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Lesen und Schreiben für alle

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Heute Morgen war der Wirtschaftsteil meiner Tageszeitung so gut, dass ich mir gedacht habe, ich würde das Blatt glatt weiterhin abonnieren, wenn das in Zukunft die Messlatte für die Berichterstattung wäre. Das Lesen der Artikel war erschütternd (Thema) und gleichzeitig eine Freude (sprachlich). Womit wir beim Thema wären.

Rund 800'000 Erwachsene in der Schweiz könnten diesen Wirtschaftsteil nicht lesen, selbst wenn man ihnen die Zeitung gratis in die Hand drücken würde. Für diese Menschen sind Buchstaben Monster, Wörter Betonwände und Sätze ein undurchdringlicher Dschungel.

Wer zu diesen 800'000 Menschen gehört, stellt sich nicht hin und posaunt seine Schwäche in die Welt hinaus - sondern versteckt sich verschämt hinter Ausflüchten und Ausreden. Und bleibt von einem bedeutenden Teil des Lebens ausgeschlossen.

Kürzlich hat sich einer - notgedrungen - zu seinem Problem bekannt und ihm ein Gesicht gegeben, das man nicht unbedingt erwartet hätte. Unser Mister Schweiz, André Reithebuch, gehört zu diesen 800'000 Menschen. Also keiner, der irgendwo am Rand steht, sondern einer mitten unter uns, einer, von dem man es nicht erwartet hätte. Bei 800'000 Betroffenen ist anzunehmen, dass jeder / jede von uns schon mal einem / einer begegnet ist - oder sogar jemanden kennt, für den das Lesen und das Schreiben keine Freude, sondern eine mühsame Qual ist, eine unsichtbare Trennscheibe, die einen vom Rest der Welt abkapselt.

Der Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben hat am 8. September einen Aufruf gestartet: Lesen und Schreiben für alle. Ziel ist es, dass in Zukunft jede Person unabhängig ihres Alters oder ihrer Herkunft Lesen Schreiben und Rechnen so erlernen kann, dass sie in der Lage ist, am öknonimischen, sozialen, kulturellen und politischen Leben teilzunehmen.

Mein Alter Ego gehört zu den 50 Erstunterzeichnern dieses Aufrufs. Bitte unterzeichnen Sie mit. Sie können das hier tun.

PS: Mr Doorman hat schon unterschrieben. Er findet, dass Svetlana (vielleicht erinnern Sie sich an sie; sie hat eine Weile für Ordnung im Zappadong-Gebäude gesorgt) unbedingt besser schreiben lernen sollte. Und Herr Merz besser lesen (wobei diese Leseschwäche wahrscheinlich andere Ursachen hat, aber Mr Doorman ist gerade ziemlich übel gelaunt wegen der ganzen Libyien-Sache und macht im Moment keine feinen Unterschiede mehr).

PPS: Bitte helfen Sie mit, den Aufruf in die Schweiz / Welt zu tragen. Danke.

Frau Zappadong

5 Kommentare:

Hanspeter Gautschin said...

Ich selbst attestiere mir ja nur eine äusserst begrenzte Intelligenz, deshalb wohl auch meine etwas dümmliche Frage: "War das nicht einmal die Kernkompetenz der öffentlichen Schulen, den Kindern das Lesen und Schreiben beizubringen?" Und: "Weshalb leisten wir uns denn noch öffentliche Schulen, wenn diese scheinbar das Allernotwendigste - nämlich das Lesen und Schreiben - nicht mehr garantieren können?" Seltsame Welt.

Doch wie gesagt:

Zappadong said...

Ja, es war einmal Kernkompetenz. Heute läuft das so quasi nebenbei. Ein Beispiel:

Bei uns im Kanton SG spielt in der Unterstufe die Rechtschreibung eine absolut untergeordnete Rolle. Dann, in der Mittelstufe, ist sie plötzlich wichtig und sollte beherrscht werden. Was mich vor Jahren dazu verleitete, einen Lehrer zu fragen, ob man von den Kindern erwarte, dass sie die korrekte Rechtschreibung in den Sommerferien zwischen der dritten und vierten Klasse lernten.

Dann gibt es - aller Lippenbekenntnisse zum Trotz - immer noch Klassengrössen von 25 bis 28 Kindern / Jugendlichen. Da verschwindet ein leseschwaches Kind schnell einmal in der Masse und geht unter.

Bis diese Kinder am Ende der Oberstufe ankommen, sind sie total demoralisiert, haben weder den Glauben noch die Hoffnung, dass das jemals gut kommt mit ihren Lesefähigkeiten und wenn sie die Schule verlassen, lesen sie kaum mehr. Was man nie richtig beherrscht hat und weiter übt, das verlernt man.

Eine Kollegin von mir unterrichtet Jugendliche in der Vorlehre. Wenn sie sie jeweils am Anfang des Jahres bittet, eine Liste mit Dingen aufzuschreiben, die sie gut können, erhält sie .... eine Liste mit all den Dingen, die diese Jugendlichen nicht können. Das ist leider kein Witz! Es gibt Jugendliche, deren Selbstwertgefühl am Ende der Schulzeit weit im negativen Bereich liegt. Und so wursteln sie vor sich hin, lesen nicht mehr, weil damit zu viel Frust verbunden wird und verlernen so langsam auch elementare Fähigkeiten.

Ich habe im Vorfeld der Kampagne sehr viel mit Dunja Hoch gesprochen, die im Liechtenstein und Kanton SG sehr aktiv ist. Wir können uns zum Teil nicht einmal ansatzweise vorstellen, was in diesem Bereich läuft (Angst-Magengeschwüre sind da ehrer noch auf der Liste der harmlosen Auswirkungen).

Titus said...

In meinem Artikel zum Thema hatte ich von «etwas läuft schief» gesprochen. Frau Zappadong hat dazu ein gutes «Beispiel» geliefert.

Wie der Website des Dachverbands zu entnehmen ist, sind über die Hälfte der Betroffenen nicht Schweizer. Jugendliche mögen vielleicht dank Schule und Lehre den Anschluss zu unseren Sprachen finden. Aber die Eltern - wo sollen diese eine unserer Landessprache lernen?

Die Antwort darauf könnte sein, die so genannte «Integrationspolitik» so zu verändern, damit sich auch erwachsene Ausländer besser verständigen können. Es dürfte auch helfen, Missverständnis zwischen den Kulturen zu vermeiden....

Schliesslich aber ist auch das nur ein Ansatz. Vorerst, und darum unterstütze ich die Aktion, geht es wirklich einmal darum, den Finger auf dieses Problem zu halten, damit dann in einem zweiten Schritt auch die entsprechenden Massnahmen unternommen werden (können) resp. die Unterstützung dafür da ist.

Zappadong said...

Es wird einen ganzen Strauss von Massnahmen brauchen, da auf dem Gebiet der Leseschwäche die verschiedensten Baustellen offen sind; die zwei grössten davon hat titus angesprochen:

- leseschwache Jugendliche und Erwachsene, die in unserem Bildungssystem "untergegangen" sind.

- Integration von ausländischen Mitbürgern.

Im Bezug auf die Integration von ausländischen Mitbürgern laufen die verschiedensten Programme (von der Kindergartenförderung bis zu Sprachkursen von Erwachsenen). Um diese Gruppe sorge ich mich weniger.

Mehr Sorgen machen mir die durch das Netz unserer Schulbildung geschlüpften. Sie sprechen Deutsch, müssen also die Sprache nicht mehr lernen; es geht um reine Lese- und Schreibkurse. Von solchen Angeboten habe zumindest ich erst gehört, als ich mit Dunja Hoch über das Problem diskutiert habe. Ich wünsche mir, dass hier vermehrt angesetzt wird - nicht zuletzt gilt es eine riesige Schamgrenze zu überwinden. Wer will schon zugeben, dass er nicht richtig lesen und schreiben kann?

bobsmile said...

Ich finde das prima, dass wieder vermehrt auf das Problem der schulischen Kernkompetenzen aufmerksam gemacht wird. Es geht ja nicht darum, aus jedem Schüler einen belesenen Literaten zu machen, sondern "nur" die grundlegendsten Fähigkeiten des Leseverstehens und Schreibens (wieder) zu lehren.
Wie mein Beispiel im Kommentar bei Titus aufzeigt, sind bei einer Leseschwäche auch andere Kompetenzen betroffen, wie zum Beispiel Mathematik. Versteht man die schriftlich gestellte Aufgabe nicht, so kann man dazu auch keinen eingeübten Dreisatz bilden.