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Wo man ungestraft ganze Bahnwagen auseinandernehmen darf

"Fussball ist auch nicht mehr, was er mal war", seufzt Mr Doorman (Er hat Onkel Vladimir angerufen und ihm zur Friedenspfeife geraten statt zu Baseballschlägern oder Kalaschnikows).

Nein. Das ist er definitv nicht. Schon bei den Jüngsten stehen Väter am Spielfeldrand und brüllen sich die Lungen aus dem Leib (wobei die Wortwahl nicht immer zimperlich ausfällt). Man stürzt sich schon mal auf einen Schiedsrichter und wenn die Niederlage zu sehr frustriert, wird die Schlacht nach dem Spiel mit den Fäusten fortgesetzt.

Zu Auswärtsspielen fährt man(n) mit der Bahn, die man im besten Fall in einen Schweinestall verwandelt und im schlechtesten Fall gleich ganz verwüstet. Notbremse-Ziehen ist ein beliebter Spass. Und weil das so ist, gibt es Extra-Züge für Fussballfans (da weiss man wenigstens, welcher Zug am Ende zerstört ist - und es ist nur einer - und man weiss, auf welchem Gleis man die Polizeitruppen aufstellen muss).

Nach der Bahnfahrt folgt oft noch eine Busfahrt, wo die Zerstörungsorgie dann fortgesetzt wird. Neuerdings beginnt man mit dem Abbruch des Stations vor Spielbeginn und wartet nicht damit, bis der Match angefangen hat. Dermassen aufgewärmt, ist man dann bereit für das (illegale) Abfackeln von Petarden, im vollen Bewusstsein um das Risiko, das von diesen Feuerwerkskörpern ausgeht.

Normale Matchbesucher, die unfreiwillig mitten in solchen Situation geraten sind, erzählen Horrorgeschichten. Die Medien berichten, die Menschen regen sich auf ... und jedes Wochenende geht das Wüten fröhlich und zunehmend bedrohlicher weiter. Und wer sich dagegen wehrt, kann schon mal bedroht werden:

Karin Keller-Sutter, Vizedirektorin der Polizeidirektorenkonferenz und St. Galler Regierungsrätin: "Ein Polizeioffizier erhielt den Hinweis, man wisse, wo er wohne und wo seine Kinder zur Schule gingen. Zivilpolizisten werden zusammengeschlagen, anderen die Häuser verschmiert." (Quelle: SF DRS) Dass auch sie bedroht wird, hat sie in mehrern Interviews geäussert.

Natürlich kostet das alles auch etwas. Gucken wir doch mal genauer hin:

«Diese Einsätze kosten den Steuerzahler jede Woche eine Million Franken und das erst noch bei einer konservativen Berechnungsmethode. Dabei sind die Ausgaben für die Strafverfolgung und die Gerichte noch nicht einmal berücksichtigt», sagt Karin Keller-Sutter (Quelle: rheintaler.ch

Und das mit steigender Tendenz: "Die Situation mit Fan-Ausschreitungen hat sich in den letzten zwei Jahren nochmals verschlechtert. Im Kanton St. Gallen beispielsweise. Die Polizeieinsätze stiegen sprunghaft an: 2007 wurden 4000 Mannstunden Ordnungsdienst geleistet. 2008 warens bereits über 12000! Die Einsatzzeit hat sich also verdreifacht – und da ist der Einsatz an der Euro 08 nicht mal mit einberechnet! .... Karin Keller-Sutter (Quelle : Anzeiger)

Setzt man das in Relation mit den zum Teil heftig umstrittenen Sicherheitskosten für das alljährlich in Davos stattfindende WEF, sieht es so aus: "Dort wurden immer wieder der polizeiliche Aufwand und die Kosten kritisiert. Ich muss aber feststellen, wir haben für die Fussball- und Eishockey-Spiele jetzt jede Woche einen Aufwand wie bei einem WEF." Karin Keller-Sutter (Quelle: rheintaler.ch)

Das Problem ist längst erkannt, nach Lösungen wird immer noch gesucht. Und darum ist eine Delegation von Polizeidirektoren nach England, Holland, Belgien und Deutschland gereist und hat sich fachkundig gemacht.

Erkenntnis: "In allen vier besuchten Ländern wird gegen Gewalt im Sport entschlossener und konsequenter vorgegangen. In England, Holland und Belgien ist die Gewalt rückläufig". (Karin Keller-Sutter).

Konsequenz scheint mir dabei das Schlüsselwort zu sein. Wo man
- ungestraft Bahnwagen auseinandernehmen kann
- ungestraft Busse demolieren kann
- ungestraft Stadioneinrichtugen zu Stücken schlagen kann
- ungestraft Feuerpetarden abfeuern kann
- ungestraft Leib und Leben anderer Menschen gefährden kann
 fallen alle Hemmungen.

Es wäre an der Zeit zu handeln. Geredet haben wir lange genug. Zu lange.

PS: 1 Million Franken pro Woche macht pro Jahr 52 Millionen Franken. 52 Millionen Franken, die wir in Bildung investieren könnten.

"Es ist zum Brüllen", sagt Mr Doorman. Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Frau Zappadong

UPDATE: Auch Thinkabout hat sich Gedanken über die gewaltbereiten Hooligans gemacht.
UPDATE II: Der lesenswerte Kommentar in der NZZ zum Thema Wettskandal und Wertezerfall.
UPDATE III: Dank diesem Interview in der BAZ Online die Policy gegen Gewalt im Sport gefunden, die nächstes Jahr in Kraft treten soll (Massnahmenkatalog ab Seite 7).

10 Kommentare:

flashfrog said...

Vielleicht sollte man die Flutlicht-Masten verbieten? ;-)

Zappadong said...

ähm, sorry, ich finde das jetzt grad überhaupt nicht witzig.

Aber vielleicht ist mir ja bei der etwas längeren Recherche für diesen Eintrag der Humor gründlich abhanden gekommen.

Könnte Frau Flashfrog bitte präzisieren?

bobsmile said...

Obwohl Frau Flashfrog die Flutlichtsache noch nicht präzisiert hat, möchte ich hier auch mitbrüllen.
Mittlerweile sind jedes Wochenende 900 Polizisten im Einsatz.
Eine Fancard könnte Abhilfe schaffen, leider tangiert das dann schon wieder die bereits arg strapazierte Datenschutzthematik. Aber wenn es nicht mehr anders geht, schliesslich ist es unser aller Kohle, die da jedes Wochenende verbetardet wird!

Bruder Bernhard said...

schöne Verbindung von flashfrog zur Minarett-Debatte hahaha.

Nun im Ernst: verbieten scheint mir keine schlechte Sache - ich kann zwar verstehen, warum man den Klubs die Kosten von 52 Mio. nicht aufhalsen will, obwohl die Branche Millionengewinne macht, aber gutheissen kann ich das nicht.

Es ist eigentlich ein Wunder, dass sich die Sportclubs nicht auch mit dem Arbeitsplatzargument verteidigen (wenn wir schon über die kommenden Abstimmungen diskutieren ;-)

Zappadong said...

Ach ja, auf die Minarette bin ich dann irgendwann am Abend beim Bügeln auch noch gekommen (Stichwort: Lange Leitung). Obwohl der Vergleich hinkt wie eine lahme Ente, ist das mit dem Flutlicht-Mastenverbot keine schlechte Idee (so als letzte Massnahme).

@bobsmile: Datenschutz ist eine gute Sache, aber dort, wo sich Straftäter genüsslich dahinter verstecken können, verwirkt er seine Berechtigung. Ich bin definitiv für eine Fancard und würde in und um die Stadien die Videoüberwachung optimieren.

Zudem liefert der Bericht, auf den der Link in meinem Beitrag führt, sehr viele brauchbare Vorschläge für Massnahmen.

Zu den Ausschreitungen in Basel vom Freitag, wo Züricher Randalierer das Stadion noch vor Matchanpfiff zu zerpflücken begannen: Möglich, dass man in einer solch aufgeheizten Situation den Match nicht absagen kann - aber man könnte mindestens die Zürcher für die nächsten drei Spiele im leeren Stadion spielen lassen. Aber hat irgendjemand von irgendwelchen Konsequenzen gelesen?

@bb: Das Arbeitplatzargument kommt schon noch: Dann, wenn man die Spiele öfters vor leeren Rängen stattfinden lässt, dann, wenn sich der Unterhalt des Stadions aufgrund weniger Einnahmen und grösserer Ausgaben nicht mehr finanzieren lässt. Musst nur noch ein Weilchen warten.

Titus said...

Ich wäre ja eigentlich für die Abschaffung solcher Sportanlässe, bei denen es ja inzwischen vorwiegend auch nur um den Stutz geht. Nur kennen wir das ja von anderswo: Too big to fail gilt inzwischen auch für den millionenteuren Fussball...

Doch im Ernst: Wie schon in einem früheren Kommentar erwähnt, stört es mich, von Massnahmen zu sprechen ohne wirklich die Ursachen zu bekämpfen.

Alle bisher gehörten Massnahmen erscheinen mir so wie wenn die Feuerwehr mit dem Wasser das Feuer löschen will, jedoch der Brennstoff-Hahn nicht zugedreht wird.

Warum spricht niemand davon, den Brennstoff-Hahn zuzudrehen?

Warum bekämpft man den Hooliganismus nicht da, wo er entsteht oder entstehen kann statt mit irgendeiner Fancard Symtombekämpfung zu betreiben?

Wie ich auch bereits erwähnte, verschwindet diese sinnlose Gewalt nicht, wenn man sie aus den Stadien verbannt. Sie tritt dann einfach andernorts zu Tage. Und dann reiben wir uns verwundert die Augen, weshalb die Fancard & Co. nicht funktioniert haben...

Ich halte es daher wie Thinkabout: «Es ist Zeit, dass wir alle wieder verbindlicher erzogen werden.» Diese Erziehung ist dann, wenn eine Fancard erstellt wird, zu spät...

Zappadong said...

Ich bin völlig einig mit dir, Titus.

Nur, wir sind schon lange beim "es ist zu spät" für gewisse Leute, und denen ist halt nur noch mit Massnahmen wie einer Fancard, Stadionverbot ect. beizukommen.

Prävention alleine nützt schon lange nichts mehr. Wir müssen dort, wo es brennt, bestimmt und entschieden handeln, und dort, wo die Brandherde sind, noch mehr Prävention leisten.

Für mich ist Prävention ebenfalls Erziehung - und bei der Erziehung gilt: Der antiautoritäre Stil hat total versagt. Erziehung heisst auch, Grenzen zu setzen und dann auch konsequent handeln, wenn sie überschritten werden. Und genau da scheinen wir ein Problem zu haben.

Ich fürchte, um Fancards und andere Massnahmen aus der Policy gegen Gewalt werden wir nicht herumkommen (ich empfinde ich den Massnahmenkatalog sowiso als sehr sinnvoll).

So lange man gewalttätig sein kann, ohne dass man Konsequenzen zu befürchten hat, bleibt man das - wenn die Massnahmen aber einmal greifen und man seinem Boss / seinen Eltern erklären muss, weshalb man am Montag nicht zur Arbeit gekommen ist, könnte es sich mindestens der eine oder andere hirnlose Mitläufer nochmals überlegen. Und spätestens wenn man das erste Mal für den verursachten Schaden zur Kasse gebeten wird, rastet das Hirn vielleicht wieder ein.

Gestern auf dem Sonntagsspaziergang in der Zappadong-Pampa: Mindestens drei geklaute Velos herumliegen sehen. Und am Abend dann der endgültige Frust: Das Fahrrad von Zap ist gestohlen worden. Die Welt ist zum Selbstbedienungsladen geworden. Man nimmt sich, was man haben will, ohne Rücksicht auf Verluste. Und ich habe gerade ziemlich die Nase voll davon. Nicht nur wenn Banker sich bedienen, sondern ganz generell.

Brockhaus said...

Ich oute mich hier als langjähriger (sofern man das mit 26.8 Jahren behaupten kann) Fussballmatchbesucher. Und ich bin schon seit 2 Jahren nicht mehr an ein Auswärtsspiel gegangen weil mich diese Horde anwiedert. An Auswärtsmatches gehen nämlich auch alle die an den Heimmatches nicht rein dürfen, deshalb sind es meist auch die """"Gast-Fans"""" die besonders Gewalttätig sind. Dies nur nebenbei. Mir kommt das immer vor wie eine Horde Orks aus Herr der Ringe, einfach mal alles zertrümmern und abbrennen. Und ich nerve mich. Ich nerve mich ab Strengeren Einganskontrollen, ich nerve mich ab den jeweils grossen Polizeiaufgeboten, den Absperrungen und allem anderen was dazugehört. Und definitiv nerven werde ich mich wenn eines Tages an normalen Matches kein Bier mehr verkauft wird.

Weil wir, also meine Freunde un ich, wir wollen einfach nur gemütlich am Samstag oder Sonntag zusammen ein zwei drei Bier trinken, YB-Wurst essen, Fussballmatch schauen und in dieser Zeit über Gott, die Welt, Minarette und den Fettgehalt der Wurst diskutieren. Wir freuen uns an Choreos, an Gesang, an guter Stimmung und ärgern uns über den Rauch und Gestank der Pyros und Rauchteils.

Vor allem ärgern wir uns über die Orks. Über diese rüksichtslose Horde gewaltbereiter.

Für mich sind in erster Linie die Vereine viel mehr in die Pflicht zu nehmen. Weil ich bin mir sicher dass über 95% der Besucher an einem YB-Heimspiel anständige Leute sind. Keine Chaoten, keine Spinner sondern Leute wie du und ich, Familien, ältere Männer die schon seit 60 Jahren treue Matchbesucher sind.

Ich frage mich ernsthaft weshalb die Vereine Angst davor haben die restlichen 5% zu verlieren. Denn die bezahlen weder die teuren Eintrittskarten. Und sie erzeugen hohe Kosten für den Verein (zB die Bussen nach dem Werfen von Gegenständen oder dem Abbrennen von Pyros etc.)

Ich hasse die Situation.

flashfrog said...

Bruder Bernhard ("schöne Verbindung von flashfrog zur Minarett-Debatte hahaha") und Titus ("von Massnahmen zu sprechen ohne wirklich die Ursachen zu bekämpfen") haben mich ja zwischenzeitlich freundlicherweise hinreichend präzisiert.

>> So lange man gewalttätig sein kann, ohne dass man Konsequenzen zu befürchten hat, bleibt man das

Ähm, nö, ich bin nicht gewalttätig und das aus freien Stücken. Ich gehe zum Fussball, um mir Fussball anzuschauen, wähle einen Platz so weit wie möglich von den Chaotenblöcken entfernt und würde Brockhaus nach einem unberechtigten Penalty in der 89. Minute nicht einmal das Bier über die Schuhe kippen. :-)

文章 said...
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