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Reden wir mal kurz von Verantwortung

Pflegerin im Altersheim, ausgebildet, mehrere Jahre Berufserfahrung: CHF 4000.00 im Monat.
Wenn sie einen Fehler macht, können Menschen sich wund liegen, physisch und psychisch leiden, sterben.
Verantwortungsfaktor: sehr hoch (es geht um Menschenleben).
Gewinn für die Gemeinschaft: hoch.

Investmentbanker. Mehr als eine Million pro Jahr. Plus Bonus.
Wenn er einen Fehler macht, kommt der Staat, rettet seine Bude und er verdient genau gleich viel - oder noch mehr - als vorher.
Verantwortungsfaktor: gegen null tendierend (weil es egal ist, wie er geschäftet).
Gewinn für die Gemeinschaft: tief.

Ich glaube, ich muss aufhören, über solche Dinge nachzudenken, sonst wird mir schlecht. Ich gehe jetzt Mr Doorman helfen, Uranstäbe in gelbe Postpakete zu packen. 

16 Kommentare:

dan said...

Huch, nicht denken! Am Ende ändert sich noch was...

Petra said...

Vielleicht, werte Frau Zappadong, würde Ihnen nicht ganz so schlecht, wenn Sie die Welt nicht nur durch die Schwarz-Weiß-Brille betrachteten, denn es gibt immer solche und solche, ja sogar verantwortungsvolle Banker und verantwortungslose Altenpflegerinnen.

Indem wir ganze Berufsgruppen pauschal abwatschen, tun wir den Anständigen darin keinen guten Dienst.

Ich kann zwar die Gefühle verstehen, sehe aber gerade bei einem anderen Beruf, wohin es führt, wenn man Menschen für ihren Beruf nur noch abqualifiziert :-( Das endet in einer Welt, in der zumindest ich nicht leben möchte.

Zappadong said...

Liebe Petra

ich gucke heute durch die Brille der Pflegerin, mit der ich der ich den Morgen verbracht habe. Und glauben Sie mir, wir haben das Ganze durchaus differenzierter besprochen, als es jetzt im Blog steht. Trotzdem bleibt ein Gefühl der totalen Ungerechtigkeit und Ohnmacht.

Was ich nicht verhehlen kann: Meine riesige, enorme Wut auf jene Leute aus der Bankbranche, die uns an die Wand gefahren haben (ich weiss durchaus, dass das nur ein Teil dieses Berufsstandes ist) und die tiefe Besorgnis über eine sich weit öffnende Schere in der Schweiz. Sie war noch nie so weit offen und bedroht unseren sozialen Frieden. Es brodelt bei uns unter und an der Oberfläche. Wenn die Kaste jener weniger, die all dies zu verantworten hat, nicht bald einmal umdenkt, könnte es gefährlich werden für unser System (das ich sehr mag, dem ich aber im Moment nicht mehr traue).

Titus said...

@ Petra
Ich bin absolut einverstanden, ganze Berufsstände nicht pauschal «abzuwatschen». Dann aber wünschte ich mir auch ein Zur-Verantwortung-gezogen-werden, wenn jemand Sch..sse baut. Und das findet eben nicht statt. Und darum kommt eben gleich der gesamte Berufsstand dran.

Noch was: Was mich die ganze Zeit wundert, ist, dass sich noch kein Banker zur Wehr gesetzt hat. Da müssten doch hunderte, nein, tausende von Banker sein, die sich zu unrecht angegriffen fühlen müssten. Warum beziehen diese nicht Stellung? Und wie haben wir das zu interpretieren, wenn sich ein ganzer Berufsstand nicht wirklich wehrt?

Zappadong said...

Das Zur-Verantwortung-gezogen-werden ist genau das, was mir auch fehlt. Noch schlimmer: Die Passivität, mit der es die Regierungen der Welt zulassen, dass die Bankenwelt nach der Krise weiterwurstelt wie vor der Krise - oder gar noch ärger. Es gibt mittlerweile Leute aus der Bankenwelt, die die Praktiken einiger Banken laut und deutlich hinterfragen, zusammen mit dem Hinweis, dass zwar alles legal sei, aber eigentlich verboten gehörte (Das Spiel von Goldman Sachs mit Griechenland ist so ein Beispiel), weil es ein Spiel mit dem Feuer ist.

Ich fürchte, den Politikern sind steigende Aktienkurse wichtiger, sind sie für sie doch Zeichen einer "Erholung" - mit welchem Preis wir diese kurzfristige "Erholung" (oder anders gesagt dieses Raubrittertum) bezahlen werden, mag ich mir nicht einmal vorstellen.

Und so geht es weiter. Politiker, die von der Finanzwelt finanziert sind (Wahlspenden, Parteispenden) beissen ihren Gönnern nicht einmal in die Wade; wie also sollten sie sich gegen Regeln und Gesetze wehren, welche die schlimmsten Auswüchse verhindern würden.

Ebenfalls beängstigend: Die Uneinsicht gewisser Banker (nicht aller ...), die wilder wüten als je zuvor.

Ich kann durchaus noch differenziert denken. Die Frage ist nur, ob ich dazu auch wirklich bereit bin. Für viele Leute, die ich kenne, ist die Zeit des differenzierten Denkens vorbei - der Zorn auf die Drahtzieherkreise ist einfach viel zu gross. Er geht daher mit einem massiven Vertrauensverlust in die Politik. Alles Faktoren, die für die Zukunft Angst machen.

Es ist gut möglich, dass einige Abstimmungen in nächster Zeit zu Symbolabstimmungen werden. Der Schweizer streikt nicht unbedingt. Aber er hat einen Stimm- und einen Wahlzettel. Und die könnte er einsetzen um seinen Missmut gegenüber den Umständen auszudrücken.

Relax-Senf said...

Heftiges Kopfschütteln löst dieser Thread bei mir aus. Frau Zappadong macht einen Vergleich, der in dieser Art völlig unsinnig ist.

Der Aussage, dass der Lohn für die Altenpfleger zu niedrig ist, bleibt von mir aus der "menschlichen" Sicht unwidersprochen. Im persönlichen Umfeld kenne ich auch eine Altenpflegerin, die sich vom Alter 25 bis 40, einen kaputten Rücken geholt hat. Also ich nehme diverse Aspekte wahr.

Der Vergleich geht so trotzdem nicht. Die Millionen Einkünfte gewisser Investment Banker, werden im wesentlichen in New York und London verdient! Wenn das Einkommen einer CH Altenpflegerin mit dem Einkommen einer Altenpflegerin in Somalia verglichen wird, dann reibt die sich auch die Augen und möchte gerne ihren Job in der Schweiz ausüben.

Dieses uneinsichtige Jammern über die Milliarden die für die Banken bereit gestellt wurden, darüber kann ich je länger je mehr nur noch fassungslos Staunen. Haben die Hobby-Kritiker immer noch nicht verstanden, dass wir gerade einem Supergau entkommen sind. Die gesamte westliche Welt stand am Rand von einem Finanzkollaps, hätte man nicht Geld gedruckt und so den Kollaps verhindert. Es geht uns allen saugut, im Vergleich zum Szenario, wenn die Börsen und die Weltkapitalmärkte ins Bodenlose gesaust wären.

Der Vergleich von Altenpflegerin zu einem Investment Banker macht so viel Sinn, wie wenn Zappadong nächstens fragt, warum Millionen mit einem VW fahren müssen und nicht jeder Anspruch auf einen Mercedes, BMW oder Audi hat!

In Deutschland ist die Altenpflege auch nicht "gerecht" finanzierbar, was dazu führt, dass ?? (zigtausende, Hunderttausende ?) auf eigene Kosten Leute aus Polen, Weissrussland, Ukraine etc) anstellen, weil sie die deutschen Tarife NICHT bezahlen können. Während man dieses Handeln immer dann versteht, wenn es im sozialen Netzwerk passiert, ist es doch klar, dass wir über Schwarzarbeit sprechen, also weder Steuern noch Sozialbeiträge abgeführt werden !!

Zum Schluss Frau Zappadong, warum muss der Staat immer alles bezahlen, warum ist die Altenpflege nicht ein (moralischer) Teil der familiären Strukturen? Man schleicht sich natürlich sehr leicht aus der Verantwortung, wenn für alles der Staat zuständig ist. Und dies ist je länger je weniger finanzierbar, weil wir alle länger leben. Mehr Lohn für die Altenpflegerin, mehr Rente bzw. keine Absenkung des Satzes für die Berechnung der BVG-Rente, WO KOMMT DAS ALLES HER, Frau Zappadong. Es kommt von den Steuern, keine schöne Idee und es kommt von blühenden Börsen, es kommt vom verdammten Kapitalismus, vom Erfolg der Investment Banker .. Das ist keine schöne Aussicht, eine unzuverlässige Wette, aber mehr Geld entsteht nicht dadurch, dass alle nach mehr Geld schreien.

Es kommt auf uns alle mehr Verantwortung zu, ob wir es wollen oder nicht.

Zappadong said...

@Relax

Zu den Einkünften in New York und London: Diese "Saläre" werden zum Teil von Schweizer Banken bezahlt. Ich nehme nicht an, dass irgend eine Schweizer Gemeinde oder ein Schweizer Kanton die Altenpflegerinnen in Somalia entlöhnt. Insofern hinkt der Vergleich ein wenig.

Ja, wir sind einem Supergau entkommen, dem totalen Supergau. Da gehe ich mit Ihnen einig. Nur: Diesen Supergau haben uns genau jene Kreise eingebrockt, in denen man sich jetzt zum Teil (ich schreibe an dieser Stelle zum letzten Mal "nicht alle" - und hoffe, man unterstellt mir nicht weiterhin, einen ganzen Berufsstand anzupöbeln), die uns nun - wie ich fürchte ziemlich offenen Auges - in den nächsten Gau treiben. Natürlich geht es uns saugut, wenn man bedenkt, durch welche Krise wir gegangen sind, aber eben, es war eine hausgemachte Krise. Ich möchte das "saugut" aber gleich einschränken, nämlich auf die materielle Ebene. Auf immaterieller Ebene sind sehr viel Zorn, Wut, Ohnmnachtsgefühle geblieben und ein wahnsinniger Vertrauensverlust - alles Gefühle, die nicht nur in unserem Land die Stabilität gefährden.

Zur Altenpflege und den familiären Sturkturen: Auch hier hat uns die Globalisierung und der Mobilitätswahn voll im Griff. Wohnten früher Eltern und Kinder noch in der Nähe, leben sie heute zum Teil hunderte oder gar tausende von Kilometern entfernt. Ich erinnere mich sehr gut an eine Arbeitgeberverband-Veranstaltung, an welcher mehr Mobilität von Arbeitnehmern verlangt wurde. Wie also können so die Verantwortungen wahrgenommen werden? Die Eltern persönlich zu pflegen ist für viele rein aus Distanzgründen nicht mehr möglich. Für Sie eine private Pflegerin anzustellen für viele finanziell ausserhalb jeder Reichweite.

Zu den Steuereinnahmen: Ich weiss, woher sie kommen. Und woher sie nicht mehr kommen, wenn die Börsen nicht mehr blühen. Aber zwischen einem gesunden Blühen und einem brandgefährlichen Glühen liegen Meilen. Die Konsequenzen aus weniger Einnahmen für den Staat sind völlig klar. Weshalb ich mich Ihrem Schlussvotum wieder voll anschliessen kann: Es kommt auf uns alle mehr Verantwortung zu.

Diese Verantwortung zu tragen ist jedoch nur bereit, wer sich von einem einigermassen gerechten System getragen fühlt. Ich mag den Kapitalismus. Er gibt (fast) jedem die Chance, etwas aus seinem Leben zu machen. Er belohnt das Streben nach mehr. Er liefert Anreize, sein Leben selbst zu bestimmen und etwas zu erreichen. Er gibt den Menschen Eigenverantwortung. Schlimm ist es, wenn er kippt, wie er es die letzten paar Jahre getan hat. Wenn das Streben - und sei es noch so hart - nicht belohnt wird. Wenn sich die Schere zu weit öffnet und man die Differenzen im Lohn nicht mehr begründen kann (weil sie viel zu hoch sind und zum Teil auch noch losgekoppelt von der Leistung; siehe jene Banker, die uns in die Krise geführt haben).

"Der Markt wird's richten" ist ein Spruch, der in letzter Zeit seine schlimmste Seite gezeigt hat.

Relax-Senf said...

So ein einsichtige Kommentar, muss mich ja anstrengen um ein Haar in der Suppe zu finden. Aber eins hat es.

Natürlich sind die Investment Banker in N. Y. und London letztlich unter dem Konzerndach Schweiz untergebracht. Dies ist aber ein rechtlicher Aspekt. Stellt man Personal für die Geschäftsfelder USA und Finanzplatz London ein, erfolgt dies um die jeweiligen internationalen Marktteilnehmer in NY und London für Geschäfte zu gewinnen. Die dazu geeigneten Profis sind sehr rar, nicht gemessen an denen die sich für solche Jobs bewerben sondern gemessen an der Zahl die sich dafür qualifizieren. Diese Leute sind a rare commodity und die müssen zu den lokalen Marktbedingungen angestellt und honoriert werden. Oder man verzichtet auf diese Geschäftsfelder und die Präsenz an diesen Orten (MÄRKTEN).

So wie das Rechtssystem funktioniert und die entsprechenden internationalen Steuervereinbarungen - bzw. die "künstliche" Gewinnreduzierung an Orten wo man Töchter unterhält - führt dazu, dass ausländische Erträge eben auch den Steuersäckel Schweiz füllen. Gilt natürlich umgekehrt auch so, also Erträge von US Banken oder US Firmen in der Schweiz, fallen letztlich steuertechnisch in den USA an, durch Management Fees und einfach Belastungen die der Hauptsitz ausstellt um die Steuerrechnung zu steuern..

Wenn die ganze Schweizer immer patriotisch und heroisch von unserer "Nestle" redet, bekomme ich immer wieder einen Lachanfall. Das Geld von Nestle wird auf der ganzen Welt verdient und mit den paar Hansel in der Schweiz, ist der Steuerertrag für die Schweiz nicht zu rechtfertigen. Aber so sind die gültigen Usanzen. Wobei alles über Nacht ändern kann, siehe Bankgeheimnis.

Übrigens nach neueren Erkenntnissen der Glücksforschung, richtet sich das Glücksgefühl der Leute immer nach den lokalen Parametern, denn das ist der Massstab, der entscheidet, wie glücklich oder unzufrieden die Leute sind. Dass man sein Glück an den Boni von Bankern in NY und London misst, ist daher völlig ausserhalb der Regel.

Abschluss: Die Altenpflege wird sich vom Bedarf und den Kosten her noch zu einem fetten Problem entwickeln.

Petra said...

Tja, würde man mehr auf diese Rechtslagen und das Wissen schauen, könnte man sich manche populistischen Artikel in der Presse sparen.

Frau Zappadong, angenommen, man bezahlte Verantwortung, wo würde die anfangen, wo aufhören? Wie misst man sie? Gibt es wertvolle und weniger wertvolle? Wird dann der wichtige Börsianer an der Schaltstelle nicht doch mehr tragen als der Bäcker, dem die Brötchen einmal ruhig anbrennen dürfen? Sollten wir Schriftstellern das Gehalt streichen, weil sie mit erfundenen Schmökern weder Verantwortung tragen noch groß nützlich wären?

Mit provokantem Grinsen...

Relax-Senf said...

Der Hinweis auf die Bemessung von Verantwortung durch @ Petra ist absolut zentral und ein Schwergewicht Kriterium bei der Erstellung von Stellenbeschreibungen und entsprechender Berücksichtigung in der Lohnstruktur.

Jetzt sage ich bereits hier klar und deutlich, dass ich nicht gewillt bin, eine Diskussion über die Verantwortung einer Altenpflegerin zu führen. Dies wäre eine unnütze Spielerei, weil z. B. 100 Faktoren fehlen um eine Definition zu erarbeiten, die das Umfeld, die Branche, die Chefs, die Kollegen etc. berücksichtigt. Niemand kann dies auf diesem Blog tun. Eine Meinung zu haben ist eine andere Sache, die jedoch mit der Faktenrealität nichts zu tun hat.

Anfügen möchte ich jedoch als "Zwilling" zu Verantwortung den Hinweis, dass sich ein erzielbarer Lohn auf dem Arbeitsmarkt danach richtet, wie einfach oder schwierig es ist Personen zu finden, die ein Anforderungsprofil erfüllen.

Hat man an Ausbildung, persönlichen Qualitäten und an belegbarer Erfahrung "nur" das, was Hunderttausende und Millionen von Arbeitskräften auch anbieten können, dann führt dies zu keinem Lohn der sich aus der anonymen Masse abheben wird.

Wie schwierig und ungerecht es zugehen kann, ist doch den auf diesem Blog kommentierenden Autoren sehr gut bekannt.

Eine niedrige Auflage bedeutet niedriges Einkommen. Das persönliche Umfeld versteht das nicht und würde ich die Bücher zum Werten bekommen, würde ich mich allenfalls anschliessen und es könnte ja durchaus ein freudiges Lob dabei herauskommen.

Bei Hundert- oder Zweihunderttausend Neuerscheinungen im Jahr für deutschsprachige Bücher nützt dies aber nichts, wenn das Marketing nicht zuerst tausende von potenziellen Interessenten zum Kauf bewegt und anschliessend die Mund-zuMund Propaganda den grossen Verkaufsrenner auslöst.

Menschen sind unabhängig von ihrem Beruf immer gleich viel wert als sozialer Kontakt. Der erzielbare Wert auf dem Arbeitsmarkt ist eine völlig andere Geschichte und es hat einige wichtige Faktoren darunter, die wir nicht beeinflussen und nicht kontrollieren können.

If we like it or not !!

Zappadong said...

@Petra

Ich grinse dann mal gelassen zurück. War heute in den Bergen, weit weg von allem ...

Mir reicht es schon, wenn wir mal wieder von Verantwortung reden. Oder noch besser, von der Wertschätzung der einzelnen Berufe. Davon, dass es zum Beispiel ohne Altenpfleger und ohne Maurer halt auch nicht geht. Das scheint heutzutage, wo einzelne Eltern vor Stress durchdrehen, weil sie ihre Kinder ins Gymnasium puschen wollen, damit sie mal "was Ordentliches" werden, schon viel wert.

Dass nicht alle gleich viel verdienen, macht nichts. Solange sich die Schere nicht so weit öffnet, dass sich einzelne Berufsgruppen nur noch verarscht vorkommen. Dann wirds brandgefährlich - und halt eben populistisch. Wobei mich dieses Wort schon ziemlich nerven könnte (nicht heute), denn es wird allen zugedacht, die sich Gedanken über die Lage der Welt machen und darin Ungerechtigkeiten entdecken.

Ich habe irgendwann die letzten Tage gelesen, dass in Deutschland die Friseusen nicht mehr genügend verdienen - und der Staat ihr Gehalt aufstocken muss. Wie sich so jemand fühlt, der den ganzen Tag arbeitet und am Ende auf den Staat angewiesen ist, während irgendein Manager so viel verdient, dass es einem schwindlig wird, kann ich nicht einmal ansatzweise nachvollziehen. Ich glaube, ich würde das nicht ertragen.

Jeder Berufstätige trägt auf irgendeine Weise Verantwortung. Davon redet in unseren Zeiten (fast) kein Mensch mehr. Verantwortung ist schon fast zu einem Synonym für eine Kaste geworden, die sie für sich beansprucht und damit ihren Lohn rechtfertigt, und wenn ihnen die Scheisse um die Ohren fliegt, dann lassen sie sich vom Staat helfen.

Aber eben. Ich bin heute ziemlich gelassen. Irgendwann da draussen im Schnee habe ich mir überlegt, alle Zeitungen abzubestellen und mich auf mein einfaches kleines Glück zu konzentrieren. Den Lauf der Welt kann ich sowieso nicht ändern. Und aufregen ist ungesund.

Weshalb ich - das nur als PS - beim Lesen der Sonntagszeitungen bloss noch müde mit den Augen geblinzelt habe, als mir die neuen UBS Saläre entgegenblinkten.

Zappadong said...

@Relax: Ich warte dann freudig auf den Tag, wo ein Schreiner und ein Maurer mehr wert sind als ein Banker, weil es irgendwann in unserer ziemlich karrieregeilen Gesellschaft, in der keiner die Schmutzarbeit machen will, plötzlich viel zu wenige Handwerker hat.

PS: Das ist keine utopische Aussage - bei Zappadongs ging letzten Winter die Heizung kaputt und zwei Sanitärfirmen haben darüber gestritten, den Aufgrag NICHT annehmen zu müssen - weil alle ihre Arbeiter auf Tage und Wochen ausgebucht waren.

Ihre Berechnungen über den finanziellen Wert von Leuten mögen stimmen. Ich finde das eine kalte Welt, in der so vorgegangen wird und ich möchte nicht in so einer leben. Ich möchte sie auch nicht so unseren Kindern hinterlassen.

Zappadong said...

@Relax: Ein PS zu "If we like it or not."

No, I don't like it. Und ich finde, die Zeit ist gekommen, dieses "I don't like it" laut und deutlich zu kommunizieren. Bloss weil etwas ist, wie es ist, muss man es nicht einfach hinnehmen.

Relax-Senf said...

@ Zappadong:
Es gibt zu wenig Handwerker, schon jetzt. Auch an meinem Wohnort werden schon lange Heizungsmonteure gesucht. Deshalb tauchen "brauchbare" Handwerker auch nicht in der Arbeitslosenstatistik auf. Wenn es wieder 1 x Rea1ität wird, was in den USA zu beobachten ist, stehen den Handwerkern goldene Zeiten bevor.

Handwerker, in gewissen Bereichen, können sich mit guten Erfolgs- und Verdienstaussichten selbständig machen.

Aber auch verbunden mit dem Rattenschwanz an Dingen, die mit im Risiko stehen beginnen und wenig Freizeit und geminderte Lebensqualität weiter gehen.

Denke das kommt Ihnen doch bekannt vor? Nehme ich sicher an, soweit ich Ihre öffentlichen Kommentare abrufen kann.

Zappadong said...

@Relax: Ja, kenne ich alles :-)

Vor allem: All die selbständigen Handwerker, die ich kenne, suchen VERZWEIFELT gutes Personal. Das ist Stress hoch vier, weil sie mehr Aufträge haben als sie ausführen können.

Deshalb verstehe ich dieses ganze Gerenne hin zu den Akademikerberufen nicht. Klar: Wir brauchen sie. Dringend sogar. Aber es sollen die besten sein. Solche, die ein Studium auch durchziehen und erfolgreich abschliessen können. Heutzutage drängen aber Eltern auch ihre durchschnittlich begabten Kinder in die Gymansien und weiterführenden Schulen und wundern sich dann, warum ihre Sprösslinge unglücklich sind oder keinen Fuss im Berufsleben fassen können.

Solange jedoch Handwerker den Ruf haben, etwas "Minderes" zu sein, geht das so weiter. Deshalb u.a. der provokative Blogeintrag :-).

Ich füge noch schnell das Beispiel meines Heimatkantons an. Wir haben - wie ich gelesen habe - die tiefste oder zweittiefste Maturitätsquote der CH. Was einige Politker schockt und in einen hektischen Aktivismus treibt, der schon fast rührend ist. Dabei übersehen sie gerne, dass die Berufslehre bei uns einen hohen Stellenwert hat ... und vor allem, dass viele Jugendliche nach der Lehre weitermachen und eine Fachhochschule besuchen. Sprich: Zu bestens ausgebildeten Fachkräften werden. Irgendwann - so hoffe ich - schlägt das auch auf ihren Lohn. Es wäre mehr als verdient.

Petra said...

Zappadong: "Dann wirds brandgefährlich - und halt eben populistisch. Wobei mich dieses Wort schon ziemlich nerven könnte (nicht heute), denn es wird allen zugedacht, die sich Gedanken über die Lage der Welt machen und darin Ungerechtigkeiten entdecken."

Ich denke, Spracharbeiter tragen hier eine ganz besondere Verantwortung. Denn wer vereinfacht, wer aus einem überschäumenden persönlichen Gefühl heraus oder vielleicht auch aus provokativen Gründen schnell einmal empfindliche Dinge verkürzt anspricht, gerät unversehens in eine Falle, mit der ordentliche Journalisten tagtäglich kämpfen.

Man muss sich abheben vom populistischen Geschwätz, und man sollte nicht Dinge verlautbaren, die den Populisten reinlaufen wie Milch und Honig, ja von ihnen usurpiert werden können.

Es gibt verschiedene Methoden, seinen Standpunkt gegen Rassisten und Rechtspopulisten klar zum Ausdruck zu bringen - dazu gehört schon mal die Auseinandersetzung mit dieser Gefahr in den eigenen Aussagen. Die anderen Möglichkeiten wären Besonnenheit und Differenzierung, Abstraktion von der eigenen Betroffenheit etc. - das weißt du alles selbst.

An solcher "Coolness" fehlt es leider vor allem im Internet (nicht nur da), weil da schnell, schnell Worte herausgefatzt werden. Dann ist auch solch ein Vorwurf nicht verwunderlich.

Wir haben alle sprachlichen Möglichkeiten, nicht an die Seite von Populisten gestellt zu werden. Ich weiß, du magst es nicht, wenn ich Schriftsteller als Intellektuelle bezeichne, aber genau hier liegen Chancen und Verantwortung. Sartre hat deren Fähigkeiten zur Analyse, zum Hinterfragen hervorgehoben, vor allem aber die Fähigkeit, einen gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen.

Ein Diskurs aber ist so weit weg von populistischem Geschwalle, dass der gute alte Sartre wieder ganz modern wirkt...