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Von irren Autoren und noch irreren Musikern

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Gestern Abend, nach der Arbeit, las ich den Kommentar von Bruder Bernhard.

da hast natürlich recht, musiker sind als natürliche performer im vorteil.

Ich gestehe, ich habe gelacht (sorry, BB) ... denn wenn es eine Sorte Künstler gibt, die noch irrer ist als die Autoren, dann sind es die Musiker. Vorteil? Hmmmm ...

Ein Erklärungsversuch:

Ein Autor ist irr genug, sich an einen Laptop oder eine Schreibmaschine zu setzen (ja, solche Schreiberlinge gibt es tatsächlich noch), um dann mehr oder weniger für sich allein Buchstaben und Wörter zu tippen, die irgendwann eine Geschichte ergeben, die vielleicht irgendwann einen Verlag findet und mit der sich (falls der Autor nicht blöd genug war, für die Veröffentlichung zu bezahlen) irgendwann mehr oder weniger Geld verdienen lässt. Das ist - wie Bugsierer in seinem Kommentar so schön schreibt "nichtbeachtung und finanzielles scheitern sind bei den meisten die regel. alle wissen das. es ist ein hochrisikospiel, die börse ist ein kindergarten dagegen." - ein Tanz auf dem Seil ohne Netz.

Gleiches lässt sich für den Musiker sagen, nur hängt sein Seil noch höher. Denn: Während der Autor nicht mehr als ein Zimmer und einen (im Notfall billigen) Laptop braucht, sucht der Musiker erst einmal einen Proberaum und schafft sich gute (und damit teure) Instrumente an. Allein ist man noch keine Band, muss also Gleichgesinnte suchen. Wenn alles stimmt (und das ist schon schwer genug), schlägt man sich nicht nur mit (Song)Texten herum, sondern erfindet auch und vor allem die Musik dazu.

Schauen wir uns nun das mit dem Verdienst an: Autoren sind (noch) einigermassen geschützt, bei den Musikern hat der kostenlose Download die ganze Industrie auf den Kopf gestellt. Kritische Geister mögen einwenden, dass die Vertragskonditionen mit den Plattenlabels auch nicht viel besser waren, aber immerhin gab's von der gekauften Musik ein Einkommen. Die Musiker, die ich kenne, verdienen ihr Geld mit den Gigs, wo sie ihre CDs dann selbst verkaufen. Halt. Stopp. Rewind bis zum Wort verdienen. Es gibt eine Gage. Von der zieht die Band die Kosten für den Tourbus ab, bezahlt allenfalls ihren Tontechniker noch selbst, genauso wie das Nachtessen. Dann teilt sie den Rest durch die Bandmitglieder. Mein Gitarrenlehrer dazu: "Wir waren mit Beauty of Gemina in London. Coole Sache. Unterm Strich war's ein Gratisausflug - mehr nicht."

Da habe ich es einfacher. Wenn ich einen Buchvertrag unterschreibe, bekomme ich einen Vorschuss und dann später Tantiemen. An eine Lesung nehme ich eine Tasche mit meinen Büchern und ein paar anderen Schriftstellerutensilien mit und bekomme nebst Honorar Anfahrt und Essen vergütet. Das Honorar gehört mir allein, ich muss es mit niemandem teilen.

Zurück zu meinem Gitarrenlehrer. Womit er sein Geld verdient? Mit Unterrichten. "Daneben" spielt er bei Beauy of Gemina, ist Gitarrist der besten Cover Band nördlich und südlich der Alpen und verfolgt gleichzeitig sein eigenes Bandprojekt.

Ob ich tauschen würde? Jederzeit. Ich wäre gerne Rocksängerin geworden, aber leider bin ich ein musikalisches Antitalent. Die Bedingungen würden mich nicht abschrecken. Es ist halt schon so: alle wissen das. es ist ein hochrisikospiel. Aber: Ein gewaltig gutes Spiel.

PS: Vielleicht wird doch noch was aus meiner Musikerinnenkarriere. Mein Gitarrenlehrer hat gefragt, ob ich gerne Songtexte für seine Band schreiben würde. Was für eine Frage!!!

PPS: Um auf den Anfang zurückzukommen: Es ist auch von Vorteil, als Autorin eine gute Performerin zu sein. Es gibt nichts Öderes als langweilige Lesungen.

Frau Zappadong

8 Kommentare:

Hotcha said...

irre leute, diese musiker, fürwahr: teure instrumente kaufen, sich im übungsraum einmieten, dann die londoner zum gähnen bringen mit den songtexten, mit denen sie sich herumgeschlagen haben...

schweizer band, i presume, mit irre auskomponierten und perfekt einstudierten liedschlüssen - es gibt den fachbegriff 'schweizer schluss', schon gewusst?

another mythos goes down the drain. rock passiert oder dann eben nicht, mit deiner beschreibung hat er wenig zu tun, du schilderst turnhallencontent, bei allem gebührenden respekt vor euch aufmüpfigen rheintalern.

hast also nix verpasst hinter deiner olivetti ;-)

Zappadong said...

Ah, der BB haut mir die plutten Tatsachen mal wieder um die Ohren :-)

Beauty of Gemina: Keine Rockband, sondern tatsächlich durchgestylt (ich muss immer grinsen, wenn mein Gitarrenlehrer mir erzählt, wie das Publikum erschrickt, wenn er sich mal ein paar Sekündchen vergisst und etwas härter in die Saiten haut) - dafür international in ihrer Szene (die nicht meine ist - trotzdem habe ich zwei ihrer CDs gekauft, coole Stimme, cooler Sound) bekannt. Da "passiert" dann Rock halt nicht einfach, ist ja eigentlich auch kein Rock - es ist eine andere Welt, ein anderes Erlebnis, aber trotzdem eine hochspannende Sache. Gerade weil sie so professionell und kalt rüberkommt. Und dann die Stimme des Sängers ....

Bad to the Bone: Näher kann man nicht am Publikum sein. Der absolute Oberhammer und Rock pur. Ja, vielleicht sogar Turnhallencontent (obwohl die meines Wissens noch nie in einer Turnhalle gespielt haben). Denn bei uns im Rheintal waren die geilsten Konzerte die Turnhallenkonzerte (in Ermangelung irgendwelcher anderer cooler, abgefuckter Lokalitäten). Meine Güte, da geht die Post ab wie anderswo im verrauchten Schuppen. Wir sind halt zuweilen etwas simple Gemüter, wir Rheintaler. Und wenn wir keine Turnhalle haben, spielt die Band draussen und rockt die Meute in Grund und Boden.

Ja. Rock passiert. Rock passiert wie ein gutes Buch funkioniert. Entweder man fühlt ihn / es oder nicht. Aber ich will mir nicht anmassen zu bestimmen, wo und wie das zu passieren hat und ob das Zeugs einen "Schweizer Schluss" hat oder nicht.

Wenn es die billige Second-Hand Gitarre und eine Punkband sind: Gut. Wenn es mit dem Anspruch "Professionalität" angegangen wird und funktioniert: auch gut.

Und doch, ich finde, ich habe das beste aller Leben verpasst hinter meiner Olivetti. Weil ich wirklich am allerliebsten von allem Musik gemacht hätte. But that's life. Und so schlecht ist meins auch nicht ...

Hanspeter Gautschin said...

"Das beste aller Leben verpasst?"

Meinte ich auch. Wenn ich heute jedoch all die spitzbäuchigen Silberhaar-Männchen auf der Bühne herumhopsen sehe. Ich weiss nicht. Ich habe sicher gute Erinnerungen ans Rockbusiness, jedoch lausche ich heute lieber einem seelenvollen Naturjützli. The Times They Are A Changin'...

Zappadong said...

Ach ja, jünger müsste man natürlich auch nochmals sein. Schon wieder ein Vorteil für uns Schreiberlinge. Wir können vor Älte klappern - ist egal, solange wir die Tasten noch treffen.

Alice Gabathuler said...

@BB: ähm ... jetzt habe ich doch noch eine Frage. Sie beginnt mit einer Feststellung: Sogar die (sehr) brachiale Punk-Band von Zaps Freund übt im Proberaum. Okay, ich nehme scharf an, dass die nichts dafür bezahlen :-). Trotzdem: Gibt's Bands, die keinen Proberaum brauchen?

Und noch eine Feststellung: Einen Sänger zu finden ist ein mittelprächtiges Kunststück (siehe ebenfalls brachiale Punk-Band, bei der jetzt jemand mit dem Nickname "Gott" singt) - nachdem der andere sich in den europäischen Norden verkrümelt hat.

Alice Gabathuler said...

ups. zu viel und zu lange mit den Layouts gespielt und falsch eingeloggt. Ich bin's, Frau Zappadong.

Und wenn ich schon korrigieren muss: Bitte die Klammer im letzten Eintrag ganz nach hinten schieben. Danke.

Alice Gabathuler said...

öhm ... ich hab was kaputt gemacht beim Flicken. Denke ich. Sie müssen mit meinem Alter Ego vorlieb nehmen bis ich die Frau Zappadong aus dem Keller geholt habe.

Thinkabout said...

Die Kommentare sagen es schon: Schreiben ist - gegenüber Musik machen - eine höchst reduzierte Dialogform. Die Tastatur klappert - die Gitarre klimpert. Schon ein gewaltiger Unterschied.
Der geschriebene Text schliesst den Vortrag beileibe nicht ein. Gefühl, Stimmung - die Melodie ist ihr Freund, das geschriebene Lied, schon vorhanden, kann gesungen, interpretiert werden.
Der Text allein (nicht der Liedtext) - ach herrje. Wo mag er hin driften. Er hat keine Melodie, die ihm schmeichelt, keine Stimme, die ihn interpretiert, kein Instrument, das ihn übersetzt.
Der Text ist trocken. Und lange vor einem Buchvertrag, liebe Zappi, sitzt mancher Schreibende so einsam am Tisch, wie es Musiker vielleicht auch sind. Aber ihnen fällt es sehr viel leichter, mit ihrer Einsamkeit oder ihrem Zweifel zu reden, einen Dialog zu führen mit sich selbst.
Schreibend bin ich eine Art taubstumm, so lange ich nicht das Gefühl habe, jetzt wäre etwas wirklich gelungen.
Die Kommentare sind ein gutes Beispiel: Alternative, nicht etablierte Kunst - sie wird in Noten durchaus ein Thema. Texte auf gleicher Entwicklungsstufe aber bleiben stumm. Sie sind kein Thema. Und alle Welt hat alles Recht, darüber froh zu sein.