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Yeah



Bild: Fab

Zap at the station. Foto by her best friend Fab. 

Und Sie, Frau Zappadong ...

...fragt Mr Doorman.
"Was, ich?", frage ich zurück.
"Wie ist Ihr Abstimmungswochenende verlaufen?"
"Zwei Mal verloren, einmal unentschieden."
"???"
"Bei den Flügern und der Ausfuhr von Kriegsmaterial auf den Sack bekommen, und zwar gehörig."
"Und bei den ... Sie wissen schon".
"Unentschieden."
"???"
"Ich habe leer eingelegt."
"Sie meinen: nüüt, nichts, nada. Ist Ihnen die Meinung ausgegangen?"
"Ich finde, dass etwas schief läuft in der Schweiz und wünschte mir einen Marschhalt."
"Dann hätten Sie Ja stimmen müssen."
"Konnte ich nicht. Ein Bauverbot ist der falsche Bauplatz."
"Dann hätten Sie Nein stimmen können."
"Wollte ich. Konnte ich aber nicht."
"???"
"Lange Geschichte. Viele Geschichten. Persönliche und andere. Und niemand, der diese Geschichten wirklich hören will. Und genau darum mein Leer."
"Und jetzt gehören Sie zum xenophoben Sauhaufen."
"Ja."
"Geht es Ihnen gut?"
"Nein."
"Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?"
"Ja, gerne."
"Und dann?"
"Dann sehen wir mal."

UPDATE: Beim Kaffeetrinken das hier gelesen und gedacht, das könnte ein Anfang sein.

Das Bild zum Sonntag


Bild: Fab

Das Magazin - ein Unterwäscheheftli

Mr Doorman und ich haben ein Problem:

Ich lese keine Wochenbeilagen, die sich als Schuh- und Unterwäscheheftli tarnen.
Mr Doorman sieht sich keine Schuh- und Unterwäscheheftli an, die sich als Mogelpackung mit sehr viel Text und keinen weiteren sexy Damen herausstellen.

Wir haben versucht, unser Dilemma zu lösen, indem wir Papierschiffli und Papierhüetli bastelten, aber irgendwie sind wir aus diesem Alter heraus (oder nicht besoffen genug). Und so wanderte das als Unterwäscheheftli getarnte Magazin ungelesen ins Altpapier.

Liebe Tages Anzeiger Leute: So was nennt man sich selber in den Fuss schiessen. Ich schlage vor, dass Ihr das nächste Mal gar keinen Text ins Magi nimmt. Er wird sowieso nicht mehr ernst genommen.

Frau Zappadong und Mr Doorman

Mr Doormans Denktank

Ich treffe Mr Doorman vor sich hinsummend im 21. Stock.
"Gut gelaunt?", frage ich.
"Ja!" Ich könnte schwören, dass er die Antwort gesungen hat.
"Darf ich daran teilhaben?"
"Ja."
Er führt mich zu einem ziemlich coolen Sofa in einen Raum, den wir meines Wissens noch gar nie betreten haben. Trotzdem hängt nicht der kleinste Staubfaden in den Zimmerecken. Der Boden ist frisch gebohnert und riecht extrem gut und die Möbel sehen aus, als hätten sie ein Vermögen gekostet.
"Äh ...", sage ich.
"Das ist mein Denktank", unterbricht mich Mr Doorman.
"Sie meinen, Ihr Think Tank", korrigiere ich.
"Nein. Denktank. Dieses englische Zeugs klingt grässlich. Und wer Think Tank hört, denkt an das Umschichten der Alpenureinwohner in den urbanen Gürtel des Mittellandes. So eine Seichidee."
Ich sehe, Mr Doorman hat sich fachkundig gemacht.
"Also dann. Denktank. Und welche Gedanken tanken Sie?"
"Unkonventionelle", kommt es wie aus der Pistole geschossen.
Na ja, unkonventionell finde ich auch die Idee mit den Alpenbewohnern, die in Zukunft durch Sihlcity geistern und sich am Konsum zu besaufen versuchen. Und die Zappadong-Versenkaktion kann man ja auch nicht gerade konventionell nennen. So. Und jetzt habe ich den Gedankensalat. Bin ich nun ein Think Tank oder schwimme ich schon in Mr Doormans Denktank? Wie auch immer. Ist eine irre Welt da draussen.

"Ist eine irre Welt da draussen", sagt Mr Doorman.
Hä, denke ich, kann der immer noch Gedanken lesen?
"Und eine irre Welt braucht unkonventionelle Lösungen für ihre Probleme."
Holla! Da wird er ja fast philosophisch, mein Mr Doorman. Er winkt mich zu sich heran, grinst und gesteht: "Ist eigentlich nicht meine Idee. Aber gut ist sie trotzdem."
"Ist sie", pflichte ich ihm bei. "Und von wem ist sie denn nun?"
"Bugsierer. Der hat eine Überdosis Francine Jordi erwischt und dann im Rauschzustand die wahre Erkenntnis gehabt."
"Die da wäre?"

"... ich weiss, das ist pures wunschdenken. zu radikal. wobei: es sind an allen ecken und enden dieser gesellschaft unkonventionelle lösungen gefragt. anders ist die tsunamihafte weltproblemliste nicht in den griff zu kriegen. wenn überhaupt."

Mr Doorman raspelt das auswendig herunter. Muss ihm also Eindruck gemacht haben.

PS: Den ganzen Bugsiererartikel gibt es hier.

Frau Zappadong

Alltagsprobleme

Die Welt ist ein Selbstbedienungsladen. Man nimmt sich, was man gerade braucht, egal, wem es gehört und ob die Person, der man es klaut, es selber auch braucht. Innerhalb weniger Monate sind so Tochter Zap der iPod (monatelang Geld gespart, um ihn sich leisten zu können) und das Fahrrad (von den Eltern gekauft) abhanden gekommen. Das mit dem Fahrrad passierte am Wochenende und obwohl man solche Vorfälle mittlerweile als Normalfall abtut ("Fahrrad geklaut - wir müssen ja froh sein, hatte sie dieses fast vier Jahre lang."), haben sie doch ihre Auswirkungen auf den Alltag.

"Was soll denn die Hektik?", fragt Mr Doorman.
"Ich muss ins Dorf", keuche ich, meine Sachen zusammensuchend.
Mr Doorman schaut mich mitleidig an. "Es ist doch erst neun Uhr. Sie haben den ganzen Morgen Zeit."
"Den werde ich auch brauchen."
Mr Doorman nimmt mich am Arm und geleitet mich zu einem Stuhl. "Ich mache Ihnen einen Kaffee", sagt er. "Das holt sie ein wenig runter."
"Keine Zeit", antworte ich. "Ich muss los, wenn ich rechtzeitig zum Kochen zuhause sein will."
Mr Doorman schaut mich an, als ob ich krank wäre. "Sie mögen doch Einkaufen nicht", stellt er konsterniert fest. "Warum planen Sie denn, den ganzen Morgen damit zu verbringen?"
"Ich muss zur Polizei. Den Diebstahl von Tochter Zaps Fahrrad melden. Und dann den Familieneinkauf machen."
Ich sehe die Ratslosigkeit in Mr Doormans Gesicht. "Und dafür brauchen sie 2 Stunden? Das schaffen Sie doch in 45 Minuten."
"Heute nicht", antworte ich knapp. "Ich muss zu Fuss los."

Zu Fuss. Sie sollten Mr Doormans Gesicht sehen! "Nehmen Sie doch den Wagen", schlägt er vor. "Das geht schneller."
"Wir haben seit Juli keinen mehr", erinnere ich ihn.
"Dann das Fahrrad."
"Hat Zap. Sie braucht es, um zur Schule zu gehen."
Mr Doorman kratzt sich am Kopf. "Dann das Postauto."
"Da bin ich zu Fuss schneller."
"Ja, aber bis zur Polizei sind es mindestens 30 Minuten zu Fuss." Er zeigt zum Fenster. "Und es giesst wie aus Kübeln."
"Ja", antworte ich. "Deshalb muss ich jetzt wirklich gehen."
"Moment", hält er mich zurück. "Und wie bringen Sie den Familieneinkauf zu Fuss nach Hause?"
"Ich habe gedacht, Sie könnten vielleicht mitko ..." Ich breche ab. Mr Doorman sieht nicht aus, als ob er das vorhätte.
"Viel Glück", sagt er.

Ich schaffe das alles in unter zwei Stunden -samt Fahrradklauanzeige bei der Polizei (falls das Fahrrad an irgendeiner Ecke steht und von einem netten Beamten eingesammelt wird). Aber der Familieneinkauf, der sieht aus, als wäre er für einen Singlehaushalt berechnet. Sorry. Ich bin zwar gut zu Fuss, tauge aber schlecht zum Packesel.

PS: Am Dienstagabend hat sich das Problem gelöst. Nein, das Fahrrad von Zap ist nicht zum Vorschein gekommen. Nana Zappadong hat uns ihres ausgeliehen, bis wir einen Ersatz für Zaps Drahtesel haben. Damit kann ich heute wenigstens einkaufen gehen, was ich gestern nicht tragen konnte.

Frau Zappadong

Der grosse (Fussball)Frust

"Also, der Herr Brockhaus, der tut mir richtig leid", sagt Mr Doorman.
"Mir auch", antworte ich.
Wir schweigen eine Weile. Mein Blick fällt auf die Tickets für das nächste Rockkonzert, das ich besuchen werde, und ich versuche mir vorzustellen, wie das wäre, wenn ich schon auf dem Weg zum Stadion einer gröhlenden und pöbelnden Horde ausweichen müsste. Wenn ich überall auf Polizei in Kampfmontur treffen würde. Wenn ich am Eingang nicht sicher wäre, ob ich nicht irgendwas abbekomme von den Randalierern hinter mir. Wenn ich nicht sicher sein könnte, ob mich nächstens ein Wurfgeschoss trifft und meine Kleider in Brand setzt. Wenn ich fortwährend irgendwelche rassistischen Parolen gegen die Vorband oder den Typen am Schlagzeug anhören müsste. Wenn ich mich schon während des Konzerts bange fragen müsste, wie ich heil wieder aus dem Stadion komme. Wenn mein Heimweg ein Fluchtweg wäre statt ein Heimweg. Ich weiss, ich hätte kein Ticket gekauft, wenn es so wäre.

Genau in dieser Situation, in der ich nicht stecken möchte, befinden sich unzählige Fans und Zuschauer, die sich ein Fussballspiel ansehen möchten. Eine kleine Minderheit terrorisiert eine grosse Mehrheit. Und die Frage ist die: Warum lässt man das zu? Warum hat man nicht schon die Anfänge im Keim erstickt, sondern die Situation dermassen eskalieren lassen, dass man mittlerweile einen ganzen Massnahmenkatalog vorlegen und eine friedliche Mehrheit bestrafen muss, um zu retten, was zu retten ist?

Nun, für die Frage nach dem Zulassen ist es zu spät. Für das friedliche Erziehen auch (Orks sind da bekanntermassen ziemlich resistent). Und deshalb liegt jetzt eine Policy gegen Gewalt im Sport vor, die leider auch all jene trifft, die sich ganz friedlich ein Spiel ansehen möchten.

Ich sehe in den Massnahmen, wie sie diese Policy enthält, eine Chance. Aber machen wir uns keine Illusionen. In einer Übergangsfrist wird es für gar alle ungemütlich. Doch wenn die Massnahmen greifen, kann vielleicht Herr Brockhaus in hoffentlich nicht allzuferner Zukunft wieder mit seinen Freunden an einen Match gehen, ein Bierchen trinken, fachsimpeln und sich am Spiel freuen. Und wenn er sich ärgern muss, dann höchstens über den Spielverlauf und nicht über das, was neben dem Spielfeld passiert.

So bedauerlich es ist: Gratis und ohne Konsequenzen bekommen wir diesen Normalzustand nicht mehr hin. Dafür haben wir zu lange zugesehen, geredet, gewartet und nichts getan. Und um noch ein wenig philosophisch zu werden: Das gilt nicht nur für den Fussball.

"HA!", brüllt Mr Doorman neben mir
"Müssen Sie mich so erschrecken?", frage ich.
"Habe ich denn das?", fragt er zurück.
Ich sage nichts. Nun, nichts zum Erschrecken. Sondern frage: "Was ist denn so wichtig, dass Sie das halbe Haus zusammenbrüllen?"
Mr Doorman öffnet den Sportteil der Zeitung, hält ihn mir hin und befiehlt: "Lesen Sie das da."

Frau Zappadong

Wo man ungestraft ganze Bahnwagen auseinandernehmen darf

"Fussball ist auch nicht mehr, was er mal war", seufzt Mr Doorman (Er hat Onkel Vladimir angerufen und ihm zur Friedenspfeife geraten statt zu Baseballschlägern oder Kalaschnikows).

Nein. Das ist er definitv nicht. Schon bei den Jüngsten stehen Väter am Spielfeldrand und brüllen sich die Lungen aus dem Leib (wobei die Wortwahl nicht immer zimperlich ausfällt). Man stürzt sich schon mal auf einen Schiedsrichter und wenn die Niederlage zu sehr frustriert, wird die Schlacht nach dem Spiel mit den Fäusten fortgesetzt.

Zu Auswärtsspielen fährt man(n) mit der Bahn, die man im besten Fall in einen Schweinestall verwandelt und im schlechtesten Fall gleich ganz verwüstet. Notbremse-Ziehen ist ein beliebter Spass. Und weil das so ist, gibt es Extra-Züge für Fussballfans (da weiss man wenigstens, welcher Zug am Ende zerstört ist - und es ist nur einer - und man weiss, auf welchem Gleis man die Polizeitruppen aufstellen muss).

Nach der Bahnfahrt folgt oft noch eine Busfahrt, wo die Zerstörungsorgie dann fortgesetzt wird. Neuerdings beginnt man mit dem Abbruch des Stations vor Spielbeginn und wartet nicht damit, bis der Match angefangen hat. Dermassen aufgewärmt, ist man dann bereit für das (illegale) Abfackeln von Petarden, im vollen Bewusstsein um das Risiko, das von diesen Feuerwerkskörpern ausgeht.

Normale Matchbesucher, die unfreiwillig mitten in solchen Situation geraten sind, erzählen Horrorgeschichten. Die Medien berichten, die Menschen regen sich auf ... und jedes Wochenende geht das Wüten fröhlich und zunehmend bedrohlicher weiter. Und wer sich dagegen wehrt, kann schon mal bedroht werden:

Karin Keller-Sutter, Vizedirektorin der Polizeidirektorenkonferenz und St. Galler Regierungsrätin: "Ein Polizeioffizier erhielt den Hinweis, man wisse, wo er wohne und wo seine Kinder zur Schule gingen. Zivilpolizisten werden zusammengeschlagen, anderen die Häuser verschmiert." (Quelle: SF DRS) Dass auch sie bedroht wird, hat sie in mehrern Interviews geäussert.

Natürlich kostet das alles auch etwas. Gucken wir doch mal genauer hin:

«Diese Einsätze kosten den Steuerzahler jede Woche eine Million Franken und das erst noch bei einer konservativen Berechnungsmethode. Dabei sind die Ausgaben für die Strafverfolgung und die Gerichte noch nicht einmal berücksichtigt», sagt Karin Keller-Sutter (Quelle: rheintaler.ch

Und das mit steigender Tendenz: "Die Situation mit Fan-Ausschreitungen hat sich in den letzten zwei Jahren nochmals verschlechtert. Im Kanton St. Gallen beispielsweise. Die Polizeieinsätze stiegen sprunghaft an: 2007 wurden 4000 Mannstunden Ordnungsdienst geleistet. 2008 warens bereits über 12000! Die Einsatzzeit hat sich also verdreifacht – und da ist der Einsatz an der Euro 08 nicht mal mit einberechnet! .... Karin Keller-Sutter (Quelle : Anzeiger)

Setzt man das in Relation mit den zum Teil heftig umstrittenen Sicherheitskosten für das alljährlich in Davos stattfindende WEF, sieht es so aus: "Dort wurden immer wieder der polizeiliche Aufwand und die Kosten kritisiert. Ich muss aber feststellen, wir haben für die Fussball- und Eishockey-Spiele jetzt jede Woche einen Aufwand wie bei einem WEF." Karin Keller-Sutter (Quelle: rheintaler.ch)

Das Problem ist längst erkannt, nach Lösungen wird immer noch gesucht. Und darum ist eine Delegation von Polizeidirektoren nach England, Holland, Belgien und Deutschland gereist und hat sich fachkundig gemacht.

Erkenntnis: "In allen vier besuchten Ländern wird gegen Gewalt im Sport entschlossener und konsequenter vorgegangen. In England, Holland und Belgien ist die Gewalt rückläufig". (Karin Keller-Sutter).

Konsequenz scheint mir dabei das Schlüsselwort zu sein. Wo man
- ungestraft Bahnwagen auseinandernehmen kann
- ungestraft Busse demolieren kann
- ungestraft Stadioneinrichtugen zu Stücken schlagen kann
- ungestraft Feuerpetarden abfeuern kann
- ungestraft Leib und Leben anderer Menschen gefährden kann
 fallen alle Hemmungen.

Es wäre an der Zeit zu handeln. Geredet haben wir lange genug. Zu lange.

PS: 1 Million Franken pro Woche macht pro Jahr 52 Millionen Franken. 52 Millionen Franken, die wir in Bildung investieren könnten.

"Es ist zum Brüllen", sagt Mr Doorman. Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Frau Zappadong

UPDATE: Auch Thinkabout hat sich Gedanken über die gewaltbereiten Hooligans gemacht.
UPDATE II: Der lesenswerte Kommentar in der NZZ zum Thema Wettskandal und Wertezerfall.
UPDATE III: Dank diesem Interview in der BAZ Online die Policy gegen Gewalt im Sport gefunden, die nächstes Jahr in Kraft treten soll (Massnahmenkatalog ab Seite 7).

Die Antwort des Tages ...

... kommt von dem kleinen Mann mit der grossen Nase:

Um Ihrer Partei, der FDP, den zweiten Bundesratssitz zu sichern, könnte ein Rücktritt vor den Wahlen 2011 sinnvoll sein. Treten Sie vorzeitig zurück?
Das müssen Sie den Parteipräsidenten Fulvio Pelli fragen.
 (Quelle)

Nichtniedlicher Krieg

Mr Doorman fingert an seinen Manschnettenknöpfen herum. Er muss sichtlich Anlauf holen für das, was er gleich sagen wird. "Onkel Vladimir hat angerufen und gefragt, ob es sicher genug sei in der Schweiz."

Das ist eine gute Frage in einer Zeit, in der kleine Männer mit grossen Nasen nicht gerade eine gute Falle machen, man als Rekrut riskiert, von seinen Vorgesetzten in Friedenszeiten in den Tod geführt zu werden und - wenn wir schon beim Thema sind - die Armee aufgrund inkompatibler Systeme nicht einmal den Weg zur ultimativen Manöverübung findet. Es ist eine gute Frage in einer Zeit, in der wir die Panik vor der Pandemie im Frühjahr eingehämmert bekommen und im Spätherbst der Impfstoff für die Grippe von heute erst übermorgen den Weg in unsere Körper findet (falls überhaupt).

Ich seufze. Mr Doorman nimmt das als Zeichen, etwas Genauer zu werden. "Er will doch zu Weihnachten wieder einmal zu Besuch kommen."

(Zwischenbemerkung: Zappadong-Leser der ersten Stunde erinnern sich vielleicht an unsere erste Weihnacht hier drin ... sie verlief leicht chaotischer als eine Militärübung mit inkompatiblen Systemen).

"Da sehe ich jetzt kein generelles Problem", erwidere ich (und behalte das spezifische Problem - das Benehmen von Mr Doormans Verwandtschaft - für mich).
"Ich schon." Es ist Mr Doorman peinlich, das erkenne ich auf die 1.50 Meter Abstand zwischen ihm und mir genaustens.
"Dann erzählen Sie mal", fordere ich ihn auf.
"Diese Idioten hier ..." Er faltet die Zeitung auf der Theke auseinander und zeigt mit dem Finger auf diesen Artikel. 

Ich seufze erneut. Er hat recht. Wir haben Krieg in der Schweiz. Einen Krieg, den wir friedlichen Schweizer so lange verniedlicht haben (denn nicht wahr, wir Schweizer haben kein Problem mit der Gewalt, friedliebend, wie wir sind; sind doch liebe Jungs, nur ein bisschen hitzig, und überhaupt, ist alles nur halb so schlimm), bis er auch mit dem besten Willen nicht mehr als niedlich eingestuft werden konnte. Und jetzt haben wir den Salat. Respektive den nichtniedlichen Krieg.

"Ich weiss nicht, was Sie Onkel Vladimir sagen sollen", sage ich. "Aber ich hatte eigentlich nicht den Eindruck, dass er vor solchen Krawallbrüdern Angst hat."
"Hat er auch nicht. Er weiss nur nicht, ob er die Basketballschläger oder doch besser die Kalaschnikows mitbringen soll."

Und ich weiss jetzt nicht mehr, ob ich mich auf Weihnachten freuen soll oder nicht.

UPDATE und PS: Kann mir jemand verraten, warum ein solches Spiel überhaupt angepfiffen wird? - Um noch mehr Gewalt zu verhindern? 

Education is not for sale

"Was soll ich damit?", fragt Mr Doorman.
"Aufhängen", sage ich. "Am besten gleich an jeder Tür im Gebäude."

ERKLÄRUNG DER LEHRENDEN UND FORSCHENDEN

Im Rahmen einer internationalen Aktionswoche "Education is not for sale" haben auch an schweizerischen Universitäten (Basel, Bern, Fribourg, Genf, Zürich) zahlreiche Studierende mit Demonstrationen, Besetzungen, Diskussionsveranstaltungen und oft originellen Aktionen auf ihre Anliegen aufmerksam gemacht. Sie kritisieren die Bologna-Reform, die allgemeine Tendenz zur Ökonomisierung der Hochschulen, undemokratische Strukturen, die Untervertretung der Frauen bei Professuren und Leitungsfunktionen, die soziale Selektivität (Studiengebühren u.a.) sowie die oft schlechten Studien- und Arbeitsbedingungen (dabei haben sie nicht selten auch an das Reinigungspersonal und andere Angestellte in unqualifizierter Beschäftigung gedacht).
Bisher haben Hochschulverantwortliche und bildungspolitische Behörden – wenn überhaupt – mit wenig Verständnis auf diese Proteste reagiert. Aus den Reihen des Mittelbaus und der Dozierenden ist es nur vereinzelt zu wohlwollenden Stellungnahmen gekommen. Daran möchten wir etwas ändern.
Aufgrund unserer Erfahrungen in Forschung und Lehre sind wir überzeugt, dass die von den Studierenden aufgeworfenen Fragen von grosser Bedeutung für die Zukunft der Hochschulen sind. Wir wissen zudem, dass auch unter den Forschenden und Dozierenden viel Unmut und Kritik an den gegenwärtigen Entwicklungen im Hochschulbereich verbreitet ist. Der mit der Verschulung des Studiums gestiegene Betreuungs-/Kontrollaufwand, die mit der forcierten Drittmittelorientierung verbundene Gefahr des Verlusts an kritisch-unabhängiger Forschung oder die in Managerdiskurse gehüllte Bürokratisierung der organisatorischen Strukturen der Hochschulen führen zu einer schleichenden Verschlechterung der Arbeitsbedingungen des wissenschaftlichen Lehr- und Forschungspersonals.
Wie die protestierenden Studierenden setzen wir uns dafür ein, dass die Hochschulen nicht auf die doppelte Funktion zugeschnitten werden, einerseits mit wenig Aufwand eine grosse Zahl von "arbeitsmarktbefähigten" Subjekten sowie darüber hinaus eine schmale Elite der "Exzellenz" zu produzieren. Wir schliessen diese Erklärung mit einem dreifachen Aufruf:
1) An die Hochschulverantwortlichen und die bildungspolitischen Behörden richten wir die Aufforderung, die studentischen Proteste ernst zu nehmen und die Bedingungen für eine breite öffentliche Diskussion zu schaffen, in der die an den Hochschulen studierenden und arbeitenden Menschen in angemessener Weise zu Wort kommen.
2) An die Kolleginnen und Kollegen in Forschung und Lehre wenden wir uns mit der Aufforderung, in die aktuellen politischen Auseinandersetzungen einzugreifen, ihren Unmut und ihre Kritik öffentlich zu äussern und in einen ehrlichen und (selbst)kritischen Dialog mit den Studierenden zu treten; dabei könnte das Ziel verfolgt werden, ähnlich wie die Kollegen und Kolleginnen in Österreich einen eigenen Forderungskatalog aufzustellen (siehe unter: http://unsereuni.at/?p=6188).
3) An die protestierenden Studierenden richten wir die Ermunterung, sich durch ignorante oder arrogante Reaktionen nicht entmutigen zu lassen, sowie den Wunsch, den Austausch mit Forschenden und Dozierenden zu suchen sowie bei ihren Diskussionen und Forderungen auch an die Menschen zu denken, die keinen Zugang zu Hochschulbildung haben.

Anmerkung Frau Zappadong: Wer diese Erklärung unterschreiben möchte, kann das hier tun.

Die wahren Kreativen und die Verkennung ihres Genies

Hätte mich Mr Doorman nicht in letzter Sekunde zurückgehalten, hätte ich heute aus Zorn die Zeitung gefressen.

"HALT!", ruft er. "Was um Himmels Willen tun Sie da?"
Ich gucke auf das zerknüllte Papierknäuel in meiner Hand und frage mich das auch. Mich muss der heilige Zorn so sehr gepackt haben, dass ich wie von Sinnen reagiert habe. Nicht gerade das, was man sich unter Gelassenheit vorstellt. Nun, ich übe sie (die Gelassenheit) zwar fleissig, aber manchmal kommt sie mir abhanden. Heute zum Beispiel.

Da haben doch tatsächlich ein paar kreative Banker auf den Tod von invaliden Menschen gewettet - weil sie sich davon einen riesigen Gewinn versprachen (via).

Arbeiten tun diese Kreativen für die Deutsche Bank und dort droht man uns (den Normalsterblichen, auf deren Tod wahrscheinlich hinter unserem Rücken auch gewettet wird - und wenn nicht, dann mindestens auf unsere Dummheit) laut, deutlich und klar damit, dass es mit unserem Wachstum und unserem Wohlstand zu Ende geht, (via) wenn  ... tja, wenn wir den kreativen Ideen der Kreativen zu sehr Grenzen setzen. Und dann stand da eben dieser Satz, der mich leicht (*hüstel*) aus dem Tritt gebracht hat:  

Die Banken und einige Politiker drängen darauf, dass die neuen Bestimmungen erst nach Beendigung der aktuellen Krise eingeführt werden.

So ganz nach dem Motto: Nach der Krise ist vor der Krise. Oder vor der Krise ist nach der Krise. Das ist doch wahrlich zum die Zeitung fressen. Oder zum sich 2012 zum zweiten Mal reinzuziehen.

Wortschöpfung des Tages

Mr Doorman hängt über der Theke und japst nach Luft. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er es mit dem Morgentraining etwas übertrieben hat oder ob er gleich sterben wird (nun, das eine könnte vom andern abhängen). Aber dann merke ich, dass er an einem ziemlich heftigen Lachanfall leidet.

Ich klopfe ihm auf den Rücken, hole ein Glas Leitungswasser, das ich ihm über den Kopf schütte und warte, bis er sich erholt.

"Was ist?", frage ich.
"Also, der kleine Mann mit der grossen Nase hat ja grandiose Wortschöpfungen auf Lager (siehe weiter unten), aber diese Woche hat ihn Herr Grübel mit Lichtgeschwindigkeit überholt." Mein Türsteher deutet auf den Computer-Bildschirm.
Oha, denke ich, die Seite des Haudegens aus Arlesheim. Na, dann schnalle ich mich besser mal an. Der Mann hatte in den letzten paar Tagen bedenklich schlechte Laune. Sogar der nette Herr Federer ging ihm auf den Keks.

Heute ist ihm der Herr Grübel von der too big to fail Bank über die Leber gelaufen. Aus verständlichen Gründen. Denn: Was der von sich gibt, befindet sich schon in einer Ärgernisklasse für sich.

Einfach köstlich, wie Herr Grübel den Vulgärausdruck "Schrottpapier" bankpolitisch-korrekt umdeutet:
Das sind keine Schrottpapiere, das sind ausgewählte illiquide Mittel, welche die Nationalbank übernommen hat.
Na ja, über das Wort "köstlich" könnte man diskutieren, Herr Messmer ... Aber wie Sie richtig sagen, es kommt ja noch viel besser, denn die too big to fail Bank hätte der Nationalbank gerne noch einen weiteren Stapel ausgewählter illiquider Mittel überlassen - nur, die Nationalbank wollte nicht. Tztztztztz ...

Mr Doorman, der sich mittlerweile erholt hat, guckt mich an. "Ich habe da eine Geschäftsidee", sagt er.
Mir fürcht's!
"Wir könnten ein Definitions-Wörterbuch herausgeben", fährt er ungerührt weiter. Die ersten drei Begriffe hätten wir dann schon:

Schrottpapiere = ausgewählte illiquide Mittel(Grübel)
Stellenabbau = sukzessive Reduktion des Mengengegerüsts beim Personal (Merz)
grössenwahnsinnig = too big to fail (??? würde mich Wunder nehmen ...)

Ja, das könnte was werden. "Suchen Sie schon mal einen Verlag", schlage ich vor. Aber passen Sie auf, dass man Ihnen als Vorschuss keine ausgwählten illiquiden Mittel anbietet.

What it's like - Gegen das Vergessen

Der folgende Blogeintrag ist einer von mehreren Solidaritätsbeiträgen für die in Libyen festgehaltenen Schweizer.

Aus unseren Lautsprecherboxen dröhnt What it's like von Everlast. Und beim Refrain singt Mr Doorman ziemlich laut und nur leicht falsch mit:

God forbid you ever had to walk a mile in his shoes
'Cause then you really might know what it's like to sing the blues
Then you really might know what it's like


Sobald der Song fertig ist, drückt Mr Doorman die Repeat-Taste. Sieben What it's like später schaut er mich an und sagt: "Fragen Sie sich manchmal auch, wie es ist?"
"Was?", frage ich.
"Eine Geisel zu sein."
"Nein", sage ich und schäme mich ein wenig. Seit Monaten berichten die Zeitungen von den zwei in Libyen Festgehaltenen und ich weiss trotzdem nicht viel mehr, als dass der kleine Mann mit der grossen Nase jämmerlich versagt hat. Aber die Geiseln? Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich vor allem über den kleinen Mann mit der grossen Nase geärgert - die Geiseln waren einfach Geiseln. Wie sich das anfühlt, habe ich mir nie überlegt.

Mr Doorman sagt: "Dann überlegen Sie mal" und drückt auf die Repeat-Taste. Ich überlege.

Ich weiss nicht, wie es ist, eine Geisel zu sein. Ich weiss nicht, was man den ganzen Tag tut und was man sich den ganzen Tag fragt. Ich weiss nicht, wie fest einen die Angst im Griff hat und was sie mit einem macht. Ich weiss nicht, wie man damit umgeht, seine Familie nicht sehen zu können. Ich weiss eigentlich gar nichts. Und ich überlege mir, ob ich nichts weiss, weil ich nichts wissen will. Weil ausblenden einfacher ist, als darüber nachzudenken. Weil sich über den kleinen Mann mit der grossen Nase zu ärgern einfacher ist als sich in die Haut der Geiseln oder deren Familie zu versetzen.

God forbid you ever had to wake up to hear the news

'Cause then you really might know what it's like to have to lose

Then you really might know what it's like

Irgendwo habe ich einmal gelesen, was eine ehemalige Geisel gesagt hat: Nämlich, dass es wichtig ist zu wissen, dass man nicht vergessen gegangen ist. Und dass es für die Angehörigen wichtig ist zu wissen, dass sie nicht allein sind. Das macht für mich Sinn. Und deshalb schreibe ich ein Spruchband für das Zappadong-Dach.

Gegen das Vergessen unserer Geiseln in Libyen.
Ihr seid nicht allein.

An dieser Solidaritätsaktion beteiligen sich auch:

Augenreiberei: 487 Tage
Bobsmile: Wider des Vergessens - Heute: Libyen
Die Kreide: Vergeiseln
La Triperie (Bruder Bernhard): Die Katzen des Muammar al-Gaddafi
Thinkabout: Wir vergessen die Menschenrechte UND die Menschen nicht
Lupe: Zwei Schweizer Geiseln in Libyen - na und?

Frau Zappadong und Mr Doorman

Raus aus dem Dreck

Mr Doorman repariert den Versenkmechanismus, der gleichzeitig auch der Ausfahrmechanismus ist. Weil: Wir müssen das Zappadong-Gebäude aus dem Dreck hieven. Damit wir unsere Spruchbänder auf dem Dach anbringen können. Zum Beispiel das da:

ALLE SECHS SEKUNDEN STIRBT EIN KIND AN HUNGER.

Gottes Werk - Ein etwas anderes Wort zum Sonntag

Heute, beim Zeitungslesen, ist mir kurz schwummrig geworden. Da hat scheint's der Chef von Goldman-Sachs (das ist eine der too big to fail Dinger, die der Staat retten musste) seine geplanten Allzeit-Hoch-Bonuszahlungen für dieses Jahr sinngemäss so verteidigt: Die Bank helfe den Unternehmen zu wachsen uns so mehr Wohlstand zu schaffen, sie erfülle einen gesellschaftlichen Zweck. Und er - so die Schlussfolgerung von Herrn Lloyd Blankfein (so heisst der feine Herr Chef) - sei nur ein Banker, der Gottes Werk tut.

"Schön für ihn", brummt Mr Doorman. Und schiebt eine ziemlich unchristliche Frage hintennach: "Sollen wir ihm den Teufel auf den Hals hetzen? Ich kenne da jemanden, der ..."

"Nicht heute", sage ich. "Es ist Sonntag."

Und ich denke daran, wie gestern die Welt untergegangen ist. Ohne Gott und ohne Teufel. Einfach so (na ja, die Sonne war schuld). Die Special Effects waren einsame Klasse. Und der Woody Harrelson, der sollte persönlicher Berater von Herrn Blankfein werden. Das könnte fegen. Ob mit oder ohne Feuer.

Schönen Sonntag.

EDIT: Dank Thomas sollte jetzt auch Woody H.s Nachname stimmen.

(Erfolgreich) investieren

Mr Doorman und ich haben investiert. Er in seine eigenen Orangen, ich in die Sängerin Inge M. (ich will nicht in genmanipulierte Orangen aus Sibirien investieren - irgendwo hat alles seine Grenzen, auch wenn es Mr Doormans Orangen sind).

Inge M. fand ich auf Sellaband. Das ist eine Plattform, auf der sich Musiker und Bands präsentieren und ganz normale Leute wie ich (*hüstel*) sich als Produzenten betätigen, indem sie "Believers" werden. Das geht so: Man kann "Parts" kaufen und damit die Künstler seiner Wahl finanziell unterstützen.

(Zwischenruf Mr Doorman: "10 Dollar pro Part! So Kleinviehzeugs. Kaufen Sie lieber meine Orangenaktien!")

50'000 Dollar sind so für Inge in rund 1 1/2 Jahren zusammengekommen. Und mit diesem Geld finanziert sie sich nun ihr Album.

(Zwischenruf Mr Doorman: "Von dem Frau Zappadong dann ein paar Stück gratis bekommt. Und mit sehr viel Glück mal einen Anteil am Gewinn ...." (lautes Lachen) )

(Zwischenruf Frau Zappadong: "Halten Sie die Klappe!")

Wobei, er hat schon recht, der Mr Doorman. Bis jetzt hat da noch nichts herausgeschaut. Und ganz ehrlich: Da wird auch nicht viel mehr als ein paar Gratis-CDs herausschauen. Mir egal. Mir reicht es zu wissen, dass nicht zuletzt dank meiner Hilfe zurzeit eine Handvoll Musikerinnen und Musiker im Studio ist und sich damit einen Traum erfüllen kann.

(Zwischenruf Mr Doorman: .... öhm, nein ... kein Zwischenruf ... )

Leider gabs bei Sellaband dieses Jahr heftige Turbulenzen. Guter Wille und gutes Management laufen dummerweise nicht automatisch Hand in Hand. In letzter Zeit mehren sich die Anzeichen, dass es wieder aufwärts gehen könnte.

Inge M hat einen ersten Gipfel schon mal erreicht. Gratulation!

(Zwischenruf von Mr Doorman: "Von mir auch! - Und jetzt kaufen Sie endlich diese Orangenaktien!)

Als ich lange genug geguckt hatte ...

... ging ich weg und hinterliess Mr Doorman die Wochenendbeilage des Tages Anzeigers, die aussah wie ein Werbeheftchen für Stöckelschuhe.

Bevor ich ging, riss ich noch einen Artikel über Alex Capus aus der NZZ am Sonntag und steckte ihn an die Pinwand über dem Bürocomputer. Dann beschloss ich, wie Alex Capus zu werden und reiste befreit ab.

(Zwischenbemerkung: Ich habe den Artikel online nicht gefunden. Und fasse deshalb zusammen: Der Capus ist ein Freigeist und eine unabhängige Seele - deshalb nimmt er unter anderem nicht an den Solothurner Literaturfesttagen teil.)

Ich bin noch viel befreiter zurückgekommen.

Und musste erst einmal lachen. Mr Doorman hat mir nämlich einen ganzseitigen Artikel des Tages Anzeigers auf die Theke der Reception gelegt - ein Portrait über die Frau, die die Stöckelschuhe aus dem Schuheftchen vom Samstag entwirft. Er hat einen Smiley dazugezeichnet. So einen ;-) Und unter dem Artikel steht: Wir treffen uns im Bügelzimmer zu einer Runde Russisch Roulette. Yeah.

Der kleine Mann mit der Nase ist weg

Und das ging so: Vor ungefähr drei Tagen sass ich tief in Gedanken versunken an der Reception - Sie wissen schon, die grossen Fragen des Lebens nach dem Woher und Wohin und vor allem all dem Teil, der dazwischenliegt. Ich hörte also meinen Türsteher nicht die Treppe herunterkommen. Erst als mich die Schallwellen von Mr Doormans

"D E R N E R V T!"

samt Stuhl ganz nach hinten an die Wand schleuderten, schaute ich hoch und blickte direkt in ein paar panikgefüllte Augen und auf eine gespenstisch weisse Nasenspitze. Gleich dahinter glühte - als netter Kontrast - Mr Doormans Gesicht im Bereich zwischen hochrot und violett.

"Was ...?" Weiter kam ich nicht.
"DER MUSS WEG! SOFORT!", brüllte Mr Doorman. Er hielt den Mann, den er mit festem Griff am Tschopenkragen in seinen Krallen hatte, noch etwas höher in die Luft.
Nicht schütteln, bitte, wollte ich sagen, aber mein Türsteher holte nicht einmal Luft, bevor er weiterbrüllte.
"LIBYEN! ITALIEN! UND JETZT AUCH NOCH SPARMASSNAHMEN!" Jetzt endlich sog Mr Doorman eine Ladung Luft in die Lungen und redete dann sichtlich bemüht gefasst weiter. "Der will sogar, dass ich auf dem Boden statt auf dem Bügelbrett bügle. Von Hand. Weil das Bügeleisen auch nicht mehr drin liegt. Und dann faselt er ganz gemeingefährlich noch was von sukzessiver Reduktion des Mengengegerüsts beim Personal."
"Hä?" fragte ich nicht sehr ladylike.
"Stellenabbau", brummte Mr Doorman. "Studierte reden manchmal ganz schön geschraubt. Aber der hier redet nicht nur geschraubt, der schraubt innerhalb einer Stunde auch drei Mal in eine andere Richtung. Und dann dieses Fuchteln."
Ein tiefer Seufzer füllte den ganzen Raum mit dichtem Nebel. Wir hörten ein paar seltsame Geräusche und als wir wieder klar sehen konnten, war der kleine Mann mit der Nase fort.
Ich war darüber nicht unglücklich. Auf Mr Doormans Gesicht lag eine seliges Lächeln. "Und, wie geht es Ihnen?", fragte er.
Jetzt seufzte ich. "Lange Geschichte", sagte ich in den frisch aufgezogenen Nebel hinein.
"Ich mache uns Kaffee", sagte Mr Doorman.
Gute Idee, fand ich. Und dann guckten wir der Welt ein bisschen beim Drehen zu.

Wir gucken noch immer.

Noch einer fürs Bügelzimmer

Früher. Als das Zappadong-Gebäude noch stolze 33 Stockwerke in den Himmel ragte und Frau Röslis Herbert schwungvoll auf dem Dach landen konnte, ja, früher, da war alles anders. Nicht besser. Einfach nur anders. Das heisst, ein bisschen besser war es schon. Man konnte nämlich einfach zur Drehtür reinlatschen (oder bei Bedarf den Hintereingang nehmen). Und wir hatten Svetlana, unsere taube und nicht sehr fleissige Putzfrau - aber immerhin putzte sie das Nötigste. Und den Herrn Lightbringer, den ich schmerzlich vermisse.

Seit fast einem Jahr (das genaue Datum müsste ich nachsehen) stecken wir tief im Dreck. Wir drückten von einem Tag auf den anderen den roten Knopf und versenkten das ganze Gebäude in schmutziger Schweizer Erde. Das schreibe ich nicht, um Ihnen hier den Kopf vollzulabern über vergangene viel schönere Zeiten, sondern zum besseren Verständnis der folgenden Begebenheit.

Also. Ich steh an der Reception und langweile mich still und leise vor mich hin. Nichts los hier (mein Türsteher schmollt immer noch im Bügelzimmer, manchmal allein, manchmal zusammen mit BodeständiX). Da höre ich ein Rumpeln und kurz danach stolpert ein schmutziges Etwas in die nicht ganz so heiligen Hallen des Zappadong-Gebäudes. Ich blicke kurz hoch und murmle: "Dusche im zweiten Stock, Bügelzimmer im 12. Stock."

Das schmutzige Etwas hebt den Finger und fuchtelt mir damit vor der Nase herum. Nase, denke ich. Die hier kommt mir irgendwie bekannt vor. Die habe ich schon gesehen. Dann gucke ich das ganze Etwas an. Es ist nicht viel grösser als ich - und somit ziemlich klein.

(Zwischenbemerkung: Kennen Sie den? => Was ist der grosse Vorteil von kleinen Menschen? - Sie werden später nass, wenns regnet. Also, ich fand den Witz witzig, Zap auch, und wie Sie ihn finden, darüber mache ich mir grad keine Gedanken, weil ich mich wieder mit der Nase des kleinen Etwas beschäftigen muss, vor der immer noch ein Zeigefinger herumfuchtelt.)

Endlich sagt er auch was, der kleine Mensch mit der ziemlich grossen Nase. "Ich habe gehört, Sie haben einen Panikraum."
"Ja", antworte ich. "Aber wollen Sie nicht zuerst duschen?"
"Nein. Ich will in den Panikraum."
"2. Untergeschoss", sage ich (Zappadong-Leser, die es besser wissen, können sich bei mir melden; ich bringe manchmal Zahlen durcheinander).
Der schmutzige Mensch eilt davon, samt Nase und Zeigefinger.
"He, Sie!" rufe ich. "Darf ich noch fragen, weshalb Sie in den Panikraum wollen?"
"Ich wurde verraten", hallt es durch die Halle.
"Oha!", murmle ich.
Der Verratene dreht sich um und kommt zurück. Der Zeigefinder fuchtelt noch etwas erregter vor meinem Gesicht. "Von den Medien! Diese Siechen! Drehen mir die Wörter im Mund um. Sollen es doch erst einmal besser machen. Und überhaupt, immer diese Fragen. Statt mir einfach zu glauben und das zu drucken, was ICH SAGE." Immer lauter wird er, während er spricht.
Na ja, das mit den Medien ist so eine Sache. Das mit dem Glauben auch. Und das mit dem gedruckten Wort sowieso. Deshalb halte ich mich aus der Sache raus. Fast. Eins muss ich noch klären.
"Nicht das Panikzimmer", empfehle ich.
"Nicht? Also, nach Libyen fliege ich nicht schon wieder, nur im Fall."
Ich atme auf. Wenigstens das nicht.
"Gehen Sie doch in den 12. Stock. Ins Bügelzimmer. Da sitzen noch einer oder zwei. Mit denen können Sie dann ganz ausführlich und tiefschürfend über die Ungerechtigkeiten des Lebens diskutieren."
"Wollen Sie damit sagen, ich sei nicht der Einzige, dem Unrecht widerfährt?", fragt mich der Mensch erstaunt.
Was soll ich da noch sagen? Besser nichts. Ich deute zur Treppe. "Leider haben wir keinen Lift."
Der Mann, der zur Teppe eilt, dreht sich nicht einmal um. Nur seine Hand, die fährt in die Höhe und winkt ab. Auch diese Geste kommt mir bekannt vor.

Ich seufze. Weil: Wie ich die alle wieder aus dem Bügelzimmer kriege, ist mir ein Rätsel. Andererseits: Vielleicht ist es Zeit für eine neue Geschäftsidee:

BÜGELSERVICE ZAPPADONG.

Frau Zappadong