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Martin Suter, Superstar

Die Schweizer haben Mühe mit den Erfolglosen wie mit den Erfolgreichen, weil sie weder im einen noch im anderen Fall verstehen, dass harte Arbeit geleistet wird. 
(Relax in einem Kommentar bei Thinkabout)

Martin Suter war Werber. Dann schrieb er Kolumnen, die einen Einblick in die Geschäftswelt gaben. Diese Kolumnen fielen auf, denn sie waren witzig und trotzdem hatte man immer das Gefühl, dass da eine Wirklichkeit, die man selbst nicht kennt, nur leicht verzerrt dargestellt wird. Die Aufmerksamkeit war Martin Suter sicher, ein erster (kleiner) Erfolg auch. Noch war er der Insider-Tipp. Der gutaussehende Kerl, der schreiben kann. Er schrieb weiter. Bücher.

(Zwischenbemerkung: Eins davon hat mein schreibendes Alter Ego so fasziniert, das es Eingang fand in den Roman "Starkstrom". ... Er könnte sich weiter oben eine Höhle suchen. So wie der Typ aus Die dunkle Seite des Mondes, einem Buch, das sie in der Schule gelesen haben. Nur, dass jener Irre kein Sprungbrett war, sondern einen falschen Pilz gefressen hatte und deshalb langsam durchdrehte.)

So langsam kannte man Martin Suter. Er war "unser" Schweizer Autor, auf den wir stolz waren. Doch mit jedem zusätzlichem Buch kündigte ihm die Kritikerliga die Liebe etwas mehr auf. Wahrscheinlich, weil nicht gut sein konnte, was sich gut verkaufte. Und das taten die Bücher von Suter: Sich immer besser verkaufen.

Die letzten zwei Jahre lief es für Suter beruflich total rund. Erfolgreiche Bücher, eines davon verfilmt. Ein Drehbuch hat er auch geschrieben. Für den Film Julia, den sich viele Leute begeistert angeschaut haben. Alles Faktoren, die sich gegen ihn kehrten. Der hatte ja WIRKLICH Erfolg. So richtig richtig. Kürzlich hat er vor 800 Leuten gelesen. ACHTHUNDERT! Und dann war er auch noch in jeder Zeitung und jeder Zeitschrift.

Höchste Zeit, ihm zu zeigen, wo der Bartli den Moscht holt, und ihn auf Normalgrösse zu stutzen. Plötzlich spricht alles, was für ihn gesprochen hat, gegen ihn. Sein gutes Aussehen. Seine Weltläufigkeit. Seine Produktivität. Und überhaupt, die Bücher sind ja gar nicht so gut, nicht wahr? Also, eigentlich sind die seicht. Keine richtige Literatur. Und was meint der denn, in jedem Heftli seinen Grind zu zeigen ... Der Film Julia bekam keine einzige Auszeichnung (@Thomas: bitte korrigieren, wenn ich mich irre). Das Buch "Der Koch" wird zerrissen; es ist sogar gerade grausam cool zu sagen: "Ich habe angefangen, aber weisst du, der schreibt auch nicht mehr sonderlich gut, habs weggelegt ..." Die Allercoolsten sind jetzt die, die behaupten: "Also, ich fand den schon immer grausam überschätzt."

So funktionieren wir in der Schweiz. Ich weiss nicht, wie ob und wie stark das anderswo ist. Bei uns ist das so. Um noch kurz bei den Autoren zu bleiben: Milena Moser lacht zu breit. Ist zu schön. Zu glücklich. Meint, jeder könne schreiben, und verkündet das auch noch laut. Und ja, auch sie ist in jedem Heftli. UND auf der Bestsellerliste ... Also gell ...

HIMMEL NOCH MAL! Freuen wir uns doch daran, dass wir einen Autor haben, der vor 800 Leuten liest. Der in Deutschland und der Schweiz gleichzeitig die Bestsellerliste anführt. Freuen wir uns an dieser aufgestellten Autorin, die ein wandelndes Plädoyer fürs Schreiben ist und uns dabei so herzhaft anlacht, als traue sie uns alles zu. Ganz ehrlich. Ich wäre gerne beides. So erfolgreich wie Suter und so herzhaft optimistisch wie die Moser (ersteres liegt in weiter Ferne, zweiteres ziemlich nahe).

8 Kommentare:

PvC said...

Boshaft: Ach, der ist Schweizer? Ich hielt ihn für einen Amerikaner. *Ironie off*
Dein Blog ist echt zum Schweiz-Abgewöhnen ;-)

Ich hätte ein paar Sprüche aus dem benachbarten Ausland, ein Kerl namens Boccaccio: "Unter allen Dingen entgeht allein die Erbärmlichkeit dem Neide." Ein Deutscher namens Busch, Wilhelm: "Kaum hat mal einer bissel was, gleich gibt es welche, die ärgert das."
Und dein Onkelchen könnte einen Spruch aus der Urangarage zitieren: "In eines Neidischen Auge wächst sich der Pilz zur Palme aus."

Mal ohne Jux: Die Schweiz hat als Literaturland einen sehr guten Ruf, überall beweinte man den Abgang eines der besten deutschsprachigen Literaturverlage und die NZZ ist noch eins der wenigen LESBAREN deutschsprachigen Feuilletons. Kann es sein, dass man einfach im eigenen Land selten zu schätzen weiß, was man hat, weil man es jeden Tag sieht? (Was sind wir im deutschen Gymnasium mit Schweizer Autoren gedrillt worden, ganz zu schweigen von all denen auf dem Zauberberg!)

bugsierer said...

meine rede. – sowas gibts nur in der schweiz. aber bei suter beissen die kultur aparatschiks auf granit, weil er als ehemaliger werber genau weiss, wie solche sachen ablaufen (und quasi ein garant sind für weiterhin gute geschäfte ;-).

ich hätte dazu noch viel zu sagen, lasse es aber dabei:

es gibt nur noch einen autor, den ich von vorne bis hinten gelesen habe: chandler.

Thinkabout said...

Danke @PvC
Auch ich finde, dass wir ein paar ganz anständige Autoren in unserer ersten Fremdsprache hervor gebracht haben - und weiter hervorbringen.
Bei Martin Suter geht es mir ein bisschen antizyklisch zum Mainstream:
Ich habe seine Business-Class-Kolumnen schon in der Weltwoche gelesen - und mich köstlich amüsiert. Und obwohl das Grundmuster immer das gleiche blieb, war ich erstaunt, über die immer wieder neuen Facetten, die er dem Thema abgewinnen konnte. Mit dem Wechsel zum Buchautor hatte ich zu Beginn meine Mühe - mittlerweile nicht mehr. Dennoch bleibt er mir als Kolumnist am Nächsten. Aber das ist nur mein Problem und sicher nicht Martin Suters. So, wie er von seinem Verlag positioniert ist, können wir ihm sowieso alle den Buckel runter rutschen. Oder könnten. Aber natürlich sind wir ihm nicht egal, und das ist gut so. Erst aber haben wir immer selber ein Problem, wenn uns etwas nicht gefällt. Und nur das, was es uns über uns selbst sagt, ist am Ende relevant.
Ich möchte noch auf ein anderes Beispiel hinweisen, das auch ein bisschen anders gelagert ist:
Wer kann sich noch an Zoe Jenny erinnern und an ihr dünnes erstes Büchlein? Da wurde ein Megastar hochgepuscht und der Frau ein Loch gegraben, das sie nicht ausfüllen konnte und in dem sie versank. Zumindest nach meiner Einschätzung.
Martin Suter aber füllt die Schuhe, die man ihm hinstellt, problemlos aus. Dass das sein Problem sein soll, ist nun wirklich nicht einzusehen.

Relax-Senf said...

"Es ist nicht i m m e r leicht die Leute zu verstehen!" heisst es oft im Alltag. Man kann "immer" ruhig weglassen. Als ich mich vor langer Zeit für den Sprung in die Selbständigkeit entschied, sagte ein Nachbar zu mir "Ich verstehe es nicht, als Banker bisch doch eber gsi!" Also war ich jetzt niemand mehr und dies auch noch freiwillig.

Habe es dem Nachbarn nicht übel genommen, denn er hat ausgesprochen, was vermutlich viele aus meinem Umfeld einfach nur gedacht haben. Wenn man sich ausgerichtet auf das Umfeld verhält, tritt Stillstand ein.

Man muss sich angepasst verhalten. Was das erfordert bestimmt man nicht selber sondern das Umfeld bestimmt die Filterkriterien die entscheiden, ob man den Ansprüchen genügt. Beugt man sich den unausgesprochenen Erwartungen, tritt Stillstand ein, Mutlosigkeit und man begibt sich in Abhängigkeit vom Wohlwollen der Leute, die einen Rutsch nach oben oder unten ungnädig registriert.

Obwohl in der Business Welt zuhause, finde ich die Texte von Martin Suter sehr schön, weil er es glänzend versteht alltägliches Verhalten als Spiegelbild zu projizieren, dass man sagt: Hoppla, so sieht es für den aufmerksamen Betrachter von der Seitenlinie aus! Wer dann grinsen kann, auch über sich selber, der ist noch nicht verloren.

Es macht mir seit Jahrzehnten Spass nach guten, aber unbekannten und daher günstigen Weinen zu suchen. Was das mit der Geschichte zu tun hat? Eine Menge. Es hat immer wieder Weine gegeben, die ich später nicht mehr gekauft habe, weil mir irgendwann der Preishöhenflug zu dumm wurde. Dann stehe ich aber zu meinem Kaufkriterium und erkläre Freunden nicht, dass der Wein schlecht geworden ist. Dieses Verhalten ist aber nicht selbstverständlich.

Professionelle Kritiker, gleich welcher Sparte, verhalten sich aber nicht so. So loben und preisen völlig Unbekanntes, um sich damit aus der Masse ihrer Konkurrenten abzuheben. Glückt ein Treffer, gibt es - Twitter Sprache - Follower. Aus dieser Herde wird früher oder später eine Person den Versuch machen, mit einer deutlichen bis krassen Gegenposition, Aufmerksamkeit zu erheischen. Solange es dann zwei Lager gibt, schadet es dem Geschäft nicht. Nur wehe die Stimmung kippt ganz.

Doch selbst da kann ich Trost für Autoren spenden. Bücher die Kritiker-Papst Reich-Ranicki verrissen hat, wurden anschliessend extrem gut gekauft, weil sich die Leute ein eigenes Urteil bilden wollten. In diesem Sinne, jeder Tag bietet neue Opportunities.

Bobsmile said...

Ach ja, Zoë Jenny, die "Yummy Mummy". (Der Ausdruck ist nicht von mir, sondern hat die SI erfunden)
Sie sank wohl ziemlich tief, belieferte sie doch letzten Herbst das Feuilleton mit ihrer spannenden In-vitro-Fertilisation-Story.
:-)

Zappadong said...

@Relax: Vielen Dank für die Einblicke in dein Leben. Es braucht Stärke, seinen Weg zu gehen, eine Stärke, die leider viele Menschen nicht haben. Ich denke, es gibt in der Schweiz eine Menge Menschen, die ganz vieles nicht tun, was sie gerne täten, weil "man das nicht macht", sich fragt, "was die Nachbarn sagen würden" und dann noch die Angst dazukommt, was die Nachbarn erst bei einem SCHEITERN sagen würden. Wobei "scheitern" für mich auch immer eine Chance beinhaltet, einen Lernprozess, den man positiv umsetzen kann (aber ich bin ja auch nicht die "Nachbarin, die etwas sagen könnte").

Zurück zu Suter: Ich denke wie bugsierer, das der sehr viel aushält. Er kennt die Branche, weiss, wie wir ticken. Und doch: Irgendein Stachel sitzt da vielleicht doch. (Ich bin ja ein ähnlich zähes Möbel wie der Suter, aber manchmal kann mich der ganze Betrieb dennoch verletzen - zum Glück weniger als auch schon).

@bobsmile: Mir tut Zoe Jenny leid. Sie wurde verbrannt. Sie war damals sehr jung, hat einen sehr persönlichen Text geliefert (den ich übrigens nicht gelesen habe - ich stehe nicht so auf diese Bauchnabeltouren) und konnte dann nach diesem Medienhype nur noch scheitern. Das passiert Jungautoren, die ihre Seele auf den öffentlichen Seziertischlegen des öfteren; weil einmal seziert, muss sich diese Seele erholen und der Autor / die Autorin die Geschichten dann anderswo suchen. Das geht. Aber man braucht Zeit und Ruhe - und vor allem keine wartende Medienmeute, die sich zum Verriss bereit auf das neue, zu schnell folgende Werk stürzt.

Petra said...

@Relax
Als ehemalige Kritikerin kann ich der Beschreibung hinzufügen, dass es oft noch schlimmer ist - ein Kritiker ist nicht nur am eigenen Image interessiert, sondern zuallererst dem der Zeitung verpflichtet. Die ganz Großen mögen einigermaßen frei sein, ansonsten hat die Redaktionskonferenz aber schon mal Strategien in der Schublade:

Wir müssen uns heute von Konkurrenz A abheben und nicht ganz so dumm wie B argumentieren. Und Achtung, jetzt verreißen plötzlich alle den Autor Z, entweder wir haben gute Argumente und bleiben stehen, oder wir schwenken ein.

Die "Bösen" sind dann meist gar nicht die Kritiker ( so herrlich rückgratfeste wie MRR gibt's kaum mehr), sondern die moderne Maschinerie: nur kein Risiko, aber viel Aufsehen (siehe Hegemnn-Berichterstattung).

Als Tipp an Autoren kann man daraus nur ziehen: Bücher verkaufen sich, egal, was in der Kritik steht, Hauptsache, sie steht im richtigen Blatt, Hauptsache, Name und Titel sind richtig geschrieben. Und am allerbesten verkaufen sich Bücher, die kontrovers diskutiert werden und entsprechend extreme Kritiken bekommen. Lobgehudel klebt im Laden...

Thomas said...

War mal kurz weggegrazt und komme daher erst jetzt zum korrigieren. «Giulias Verschwinden» hat in Locarno den Publikumspreis gewonnen, aber natürlich keinen Schweizer Filmpreis. Wieso auch? Ist ja schliesslich ein Publikumsfilm, also ein Schweizer Film, den sich auch tatsächlich jemand im Kino angeschaut hat.