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Der grosse (Fussball)Frust

"Also, der Herr Brockhaus, der tut mir richtig leid", sagt Mr Doorman.
"Mir auch", antworte ich.
Wir schweigen eine Weile. Mein Blick fällt auf die Tickets für das nächste Rockkonzert, das ich besuchen werde, und ich versuche mir vorzustellen, wie das wäre, wenn ich schon auf dem Weg zum Stadion einer gröhlenden und pöbelnden Horde ausweichen müsste. Wenn ich überall auf Polizei in Kampfmontur treffen würde. Wenn ich am Eingang nicht sicher wäre, ob ich nicht irgendwas abbekomme von den Randalierern hinter mir. Wenn ich nicht sicher sein könnte, ob mich nächstens ein Wurfgeschoss trifft und meine Kleider in Brand setzt. Wenn ich fortwährend irgendwelche rassistischen Parolen gegen die Vorband oder den Typen am Schlagzeug anhören müsste. Wenn ich mich schon während des Konzerts bange fragen müsste, wie ich heil wieder aus dem Stadion komme. Wenn mein Heimweg ein Fluchtweg wäre statt ein Heimweg. Ich weiss, ich hätte kein Ticket gekauft, wenn es so wäre.

Genau in dieser Situation, in der ich nicht stecken möchte, befinden sich unzählige Fans und Zuschauer, die sich ein Fussballspiel ansehen möchten. Eine kleine Minderheit terrorisiert eine grosse Mehrheit. Und die Frage ist die: Warum lässt man das zu? Warum hat man nicht schon die Anfänge im Keim erstickt, sondern die Situation dermassen eskalieren lassen, dass man mittlerweile einen ganzen Massnahmenkatalog vorlegen und eine friedliche Mehrheit bestrafen muss, um zu retten, was zu retten ist?

Nun, für die Frage nach dem Zulassen ist es zu spät. Für das friedliche Erziehen auch (Orks sind da bekanntermassen ziemlich resistent). Und deshalb liegt jetzt eine Policy gegen Gewalt im Sport vor, die leider auch all jene trifft, die sich ganz friedlich ein Spiel ansehen möchten.

Ich sehe in den Massnahmen, wie sie diese Policy enthält, eine Chance. Aber machen wir uns keine Illusionen. In einer Übergangsfrist wird es für gar alle ungemütlich. Doch wenn die Massnahmen greifen, kann vielleicht Herr Brockhaus in hoffentlich nicht allzuferner Zukunft wieder mit seinen Freunden an einen Match gehen, ein Bierchen trinken, fachsimpeln und sich am Spiel freuen. Und wenn er sich ärgern muss, dann höchstens über den Spielverlauf und nicht über das, was neben dem Spielfeld passiert.

So bedauerlich es ist: Gratis und ohne Konsequenzen bekommen wir diesen Normalzustand nicht mehr hin. Dafür haben wir zu lange zugesehen, geredet, gewartet und nichts getan. Und um noch ein wenig philosophisch zu werden: Das gilt nicht nur für den Fussball.

"HA!", brüllt Mr Doorman neben mir
"Müssen Sie mich so erschrecken?", frage ich.
"Habe ich denn das?", fragt er zurück.
Ich sage nichts. Nun, nichts zum Erschrecken. Sondern frage: "Was ist denn so wichtig, dass Sie das halbe Haus zusammenbrüllen?"
Mr Doorman öffnet den Sportteil der Zeitung, hält ihn mir hin und befiehlt: "Lesen Sie das da."

Frau Zappadong

2 Kommentare:

Brockhaus said...

Lustig. Die Idee von Hernn Canepa hatte ich ein paar Wochen zurück schon mal in meinem Kopf.
Erst mal abwarten.

文章 said...
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