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Gestern Abend, beim Fernseh gucken

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Etwas müde von einem langen Tag schlürfte ich gestern Abend nach der Arbeit in die Küche, holte mir ein Stück Apfelwähe aus dem Kühlschrank und setzt mich vor den Fernsehapparat.

Als sich Herr Merz höflich bei Lybien und der lybischen Bevölkerung entschuldigte, verging mir der Appetit. Glücklicherweise betrat genau in dem Moment Sohn Zappadong die gute Stube und freute sich über das geerbte Stück Apfelkuchen.

Statt mit Sohnemann und Kuchen den Raum zu wechseln, blieb ich sitzen und erfuhr deshalb von einer Schule, in der ein begeisterter Lehrer und noch viel begeisterte Schüler einen Mobiltelefonversuch durchführen. Sie surfen im Netz, machen Musik, fotografieren ... und sie dürfen das Dingens auch nach Hause nehmen und zum Beispiel auf dem Heimweg nochmals die französische Sprachübung hören (selten so gelacht!). Damit auch alles in Ordnung ist, wird der Versuch selbstverständlich "eng begleitet". Und damit der Beitrag ausgewogen daherkam, durfte mal wieder über nicht gesperrte Pornoseiten geklönt werden und eine nette Dame durfte irgendwas über die Gefahren hoher Gesprächsgebührenkosten sagen.

Ganz am Schluss wurde dann auch meine Frage beantwortet. Nein, es ist nicht die Herstellerfirma des Mobiltelefons, welche dieses Projekt sponsort - es ist ein Telekommunikationsunternehmen.

Eine Frage blieb offen: Was passiert mit so altmodischen Mütterchen wie Mütterchen Zappadong, die findet, Fünftklässler sind zu jung für ein Handy? Beugen sie sich dem Gruppendruck oder machen sie ihr Kind kreuzunglücklich, indem sie ihm befehlen, das Maschinchen nach dem Unterricht unter das Pult zu legen und in der Schule zu lassen?

Update I: Danke an Gnoerpf für den Link zur offiziellen Seite dieses Schulprojekts. Die Fragestellungen des Projekts sind ziemlich herzig. Ich habe schon mal meine Frage(n) dort deponiert.

Update II: Titus von der Augenreiberei hat einen lesenswerten Eintrag zur Merz-Reise nach Lybien geschrieben.

14 Kommentare:

gnoerpf said...

Frau Zappadong macht das gleiche wie wir: Wir erklären unseren 7. und 6. Klässlern mindestens einmal pro Woche dass sie für den Schulweg kein Mobile brauchen und sie, falls sie zu einem Freund nach Hause gehen ja das dortige Telefon benutzen können. So langsam scheint die Message "es gibt auch ein Leben ohne Mobile" reinzusickern...

Zappadong said...

Lieber gnoerpf

Sohn Zappadong ist 17 und hat kein Handy - nicht, weil wir es ihm veboten hätten, nein, er will einfach keins (ja, so was gibt's noch).

Tochter Zappadong, 15, hat eins - mit einer Prepaid-Karte, die meistens nicht geladen ist, weil das Geld dazu nicht reicht und weil es ihr schlicht und einfach zu wenig wichtig ist. So ziemlich ihr ganzer Freundeskreis hat ein Handy - die allermeisten sind die meiste Zeit nicht geladen ;-)

gnoerpf said...

Details gibt es unter http://www.projektschule-goldau.ch/

Bruder Bernhard said...

@zappadong: Wären Sie meine Mutter, miechen Sie mich todunglücklich mit Ihrem Verbot. Deshalb: bitte es mir nicht verbieten, es muss doch eine andere Möglichkeit geben? Ich bin sicher, das Schulhandy macht mich später nicht zum Medioten - so wie ich trotz Kriegerlis mit Gewehren und all dem Drum und Dran später nicht gewalttätig (oder zum Waffennarr bzw. Feldschützen) gemacht hat.

Die Kinder finden schon selber raus, was für sie gut ist, glaube ich aus eigener Erfahrung einwerfen zu dürfen. Verbieten, was alle andern haben, macht die Sache sicher nicht besser.

Um jeden Ideologieverdacht zu zerstreuen: Nein, ich glaube nicht an die antiautoritäre Erziehung.

Zappadong said...

Lieber BB, doch in diesem Falle müsste ich Sie kreuzunglücklich machen: Ich bin dagegen, dass Fünftklässer mit einem iPhone herumlaufen. Punkt. Und ich würde mich als Elternteil diesem Projekt verweigern, weil ich den Sinn darin absolut nicht sehe.

Einmal mehr bin ich dankbar dafür, auf dem Land zu leben, wo noch lange nicht jeder Fünftklässler mit einem Handy herumläuft (und auch nicht das Gefühl hat, so was unbedingt haben zu müssen) - und wo ganz viele Jugendliche ihre Handyrechnungen noch selber bezahlen müssen (aus einem Taschengeld, das noch ein Taschengeld ist und nicht ein halber Zahltag für Halbwüchsige).

Der Spruch mit dem "Verbieten, was andere haben", war schon zu meiner Zeit als Kind ein blöder Spruch (weil lange nicht alle das haben, was andere nicht haben - das ist eine rein subjektive Wahrnehmung eines Kindes) und ist es auch heute noch.

In der Zappadong-Familie sind Handys übrigens nicht verboten. Aber wir hatten auch das Glück, das Sohnemann gar keins will und Tochter erst irgendwann in der Oberstufe ein altes, ausrangiertes einer Kollegin übernahm (und es dann herzlich wenig brauchte). Nur: Hätte der Zappadong-Nachwuchs in der Primarschule eins gewollt, wäre die Antwort ein klares, deutliches NEIN gewesen.

Titus said...

Ehrlich gesagt fühle ich mich schon auch langsam alt und frage mich, ob ich in 10 Jahren (oder noch früher) mich nicht in einem Kurs «iPhone für reifere Personen» einschreiben muss, um überhaupt mitreden oder wenigstens verstehen zu können... Wenn ich da an Menschen denke, welche keinen Internet-Anschluss haben und heute schon nicht verstehen, was «Facebook», «iPhone» usw. ist (obwohl diese Themen in vielen Medien ständig Erwähnung finden), dann frage ich mich, wann ich soweit bin, die Welt um mich herum nicht mehr zu verstehen...

Ich will damit nicht sagen, dass das alles des Teufels Zeug ist und zu verbieten wäre. Ich will nur einfach auf die «technologische Schere» aufmerksam machen, welche sich da immer mehr auftut...

Doch zum eigenlichen Thema: Ich hatten den Beitrag gestern auch gesehen und schwankte auch etwas mit meiner Meinung darüber.

Ich sehe diesen Fall etwas umfassender: Ja, die Jungen sollen sich mit diesen Möglichkeiten auseinandersetzen können dürfen. Von Verboten halte ich nicht viel und zähle vielmehr darauf, dass die Jungen auch von sich aus merken, was gut für sie ist und was nicht. Das bedingt jedoch eine gewisse Sensibilisierung im Sinne von «höre auf Dich selbst».

Was ich hingegen auch wichtig finde, und das vermisse ich in diesem Fall und vielen anderen Fällen, ist, auch einmal das blanke Gegenteil zu er-leben. Denn so merken die Betroffenen (ich schliesse mich da nicht aus), wie abhängig sie von einer Sache sind, dass nicht alles selbstverständlich ist und dass es auch Alternativen gibt (die es zu entdecken gilt). Ich beziehe mich da durchaus nicht nur auf diese iPhone-Geschichte, sondern meine das ganz allgemein (Hardcore offlinen ist z. B. so ein weiteres Thema).

Uns wird heutzutage ja immer alles pfannenfertig präsentiert und wir wissen die wahren Umstände dahinter gar nicht mehr zu schätzen, schreien aber sofort auf, wenn sie nicht mehr gegeben sind, obschon es sich ja eigentlich um nicht so lebenswichtige Dinge handelt.

Zur Geld-Frage: Mich stört dabei, dass dieses Thema nun auf diese iPhone-Sache projeziert wird, so als ob man quasi nur dank iPhone lernen könne, mit Geld umzugehen. Ich wünschte mir, dass auch das etwas umfassender betrachtet wird und nicht nur in Bezug auf diese eine Sache (Kleidung, Ausgang usw.). Insofern finde ich die Fragestellung in diesem TV-Beitrag falsch oder zumindest etwas zu einfach.

Zappadong said...

Ich schliesse Verbote in der Erziehung nicht aus, vor allem nicht in der Zeit, in der die Kinder klein sind und noch kein Gespür dafür haben, was für sie gut ist. Je älter die Kinder geworden sind, desto weniger setzte ich Verbote ein - in der Hoffung darauf, dass ich in der Kindheit einen guten Grundstein für das "auf sich selber hören" gelegt habe. Das ist eine Methode, die sich bis jetzt gut bewährt hat.

Ich bleibe dabei: Ich hätte meinen Kindern in der Primarschule den Besitz eines Handys verboten. Und ich beharre darauf, dass ich als Erziehungsberechtigte in diesem Entscheid nicht von der Schule unterwandert werde.

Handys sind im Oberstufenalter noch früh genug. Zehnjährige verpassen nichts, wenn sie nicht sämtliche Funktionen eines iPhones beherrschen.

Abgesehen von den oben genannten Argumenten sehe ich nicht ein, wie ein iPhone den Unterricht verbessern soll.

Hanspeter Gautschin said...

Auch hier sollten wir das 'Rumpelstilzchen' beim Namen nennen: Das Anfixen von Kindern zwecks Gewinnmaximierung einer 'smarten' Telekommunikationsfirma. Nicht mehr, leider auch nicht weniger. Punkt.

Zappadong said...

Lieber Hanspeter

Genau dieses Wort (Anfixen) ist mir beim Schauen des Beitrags über die Lippen geflutscht.

Anonymous said...

Das Land heisst doch Libyen (und nicht Lybien!). Oder täusche ich mich da?

Gruss Pelzer

Zappadong said...

Danke (nein, Sie täuschen sich nicht). Und wenn wir schon am Aufdröseln meiner Fehlerliste sind: Ich entschuldige mich in aller Form bei Herrn Couchepin, dem ich in einem der letzten Posting ein "a" geschenkt und ihn so zum Brot degradiert habe.

Verwirrt bin zudem ich beim Staatschef von Libyen, den ich mittlerweile in drei oder vier verschiedenen Schreibweisen gefunden habe ... weshalb ich seinen Namen schon gar nicht zu schreiben wage!

PS: Hätte ich ein Smartphone und hätte ich es eingesetzt, wären mir diese Fehler vielleicht nicht passiert ;-)

Titus said...

Yep, jetzt stimmt's wieder, jetzt ist der Couchepin wieder eine gut gebettete Pinie ;-)

Und den Herrn von da drüber kannst Du meinetwegen nennen wie Du willst... :-)

bobsmile said...

Haushalt bobsmile gehört noch zur Gameboy Generation, dort kam auch schnell mal das Argument "alle haben einen." Leider waren bei bobsmiles 100% e-Spiel-verückt, und so hangelten wir uns durch die ganzen Gameboygenerationen durch. Nach anfänglichem Suchtverhalten wurde mit straffer Regelung ("alle" Familienmitglieder betreffend) der Spieltrieb auf normales Niveau heruntergeschraubt. Auch der Faktor "Verfliegen der Faszination des Neuen" hatte dazu beigetragen.

So wurde im Hause bobsmile der Handybesitz der Kids auch möglichst weit bis in die Sekstufe hinausgezögert. Danach gab's ein Prepayd-Handy, das mit Taschen-, Geburtstags- und Weinachtsgeld gespeisst wurden. Selbstverantwortung durch automatische Kostenkontrolle. Die Inhalte beschränkten sich damals noch auf Telefonieren und SMS.

Fazit: Unbegründete Verbote ("das kommt mir nicht ins Haus") helfen wohl wenig. Ein vernünftiger Umgang, sowie die eigene Auseinandersetzung mit neuen Technologien gibt einem auch die Möglichkeit vor den Kids/Jugentlichen richtig zu argumentieren.

@Titus: Das Kennen und Auffrischen des Gegenteils finde ich ein guter Punkt. Gilt nicht nur im Bereich schöne neue Medien sondern auch bei Ernährung (Alkohol, Essen), Fortbewegung, usw. Aber das ist wohl ein anderes Thema ...

@Hanspeter Gautschin
War/ist mit den Schul-PCs ja nicht anders. (Heisst aber nicht, dass ich das gut finde.)

Titus said...

@ Bobsmile
Apropos «auch einmal das Gegenteil er-leben»:
Da würde ich mit der Arbeit und weniger mit dem Essen anfangen. Denn 14 Tage ohne Arbeit hält man aus, aber 14 Tage ohne Essen... hmmm.... ;-)