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Altersrevolution oder Frau Zappadong goes Literaturwettbewerb

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Offener Brief an das

Amt für Kultur
IBK Förderpreis 2009
Regierungsgebäude
9001 St. Gallen

Ich bin ein Kunstprodukt. Am 30. August 2006 bin ich in die Cyberwelt geschleudert worden. Dort – in der virtuellen Welt - bin ich aufgewachsen und wohnhaft.

Anders verhält es sich mit meinem Alter Ego. Dieses wurde am 28. November 1961 geboren und hat seine Wurzeln tief, tief im Wartauer Boden (oberes St. Galler Rheintal).

Ich bin 3 Jahre alt, mein Alter Ego 47. Im Kopf sind wir beide 26, im Herzen 35, an strengen Tagen fühlen wir uns manchmal wie 64 und nach dem Lesen Ihrer Alterslimiten hatten wir kurzzeitig einen 87 Jahre Anfall.

Die Altersnadel eines Menschen schlägt in alle Richtungen. Manche sind mit 27 alt, andere mit 72 noch jung. Und ausgerechnet in der Kultur, wo ein Hans Erni mit 100 Jahren noch aufgeweckt und kreativ ist, wo ein Clint Eastwood mit 78 Jahren noch geniale Filme dreht, wo ein Günther Grass, ein Adolf Muschg und ein Martin Walser sich munter um das Altersheim herumschreiben – da ziehen Sie eine Linie bei 40.

Was wollen Sie den Autorinnen und Autoren damit sagen? Wer mit 40 noch nicht kreativ ist, wird es auch nie mehr werden? Wer mit 40 noch kein Potential gezeigt hat, wird auch nie eins haben? Wer erst mit 40 einsteigt, kann gleich wieder aussteigen?

Kurz zusammengefasst: Vergiss es?

Nein! Ich protestiere mit meiner Teilnahme an diesem Literaturwettbewerb gegen eine willkürliche Alterslimite, die irgendein nicht sehr kluger, wahrscheinlich auch nicht sehr kreativer Mensch im Kultur-/Literaturbereich einmal eingeführt hat, und die sich jetzt wie ein roter Faden durch fast jeden Literaturwettbewerb zieht. Ich rufe chiibig ufrächt: NEIN! Alter ist relativ! Kreativität und Talent verabschieden sich nicht wie Aussätzige mit 40 aus dem Leben der Menschen.

Zu den eingereichten Texten:
Irrelevant, da sie sowieso nicht berücksichtigt werden.

Bibliographie:
Frau Zappadong: http://www.zappadong.blogspot.com/
Alter Ego: Blackout, Jugendkrimi / Schlechte Karten, Jugendkrimi / Das Projekt, Entwicklungsroman / Mordsangst, Jugendkrimi / 50 Riesen, Jugendkrimi / Starkstrom, Jugendroman

Preise:
Keine (für eine Jungautorin zu alt, für die Literaturwettbewerbe sowieso)

Frau Zappadong

Update I: "Für meinen Roman habe ich ein einziges (!) Stipendium in Deutschland gefunden, bei dem ich mich vom Alter und Wohnort her bewerben darf." Petra van Cronenburg

Update II: Ich bin nicht alleine. Bei schreibszene.ch/textin fragt man sich auch, was das soll, das mit dem U40.

Update III: Es ist wieder einmal Zeit zum so richtig Hardcoreofflinen (Wortschöpfung von ugugu). Sie sind trotzdem herzlich eingeladen, weiter zu diskutieren. Danke.

16 Kommentare:

Bruder Bernhard said...

ich überlege es mir jetzt mal von der anderen Seite her: Was, wenn Förderpreise keine Altersgrenze mehr kennen? Kann man 85jährige noch fördern bzw. haben die das wirklich nötig? Ich finde es richtig, dass in jungen Jahren gefördert wird. Und ich möchte nicht, dass die Älteren sich auch hier wieder in die Sonne drängen. Irgendwo muss die Linie gezogen werden, und das ist halt im Einzelfall immer willkürlich.

Es hat auch ganz praktische Gründe: Wieso jemanden fördern, der in seinem Leben bewiesen hat, dass er keine Förderung braucht? Frau Zappadong, Unternehmerin mit x Angestellten, ich fänd' es nicht gut, wenn Dir ein Förderpreis zugesprochen werden könnte. So gesehen: Eher noch runter mit der Altersgrenze!

Zappadong said...

Lieber BB

Zum Alter: Ich kenne nicht wenige talentierte Autoren und Autorinnen in meinem Alter, die es zwar geschafft haben, eines oder mehrere Bücher zu veröffentlichen, die auch gerne vom Schreiben leben würden, es aber nicht können und deshalb halt arbeiten gehen.

Das legt man dann so aus: "Ach, die brauchen kar kein Geld, die verdienen ja selber welches." Und PÄNG - schon sitzt man in der Ecke "verdient genug, braucht es nicht. Geben wir den Preis jemand anderem". Was soll ich darauf schliessen: Dass es besser ist, romantisch konsequent ohne Arbeit und deshalb romantisch arm durchs Leben zu gehen, damit man gefördert wird? Es ist nämlich nicht selten so, dass wer einmal gefördert wird, immer wieder gefördert wird. Ein Depp also, wer sich Arbeit sucht und deshalb halt erst später zum Schreiben kommt (weil man sich erst eine Existenz aufbauen muss) und / oder zu viel Geld hat, um einen Preis zu verdienen.

Ich bin seit 30.6.2009 keine Unternehmerin mehr, habe keine Firma mehr, sondern lebe vom Schreiben. Eigentlich. Denn eigentlich kann ich davon nicht leben. Aber nur fast. Denn: Dummerweise habe ich einen Mann, der genug verdient. Also brauche ich grad nochmals keine Fördergelder, denn ich werde in Sippenhaft genommen.

Ich lerne also: Bloss nicht genug Zeit und Energie in eine berufliche Existenz investieren und lieber nicht heiraten, wenn du irgendwann einen Förderpreis willst. Weil: Dann hat man ja den Stutz und braucht ihn nicht.

Und dann fahre ich halt grad nochmals mit mir als Beispiel auf: Zwischen 20 und 40 habe ich gearbeitet, Kinder grossgezogen und den Haushalt gemacht (mit Hilfe von Herrn Zappadong) - das war oft weit über 100 Prozent Arbeit, an sieben Tagen die Woche. Ich hatte gar keine Zeit zum Schreiben. Selber schuld.

Es gibt trotzdem einen Grund, warum ich nicht zu einem Förderpreis komme (und das ist der Einzige, den ich akzeptiere): Die eingesandten Texte sind nicht gut genug.

Bruder Bernhard said...

ganz konkret stellt sich jetzt aber die Frage: Zappadong, du kannst doch auch ohne diese Förderung überleben und weiter schreiben? Das sagst du ja selber.

Da jede Förderung ja zu Lasten eines anderen Kandidaten geht, müssen jene, die auch ohne Förderung weiter kommen (wie z.B. Du), logischerweise zurück stehen. Ich gehe sogar noch weiter: die Alten stehen dermassen bei der Jugend in der Schuld, dass sie dieser nicht auch noch jeden Vorteil, den sie noch haben, streitig machen müssen.

blanka beirut said...

Hallo Herr Bernhard, Bruder,
mit Verlaub: spricht da einer, der nicht so viel Ahnung vom Leben als Schriftstellerin hat?
Warum hat Elfriede Jelinek sich erst zurücklehnen können, als sie die wirklich brauchbare Summe des Nobelpreises bekam?
Endlich mal Ruhe, sagte sie damals.
Als schon arrivierte Schriftstellerin.

Warum kommen Schriftsteller ohne Förderung zurecht?
Etwa, weil sie es nicht nötig haben?
Stimmt, die die hohe Auflagen haben, haben es nicht nötig.
Oder die, die zwischen Jobs und Schreiberei herumjanken wie ein Fisch?
Ich komme zurecht. Weil ich immer wieder auf das Schreiben verzichte.
Und Jobs nachjage, weil ich nicht zurecht komme und: zu alt bin.

Buchstabensträuße schief gewickelt von:
Blanka Beirut

Zappadong said...

Ja, ich kann ohne diese Förderung leben. Das heisst noch lange nicht, dass ich sie ablehnen würde, wenn ich sie bekäme.

Warum?

Damals, als ich als junge Frau das Lehrerseminar abgeschlossen hatte und ins Berufsleben treten wollte, hatte es viel zu viele Lehrer und viel zu wenige Jobs. Da sagte eine Frau zu mir: "Wenn all die Lehrerinnen, die zuhause einen Mann haben, sich aus dem Berufsleben zurückziehen würden, hättest du einen Job." Aha. Alte mit Geld raus. Nein, so einfach machte ich es mir schon damals nicht. Ich fand, jeder/jede, die arbeiten wollte - aus was für Gründen auch immer - sollte arbeiten dürfen.

Kürzlich las ich einen interessanten Text von Peter Stamm, in dem er schrieb, dass er im Laufe seines Lebens ungefähr CHF 200'000 in Form von Werkbeiträgen und Förderpreisen bekommen hat und froh darum ist, dass ihm dieses Geld den Rücken zum Schreiben freigehalten hat. Ich mag ihm jeden einzelnen Franken gönnen (und füge an, dass ich für diesen Betrag JAHRELANG gearbeitet habe und deshalb keine Zeit zum Schreiben hatte). Wenn er eine Frau wäre, hätte vielleicht jemand gemotzt, denn er ist ja verheiratet. Weil er ein Mann ist, stellt sich diese Frage wohl nicht (ich habe keine Ahnung ob und wie viel Frau Stamm verdient und finde es auch nicht wichtig).

Ich stelle fest: Weil ich ... halt, stopp ... weil mein Mann genug Geld verdient (ich jetzt nicht mehr - wenn ich vom Autorinneneinkommen leben sollte, dann hätte ich ziemlich arge Probleme) und ich eine Frau bin (weil bei denen guckt man ja, ob da noch jemand anders die Kohle bringt; bei Männern tut man das dann wohl nicht), soll ich zurücktreten, andern Platz machen. Demütig in die zweite Reihe treten. Nein, danach ist mir im Moment gerade nicht.

Und ich frage dich: Was machst du mit dem hochtalentierten 28-jährigen, dessen Vater Millionär ist? Oder mit der hochtalentierten 25-jährigen, deren Mann im Jahr 100'000 nach Hause bringt? Dem genialen 24-jährigen, dem die Eltern die Ausbildung am Literaturinstitut finanziert haben und für seinen Lebensunterhalt aufkommen, damit er Künstler werden kann?

Bei einem Literaturwettbewerb möge der beste gewinnen. Deshalb heisst es ja "Wettbewerb". Und wenn dann halt der 24-jährige gewinnt, dessen Eltern sein Leben finanzieren, dann soll er den Chlütter nehmen und sich am ersten selbst verdienten Geld freuen.

Wer Unterstützung sucht, kann sich für ein Stipendium bewerben, sich um einen Werkbeitrag bemühen, dem AdS beitreten und dort von den Vorteilen profitieren. Nur soll man dann so ehrlich sein und keine Alterslimite vorgeben, sondern man kann sich dann gleich mit dem Kontoauszug und der Steuererklärung bewerben. Damit wären dann alle Altersgruppen im Rennen.

Zappadong said...

PS: Habe nicht ganz fertig argumentiert heute Mittag ...

Was ist mit der 42-jährigen Autorin, die sich finanziell kaum über Wasser halten kann, der man aber eine grossartige Schreibe nachsagt?

Oder dem 50-jährigen arbeitslosen Maurer, der wortgewaltige Texte verfasst, aber davon nicht leben kann?

Was sagt so einer, wenn der 28- jährige Sohn reicher Eltern locker nebenbei noch die Fördergelder mitnimmt?

Bruder Bernhard said...

@zappadong: zum PS: gibt's da Namen, wer ist die Frau mit Schreibe, der Maurer mit Wortgewalt, der durch Herkunft suspekte Sohn?

Bruder Bernhard said...

jetzt hat's doch glatt den kommentar vorher gelöscht - ich versuch's noch mal:
@blanka, Frau: Herr Bernhard war jahrelang Musiker mit einer Gesamtfördersumme von CHF 1'000 für das 3.(!) Album. Das hat Herrn Bernhard nicht abgehalten, weil er über Nebeneinkünfte sich finanzierte (schreiben, organisieren, rundfunken, vertreiben, herstellen etc.) Der Musik hat das nicht geschadet.

@alle beide: ihr tut so, als schrübe ich gegen förderung. das tu ich nicht, sondern ich schreibe gegen die abschaffung der nachwuchsförderung. Und Nachwuchsförderung bedeutet halt auch, dass irgendwo die Grenze gezogen werden muss. Pech für den Maurer mit Wortgewalt, die Frau mit Schreibe - ganz einfach Pech. Aber jetzt deswegen gleich zur Altersrevolution aufzurufen?

Titus said...

Sinn und Zweck eines Literaturwettbewerbs ist es doch, Talente zu erkennen und sie zu fördern, wenn eine Jury tatsächlich der Meinung ist, dass da Talent vorhanden ist.

Diese Förderung äussert sich in Form eines Preisgeldes. Es geht hier also nicht um Kulturförderung, denn ginge es nur darum, würde es reichen, in alle Welt zu posaunen: Hey, schaut her, da schreibt jemand wirklich ziemlich gut. Es bräuchte in diesem Fall kein Preisgeld.

Nein, das Preisgeld zielt darauf ab, einer talentierten Person finanziell wenigstens etwas den Rücken frei zu halten um sich so verstärkt seinem Talent widmen zu können, um dabei ein Werk zu schaffen welches es erlaubt, dass diese Person auf eigenen Beinen stehen kann. Es ist eine einmalige Chance, die die fragliche Person nicht verpatzen sollte.

Finanziell den Rücken frei halten, auf eigenen Beinen stehen: Hier ist die Rede vom Einkommen, welches jede und jeder braucht, um in dieser Gesellschaft (über-)leben zu können. Erst mit 65 braucht mann und frau hierzulande dank 1., 2. und vielleicht 3. Säule nicht mehr zu arbeiten. Erst dann ist (im Normalfall) der Kampf ums Einkommen vorbei, erst dann ist «endlich Ruhe».

Das heisst, dass aus meiner Sicht sicher dann Schluss sein muss mit einer finanziellen Spritze für talentierte Menschen. Diskutierbar wäre allenfalls, ob jemand, der unmittelbar vor dem «dritten Lebensabschnitt» steht, noch gefördert werden soll oder ob z. B. mit 62, 63 Schluss sein soll.

Wer aber 45 ist, der ist noch 20 Jahre Teil dieser Arbeitswelt, der soll artig AHV zahlen und der soll auch seine 2. Säule ausreichend füttern können.

Bruder Bernhard: Auch wenn jemand nicht gefördert wird, verschwindet dadurch ein allfälliges Talent nicht. Es geht darum, ob jemand seinen Lebensunterhalt dank seines Talents bestreiten kann oder dank eines Jobs, welcher das fragliche Talent brach liegen lässt. Du wärst heute Musiker, hätte man Dein Talent (sofern vorhanden) ungeachtet des Alters gefördert.

Man kann die Sache auch anders anschauen. Ein Talent ist eine besondere Fähigkeit. Wer mit 50 arbeitslos wird, muss sich vielleicht umschulen. Bei dieser Person muss eine andere «besondere Fähigkeit» gefunden werden, welche es ihr erlaubt, in Zukunft weiterhin den Lebensunterhalt selbständig bestreiten zu können.

Dabei wird sicher sehr genau abgeklärt, ob denn beispielsweise der Arztberuf wirklich das Richtige ist für den arbeitslosen Maurer, denn wenn nicht, steht dieser Maurer bald wieder arbeitslos da.

Diese Umschulung ist auch eine Form von Talentförderung. Nur spielt hier das Alter keine Rolle.

Wenn jemandem wirklich etwas an der Förderung von Talenten liegt, sollte das Alter keine Rolle spielen. Dass nicht schon früher eine Förderung möglich war, lag vielleicht daran, dass a) das Talent nicht erkannt wurde, b) das Talent sich erst ab einem gewissen Alter zu entwickeln begann oder c) es früher eben keine solche Förderaktionen gab. Viele Gründe, die gegen eine Alterbeschränkung sprechen...

flashfrog said...

Es kommt wohl darauf an, welchen Zweck man bei einem Förderpreis im Vordergrund sieht: Soll es eine finanzielle Unterstützung für Bedürftige sein, die sich gern einer kreativen Tätigkeit widmen möchten? Oder eine Belohnung für einen wirklich guten Text?

Ersteres steht wohl bei Schreibstipendien, Writer-in-Residenz-Programmen, Stadtschreiberposten etc. im Vordergrund. Nein, einen Günter Grass (lebt der noch?) muss man damit nicht mehr fördern.

Steht das Entdecken und an-die-Öffentlichkeit-Bringen neuer Talente im Vordergrund, das ist vor allem der Fall bei Preisen, die einen wohlklingenden Namen und ganz wenig damit verbundenes Geld nach sich ziehen, so sind diese wohl auch eher Autoren zu gönnen, die noch keinen lebenslänglichen Vertrag mit einem etablierten Verlag aufzuweisen haben.

Ich denke, das sollte nicht ans Alter gekoppelt sein, denn wie Frau Zappadong so richtig schrieb - manche fangen das Schreiben mit 63 an, nachdem sie vorher ein paar Jahrzehnte theoretische Literaturwissenschaft an einer Uni unterrichtet haben. Andere werden als Abiturientin von einem Verlag angesprochen: Hey, du hast ein hübsches Gesicht, du lässt dich gut vermarkten, schreib doch mal ein Buch für uns, wir sorgen dann dafür, dich in den relevanten Talkshows zu platzieren. (Beides real existierende Fälle.)

Altersgrenzen finde ich auch nicht besonders nachvollziehbar, aber ich denke, wer bereits 6 Romane erfolgreich veröffentlicht hat, der hat das Privileg, nicht mehr als förderungsbedürftiger Anfänger betrachtet zu werden. :-)

Bruder Bernhard said...

@titus: du liest nicht, kann das sein? mann, was les' ich da: ich wär' heute musiker, hätte man mein talent gefördert? ich bitte dich:
ich war musiker bis zum tinitus, und zwar trotz immerwährend ungenügenden singnoten in der damals noch sehr unmusischen schule. ich wär es heute noch, würde mir der körper nicht die grenzen gesetzt haben.

und natürlich bin ich in meinen augen der beweis, dass echtes talent sich immer durchsetzt. kunst ist kein volkssport. aber das ist ein ganz anderes thema.

Titus said...

Pardon, Bruder Bernhard, ich hatte das mit dem «war jahrelang Musiker» und dem nachfolgenden Text falsch verstanden.

bugsierer said...

limitierte altersgrenzen haben, wie bb sagt, ihre berechtigung, aber die argumente von frau zappadong haben auch was. das alte und nicht einzige dilemma in der öffentlichen kulturförderung.

ich sehe noch einen anderen aspekt:

der anspruch, von kunst langfristig und angemessen leben zu wollen, ist per se eher heikel, finde ich. nüchtern betrachtet ist das der markt mit der grössten konkurrenz und nur sehr wenige können langfristig davon leben. wer es trotzdem versuchen will, bitte. mein eindruck nach 30 jahren backstage ist, dass es viele versuchen und dann mit 40 gefrustet sind, dass es nicht geklappt hat. nur wenige gehen den weg des pragmatischen amateurs, der sich bewusst von anfang an neben der kunst noch einen brotjob aufbaut. nicht selten ist denen ihr werk nach 20 oder 30 jahren spannender als das manches profis.

ich kenne viele künstler, die den grossteil ihrer zeit damit verbringen, irgendwelchen subventionen hinterherzurennen oder einen produzenten/verlag/manager/galeristen/etc. zu finden. dabei habe ich oft den eindruck, dass sie dem risiko, das sie eingehen, nicht recht in die augen schauen wollen. und "kunst machen" ist eines der grössten, das man eingehen kann, jeder weiss, dass es nur einer von 1000 schafft – kein spengler würde auf dieser grundlage eine werkstatt aufmachen wollen.

Thinkabout said...

Zitat bugsierer:
nur wenige gehen den weg des pragmatischen amateurs, der sich bewusst von anfang an neben der kunst noch einen brotjob aufbaut. nicht selten ist denen ihr werk nach 20 oder 30 jahren spannender als das manches profis.


Ist auch meine Beobachtung. Und das spricht, meiner Meinung nach, gegen die Alterslimiten und für eine extensivere Auslegung des Fördergedankens:
So manches Schreibtalent wird in der zweiten Lebenshälfte befreit - ich nenne ein Beispiel:

Gerhard Meier hat seinen ersten Gedichtband mit 47 veröffentlicht.

Bruder Bernhard said...

@thinkabout: genau, Gerhard Meier war ja einer der Shooting Stars der CH-Literaturszene. Der bedurfte meines Wissens auch keiner Förderung. Warum der jetzt zum Beweis des Gegenteils herhalten soll, leuchtet mir grad im Moment nicht ein.

Zappadong said...

Fertig geofflinet (oder offgelined oder wie auch immer).

Herzlichen Dank für all die Rückmeldungen.

Mir geht es mit dem offenen Brief um ein Prinzip - und nicht so sehr um mich, denn ich habe mich immer gut durchs Leben geschlagen. Ich habe schliesslich auch am ersten Frauenstreiktag mitgemacht, obwohl ich damals einen total guten Job hatte, mehr verdiente als viele Männer und mich in einer praktisch reinen Männerrunde rundum wohl und auch rundum akzeptiert fühlte.

Das (mein) Prinzip in Bezug auf die Kultur geht so:

Talentförderung soll / muss frei von Alter sein, denn Talent kennt keine Altersgrenzen.

Talente kann man auf mehrere Arten fördern (die in vorherigen Kommentaren auch angesprochen wurden - siehe Kommentar flashfrog). Bei all diesen Formen hat praktisch jeder / jede ernsthaft Kulturschaffende eine Chance, auch wenn es "nur" um die 1000 Franken von BB geht.

Talente kann man auch mit Preisgeldern fördern. Dies ist eine ganz spezielle Art der Förderung: Einen ersten Preis erhält normalerweise der Talentierteste / die Talentierteste (oder zumindest jene Person, von der eine Jury glaubt, er /sie wäre das); unabhängig davon, wie viel Geld diese Person auf dem ganz persönlichen Konto hat oder wie viele Werke diese Person schon veröffentlicht hat.

Nun zu der moralischen Frage:

Soll jemand Werkbeiträge beantragen oder an einem Förderwettbewerb teilnehmen, wenn er / sie sowieso genügend Geld zum Leben hat?

Meine Antwort: Warum nicht? Für jemanden, der schon von seiner Kunst (ob es nun Malerei, Musik, Schauspielerei oder das Schreiben ist) leben kann, ist es ein weiterer Zustupf an sein Einkommen - denn auf dem Gebiet der Kultur kommt das Geld sehr, sehr unregelmässig herein und Existenzängste können (kulturelles) Schaffen ziemlich blockieren.

Wer wie die meisten, die ich kenne, nebenbei einen Beruf ausübt, der das Einkommen sichert, kann sich mit dem Fördergeld den Rücken freihalten, sei es durch einen unbezahlten Urlaub, in dem ein Werk fertiggestellt wird, oder durch eine Reduktion des Arbeitspensums.

In beiden Fällen sind zusätzliche Gelder willkommen - unabhängig vom Alter des / der Begünstigten.