals erst in der Kantonsschule erreichte (das nur nebenbei). Ich erlebe die Schule durchaus als wettbewerbs- und leistungsorientiert, mehr denn je. Seit neustem lernen unsere Jüngeren nebst Französisch auch Englisch in der Primarschule. Was der Seitenhieb auf die Leistungsverweigerung der 68-Generation soll, ist mir ein Rätsel.

"Die Wirtschaft braucht qualifizierte Fachkräfte, die Ausbildung solcher ist Kernaufgabe der Schule. "

Unsere Kinder lernen nebst Deutsch schon in der Primarschule zwei Fremdsprachen, spätestens ab der Oberstufe sieht der Lehrplan ein breitgefächertes Unterrichtsangebot vor (über den Lehrplan der Primarschule könnte man tatsächlich diskutieren). Sohnemann Zappo besucht an zwei Tagen der Woche die Berufsschule - auf die er in seiner obligatorischen Schulzeit bestens vorbereitet worden ist.

Zudem: Fachliches Wissen ist nicht alles. Kreativität, unterschiedlichste Problemlösungsansätze, Sozialkompetenz ect. sind genau so wichtig. Kinder und Jugendliche sind nicht nur zukünftige "qualifizierte Arbeitskräfte", sie sind Menschen, die die verschiedensten Lebenswege gehen werden.

"Auf der Unter- und Mittelstufe muss wieder ein Klassenlehrer die Verantwortung für seine Klasse tragen und alle Fächer mit Herzblut unterrichten."

Was muss ich aus dieser Aussage folgern? Sobald es mehr als einen Klassenlehrer gibt, sind die Lehrkräfte nicht mehr mit Herzblut dabei? Ein alleinherrschender Klassenlehrer verfügt automatisch über Herzblut? Entschuldigung, hier komme ich nicht mit.

"Der Lehrer ist kein Coach, sondern er muss die Klasse kompetent führen, Leistung fordern und sich dadurch auch Autorität verschaffen. "

Autorität verschafft man sich nicht durch das Fordern von Leistung, genauso wenig wie durch Herumbrüllen und den Macker raushängen im Klassenzimmer. SO einfach ist es nun auch wieder nicht. Autorität im besten (und positiven Sinne des Wortes) erarbeitet man sich mit seiner Persönlichkeit. Einig bin ich mit Ihnen, wenn es um das kompetente Führen geht. Ich möchte allerdings noch anfügen, dass zu einem kompetenten Führen viel mehr gehört als nur Leistung fordern.

"Es ist unabdingbar, dass im Lehrplan klare Ziele vorgegeben und Kernfächer gestärkt werden. Es geht nicht an, dass „Klimawandel“ und „Menschenrechte“ anstelle von Geographie oder Geschichte unterrichtet werden. "

"Klimawandel" kann man ohne geographische Kenntnisse nicht vermitteln - die Themen Geographie und Klimawandel gehen Hand in Hand. Wenn Sie zum Beispiel von der Erwärmung des Golfstroms sprechen, sollten alle wissen, wo der verläuft (das nennt sich dann Geographie). Und Geschichte bleibt eine leere Hülle, wenn man nur die Jahreszahlen vermittelt. Geschichte lebt - und zur Geschichte gehören die Menschenrechte (unter welchen Bedingungen haben sie sich entwickelt usw). Wenn wir also nicht wollen, dass unsere Kinder zu reinen Auswendiglernmaschinen verkommen (ich denke nicht, dass "die Wirtschaft" Freude hat an reinen Faktenaufzählmenschlein), müssen wir ihnen mehr vermitteln als nur geographische Lagen und geschichtliche Jahreszahlen.

"Aus dem Lehrplan resultierende Leistungsbeurteilungen müssen für Lehrmeister, Lehrlingsbetreuer etc. unmittelbar nachvollziehbar sein und aussagekräftige Quervergleiche ermöglichen. "

Schon mal was von Cockpit, Stellwerk und Multicheck gehört? Abgesehen davon:
Lehrmeister und Lehrlingsbetreuer stützen sich meist auf jahrelange Erfahrung. Sie können Zeugnisnoten einordnen, suchen im Zweifelsfall das Gespräch mit Eltern und Lehrpersonen.

Ich sage behaupte nicht, dass in unserer Schule alles zum Besten steht. Im Gegenteil. Auch ich habe Bedenken in Bezug auf die Primarschullehrpläne. ABER: So wie Sie (und Ihre Partei) die Schule malen, ist sie nicht.

Frau Zappadong

13 Kommentare:

S. von Relax said...

Sehr gut beleuchtet und erläutert Frau Zappadong. Jetzt müssen Sie nur noch dafür sorgen, dass dieser glänzende Beitrag von vielen potenziellen Hutter-Wählerinnen und Wähler gelesen wird. Dann könnten Sie der Hutter in ihre dumm-Rezept-Suppe spucken.

Bruder Bernhard said...

Die Hutterschen Ausbrüche verursachen bei mir fast schon körperliche Schmerzen. Es fehlt nur noch das Plädoyer für die Rückkehr zur Prügelstrafe. Hier kommt eine Frau mit der Welt nicht mehr zurecht und meint, Kinder müssen einfach nur gebrochen werden, dann wird alles wieder gut. Ein Armutszeugnis.

Hanspeter Gautschin said...

Frag' mich schon, ob ihr Oberguru auch mit 'Leistung' zu seinen Milliarden gekommen ist...

ymotux said...

Woher nimmt Frau Hutter eigentlich all ihr Wissen über Kinder. Vom Baumaschinenverkaufen?
Warum macht sie ihr Versprechen nicht wahr, dass sie sich aus der Politik zurückzieht, wenn sie Mutter wird? Dann hätte sie auch mal was Vernünftiges gemacht, statt immer nur darüber zu lamentieren.

Frau Müller said...

Eine kluge Replik, @ Zappadong. Sie hätten es sich auch einfach machen können, und sagen: Frau Hutter ist strunzdumm. Das wäre ebenfalls korrekt gewesen, aber wäre der Komplexität des Themas Schule nicht gerecht geworden.

Ich wundere mich immer wieder über solche Hutterschen Rundumschlagsdiagnosen und über die Begeisterung, mit der solche eigentlich doch schon auf den ersten Blick als absurd zu erkennenden Tiraden aufgenommen werden.

Würde man in der Medizin behaupten, alle Patienten litten im Grunde an derselben Krankheit und bräuchten daher auch allesamt dasselbe Medikament, würden alle protestieren. Aber wenn Baumaschinenverkäuferinnen im Bereich der Behandlung gesellschaftlicher Themen und Probleme solche verallgemeinerbaren Rezepte ausstellen, wird dies offenkundig als mutige Zeitgeistkritik goutiert.

Allerdings haben Jasmin Hutter und ihresgleichen die Dummheit nicht für sich gepachtet. Ich erinnere an einen Kommentar von Frank A. Meyer über Jugendgewalt vor anderthalb Jahren:
„Sanft salbadernde Psychologen und wissenschaftlich bramarbasierende Sozialingenieure plädierten für mehr Hilfe und Betreuung als Zaubermittel gegen Tunichtgute in Schulen und auf Strassen. Chantal Galladé und Daniel Jositsch, beide SPS-Politiker, machen der linken Lebenslüge ein Ende: Sie fordern mehr Härte, damit ‹die Jugendlichen merken, dass etwas passiert›. Letzteres ist eine nützliche Lehre aus der Tierhaltung: Man drückt dem Hund die Schnauze in den eigenen Dreck, denn nur so begreift er seine Missetat.“

Absolut unfassbar, dass sich Leute wie Meyer und Hutter, die weder Ahnung von Kinder- noch von Hundeerziehung haben, sich in der Öffentlichkeit dennoch darüber äussern dürfen.
Was bei einem Hund überhaupt nicht funktioniert, blosse Gängelei wäre und das Vertrauen zum Herrchen oder zum Frauchen erodiert, das müsste man jedoch den Hutters und Meyers antun: Ihnen ihre eigene Dummheit so lange um die Ohren schlagen, bis sie ihre Missetaten begreifen.

Zappadong said...

Liebe Frau Müller

Jetzt musste ich kurz lachen. Ich habe Herrn Zappadong erzählt, dass ich Frau Hutter einen offenen Brief geschrieben habe. Er hat mich verständnislos angeschaut und gesagt: "Warum um Himmels Willen? Die Frau ist doch ... (an dieser Stelle hat er genau das von Ihnen benutzte Wort verwendet).

Das Lachen bleibt einem aber schnell im Hals stecken. Es gibt Leute (und ganze politische Parteien), die mit den Begriffen "Alt-68ger" und "Linke" spielen und den so Bezeichneten so ziemlich alles in die Schuhe schieben. Damit kann man leider, leider, leider immer noch Punkten.

Es ist zum In-den-Tisch-beissen. Diese Leute brauchen nicht einmal Argumente. Ein Stichwort genügt um Feuer zu legen.

Ein Dialog ist nicht möglich, denn für einen Dialog brauchte es fundierte Argumente (von beiden Seiten) und nicht einfach einen Schlagwortkatalog.

Unsere Schule ist im Umbruch. Das ist für alle eine Herausforderung mit vielen offenen Fragen. Statt einen vernünftigen Dialog zu führen, wird gedroschen (oder wahlweise auch gemauert), was das Zeug hält. Auf der Strecke bleibt die Wahrheit und der Respekt vor den Mitmenschen.

Zappadong said...

PS: Ich denke, durch den Gebrauch des Wortes "dumm" machen wir es uns viel zu einfach. Dumm ist hier nämlich gar niemand. Ich bevorzuge das Wort "berechnend".

Frederik Weitz said...

Na, das ist wie in Deutschland. Die gute Frau Silvia Koch-Mehrin von der FDP verteidigt auch den Wettbewerb. Wenn man bedenkt, dass die gute Dame nur 20% der bezahlten Zeit anwesend ist. Das heißt, wenn das ein Schüler machen würde, würde er sitzen bleiben.
Ansonsten hat Leistung immer das Problem, dass sie Leistungen der Zukunft misst. Und die Zukunft hat das Problem, dass sie immer dann, wenn man sie ergreifen kann, sie schon Gegenwart ist und dann allzurasch Vergangenheit.

Hardy said...

Danke für den guten Beitrag.

Habe mir erlaubt, ihn zu verlinken:
http://hardy.twoday.net/stories/5753315/

Zappadong said...

Lieber Hardy

Ich habe mir erlaubt, in deinem Blog zu kommentieren, aber ich fürchte am Schädel deines anderen Kommentierers beisse ich mir die Zähne aus (um ein etwas schräges Bild zu benützen).

Thinkabout said...

Frau Hutter macht nur Lärm. Selten eine Frau erlebt, die so kalkuliert Politik macht. So penetrant sind sonst nur Männer. An dem Tag, an dem Jasmin Hutter Bundesrätin wird, wandere ich aus (nicht lachen, ich fürchte, der Tag wird kommen...).

Anonymous said...
This comment has been removed by a blog administrator.
Zappadong said...

Anmerkung von Frau Zappadong:

Ich habe den Kommentar von 8.55 Uhr gelöscht. Frau Hutter und ich haben das Heu auf zwei total verschiedenen Bühnen, aber die Zappadong-Bühne ist nicht dazu da, privaten Klatsch über Frau Hutter eskalieren zu lassen. Ihr Privatleben ist ihr Privatleben und gehört nicht an die Öffentlichkeit. So viel Respekt muss auch bei zwei total verschiedenen Bühnen sein.