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Gedanken einer Dreiviertelkranken

Ganz krank bin ich nicht. Sonst hätten mich Onkel Vladimir und Mr Doorman zum Arzt gefahren. Für meinen Dreiviertelkrank-Zustand reiche ein Bett in einem billigen Hotel, Hauptsache gute Bar, befanden sie, steckten mich unter eine weisse Bettdecke und gingen von dannen, dem Fusel entgegen.

Und so liege ich hier und mache mir ziemlich düstere Gedanken. Zum Beispiel diese:

Andere Länder haben die Post liberalisiert. Zum Beispiel Österreich. Es laufe gut, aber man musste leider eine ganze Menge Leute entlassen. Weil das in Österreich nicht so einfach ist,  schaufelte man sie in den Verwaltungsapparat der Polizei über. Der Post in Holland geht es (fast) glänzend.  Man hat zwar seit 2000 17'000 Mitarbeiter abgebaut, aber hey, es läuft. Wie viele Leute in Schweden dran  glauben mussten, steht in meinem Artikel (NZZ am Sonntag, Wirtschaft, Seite 35) nicht. Man berichtet, die Schweden haben sich an den Gang zur Tankstelle gewöhnt, wenn sie ein Paket aufgeben wollen. Und manchmal kommt der Pöstler vorbei, das ist dann dieses Wesen aus Fleisch und Blut, das die Menschen erschreckt, weil es nicht nur sprechen, sondern auch denken kann.

In der Sonntagszeitung hat Herr Jean-Noel Rey etwas über "das Internet" und die Zukunft der Post genölt. Ich schloss aus seinen Worten, dass seine Sekretärin den Computer bedient. Wenn ich mich irre liegt das am Fieberwahn, der mich ab und an schüttelt.

Und dann gibt es da noch die Nonna aus einem Dorf in der Nähe von Zappadong-Hausen. Seit ihr Mann tot ist, geht sie ein Mal pro Monat mit allen Rechnungen zur Post. Dort trägt ihr ein netter Pöstler alles in ihr gelbes Postbüchlein ein, zählt die Beträge zusammen und sorgt dafür, dass alles seinen guten Gang geht. Wie lange so was noch möglich ist? Keine Ahnung.

Irgendwann können nur noch Leute kommunizieren, die ein Handy und einen Internetanschluss haben. Für persönliche Gespräche werden wir bezahlen müssen. Mein Tipp: Werden Sie Psychologe. Sie haben eine goldene Zukunft.

Mann, bin ich schlecht drauf. Ich zieh jetzt die Decke über den Kopf und schlafe eine Runde.

11 Kommentare:

Patrix said...

Da passt der Online-Brief der Deutschen Post ja wunderbar, um die Stimmung kräftig anzuheben.

Abgesehen davon: Gute Besserung

Titus said...

Na dann vorerst mal ein ganzes «gute Besserung» auch meinerseits.

Alle Branchen, welche bisher physische Dienstleistungen anbieten, welche heute auch digital möglich sind, leiden unter diesem «Strukturwandel», sei es nun die Post, die Medien oder was auch immer.

Diesen Wandel können wir nicht aufhalten. Aber wir können darauf Einfluss nehmen, insbesondere wie der Wandel von sich geht.

Ganz im Sinne von «Regieren heisst vorausschauen» fehlt mir heute ein klares Signal seitens Politik. Hat man sich die Folgen diese Wandels schon einmal in Bundesbern überlegt?

bobsmile said...

Herr Doorman soll ihnen ein paar Orangen pressen und ich wünsche gute Genesung. Und ja nicht die jüngsten UBS Nachrichten lesen, das verursacht nur Brechreiz.

Hausfrau Hanna said...

Von wegen persönlichem Austausch,
liebe nürzige Frau Zappadong,
das mit der Psychologie funktioniert längst nicht mehr so wie einst:
Die bieten nämlich ihre Dienste auch schon als online-Therapie an.

Gute Besserung auch von meiner Seite und bleiben Sie heute im Bett
Ihre Ihnen zugewandte Hausfrau Hanna

PvC said...

Ich spendiere eine heiße Zitrone. Und beim Blick ins Ausland: Um mich herum im Supermarkt telefonieren immer die ganz alten Wiebli mit dem Handy, ob Schorsch am anderen Ende (ebenfalls Handy) endlich wisse, welche Riebele er in der Suppe haben möchte, die für 1,44 oder die für 1,57 mit dem Extra-Ei. Und an der Kasse zappen die gleichen Wiebli ihre Kreditkarte und Kundenkarte durch den Apparat.

Handy und Internet lassen sie sich vom Enkelchen erklären und finden es klasse, sich online in Seniorenclubs herumzutreiben oder sich beim nächsten Hilfs-Call-Center eine Einkaufshilfe zu bestellen. Brauchen sie aber selten, weil man im Dorfladen per Internet bestellen kann und der fährt einem die Sachen vor die Haustür.

Man sollte die Technikfeindlichkeit nicht übertreiben - dann hat man vielleicht die Sicht frei, welchen Segen man sich damit schaffen könnte.

Natürlich werden viele Berufe in Zukunft überflüssig werden (wie immer in der Geschichte), aber dafür gibt's so viele neue! Man muss sie halt auch schaffen.

morethanaphotoaday said...

Seit ich in Zürich an der Weststrasse wohne, führe ich einen Kleinkrieg mit der Post, wobei ich den Pöstler noch nie zu Gesicht bekommen habe. Eben gerade habe ich auf ein Paket gewartet (wusste, das Ding wird heute geliefert), habe noch eine Zusatzetikette mit meinem Namen neben die schon bestehende Etikette bei der Klingel hingehängt (wieso das notwendig ist, ist eine andere Geschichte). War den ganzen Morgen zuhause und habe auf das Klingeln des Zustellbeamten gewartet, damit ich auf einen elektronischen Dingsbums meine Unterschrift setzten kann. Nach langem Warten wurde es mir zu blöd und ich bin zum Briefkasten gegangen. Siehe da: Eine Abholungseinladung, auf der steht, dass das Paket nicht hatte zugestellt werden können (eben heute, wo ich den ganzen Morgen zuhause gewartet habe) und dass ich es morgen in der Post abholen könne. Der Pöstler hat weder geklingelt noch sich die Mühe gemacht herauszufinden in welcher Wohnung, welchem Stockwerk ich wohne. Stand wahrscheinlich im Erdgeschoss und hat gedacht: "Ach fuck, scheiss drauf, da lauf ich sicher nicht noch die Treppe hoch. Lege ich ihm ne nutzlose Abholungseinladung hin." Dabei wäre ich alle vier Stockwerke hinuntergehüpft, wenn er geläutet hätte....
Nach diesem undifferenzierten Ausraster, mein Vorschlag für einen der vielen neuen Berufe: Pöstler, der auch Post zustellt!

Zappadong said...

Liebe Petra

Bei uns haben viele ältere Menschen kein Handy, keinen Computer, keinen Internetanschluss und keine Kreditkarte. Nicht einmal die Brüder Zappadong haben eine Kreditkarte. Wenn sie etwas übers Internet bestellen müssen (weil es anders nicht geht), rufen sie mich an und ich erledige das für sie.

Noch ein Beispiel für das "Wesen der Zappadong-Hausner": Ich unterrichte am Montagabend jeweils in zwei Erwachsenenkursen und habe es aufgegeben, sie für Infos / Übungen auf dem PC begeistern zu wollen. "Wir arbeiten den ganzen Tag mit diesen Maschinen", erklären sie mir. In der Freizeit wollen wir unsere Ruhe und schalten die Dinger erst gar nicht an. Um noch Schwägerin Zappadong zu erwähnen: Als ich kürzlich meinte, es täte uns allen gut, wenn der ganze Internetgugus mal für drei Wochen abstürzte, meinte sie, das würde sie gar nicht mitbekommen - weil sie nie online ist.

Zum Wandel: Der Wandel, der mit der Techologie einhergehen sollte, ist viel langsamer als die Technologisierung. Was bedeutet, dass viele Menschen ohne Job sind. Das durch die Technologie eingesparte Geld geht also direkt für die Sozialversicherungen drauf -und zu allem Elend ist alles so anonymisiert, dass einem fürchten könnte.

Wenn wir schon denken, dass Maschinen alles besser können, sollten wir beginnen, über das bedingungslose Grundeinkommen zu diskutieren. Oder wir werden unser blaues Wunder erleben.

@morethanaphtoaday: Mein Computer steht im obersten Stockwerk. Kürzlich klingelte es an der Tür, ich hetzte sämtliche Stufen hinunter und sah den Pöstler grad noch von hinten. "Hallo!", rief ich, "Ich bin zuhause!!!". Er brachte mir das Paket und meinte entschuldigend: "Sorry, habe pro Paket nur 30 Sekunden."
Vielleicht ist das vierte Stockwerk einfach nicht mehr im Bereich der 30 Sekunden.

Und vielleicht gibt es irgendwann private Anbieter, die der gehetzen Seelenlosigkeit ade sagen und uns den Service liefern, den wir uns wünschen würden. Ich würde sofort umsteigen auf diese neuen Dienste.

Zappadong said...

@Patrix: Vielleicht bin ich ja geistig beschränkt, aber warum soll ich einen Brief schreiben und der Post mailen, damit sie ihn ausdrucken und verschicken kann??? Da kann ich ihn doch gleich per Mail verschicken und der Empfänger kann ihn ausdrucken. WAS um Himmels Willen übersehe ich bei diesem Geschäftsmodel???

@bobsmile: Boni? Ich rege mich nicht mehr auf, sondern warte mittlerweile gelassen auf den nächsten Big Bang, bei dem dann die Staatshaushalte nicht mehr reichen, um die too big to fail Banken zu retten. Island wird nicht mehr lange alleine sein ...

Danke für die Besserungswünsche - aber Alter Ego ist diese Woche Montagmorgen, ganzen Dienstag, Mittwochmorgen und ganzen Freitag auf Lesetourne. Wie das geht? Ich bin zurzeit eine wandelnde Chemiefabrik - und soweit wieder hergestellt. Nur die Stimme, ähm, die müsste bis morgen wieder funktionieren, sonst wird's haarig (oder besser: stumm).

bobsmile said...

@Online-Brief/Zappadong
Du sagtest ja selber, viele ältere Menschen haben keinen Internetanschluss, so kriegen sie dann eben die Mail ausgedruckt und zugesendet. :-)
Aber die Deutsche Post hinkt da wohl hinterher. In der Schweiz wurde dieses Geschäftsmodell nämlich bereits 2008 mangels Kundennachfrage wieder eingestellt.
bob

Titus said...

@ morethanaphtoaday / Zappadong
Ich kenn' das auch bei mir, da ich gelegentlich von zu Hause aus arbeite: Die klingeln nicht mal! Keine 30 Sekunden! Wobei: Irgendwie habe ich Verständnis dafür: Das Ausfüllen und Einwerfen des Abholzettels sowie das Wieder-Auslanden des Päcklis braucht zusammen ja nur 25 Sekunden...

@ Patrick/Zappadong/Bobsmile
Der Herr Béglé hat kürzlich auch davon gesprochen, dass man sich die Post zukünftig wahlweise digital und/oder physisch zustellen lassen könne. Nur: Damit generiert man nicht mehr Post.

Und: Trotz hypermoderner Verteilzentren und angeblich weniger Post, schaffte es die Post auch vor den letzten Weihnachten nicht, alles rechtzeitig zuzustellen.

Mara said...

Veränderungen können auch Verbesserungen sein:
http://www.nzz.ch/nachrichten/schweiz/post_ohne_poststellen_und_ohne_nationales_unternehmen_1.4613272.html