RSS Feed

Rentenklau? Aber nicht doch!

Mr Doorman kommt vom Briefkasten zurück, sein Gesicht ein einziges Schuldeingeständnis.
"Oha", sage ich. "Was ist denn passiert?"
"Ich habe aus versehen die Post vom Sepp geöffnet."
Der Sepp ist unser Nachbar. 72. Gut erhalten. Fidel. Ausgestattet mit viel Humor. Nur: Sein Briefkasten ist nicht unser Briefkasten. Also frage ich: "Wie kommen Sie denn dazu, den Briefkasten vom Sepp zu leeren?"
"Gar nicht", antwortet Mr Doorman. "Der Brief lag in unserem Briefkasten."
Das passiert öfters. Wir haben einen netten Pöschtler, aber in der Hitze des Postgefechts ...

(Zwischenbemerkung: Vielleicht erinnern Sie sich an die Posteinträge hier bei uns. Falls nicht: Die Postboten haben eine bestimmte, auf die Sekunde ausgerechnete Zeit für ihre Runde. Berechnen tun sie die nicht selber, sondern irgend ein theoretischer Schlaumeier, der die Route unter Idealbedingungen abfährt und dabei sicher nie mit Frau Meier, die schon am Briefkasten wartet, zwei, drei Sätze wechselt und auch keine Zeit hat, der Frau Müller, die nicht mehr gut zu Fuss ist, die Post an die Tür zu bringen ...)

... ist der Brief vom Sepp bei uns im Briefkasten gelandet. Und Mr Doorman hat ihn versehentlich geöffnet.
"Ich bringe Sepp den Brief", sagt Mr Doorman.

Fünf Minuten später stehen beide in der Eingangshalle. Die Gesichter hochrot. Oha, denke ich, vielleicht ein Liebesbrief oder sonst etwas Persönliches, das nicht für Mr Doormans Augen bestimmt war. Aber so ist es nicht.
"Frau Zappadong!", schreit Sepp - in einer Frequenz, die mich um sein ansonsten noch rüstiges Herz bangen lässt. "Jetzt schauen Sie sich diese Sauerei an."
"Ja, schauen Sie sich diese Sauerei an", echot Mr Doorman dem Sepp nach.

Ich schaue mir diese Sauerei also an und stelle fest: Es ist eine Sauerei.

Sepp hat Post von seiner Pensionskasse erhalten.

Lieber Sepp
Du darfst, kannst und musst bei der Abstimmung über die Renten Ja stimmen. Du kannst das bedenkenlos tun, weil deine Rente nicht angetastet wird. Du bekommst, was du auch sonst bekommen hättest. Nur die Jüngeren bekommen irgendwann mal weniger. Aber das ist doch nicht dein Problem, gell ;-)
Also: Ja zum tieferen Umwandlungssatz bei der Rente. Weil es dich nicht trifft. Sondern nur die Jüngeren. Das kann, soll und muss dir egal sein
Deine Pensionskasse

Mittlerweile geht auch mein Puls ziemlich hoch. Ungesund hoch.
"Weckt Onkel Vladimir!", befehle ich. "Wir fahren da hin und geigen denen die Meinung."
"Ich will auch mit!", schreit Sepp. "Die Siechen, die! Verwaltungskosten, dass es chlepft und tätscht! Räumlichkeiten wie Bankmanager! Gewinne für die Aktionäre! Alles für sie - nichts für die nächsten Generationen. Und jetzt spielen sie auch noch uns Alten gegen die Jungen aus. Ich könnte kotzen."
Das tut er glücklicherweise nicht. Aber er schnappt sich unsere Piratenflagge, die wir endlich gefunden und auch gleich gekauft haben. "Worauf warten wir?", ruft er.
"Auf das da!", erklärt Mr Doorman und hält ein Schild hoch:



Die Fakten zu diesem Artikel:
Swiss Life: 60'000 Schreiben an Pensionierte. Im Schreiben werden sie darauf aufmerksam gemacht, dass "bereits laufende Renten durch die künftige Festlegung des Umwandlungssatzes keine Änderung erfahren." Das betreffe nur Neurenten.
Helvetia: Schreiben an 11'500 Unternehmen und 5500 Pensionierte mit ähnlichem Inhalt.
Zürich-Versicherung: 20'000 Schreiben an Pensionerte, denen man versichert "vom Ausgang der Abstimmung nicht betroffen zu sein."

Eine Schweinerei? Mehr als das! Solidarität? War mal. Ist heute total uncool.

Quelle: Printausgabe NZZ am Sonntag.

8 Kommentare:

gnoerpf said...

Was mich im Bezug auf den 7.3. immer wieder überrascht, ist die Tatsache wie emotional beide Seiten damit umgehen dass der "richtige" Umwandlungssatz schlichtweg niemandem bekannt ist. Der ist schlussendlich von der Entwicklung der Lebenserwartung und einer einigermassen sicheren Börsenrendite abhängig, beides sind Grössen die sich extrem schlecht prognostizieren lassen. Also wird das Resultat der Abstimmung primär die BVG-Rente derjenigen beeinflussen die zwischen dem 7.3 und der nächsten Abstimmung zum Thema in 2-3 Jahren pensioniert werden.

Und ja, die Millionen welche für die Verwaltung der PK-Gelder verbraten werden, sind eine Schweinerei. Wer jetzt aber deswegen am 7.3. Nein stimmt, macht denselben Denkfehler wie die Minarett-Initiative-Ja-Stimmer welche mit ihrem Ja die Situation der Frau im Islam verbessern wollten.

Bobsmile said...

Idee Modell AHV / Tabaksteuer:
Wie wäre es, wenn man etwas vom Gewinn mit lebenserhaltenden Mittelchen der gut verdienenden Pharmamultis in die 2. Säule fliessen lassen würde? Quasi eine (Über-)Lebensgewinnsteuer auf Herz- und Kreislaufpillen. Luxusgüter wie Vitamin- und Viagrapastillen bekommen dabei einen höheren Steuersatz verpasst.
Aber das wird dann einfach wieder auf den Preis draufgeschlagen. Teufelskreis aber auch ...

Zappadong said...

Ich könnte auch JA stimmen, denn ich habe gar keine zweite Säule (der Himmel möge mich davor bewahren). Als Arbeitgeberin habe ich jahrelang gesehen, was die Angestellten am Ende erhalten und wie hoch die Verwaltungskosten sind. Bei tiefen Einkommen ist beides ein Witz - in manchen Fällen ist es ziemlich genau so viel, dass die zukünftigen Pensionäre die Ergänzungsleistungen der AHV nicht erhalten - und dann mit AHV und Pensionskassengeld auf so viel kommen, wie wenn sie die AHV plus Ergänzungsleistungen hätten.

Ich wäre für die radikale Lösung: AHV und 2. Säule werden zusammengelegt und zentral verwaltet.

Von mir gibt es ein entschiedenes NEIN. Und ich sehe nicht, was das mit dem Ja der Minarett-Initiative zu tun hat.

BodeständiX said...

Was regen sich die Leute auch auf. Die PK-Gelder sind doch längstens verzockt. Deshalb wurde ja auch die obligatorische "2. Säule" eingeführt: Eindeutig fürs Casinospiel. Wenn diese Erkenntnis langsam aufdämmert, dann wird's wohl eng mit den verfügbaren Laternenpfählen...

Titus said...

Wenn wir ständig älter werden, warum werden dann nicht die Beiträge entsprechend erhöht? Sehe ich das zu einfach?

gnoerpf said...

Bei den Minaretten haben viele JA gestimmt, um gegen Machenschaften und Verhaltensmuster des Islam zu stimmen, dabei ging es nur um den Bau einiger Türme. Beim Umwandlungssatz scheinen viele NEIN stimmen zu wollen, um gegen die Verwaltungsgebühren zu protestieren. Das wird aber weder die Lebenserwartung noch die Börsenrendite stark beeindrucken...

Oder mit anderen Worten: Man schlägt den Sack und meint den Esel

Zappadong said...

Der Prostest gegen die Verwaltungsgebühren und die Gewinne scheint mir in diesem Fall berechtigt. Sollen die Pensionskassen erst einmal bei sich selbst aufräumen, bevor sie schon wieder Renten nach unten drücken.

Zu den Börsenrenditen: Die sind in der Tat unvorhersehbar. Waren sie immer. Nur: In guten (sehr guten bis goldenen) Zeiten hat kein Mensch davon gesprochen, die Renten nach oben anzupassen. Es geht immer nur nach unten, wenn die Zeiten schlecht sind. Und dann redet man dem gewissenhaften, vernünftigen Schweizer ins Gewissen. Ich habe diese Masche langsam ziemlich satt: Die Gewinne in goldenen Zeiten einsacken, den Verlust dem einfachen Fussvolk übertragen.

Generell war die Einführung der 2. Säule einer der grössten Fehler unserer Geschichte. Nicht nur, dass sie auf extrem wackligen Beinen steht, sie schliesst auch einen grossen Teil der Bevölkerung aus. Wie schon im letzten Kommentar geschrieben: Ich würde es sinnvoller finden, die 1. und die 2. Säule zusammenzulegen (und ja, ich weiss, dass sie auf zwei verschiedenen Grundmustern beruhen). Trotzdem.

Zudem: Ich finde diesen Protest gegen die Verwaltungsgebühren gar nicht so schlimm, falls es denn einer ist. Gerade für die Büezer oder Leute mit niedrigerem Einkommen ist eine Senkung des Umwandlungssatzes eine Katastrophe. Dass man sich da wehrt, ist mehr als nur logisch.

Ganz am Schluss noch: Wer in die 2. Säule einbezahlt hatte mal die Illusion (weil es versprochen worden war), dass er auf das eigene Alter hin spart. Ich habe Abrechnungen gesehen, da würde man das Geld besser unter die Matratze legen - und hätte mehr davon.

LD said...

Wenn die Menschen länger leben als aufgrund von bisherigen Statistiken geplant, sind drei Szenarien möglich:

A. Die Versicherung stoppt die Rentenzahlungen, sobald das dafür budgetierte Geld aufgebraucht ist.

B. Die monatliche Rente wird der längeren Bezugsdauer entsprechend der gestiegenen Lebenserwartung angepasst d.h. gekürzt.

C. Die höheren Kosten werden auf die jüngere Generation überwälzt.

Variante A führt die Pensionskasse ad absurdum und C ist assozial und führt zur Entsolidarisierung zwischen Jung und Alt. Also bleibt nur noch Variante C übrig - zumindest für die, die bereits in Rente sind. Für die Noch-Beitragszahler gäbe es noch die Variante D der höheren Beiträge (wie Titus das schon erwähnt hat).

An der Abstimmungsvorlage stört mich, dass die neue Lösung nur für die jüngeren Generationen gelten soll und die Renten der bereits Pensionierten unangetastet bleiben. Das finde ich assozial. Wieso soll ich den Lebensabend alter Leute finanzieren, die ich nicht einmal kenne?

Richtig ist aber auch, dass (ungeplante) Überschüsse ähnlich wie die Boni den Arbeitnehmern als Bonus am Ende eines Jahres den Versichten zwingend ausgeschüttet werden sollten und nicht in die Bonustöpfe von eh schon überbezahlten Managern wandert dürfen. Die Kosten für den Prunk und die ineffiziente Organisation und Infrastruktur (kann ich aus eigener Berufserfahrung bestätitgen) sind definitiv zu hoch. Sie können und müssen gesenkt werden.

Am besten wäre es, Versicherungen nur noch als Genossenschaften zuzulassen, damit sie nicht dem Druck der Börsenkurse ausgesetzt sind und sich vom Maximierungszwang des Shareholder Value befreien können.