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Altersrevolution oder Frau Zappadong goes Literaturwettbewerb - Runde 3

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Ein kurzer Rückblick: Anfang Juli nahm ich an der Ausschreibung des IKB Förderpreises 2009 teil - nicht um den Preis zu gewinnen, sondern um gegen die Alterslimite zu protestieren. Um nicht wie ein verbittertes altes Weib daherzukommen, habe ich mir beim Verfassen der Bewerbung ganz schön Mühe gegeben.

Etwas weniger Mühe gab sich das Amt für Kultur kurz danach mit der Eingangsbestätigung.

Gestern nun bekam ich erneut Post vom Amt für Kultur, und weil der Brief in etwa so unpersönlich ist wie eine Gebrauchsanweisung für das Reinigen einer Kaffeemaschine und so beliebig wie ein Statement von Ich-möchte-nicht-würde-aber-schon-wenn-ich-müsste-vielleicht-Kandidat Pelli, erlaube ich mir, ihn hier zu veröffentlichen:

Sehr geehrte Frau Zappadong

Vielen Dank für Ihr Interesse am diesjährigen Förderpreis der Internationalen Bodenseekonferenz in der Sparte Kurzgeschichten und die uns zugesandten Texte. Es sind insgesamt 21 Bewerbungen für den Förderpreis eingetroffen, die von der Vielfältigkeit des kulturellen Schaffens im Kanton St. Gallen zeugen.

Die eingegangenen Unterlagen wurden sorgfältig geprüft* und von Fachpersonen beurteilt. Schliesslich wurden zwei Autoren ausgewählt und für die Jurierung in der Kartause Ittingen bei Frauenfeld nominiert.

Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Sie nicht berücksichtigt werden konnten. Wir bedauern, Ihnen keinen positiven Bescheid geben zu können und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute und weiterhin viel Freude und Erfolg**. Ihre Unterlagen senden wir Ihnen in der Beilage zurück.

Wir bitten Sie um Verständnis dafür, dass über die Nomination keine weitere Korrespondenz geführt werden kann***.

Freundliche Grüsse

xxx (Assistentin der Amtsleitung)

* Ach ja? Ist das jetzt eine leere Höflichkeitsfloskel oder muss ich daraus schliessen, dass man meinen Protest stillschweigend übergeht?

** Freude? Na ja, die hält sich im Moment gerade ziemlich in Grenzen, denn ...

*** ... das heisst dann ja wohl, dass ich gefälligst davon absehen soll, mich zu erkundigen, ob mein Protest überhaupt zur Kenntnis genommen worden ist.

Update: Autorenkollegin Petra van Cronenburg hat einen herrlichen Text zum Thema verfasst.

Liebe Zappadong-Besucher, ich wünsche Ihnen weiterhin viel Freude und Erfolg.

11 Kommentare:

Bruder Bernhard said...

eine totale Frechheit: 'weiterhin viel Freude und Erfolg' - die setzen einfach voraus, es mache Dir Freude, das Schreiben. Ein Beweis mehr für die 08/15-Zusammenstoffelung der Absage.
Erinnert mich an den Witz: Radio läuft, die Nachrichten. Sprecher: "Sie hören die Mittagsnachrichten von Schweizer Radio DRS." Zuhörer, Denkblase: "Woher will der das wissen?"

Du hast Recht: Die Absage ist in dieser Form eine absolute Frechheit, eine Beleidigung, eine Desavouierung des eigenen plakativ vorgetragenen Anliegens - auch, weil es nur 21 Einsendung gegeben hat. Verdammte Heuchler!

Hanspeter Gautschin said...

Das ist die unheimliche Macht der Förderkratie. Eine gehörige Portion Mainstream-Wissen, unterstützt wird nur systemrelevante Kunst, vermischt mit einer ungehörigen Portion Ignoranz (Dummheit) und ansonsten... nichts mehr. Keine Neugier, keine Experimente, keine Lust auf Provokation (nur systemrelevante ist erlaubt). Genau so gut könnten Computer die Kulturförderung übernehmen. Dann wäre es immerhin offensichtlich, dass alles nach festem Programm abläuft.

Petra said...

Ich habe ja in Frankreich mit viel härteren Briefen zu tun. Den hier übersetze ich wohlwollend so: Wir haben schon gemerkt, was Sie wollen. Wir wollen darüber aber nicht diskutieren. Punkt.

Ich fürchte, um das Fördersystem als solches zu kritisieren, müsste man viel höher ansetzen. Theoretisch im Feuilleton. Aber finde man da einen kritischen Geist mit Risikofreude...

Da ich aber auch zu alt bin für alles in dieser Gesellschaft (außer dem Renteneintritt), inspiriert mich das womöglich für ein eigenes Nachdenken übers Alter... mal sehen.

Stefan said...

Was ist bitte sehr Ihr Problem? Ein freundlicher korrekter Brief, was erwarten Sie mehr? Ein Telefonanruf würde wahrscheinlich genügen und Sie bekämen weitere Informationen. Ich hoffe doch sehr und bin überzeugt davon, dass Ihnen das Schreiben Freude macht, sonst lassen Sie es zukünftig besser bleiben. Hat da jemand vielleicht etwas übersensibel reagiert?
Zu meinen "Vorkommentatoren": ich finde es billig und sehr schwach, die Gewinner, ihre Werke und die Jury so abschätzig zu beurteilen, bevor die Preisträger überhaupt bekannt sind.

Zappadong said...

Lieber Stefan

Kein einziger Ihrer Vorkommentierer hat die Preisträger abschätzig kommentiert - ich habe sie nicht einmal erwähnt in meinem Eintrag. Und wenn die Jury nur die Texte bewertet hat und nicht für die Briefe verantwortlich ist, dann hat auch gar niemand etwas gegen die Jury gesagt. Es geht einzig und allein um die Reaktion eines Amtes auf einen Protest (das Amt schweigt ihn tot).

Zur Überreaktion: Nun, es gingen 21 Bewerbungen ein - eine ziemlich überschaubare Menge, denke ich. Schon nach dem ersten Aussieben muss klar gewesen sein, dass ich aus dem Rennen falle (zu alt!), aber ich erhielt einen kurzen Brief, in dem man mir mitteilte, man informiere Ende August über die Gewinner.

Es blieben also rund 1 1/2 Monate, den Protest zur Kenntnis zu nehmen und irgendwie darauf zu reagieren. Aber nein, man schickt eine Standardabsage, die praktisch alle diese netten Bausteinfloskeln enthält, die man bei Absagen so einsetzt. Das finde ich, nett ausgedrückt, ziemlich unfreundlich.

Zur Freude am Schreiben: Schreiben ist alles - vom totalen High bis hin zu sehr harter Knochenarbeit. "Freude" ist ein verniedlichender Ausdruck für die Einstellung eines Schriftstellers zu seiner Arbeit. Wenn dann dieser Ausdruck im Amt für Kultur gebraucht wird, frage ich mich, ob die überhaupt eine Ahnung haben, was es heisst, zu schreiben. (Das Bild vom freudig und für Gottes Lohn allein für sich schreibenden Schreibers finde ich nicht so prickelnd).

Wünschen Sie doch einmal einer Bankmanagerin / einem Maurer / einer Supermarktangestellten oder einem Uniprofessor "viel Freude" im Beruf ...

Weiterschreiben tue ich trotzdem. Weil ich das Schreiben liebe - selbst dann, wenn es harte Knochenarbeit ist und mir grad gar keine Freude macht.

Bruder Bernhard said...

"Weiterschreiben tue ich trotzdem. Weil ich das Schreiben liebe - selbst dann, wenn es harte Knochenarbeit ist und mir grad gar keine Freude macht."
na, liebe Zappadong, jetzt aber nicht dem Kind die Badewanne über den Kopf hauen! meine Güte, du schreibst doch nicht für Gremien, Preise, Schärpen und Orden! Es sind die Leser, die zählen - für die anderen bist du eh nur Kanonenfutter, schliesslich müssen die Preise ja an irgendwen vergeben werden.

'Immer schön dürs Hösli schnuufe' ....

Titus said...

Was mich an der Sache stört, ist die fehlende Jury-Beurteilung.

Man (und natürlich auch frau) schickt ja so ein Ding auch ein um zu wissen, woran man steht. Man setzt sich gewollt dem Urteil einer Jury aus - und erfährt dann nichts darüber, wie oder warum es zu diesem Urteil gekommen ist.

Ich frage mich daher, wer denn diese Jury ist, welche es offensichtlich nicht für nötig hält, wenigsten in zwei, drei Sätzen festzuhalten, weshalb Frau Zappadongs Texte es nicht weitergeschafft haben (und ich denke nicht, dass das Amt für Kultur diese zwei, drei Sätze nicht weitergeleitet hätte).

Das wirft schlussendlich auch ein suspektes Licht auf die Jury, welcher man durchaus vorwerfen kann, parteiisch zu sein, da sie es ja nicht für nötig hält, ihr Urteil zu begründen...

Wenn sie sich dieses Vorwurfs entledigen will, muss sie ihre Urteile begründen können und sogar (in anonymisierter Form) alle Texte offen legen, damit sich jede und jeder ein Bild machen kann.

Zappadong said...

oha, BB, da hast du mich falsch verstanden. Mein "trotzdem" bezog sich auf den Satz von Stefan, der mir durch die Blume riet, mit dem Schreiben aufzuhören, wenn es keine Freude mache. Um es in anderen Worten zu sagen: Genauso, wie ich nicht für Gottes Lohn arbeite, schreibe ich nicht nur aus Freude. Was ich sicher NICHT tue: für Preise schreiben (obwohl sie natürlich eine herrliche Nebensache wären - nicht zuletzt, weil sie die Verkaufszahlen heben, was sich ganz konkret in einem besseren Zahltag auswirkt) und auch nicht für Gremien und Orden (obwohl Mr Doorman wahrscheinlich Freude an den glänzenden Dingern hätte).

Lieber Titus
Nein, ich erwarte keine Begründung. Ich war eine Zeitlang bei einem Autorenverlag dabei (d.h. als Autoren haben wir andere Autoren verlegt - nicht uns selber) und unser erklärtes Ziel war, bei jeder Absage eine fundierte Begründung mitzuliefern, weil das eben oft nicht mehr gemacht wird. Da feilten wir also jeweils stundenlang an begründeten, höflich formulierten Absagen, um uns dann bestenfalls ein "Arschlöcher, ihr habt keine Ahnung von gar nichts" um die Ohren hauen lassen zu müssen. Glaub mir, unsere Absagen wurden mit der Zeit immer knapper und kürzer, weil wir es uns nicht leisten konnten und wollten, so viel Zeit in etwas zu investieren, das uns dann zu einer grossen Wahrscheinlichkeit mitten ins Gesicht explodiert wäre.

Mir reicht es, wenn eine Jury ihren Job ernst nimmt und gut macht - und daran zweifle ich bei diesem Förderpreis nicht im Geringsten. Ich war selbst schon Jurymitglied und weiss, dass man STUNDEN investiert in diese Arbeit, wenn einem an ihr liegt. Ich weiss aus dieser Arbeit auch, dass die Meinungen zu Texten diametral gegenüberliegen können. So erinnere ich mich an einen Text, der bei mir auf dem zweiten Platz gelandet wäre und bei einem anderen Jurymitglied abgeschlagen am Ende landete. Es gibt Kriterien, nach denen man Texte beurteilen kann - es gibt aber wie überall in der Kunst auch diesen "das spricht mich an Faktor" und das ist gut so. Das macht eben den Unterschied zu den von Hanspeter erwähnten Computern, die nach rein technischen Kriterien gehen.

Ich vertraue darauf, dass die Jury weiss, was sie tut und akzeptiere ihr Urteil - auch ohne Begründung. Als Autor bekommt man in seinem Leben jede Menge Absagen und man muss lernen, damit umzugehen (sonst hört man besser auf mit dem Schreiben). Insofern kann ich es absolut verschmerzen, nicht "in die Kränze" gekommen zu sein (wobei ich einfach gerne gewusst hätte, ob ich jetzt wegen des Alters oder wegen der Texte abgeblitzt bin - das mit den Texten kann ich problemlos akzeptieren). Und Sie wissen ja selber, dass mit diesen Texten nun wahrlich kein Sträusschen zu gewinnen war (Anmerkung: titus hatte die leicht zweifelhafte Ehre, die Texte zu lesen). Dazu hatten sie dann doch einige Stufen Tiefgang zu wenig - oder um es Stefans Wörtern zu sagen: Die waren wirklich aus Spass an der Freude entstanden :-)

Stefan said...

Bruder Bernhard: „Verdammte Heuchler!“
Hanspeter Gautschin: „...unterstützt wird nur systemrelevante Kunst, vermischt mit einer ungehörigen Portion Ignoranz (Dummheit)...“
Dies sind Ihrer Ansicht nach also keine abschätzigen Bemerkungen?

Liebe Frau Zappadong

Ich bin ein regelmässiger, bisher stiller Leser Ihres Blogs. Die Texte sind erfrischend und das Lesen macht mir Spass. Entschuldigen Sie bitte, dass ich als völliger Laie keine kompetentere und fundiertere Beurteilung abgeben kann.
Ich habe mich aber schlau gemacht und im Internet die Teilnahmebedingungen des IBK-Förderpreises gesucht. Unter anderem steht da folgendes: „Damit sollen junge Kulturschaffende gefördert werden, die bereits auf sich aufmerksam gemacht haben und zur Hoffnung Anlass geben, bei denen mittels einer Förderung " zur rechten Zeit" eine substantielle Entwicklung des künstlerischen Schaffens zu erwarten ist.“ Die Altersgrenze für junge Kulturschaffende wurde auf 40 Jahre festgelegt. Anscheinend sind Sie schon etwas älter und erfüllen die Teilnahmebedingungen folglich nicht. Was bitte glauben Sie, soll Ihnen die zuständige Stelle weiter noch mitteilen? Soll ich mich etwa beschweren, weil ich mit meinen 49 Lenzen nicht mehr bei Schweizer Jugend forscht teilnehmen kann? Glauben Sie wirklich nicht, dass Sie sich da etwas verrannt haben?
Übrigens danke ich Ihnen herzlich, wenn Sie mir viel Freude im Beruf wünschen. Ja, ich habe tatsächlich immer noch Freude an meinem Job, auch wenn es ab und zu mit Arbeit verbunden ist.

Freundliche Grüsse
Stefan

Zappadong said...

Lieber Stefan

Dann heisse ich Sie erst einmal herzlich willkommen im "aktiven" Bereich dieses täglichen Wahnsinns :-)

Die Alterslimiten sind unter Kulturschaffenden immer wieder ein Thema. Ich habe bis anhin die Diskussion gespannt verfolgt und als sich diesen Sommer die Gelegenheit ergab, einen Protest einzulegen, habe ich das getan.

Verrannt? Das kann sein (ich verrenne mich des öfteren). Für mich war/ist diese Debatte wichtig. Und deshalb renne ich erst einmal weiter - auch auf die Gefahr hin, mit dem Kopf gegen die Wand zu seckeln.

Die Diskussion über die Alterslimiten haben wir ja schon im Blogeintrag von Anfang Juli gehabt - man kann durchaus geteilter Meinung sein. Ich finde 40 nicht gerade "jung" - jung wäre alles bis höchstens 25, wenn ich definieren dürfte.

A propos Definition: Ich reagiere auf diese "Freude" tatsächlich allergisch. Es fällt für mich unter die Kategorie, mit der man unter anderem die sozialen Berufe schlecht bezahlt (ich denke an den Pflegebereich) und Lehrkräften immer mehr aufbürdet. Sie haben ja "Freude" am Beruf - und wenn nicht, ist es ihr Fehler und nicht jener, die ihnen immer mehr aufladen. Das macht es für die Verantwortlichen sehr einfach.

Ja, ich übe meinen Beruf auch gerne aus (na ja, meistens), aber ich meide das Wort "Freude", weil da irgendwo mitschwingt, dass man diese Arbeit auch gratis machen würde ... weil man ja eben Freude daran hat.

Um bei der Freude zu bleiben: Ich freue mich, dass Sie hier mitmischen - und erst noch einen anderen Standpunkt vertreten. Das fordert so richtig schön heraus :-)

In diesem Sinne: Auf gute Auseinandersetzungen!

bobsmile said...

Ich dachte immer, "junge Kulturschaffende" bedeute: Noch neu, frisch, eben jung im Umgang mit Kultur, hat also nichts mit Alter zu tun. So kann man sich täuschen.

Und ich bleibe dabei: Amt für Kultur bedeutet wohl in diesem Fall viel Amt, wenig (Gesprächs-)Kultur!