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Alltagsprobleme

Die Welt ist ein Selbstbedienungsladen. Man nimmt sich, was man gerade braucht, egal, wem es gehört und ob die Person, der man es klaut, es selber auch braucht. Innerhalb weniger Monate sind so Tochter Zap der iPod (monatelang Geld gespart, um ihn sich leisten zu können) und das Fahrrad (von den Eltern gekauft) abhanden gekommen. Das mit dem Fahrrad passierte am Wochenende und obwohl man solche Vorfälle mittlerweile als Normalfall abtut ("Fahrrad geklaut - wir müssen ja froh sein, hatte sie dieses fast vier Jahre lang."), haben sie doch ihre Auswirkungen auf den Alltag.

"Was soll denn die Hektik?", fragt Mr Doorman.
"Ich muss ins Dorf", keuche ich, meine Sachen zusammensuchend.
Mr Doorman schaut mich mitleidig an. "Es ist doch erst neun Uhr. Sie haben den ganzen Morgen Zeit."
"Den werde ich auch brauchen."
Mr Doorman nimmt mich am Arm und geleitet mich zu einem Stuhl. "Ich mache Ihnen einen Kaffee", sagt er. "Das holt sie ein wenig runter."
"Keine Zeit", antworte ich. "Ich muss los, wenn ich rechtzeitig zum Kochen zuhause sein will."
Mr Doorman schaut mich an, als ob ich krank wäre. "Sie mögen doch Einkaufen nicht", stellt er konsterniert fest. "Warum planen Sie denn, den ganzen Morgen damit zu verbringen?"
"Ich muss zur Polizei. Den Diebstahl von Tochter Zaps Fahrrad melden. Und dann den Familieneinkauf machen."
Ich sehe die Ratslosigkeit in Mr Doormans Gesicht. "Und dafür brauchen sie 2 Stunden? Das schaffen Sie doch in 45 Minuten."
"Heute nicht", antworte ich knapp. "Ich muss zu Fuss los."

Zu Fuss. Sie sollten Mr Doormans Gesicht sehen! "Nehmen Sie doch den Wagen", schlägt er vor. "Das geht schneller."
"Wir haben seit Juli keinen mehr", erinnere ich ihn.
"Dann das Fahrrad."
"Hat Zap. Sie braucht es, um zur Schule zu gehen."
Mr Doorman kratzt sich am Kopf. "Dann das Postauto."
"Da bin ich zu Fuss schneller."
"Ja, aber bis zur Polizei sind es mindestens 30 Minuten zu Fuss." Er zeigt zum Fenster. "Und es giesst wie aus Kübeln."
"Ja", antworte ich. "Deshalb muss ich jetzt wirklich gehen."
"Moment", hält er mich zurück. "Und wie bringen Sie den Familieneinkauf zu Fuss nach Hause?"
"Ich habe gedacht, Sie könnten vielleicht mitko ..." Ich breche ab. Mr Doorman sieht nicht aus, als ob er das vorhätte.
"Viel Glück", sagt er.

Ich schaffe das alles in unter zwei Stunden -samt Fahrradklauanzeige bei der Polizei (falls das Fahrrad an irgendeiner Ecke steht und von einem netten Beamten eingesammelt wird). Aber der Familieneinkauf, der sieht aus, als wäre er für einen Singlehaushalt berechnet. Sorry. Ich bin zwar gut zu Fuss, tauge aber schlecht zum Packesel.

PS: Am Dienstagabend hat sich das Problem gelöst. Nein, das Fahrrad von Zap ist nicht zum Vorschein gekommen. Nana Zappadong hat uns ihres ausgeliehen, bis wir einen Ersatz für Zaps Drahtesel haben. Damit kann ich heute wenigstens einkaufen gehen, was ich gestern nicht tragen konnte.

Frau Zappadong

11 Kommentare:

PvC said...

Oh arme Frau Zappadong!

Für mich als doppelte Ausländerin liest sich dieser Blog langsam erschreckend - mein ganzes schönes Schweizbild bricht in Scherben. Da haben wir im Ausland nämlich so ein schönes Weiße-Berge-blauer-Himmel-Postkartenvorurteil von einem super aufgeräumten, super geputzten und ganz bürgerlich braven Land. Ich hatte sogar einen Schweizer Freund, der vor vielen Jahren ausgewandert ist, weil ihm alles zu ordentlich war. Und in Straßburg regen sich die Schweizer Expats auf, wenn mal ein Auto abbrennt.

Was mach ich jetzt mit meinem schönen Klischee im Kopf? Wie stell ich jetzt um, dass die Schweiz auch globalisiert ist? ;-)

Ich drück die Daumen für bessere Zeiten,
Petra

Anonymous said...

Sehr geehrte Frau PvC,

jetzt haben Sie mich aber ganz schön zum Nachdenken gebracht. Wann ist man eine "doppelte Ausländerin"? Die Ideen, die mir dazu kommen (Klon, Übergewicht,...) zünden alle nicht recht.

Das Heidiland-Klischee der Schweiz ist übrigens seit der Sache mit den Banken international nicht mehr so ungetrübt wie auch schon. Welche neue Klischees an seine Stelle treten, male ich mir lieber nicht aus.

Hochachtungsvoll

Ihr

Rösli von Deralp

bobsmile said...

Leider sind Fahrräder bei Bahnhöfen immer sehr beliebt für unbewilligtes Entlehnen. Bei uns am Bahnhof stehen neuerdings (oder stehen die da schon lange?) Plakate von der Polizei. Nein, nicht so was wie "Vorsicht, Diebe" nein, sondern eine Bekanntmachung, dass sie die Fahrräder gleich selber einsammeln, und zwar alle ohne Velovignette, bzw. von 2008 und älter. Wer also nun sein Fahrrad vermisst, muss beim Polizeiposten IM NACHBARDORF vorstellig werden. (Die Gemeindepolizei wurde nämlich zusammengelegt, also Personaltechnisch meine ich natürlich.)
Klar, so hat es wieder mehr Platz für die neuen, schönen Fahrrad Modelle, die dann wiederum unbewilligten Entlehnern ... aber jetzt drehe ich mich im Kreis.

Fazit: Ich empfehle für Arbeits- und Schulweg einen alten Drahtesel aus der Börse, aber mit aktuellster Velo-Vignette dran. :-)

Zappadong said...

Lieber Bobsmile

Familie Zappadong fährt Drahtesel aus der Börse mit akutellster Velo-Vignette. Alles andere wäre sinnlos.

Nun hat mich der Liebe Gott mit SEHR kurzen Beinen gesegnet (ich fahre deshalb Zaps altes Kinderfahrrad und bin die Lachnummer von Zappadong-Hausen, was mir am Hut vorbeigeht) und ich habe kürzlich DAS Fahrrad meiner Träume gesehen. Super-Design, Super-Farbe, Sattel genau auf meiner Beinkürzenhöhe. Kostet CHF 1000. Ich habe dem guten Veloverkäufer ein "nein danke" beschieden, worauf er etwas unglücklich guckte (nach all meinen Begeisterungsrufen hatte er das nicht erwartet). Ich schob also eine Erklärung hintennach: "Lieber Veloverkäufer", sagte ich, ich gehe mit dem Fahrrad hauptsächlich einkaufen (Fahrradständer vor den lokalen Geschäften) und zum Bahnhof (wo es dann den ganzen Tag herumsteht)."
Er schaute mich an und sagte: "Vergessen Sie es - kaufen Sie sich was Billiges von der Börse."
Sag ich ja ... nur, bis jeztt habe ich dort noch keins gefunden (ausser bei den Kinderfahrrädern), bei dem man den Sattel so weit herunterschrauben konnte, dass er für meine Beine passt.

Petra said...

Sehr geehrter Rösli,
ich bin keine Schweizerin. Und ich lebe nicht in dem Land, in dem ich geboren bin. Und esse Schweizer Schokolade.
Huldvollst,
PvC

Anonymous said...

Sehr geehrte Frau PvC,

ich fürchte, ich hab`s immer noch nicht kapiert: auch ich lebe nicht in dem Land, in dem ich geboren wurde, und nicht in dem Land, dessen Personalausweis ich in der Tasche herumtrage, dafür esse ich Schweizer Schokolade, trinke französischen Wein, liebe italienische Lasagne und österreichischen Apfelstrudel. Bin ich dann eine doppelte oder dreifache Ausländerin? Oder ein Multikulti-Globalisierungsprodukt?

Frau Zappadong, halten Sie doch bitte schon mal ein Plätzchen im Panikraum für mich frei. Wenn ich da zulange drüber nachdenke, wer weiß, was dann passiert ... vielleicht legen Sie auch schon ein bisschen Schokolade parat?

Danke!

Hochachtungsvoll,

Ihr

Rösli von Deralp

Ps: Ich komme ohne Herbert, aber mit Adler und Lamas, hoffentlich ist das in Ordnung?

PvC said...

DER Rösli ist eine AusländerIN? Panikraum bitte auch für mich! ;-)

Ansonsten: Hab halt ein Witzle g'macht und keiner lacht... War nur eine grinsende Verbeugung an Frau Z., dass so eine wie ich sich Schokoladenbildchen an die Hirnwand kleben darf ;-)))

Zappadong said...

Liebe Frau Rösli, Liebe Frau PvC

Die Schoggi liegt bereit, die Entspannungsmusik DVD ist eingelegt und Mr Doorman hat sogar ein paar neue Kissen auf die Sofas im Panikraum gelegt (bitte nicht anheben - darunter sind die abgewetzten Stellen).

Dürfte ich aber Frau Rösli bitten, den Herbert entweder zuhause zu lassen oder gleich bei der Ankunft im Kinosaal unterzubringen (wir haben es irgendwie nicht geschafft, ihn nach Herberts Abflug zu renovieren; sieht also immer noch gleich wüst aus da drin).

PS: Falls jemand 2012 anschauen möchte: der läuft im franzöischen Kinosaal.

PPS: Mit der Schoggi bitte sparsam umgehen! Andreas K. hat kürzlich gemeldet, dass langsam der Kakao ausgeht

PPPS: Frohes Diskutieren (ich kann nicht mithalten; bin eine langweilieg Schweizerin, die in der Schweiz lebt und nur einen einzigen Pass hat - öd!)

Zappadong said...

PPPPS: Das Fahrrad ist immer noch verschollen .... GRMPF

Titus said...

Tja, vieles geht heute den Bach runter. Genau da würde ich auch suchen: In Bächen, Flüssen und deren Ufer...

Zappadong said...

Da der Fussweg zum Bahnhof gleich an mehreren Bächlein entlanggeht und auch Brücken quert, haben wir dort schon ausgiebig geguckt. Wir wurden auch fündig - nur Zaps Fahrrad war nicht dabei. Wir suchen weiter ...

PS: Eines hat mir besonders gut gefallen - ein oranges ... aber man kann ja nicht einfach selber klauen, wenn man beklaut wurde (auch wenn das orange Fahrrad offensichtlich schon zuvor von jemandem "mitgenommen" und dann am Bachufer deponiert wurde).