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Heidis + Peters, Teil II

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Kultur ist zu einem entscheidenden Faktor für die Attraktivität der Städte geworden. Susanna Perin zeigt dies in ihrem Beitrag zu "Heidis + Peters" am Beispiel der Stadt Zürich, die "dank der Kultur- und Kreativbranche, oder dank medialer Kolportage von Weltoffenheit, kultureller Vielfalt und reichem kulturellem Angebot - nun zu den Global Cities zählt."

Ist doch gut, oder? Leider hat die Sache einen Haken.

"Die Stadtentwicklung von unten, also Kreativschaffende, Einzel-, Klein- und Kleinstbetriebe, ergo Nischenökonomien, erschaffen erst den urbanen Raum, werden aber nach und nach durch teure Mieten aus der Stadt hinausgedrängt, während sich im Zentrum der Stadt einflussreiche Firmen, Multis und deren überbezahltes Personal breitmachen. Erschwinglicher Arbeits- und Wohnraum verschwindet hingegen immer mehr aus der Stadt. Nebst prekären Arbeitsbedingungen von Kulturschaffenden kommen prekäre räumliche Bedingungen erschwerend hinzu."

Der Künstler und seine Kunst sind zwar gut für den Ruf einer Stadt (es darf auch ein Kanton, eine Kleinstadt oder ein Dorf sein), man schmückt sich - meistens - gerne damit, aber wenn es um sein Gehalt geht, kann er häufig nicht mehr mithalten.

Susanna Perin geht in ihrem Beitrag der Frage nach, warum Kunst- und Kulturschaffende so gut ausbeutbar sind oder anders herum formuliert, warum die meisten von ihnen für Luft, Liebe und wenig Geld arbeiten. Sie sieht im Künstler ein "role Model", also ein Vorbild, für die Arbeits- und Sozialpolitik der heutigen Zeit, in der Schlagworte wie "Flexibilität", "Anpassungsfähigkeit", "jederzeit arbeitsbereit" schon fast zu einer Selbstverständlichkeit geworden sind. Der Künstler, mit seiner Vorstellung von einer kreativen, selbstbestimmten Tätigkeit, mit der er sich von "den anderen" abhebt, ist längst zu einem unfreiwilligen Vorzeigemodell für eine Haltung geworden, die man immer häufiger in unserer schönen, neuen Arbeitswelt antrifft.

Sogar mein Briefträger, der mir kürzlich sehr gehetzt und überhaupt nicht glücklich ein Paket in die Hand gedrückt hat, leidet unter dem Druck des "immer mehr, immer schneller, immer effizienter". Aber während mein Briefträger (noch) regelmässig Ende Monat sein Gehalt bekommt, rackert sich der Künstler ohne Netz und doppelten Boden, dafür mit der nicht immer glückselig machenden Illusion eines selbstbestimmten Lebens für eine Handvoll Franken ab.

"Der Kultursektor charakterisiert sich durch eine überdurchschnittliche Quote an flexibilisierten und atypischen Arbeitsverhältnissen. Im Kulturbereich liegen selbständige Erwerbstätigkeit, Teilzeitarbeit, befristete Anstellungen, Mehrfachbeschäftigung exorbitant über den gesamtwirtschaftlichen Durchschnittswerten."

Damit befinden sich die Künstler in guter Gesellschaft eines nicht geringen Teils der selbständig Erwerbenden, die sich ohne grosse soziale Sicherheit, dafür mit ähnlichen Idealen wie die Künstler mehr oder weniger schlecht als recht durch das Leben wursteln.

Wo hier die Freiheit liegt? Als ehemalig selbständige Erwerbstätige immer schön mitten drin oder im besten Fall am Rand der Selbstausbeutung und als momentane freischaffende Autorin im einkommenstechnischen Ödland kann ich nur sagen: Es ist die Selbstbestimmung. Das Gefühl, das zu tun, was man gerne tun möchte (wobei ich mir auch schon gewünscht habe, sehr gerne eine gutverdienende Irgendwasangestellte zu sein). Ja, auch ein Gefühl der Freiheit. Wobei: Vielleicht ist das eine trügerische Illusion, der man sich hingibt, um den geringen Verdienst für sich zu rechtfertigen.

Wo dieser Beitrag hinführen soll und kann? Ganz ehrlich. Ich weiss es selber nicht so genau. Im besten Fall zu einer Diskussion. Lösungen sehe ich keine, nicht einmal Lösungsansätze. Ich weiss nur, dass Susanna Perins Beitrag meine Hirnzellen ganz schön in Bewegung gesetzt hat.

Susanna Perin zu möglichen Lösungsansätzen: "Ein besserer Grad der Organisierung ist notwendig. Als individualisierte Arbeiter kommen wir ... nicht mehr weiter." Vielleicht muss aber auch schon dies reichen: "Ich wünsche angesichts der widrigen Umstände mehr inhaltliche Auseinandersetzung und Verantwortungsbewusstsein der Kulturschaffenden."

Und ich? Was denke ich? Abgesehen davon, dass ich genügend bescheuert war, in meinem Leben immer das zu arbeiten, was keinen grossen Stutz einbrachte? Ich schaue die Sache pragmatisch an: So ist das Leben eben. Als Selbständige hätte ich jederzeit den Bettel hinschmeissen und mir eine Stelle suchen können. Wollte ich aber nicht. Als freischaffende Autorin habe ich von Anfang an gewusst, dass ich nicht über die Runden kommen werde - und arbeite nebenher als Englischlehrerin im (kleinen) Teilpensum weiter. Ob ich mich organisieren will? Weiss nicht. Ich bin nicht zuletzt selbständig, weil ich ein Freigeist bin.

Und wenn Sie bis hierhin mitgelesen haben (DANKE!!!), dann frage ich Sie jetzt, was Sie von der ganzen Sache halten.

PS: Die Zitate stammen aus dem Beitrag "Made in Precarity" von Susanna Perin, die mir freundlicherweise erlaubt hat, längere Passagen aus dem Text zu veröffentlichen.

Update: Frau unkultur hat sich zum Thema ebenfalls ein paar Gedanken gemacht, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

Update II: Ein hochinteressanter Blogeintrag zum Thema von Petra van Cronenburg

Frau Zappadong

8 Kommentare:

Bruder Bernhard said...

hach, von Visarte kommt die Frau Perrin; alles klar. Eine Gewerkschaft von 'Künstlern', die sich mitunter darin gefallen, ihren Stundenlohn auszurechnen. Wenn das die Kaffeerahmdeckelisammler auch machen täten, die Nackthalshühnerzüchter, die Lottomatchspieler? Mon Dieu...

Als selber ganz ausgezeichneter Künstler (wie oft muss ich das wohl noch schreiben?) kann ich einfach nur sagen: Was Künstler als Lebenshinhalt betreiben, ist Anderen Freizeitgestaltung, Hobby. Nichts wäre ihnen lieber, sie könnten auch ihr Hobby zum Beruf machen. Sie wagen es einfach nicht. Und: Es fällt keinem Künstler die Kreativität hinweg, wenn er auch mal richtige Lohnarbeit betreibt, welcher Art auch immer.

Es ist die falsche Schiene, Kunst machen zu wollen und gleichzeitig seiner Pensionskasse und seiner Lohntüte hinterher zu sinnieren. Ein klassischer Zielkonflikt.

Zumindest ich habe immer gewusst, was ich will. Und habe mich glücklich eingerichtet in meiner Anstatt-Oekonomie. Und von dieser Sorte kenne ich einige. Sie sind meistens nicht in der Visarte organisiert.

Zappadong said...

Guten Morgen, BB

Ich kenne visarte nicht - bin also völlig unbelastet, unbefleckt und unbefangen in dieser Angelegenheit.

Was ich jedoch sagen kann: Auch ich habe mich sehr gut eingerichtet in meiner Welt. Nur (und ich gehe jetzt auf Flüstermodus, weil das, was folgt, kein Kriterium sein sollte, aber halt doch eines ist ... also Flüstermodus): Ich bin verheiratet. Wir ziehen somit den Karren zu zweit (okay, wir müssen damit aber vier Leute ernähren, plus eine Katze). Mit der Betonung auf "zu zweit". Herr Zappadong und ich tragen beide zum Haushalt bei und es war mir immer wichtig, meinen Teil beizutragen. Was ich damit sagen will: Ich habe so was wie einen Fallschirm.

Auch ich kenne ganz viele Autoren, die es sich eingerichtet haben. Die allermeisten Berufskollegen, die ich kenne (vielleicht kenne ich die falschen), arbeiten zusätzlich in einem anderen Job. Und es ist für uns alle klar, dass dies einfach so ist. Ausser man verkauft irgendwann genug Bücher, um den Schritt ins vollzeitliche Autorenleben zu schaffen. Keine(r) meckert deswegen, manchmal träumen wir davon, dass es anders schöner und besser wäre, aber wer weiss das schon. Manchmal denke ich, dass die praktische Arbeit mit Berufsalltag zwischendurch ganz gut tut.

Und: Ich habe Mühe mit Leuten, die alle drei Jahre ein Buch schreiben und sich damit den Lebensunterhalt verdienen wollen (sorry, das geht einfach nicht ... ausser es ist der besagte Bestseller und man kann sich das leisten). Und ich habe noch nie um einen Franken Werkbeitrag ersucht. Weil mir das gegen meinen Unabhängigkeitsgeist geht. Ich will nicht am Tropf eines Kantons hängen, der ... (siehe Frau Zappadong goes Altersrevolution).

Zur Organisation: Ich bin nicht mal im AdS, weil mir das eine zu gewerkschaftliche und zu einseitige Sache ist. Sprich: Ich bin wahrscheinlich die falsche für eine Organisation. Was nicht heisst, dass ich nicht dort für die Sache kämpfe, wo ich es für nötig halte (siehe Frau Zappadong goes Alter... usw.).

Aber: Kunst ist nicht gleich Kunst. Ich kenne nicht alle Umfelder. Und eigentlich mache ich nicht einmal richtige Kunst oder Kultur. Ich schreibe Belletristik. Und deshalb finde ich diesen Beitrag so interessant.

Ich würde gerne mehr dazu und darüber erfahren. Ich würde gerne wissen, wie es ist, wenn Kunst der Haupterwerb ist - und dieser Haupterwerb nicht zum Leben reicht. Ich möchte mehr darüber wissen, wie Künstler organisiert sind, wie sie leben, denken und arbeiten.

Vielleicht meldet sich ja irgendwer, der die Sache von einer etwas anderen Warte sieht.

Petra said...

"Die allermeisten Berufskollegen, die ich kenne, arbeiten zusätzlich in einem anderen Job. Keine(r) meckert deswegen..."

Doch, ich meckere lautstark darüber und habe in meinem Blog auch schon über neue Wertsysteme in Kunst und prekären Situationen nachgedacht.

Job ist nämlich nicht gleich Job. Ich habe das Pech, zwar mehrere gelernt zu haben, aber jeder hat mit Schreiben zu tun und wird seit Jahren entwertet (spürbar in den Honoraren). Folge: Als Allein-Unterhalterin brauche ich nun schon den dritten Job fürs Leben. Das geht irgendwann an die Substanz.

Künstlern geht es allerdings nicht schlechter als anderen - in meinem Bekanntenkreis müssen viele Menschen inzwischen zwei oder drei Jobs zum Überleben annehmen, in den unterschiedlichsten Berufen. Aber die meisten sind mit einem tüchtigen Berufswechsel weg aus diesem System. Kunst hat auch etwas mit Berufung zu tun, denke ich - da verabschiedet man sich nicht so leicht. Man nimmt Unvernünftigkeiten auf sich.

An die Probleme im Alter mag ich gar nicht denken - Multijobbing - egal in welchen Berufen, geht bös an die Altersversorgung.

Hier in Frankreich macht sich der Staat durchaus langsam Gedanken darüber, wie Künstler mit ihrem Schaffen noch stärker mit der Qualität einer Gesellschaft verbunden werden können - und dafür ordentlich entlohnt. Wie man Wertesysteme ändern kann.

Und zwar nicht, um den Künstlern "alles reinzustopfen", sondern aus dem Wissen heraus, dass Kunst Pionierfunktion haben kann. Kunst kann leichter hinterfragen und experimentieren - aber solche Systeme sollen auch einmal anderen Berufen zugute kommen, die sich die neuen Wege nicht gleich leisten können.

Ist vielleicht auch eine Kulturfrage, die Verbindung zu sehen, dass es einer Gesellschaft so gut geht wie ihrer Kunst und Kultur? (Gab eine feine Doku auf ARTE zum Thema).
Link zu einem franz. Modell unter meinem Namen.

Zappadong said...

Oh, jetzt wird es spannend!

Erstens: Der Gedanke, alleine von meinem Schreiben leben zu müssen, macht mir eine Höllenangst (auch wenn sich das Schreiben auf drei Berufe splitten würde). Und zwar einfach deshalb, weil ich weiss, wie das mit den Verdienstmöglichkeiten aussieht. Trotzdem will ich es versuchen. Aber eben. Immer aus dieser sicheren Gewissheit heraus, dass wir die Finanzen zu zweit tragen ... und ich notfalls als Lehrerin arbeiten könnte (da würde ich genug verdienen).

Etwas besonders Erschreckendes ist ja die Frage der Altersvorsorge. Künstler haben - wie viele selbständigerwerbende oder Angestellte mit einem oder mehreren Teilpensen - keine Pensionskasse. Von der AHV (in der Schweiz) alleine zu leben, ist ein mittelprächtiges Kunststück. Wie es in Frankreich aussieht, weiss ich nicht.

Frage: Wie gehst du mit diesen Ängsten um, Petra. Oder anders herum, wie gehen sie mit dir um?

Die Arbeitssituation, die du ansprichst, bestätigt dieses von Susanna Perin angesprochene "role model", das allmählich auf die ganze Arbeitswelt übergreift. Es sind nämlich nicht nur Kulturschaffende, die sich mehr schlecht als recht durchs Leben kämpfen.

PS: Ich habe mir erlaubt, den Link auf deinen Blogeintrag unter einem Update in meinem Eintrag unterzubringen. Danke.

PvC said...

In der Tat sollte diese wichtige Diskussion auf breiter öffentlicher Ebene endlich geführt werden! Vielleicht sogar europäisch, denn es gibt Länder mit interessanten Modellen.

"Nur vom Schreiben leben" - in meinem Fall sind das ja angesehene Berufe, in die ich viel Ausbildung und Erfahrung gesteckt habe. Ich bin Journalistin mit Volontariatsausbildung, hatte viele Jahre ein eigenes PR-Büro, u.a. eine Medienagentur in Polen und arbeite inzwischen auch als Übersetzerin. In allen Berufen ist der Freie Freiwild (und zur Anstellung bin ich fast 20 Jahre zu alt).

Ich sehe täglich die brutalen Unterschiede im Honorar zwischen Qualitätsjournalismus und PR, zwischen Übersetzen für Unternehmen oder für die Kunst.
Da kann ich jeden verstehen, bei dem die Kunst auf der Strecke bleibt. Aber so dörrt eine Gesellschaft zum Marktbetrieb aus.

Trotzdem geht es mir noch gut: Ich HABE all diese Berufe. Was machen die Autorenkollegen, die nicht so leicht ausweichen können? Denen vielleicht die Buchverträge zunehmend ausbleiben, wie bei vielen seit letztem Jahr der Fall.

DAS macht mich wütend - kunstunabhängig: Dass man Menschen ein langes Studium, Berufsausbildung und Zusatzqualifikationen schmackhaft macht, um sie dann langsam ins Bildungsproletariat abzuwracken. Gleichzeitig dürfen sich aber Selbstständige und Kleinunternehmer via Steuer an den fetten Bankenrettungspaketen beteiligen und bekommen zunehmend weniger Kredite. Künstler sind eh nicht kreditwürdig.

Ich wünsche mir eine Welt, in der Schreiben wieder etwas wert ist und nicht zur Verschenkkultur verkommt. In der Menschen Kunst brauchen.

Altersversorgung: Frankreich hat ein gerechteres System. JEDER zahlt Arbeitslosen- und Rentenversicherung, auch Selbstständige + Künstler. Dafür BEKOMMT auch jeder was (ich habe leider zu lang in D. gelebt, um eine Rente voll zu bekommen). Außerdem gibt es den gesetzlichen Mindestlohn und eine Förderung, wenn man, z.B. wegen fehlender Engagements oder Monate ohne Verträge, herausfällt. In anderen Ländern zahlen Künstler außerdem einen stark ermäßigten Steuersatz.

Ängste: Ich habe gelernt, dass es bisher immer irgendwie weiter ging. Ich habe gelernt, einfachst zu genießen. Ich will zwischendurch immer wieder mal einen Job mit regelmäßigem Monatslohn und sehe dann all die Kurzarbeiter um mich herum. Aber das ist doch bei allen Selbstständigen und Firmengründern so, oder?

Ich werde außerdem immer "bestechlicher". Will heißen, ich schreibe schon lang nicht mehr für Zeitungen mit Buy-out-Verträgen, sondern lieber für Kunden mit ordentlich Geld (allerdings auch nicht für jeden, Geld ist nicht alles). Dafür leiste ich mir, ohne Honorar in meinem Blog schreiben zu dürfen, was mir gefällt.

Im Endeffekt sehe ich meine Lage hoffnungsvoll: Als eierlegende Wollmilchsau baue ich mir sich gegenseitig befruchtende Berufsfelder auf, die langsam kleine Eier für mich legen. Das geht derzeit SCHEINBAR zu Lasten der Bücher, für die nicht mehr so viel Zeit bleibt.

Das wiederum führte aber zur Entscheidung, nicht mehr alles zu schreiben, was Verlage wollen, sondern zu schreiben, was mich fasziniert, mich mit Leidenschaft erfüllt - und dazu die entsprechend leidenschaftlichen Verleger zu suchen. Ein anfangs langsamerer und mühsamer Weg, aber zwei meiner so entstandenen Bücher bringen mir wiederum Brotjobs ein...

Hart ist heutzutage, dass man "es" nie geschafft hat, immer in Bewegung bleiben muss, improvisieren. Aber das ist eine Lebenshaltung - die uns übrigens der ehem. Ostblock stark voraus hat. Sprudelt die Kultur in Osteuropa deshalb so lebendig und vielseitig, weil die Menschen dort flexibler und erfindungsreicher geworden sind?

Vielleicht wäre das ein Zukunftsausblick: Eierlegende Wollmilchsäue mit selbstbestäubenden mobilen Jobsystemen? Aber einer wertigeren staatlichen Struktur dafür?
Was wäre daran eigentlich so schlecht?

Lieber so, als sich einen langweiligen Millionär suchen zu müssen ;-)

Titus said...

Ich bin kein Kulturschaffender, zumindest nicht im klassischen Sinne (tragen wir nicht alle etwas zu unserer gesellschaftlichen Kultur bei?).

Als solcher werfe ich noch die folgenden Gedanken in die Runde:

a) Selbstüberschätzung
Ich stelle die Kunst und ihre Bedeutung für die Gesellschaft, einschliesslich Wirtschaft nicht in Abrede (Petra hat da zwei wichtige Punkte erwähnt: Pionierfunktion und Experimentierfreudigkeit).

Trotzdem: Überschätzen viele Künstler ihr künstlerisches Talent nicht auch oftmals und glauben, sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen zu können? (Bitte jetzt nicht mit faulen Eiern und Tomaten auf mich zielen :-)

b) Dieser Punkt geht in die ähnliche Richtung, jedoch aus dem Blickwinkel des «Marktes»: Der Künstlermarkt ist knallhart. Wer nicht Ausgezeichnetes leistet, geht unter. Darin unterscheidet sich diese Tätigkeit massiv von der üblichen Arbeitswelt: Da arbeiten viele, die eigentlich an der falschen Stelle sind und trotzdem werden sie für ihre nicht sehr tolle Arbeit fix bezahlt. Spontan denke ich da z. B. an die Kassierin im Supermarkt, welche - wenn überhaupt - einem knapp begrüsst und verabschiedet, kaum ein lächeln schenkt usw. und trotzdem Ende Monat ihr fixes Salär erhält. Wäre das Einkassieren eine Kunst, wären wohl viele Kassierinnen wohl nicht mehr an der Kasse...

c) Ich betrachte Künstler auch als Ein-Personen-Unternehmen. Trotz einer einzigen Person: Es braucht nicht nur einen Dienstleister (also den Künstler selbst), sondern auch einen Buchhalter, einen Vermarkter, einen Finanzchef usw. Auch ein ausgezeichneter Schreiner macht Konkurs, wenn er es unterlässt, Rechnungen zu stellen und eine Buchhaltung zu führen. Das heisst, Künstler zu sein ist mehr als nur im stillen Kämmerlein etwas Tolles zu kreieren. Der Stutz fliesst erst dann, wenn man sein Werk auch an den Mann oder die Frau bringen kann. Gerade die hier kommentierenden Schreibenden wissen, wie wichtig es ist, einen Verlag mit einem Vertrieb und Marktzugang im Rücken zu haben.

Dabei stelle ich mir vor, dass der Büchermarkt für einen schreibenden Künstler komfortabler ist (weil diese dem Künstler z. B. den Vertrieb abnehmen) als z. B. ein plastischer Künstler (wer übernimmt bei dem den «Vertrieb» seiner Kunst?).

Zappadong said...

Lieber Titus

Herzlichen Dank.

Zu a) Natürlich leiden einige an Selbstüberschätzung oder - um es anders zu formulieren - an einer Fehleinschätzung, genau wie in jedem anderen Beruf auch.

Zu b) Der Künstler fällt unter die Kategorie "selbständig Erwerbender". In dieser Kategorie überleben lange nicht alle finanziell - und leider, leider, überleben auch nicht unbedingt die Besten, sondern es ist, wie du unter c) schreibst:

Zu c) Künstler sein alleine genügt nicht, genausowenig, wie es genügt, selbständig Erwerbender zu sein und zu hoffen, die Leute werden einen schon finden - oder genau das wollen, was man im Angebot hat. Sich sozusagen einen "Kundenstamm" aufzubauen ist enorm wichtig; dem einen liegt das mehr, dem anderen weniger.

Zum Verlag, den man im Rücken hat: Meinen Verlag haben noch Dutzende von anderen Autoren im Rücken; da reicht das Geld für eine gute Vermarktung lange nicht für alle - aber wie du sagst, einige Aufgaben nimmt einen so ein Verlag schon ab (ich bin froh, muss ich meine Bücher nicht selber vertreiben).

Langer Rede kurzer Sinn: Als Künstler muss man auch ausserhalb seiner künstlerischen Arbeit tätig sein. Man ist sein eigener Buchhalter, sein eigener PR-Vertreter usw. Und man präsentiert nicht nur seine Kunst / seine Arbeit, sondern seine ganze "Firma". Dazu gehören unter anderem Erreichbarkeit, Zuverlässigkeit, nettes Auftreten usw. All dies kann man (sollte man aber nicht) sausen lassen, wenn man so bekannt ist, dass einen die Leute so oder so die Arbeit aus der Hand reissen ... (aber eben, das ist ein klitzekleiner Prozentsatz, der es so weit schafft).

Fazit: Für mich läuft Autorin sein auf dasselbe hinaus wie selbständig Erwerbende sein. Und da ist nie etwas gesichert, nie etwas garantiert, weder der Erfolg noch die finanzielle Absicherung.

文章 said...
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