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Menschenrechte

Weil in letzter Zeit im Zappadong-Gebäude viel von Menschenrechten die Rede ist, empfehle ich für das Wochendende folgende Lektüre.

UPDATE: Nach den ersten paar Stunden Lektüre hätte ich dann mal folgende Fragen (die mir vielleicht jemand beantworten kann):

Was passiert dort, wo Menschenrechte aufeinanderprallen? Zum Beispiel europäische auf solche aus dem Islam:
Fast alle islamischen Staaten sehen die Scharia als Basis ihres Rechtssystems an. Diese kennt keine negative Religionsfreiheit für Muslime. Das islamische Recht verbietet zwar Zwang, um Juden oder Christen zum Islam zu bekehren. Es gibt einem Muslim aber nicht die Freiheit, für sich eine andere Religion als den Islam zu wählen oder Atheist zu werden (siehe hierzu Apostasie im Islam). Wegen dieser und anderer Widersprüche zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hat die Organisation der Islamischen Konferenz im Jahr 1990 die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam beschlossen. Dem Individuum wird durch diese Erklärung jedoch keine religiöse Wahlfreiheit garantiert.
Was passiert dort, wo einzelne Menschenrechte einander gegenüberstehen? Zum Beispiel

- Religionsfreiheit versus Gleichberechtiung von Mann und Frau?
Allen einzeln genannten Menschenrechten übergeordnet ist das Prinzip der Gleichberechtigung, das durch Maßnahmen der Gleichstellung umgesetzt wird.
- Religionsfreiheit versus Recht auf körperliche Unversehrtheit (Prügelstrafe, Zwangsbeschneidung)
- Religionsfreiheit versus Recht auf Selbstbestimmung
- Meinungsfreiheit gegen Religionsfreiheit => Im Jahr 2008 hat der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen den Islam über die anderen Menschenrechte gestellt. Ihn zu kritisieren ist seither ein Verstoss gegen die Menschenrechte:
Und nun hat der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen, dessen Mitglieder sich regelmäßig im schönen und weltoffenen Genf treffen, das Meisterstück seiner inzwischen zweijährigen Existenz abgeliefert und die Scharia, das islamische Gesetz, für sakrosankt erklärt.
Allein schon eine Diskussion über die Scharia ist eine Beleidigung, die nicht hingenommen werden kann. Was im Umkehrschluss hingenommen werden muss, sind diverse Akte der praktizierten Barbarei, wie die Steinigung von Ehebrecherinnen, das öffentliche Erhängen von Homosexuellen und Frühehen mit Kindsfrauen, die alle ganz offenbar im Einklang mit der Scharia stehen. Und die deswegen vom Menschenrechtsrat der Uno unter dem Label der Religionsfreiheit respektiert werden müssen.

Wie sieht es mit der Gewährleistungspflicht aus?
Gewährleistungspflicht: Der Staat hat für die volle Verwirklichung der Menschenrechte Sorge zu tragen, wo dies noch nicht gegeben ist.
Mich interessiert: Wie weit darf/soll/kann/muss der Staat repressiv eingreifen, um folgende Rechte aller zu schützen (diese Frage in Anspielung auf die repressiven Massnahmen im Fussball):
- Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit
- Recht auf Freiheit, Eigentum und Sicherheit

14 Kommentare:

Schneckenmaus said...

Liebe Frau Zappadong,

Sie sprechen da ein Thema an, was mir schon sehr lange zu denken gibt. Immerhin glauben ja Juden, Christen und Muslime an ein und denselben Gott, auch wenn Sie ihren Glauben auf recht unterschiedliche Weise ausüben.

Laut Scharia gibt es genau drei Arten von Menschen:

1. Muslime - sie haben alle Rechte und Pflichten

2. Dhimmis - Schutzbefohlene (insb. Juden und Christen), die ihren privatrechtlichen Bestimmungen nachgehen dürfen, im Bereich des öffentlichen Rechts und der Ausübung religiöser Bräuche allerdings eingeschränkt sind. Sie müssen Sondersteuern zahlen, werden dafür aber geschützt und müssen keinen Kriegsdienst leisten.

3. Harbis - Nicht-Muslime, die sich im Kriegszustand mit den Muslimen befinden. Sie dürfen getötet, versklavt und vertrieben werden; ihr Eigentum darf als Kriegsbeute genommen werden. Die Beendigung des Kriegszustandes kann auf genau zwei Arten erfolgen:

1. durch Annahme des Islam oder

2. durch Unterordnung unter die islamische Herrschaft gemäß einem Dhimmah-Abkommen.

Und da wäre ich dann wieder an der Stelle, wo ich gar nicht mehr so genau weiter darüber nachdenken möchte, was das in letzter Konsequenz bedeutet ...

Mara said...

Die erste Frage versteh ich nicht, wo sollen da Menschenrechte aufeinanderprallen? In der internationalen Erklärung für Menschenrechte ist das eigentlich ziemlich klar - dass die islamischen Staaten ihre irgendwie auch so nennen, heisst ja nicht, dass sie deswegen diesselbe internationale Verbreitung haben. In der Israelfrage hab ich schon mal geschrieben, dass dieser Menschenrechtsrat, seit er mit Vorliebe von islamischen Staaten instrumentalisiert wird um Israel in erster Linie zu kritisieren, ein ziemlicher Treppenwitz ist (Durbankonferenz..). Aber da ging es ja nur um Israel.

By the way ist die Entschliessung des Rates noch kein verbindliches Menschenrecht - dazu müsste es erst durch die UNO aufgenommen werden. Insofern handelt es sich bei dem von Ihnen zitierten eben nicht um ein Menschenrecht, sondern ist sozusagen immer noch in der Pipeline und die arabischen Staaten wollen das gerne umsetzen. - sind damit, soweit ich mitbekommen haben, aber noch nicht durchgedrungen. (PS: dass der genial schreibende aber islamophobe Broder das aufgreift wundert mit nicht)

zweite Frage: das ist Kollisionsrecht. Normalerweise haben STudenten ca 4 Semester Zeit sich mit dieser Frage im grossen und kleinen Auseinanderzusetzen. Ganze Bücher/Dissertationen werden dazu geschrieben. Grob gesagt gibt es eine Hierarchie und innerhalb der Freiheitsrecht eine Abwägung.

dritte Frage:
- siehe oben, Abwägungsfragen
- aber es gibt juristisch noch ein Prinzip - es gibt keine Hierarchie an Leben, das Leben bzw. die körperliche Unversehrheit von jedem Menschen ist gleich wichtig, egal um wenn es sich handelt - unabhängig von Alter, Gesundheitszustand, Vorverhalten, Wichtigkeit in der Gesellschaft etc. ...

Wenn Sie klare eindeutige Antworten darauf wollen, die gibt es nur selten, Juristerei und Menschenrecht ist keine Mathematik die man an und ausschalten kann. Es sind Wertungen/Abwägungen und in jeder Situation auch anders, da nie die Situationen gleich erscheinen. Was nach meiner persönlichen Ansicht übrigbleibt ist ein Grundprinzip, dass ein Staat nie einen anderen Menschen als Mittel zum Zweck benutzen darf, weil staatliches Handeln sonst genau diesen Menschen sein Menschsein abspricht.


PS: in rechtlichen Sachen finde ich Wikipedia im übrigen extrem lückenhaft und oft auch falsch - würde ich nicht unbedingt als einzige und erste Lektüre empfehlen

Zappadong said...

@Mara: Herzlichen Dank für die Antworten.

zu Punkt 1: Es ist beruhigend zu lesen, dass diese Entschliessung des Menschenrechtsrates (noch) nicht durch die UNO aufgenommen wurde. Es ist aber äusserst beunruhigend, dass der Menschenrechtsrat so etwas überhaupt in Betracht zieht.

zu Punkt 2, dem Kollissionsrecht: Wenn man dazu ganze vier Jahre braucht, dann ist es wohl ziemlich kompliziert. Ich finde es sehr spannend, dass es eine Hirarchie und eine Abwägung gibt. Mehr dazu zu erfahren wäre sehr interessant.

zu Punkt 3: Da wäre es jetzt wichtig zu wissen, wer dieses Abwägen vornimmt und auf welcher Grundlage. Auch wenn es kompliziert ist.

zu Punkt 4: Deshalb diskutieren wir ja manchmal so heftig: Weil es nicht immer eindeutige Antworten gibt. Mich erschreckt - als absolute Nichtkennerin der Matiere - aber dieser Wirrwarr. Ich gestehe, dass ich der ganzen Frage der Menschenrechte im Moment ziemlich ratlos gegenüberstehe. Es könnten also weitere Fragen folgen.

Als nächstes möchte ich mich genauer in die Völkerrechte einlesen. Wobei mir klar ist, dass auch das eine sehr komlexe Angelegenheit sein wird, die ich wahrscheinlich höchstens ansatzweise verstehen werde.

Zum PS: Wikipedia: Schon klar, dass das lückenhaft ist, aber einen Überblick gibt es dennoch. Und man kann immer noch selber weiter nachforschen gehen, wenn man mal auf ein Thema gestossen ist, das einen interessiert. Ausserdem habe ich die ganzen Texte auch nicht unter einem juristischen Standpunkt gelesen, sondern um mir einen generellen Überblick zu verschaffen.

David said...

1. Frage: Ich gehe mit Mara einig. Die Bestrebungen der muslimischen Staaten widersprechen der Idee der universellen, egalitären, unteilbaren Menschenrechte und führen sie ad absurdum.

2. Frage: Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass man im Namen der Religion die anderen Menschenrechte ausser Kraft setzen kann. Ich darf die Religion frei wählen, aber das gibt mir nicht das Recht, jemanden zu steinigen oder zu zwangsverheiraten, den jeder hat das Recht, nicht gesteinigt oder zwangsverheiratet zu werden. Da gibt es meiner Erachtens gar nichts abzuwägen.

3. Frage: Hier teile ich Maras Auffassung wieder. Wenn der Staat ausschliessen müsste, dass es zu Übergriffen kommt, müsste man alle Menschen in Einzelhaft halten. Es kann nicht darum gehen, präventiv alle Risiken zu minimieren, sondern freiheitsverträgliche Präventionsarbeit zu leisten und bei allfälligen Verstössen die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Verwirklichung der Menschenrechte bedeutet, dass niemand das Recht haben darf, mich zu verprügeln, und nicht, dass niemand die Möglichkeit haben darf, mich zu verprügeln.

Und ja, im rechtlichen Bereich ist die Wikipedia sehr schlecht. Und zudem noch sehr deutschlandlastig.

Zappadong said...

Zu Punkt 1: Ich glaube, da sind wir uns alle einig. Ich weiss nur nicht, wie (un)berechtigt die Angst ist, dass sich die muslimischen Staaten durchsetzen könn(t)en.

Zu Punkt 2: Meines Erachtens gibt es da auch nichts abzuwägen. Ich bin aber nicht sicher, ob nicht doch abgewogen wird, weil nicht jeder gleich gewichtet, gestehe aber, dass ich absolut nicht sattelfest bin. Deshalb gleich eine Frage: Es gibt in einigen westlichen Ländern (zum Beispiel England) die Möglichkeit, als Muslim(in), einen eigenen Vermittler anzurufen, der dann auf der Basis der Scharia vermittelt und nach Lösungen sucht. Wie weit hier Druck ausgeübt wird, weiss ich nicht, auch nicht, wie weit hier dann die Religionsfreiheit vor anderen Rechten gilt.

Zu Punkt 3: Ich bin sehr für die freiheitsverträgliche Prävention. Was, wo sie versagt? Und mit ihr zusammen die rechtlichen Mittel, die der Staat hat (aufgrund von Anonymität wegen Vermummung und oder sich in der grossen Masse verbergen - wer findet zum Beispiel schon heraus, wer von den 200 Randalieren was in einem Bus / SBB Wagen auseinandergenommen hat)? Muss dann ein Staat kapitulieren? Oder soll er nach Massnahmen suchen, die zwecks zur Rechenschaft ziehen können von Tätern unbeteiligte mit in die Ermittlungen ziehen könnten (Videoüberwachung, Schnellgerichte ect.)? Das ist für mich ein Bereich, wo man unter Umständen abwägen muss. Zugegeben, ein sehr, sehr heikler. Aber kann und darf es sein, dass sich eine grosse, friedliche Mehrheit vor einer sehr kleinen, zu allem bereiten Minderheit plagen lassen muss?

Zu Wikipedia: Einverstanden. Aber wie gesagt: Für Basisinfos ist Wikipedia nicht schlecht, zumal man kürzlich herausgefunden hat, dass auch in gedruckten Enzyklopädien nicht wenige Fehlinformationen vorhanden sind.

Titus said...

Ähm, die Zwangsbeschneidungen haben nichts mit der Religion zu tun, auch wenn uns das Vertreter gewisser politischer Parteien immer wieder einreden wollen.

Doch dies eher am Rande, denn eigentlich wollte ich noch eine andere Frage stellen: Warum beschäftigen wir uns heute mit solchen Fragen?

Ziemlich egoistisch betrachtet könnte es uns ja eigentlich egal sein, was in islamischen Ländern abläuft, so wie uns das auch die letzten 60 Jahre egal war (seit dem bestehen der Erklärung der Menschenrechte). Hier bei uns gelten ja schliesslich die Menschenrechte...

Diskutieren wir hier vielleicht deshalb darüber, weil die Globalisierung nun auch bei Fragen zum Glauben und der Religion angekommen ist?

Zappadong said...

@Titus: ich kann diese Frage nur für mich beantworten (andere haben andere Motive). Für mich gilt:

Mich beschäftigt - wie Sie auch - der Weg, den unsere Egoistengesellschaft eingeschlagen hat. Mich beschäftigen die Folgen; eine davon ist eine ungeheur aggressiv ausgelebte Gewalt. Mich beschäftigt, wie wir damit umgehen. Zu diesem Umgang taucht hier in Zappadong-Hausen immer öfter die Frage nach den Menschenrechten auf.

Ein Motiv ist sicher auch das geschärfte Bewusstsein in Bezug auf die Religionen. Ich bin unter anderem konfessionslos, weil die meisten Kriege im Namen irgendeines Gottes geführt werden. Und nun erlebe ich, wie das Thema einen immer grösseren Stellenwert erhält - was mich beunruhigt.

Was mich (und wie gesagt, ich spreche für mich) im Moment am brennendsten interessiert: Wie gehen wir mit einer sehr kleinen, sehr gewaltbereiten Minderheit um, die ihrerseits die Menschenrechte mit den Füssen treten, dann aber selbstverständlich erwarten, dass diese Rechte für sie vollumfänglich gelten.

Titus said...

@ Frau Zappadong
Ihr letzter Kommentar kommt mir so vor, als ob es die Menschenrechte verbieten würden, Straftäter hart bestrafen zu dürfen.

Natürlich soll man sie bestrafen. Das können durchaus auch harte Strafen sein. Aber sie haben sich im Rahmen der Menschenrecht abzuspielen.

Tägliches Auspeitschen liegt also nicht drin. Aber den Täter täglich mit seiner Tat zu konfrontieren, das geht. Und das ist für ihn wohl härter als irgendwelche Peitschenschläge auszuhalten.

Wenn Sie ein Vergehen begehen, und sei es nur eine Geschwindigkeitsüberschreitung, dann erwarten Sie doch auch, dass man Sie nicht willkürlich behandelt. Sie wollen angehört werden, Sie wollen ihre Version der Dinge erzählen können.

Vielleicht waren Sie ja unterwegs zum Spital mit einer Hochschwangeren. Das Gesetz haben Sie aber trotzdem übertreten. Dank dem Recht auf rechtliches Gehör wird man Ihnen in diesem Beispiel aber sicher mildernde Umstände zugestehen.

Dieses Anhören (als ein Beispiel der Menschenrechte) erlaubt aber in anderen Fällen, härter durchzugreifen. Da gab es keine Hochschwangere. Stattdessen wurden nur andere Menschenleben wegen der überhöhten Geschwindigkeit gefährdet.

Vielleicht müssten wir aber einmal über die Strafen bzw. Strafmasse diskutieren, welche uns allgemein immer als zu tief erscheinen...

Zappadong said...

@titus: Es geht mir nicht um die Strafen. Die mögen - subjektiv gesehen - in den Augen einzelner zu milde sein, aber daran kann man, kann ein Staat, arbeiten.

Es geht mir darum, Straftäter erst einmal zu erwischen. Das ist - um beim Fall der Hooligans zu bleiben - ziemlich schwierig, wenn sie in der Anonymität der Masse agieren. Es geht um Fancards (welche bei den "Fans" auf Ablehnung stossen), es geht um Videoüberwachung in Stadien (wo sofort der Datenschutz bemüht wird), es geht um die Schnellrichter in den Stadien, es geht um Rayonverbote, es geht um ein generelles Bierverbot für alle wegen ein paar ganz wenigen gewaltbereiten Dummdödeln - alles Bemühungen im Grenzbereich. Wir können sie lassen und uns weiterhin auf die Kappe scheissen lassen. Oder es kommt eine Keller-Sutter (die ja nicht alleine kommt, aber den Kopf für alles hinhalten muss), die uns zu verstehen geben will, dass wir zu weit gegangen sind und deshalb dafür einen Preis zahlen, wenn wir die Situation entschärfen möchten.

Um nochmals auf die Aktion Ameise zu sprechen kommen: Ich habe die Ohnmacht erlebt, das Gefühl, absolut nichts unternehmen zu können, damals, als wir die Dealer im Treppenhaus hatten. Zusammen mit der Polizei haben wir uns alle damals legalen Mittel angeschaut und es lief auf ein "praktisch keine Chance" heraus. Ich bin froh, hat die Polizei damals ihre Präsenz erhöht, hat sie die Aktion Ameise ins Leben gerufen. Eine Aktion übrigens, die kürzlich vom Bundesgericht versenkt wurde.

Titus said...

Diesen BGE konnte ich auch nicht nachvollziehen. Es ging ja nicht darum, jemanden ins Unglück zu stürzen, also wie wenn bespielsweise ein ziviles Polizeiauto hinter einem anderen herfährt und den vorderen Fahrer quasi dazu drängt, schneller zu fahren, womit es zu einer Geschwindigkeitsüberschreitung kommt. Es ging ja nur darum, nach einem Anfangsverdacht auch einen klaren Beweis fürs Dealen zu haben...

Zu Ihrem Problem allgemein: Es beschäftigt mich auch seit Ihrem Beitrag zu Keller-Sutter. Ich ziehe häufig die früheren Zeiten zu Rate, als solche Phänomen noch nicht auftraten.

Zurzeit bin ich zum Schluss gekommen: Wir haben ein «Massen-Bewältigungsproblem», denn die Masse erlaubt es, in der Anonymität zu verschwinden. Früher gab es diese Massen-Veranstaltungen nicht (es gab ja auch noch nicht so riesige Stadien, wie wir das heute kennen). Damals kannte man sich noch, man stand nebeneinander am Spielfeldrand.

Ich bin nicht dagegen, dass man etwas dagegen unternimmt, aber ich wünsche mir, dass man «das Richtige» unternimmt.

Gehen wir von meiner These aus, dass es die Massen sind, die eben erst ein ungebührliches Verhalten erlauben, dann müssen wir uns die Frage stellen, wie man dieser Anonymität entgegenwirken könnte. Mit Videoüberwachung, als Beispiel, bekommt zwar der Täter eine Statur (ich würde nicht einmal von einem Gesicht sprechen, denn die wissen sich zu vermummen), aber sie haben noch immer keine Identität.

Um dieser Anonymität entgegenzuwirken, wie wäre es denn, wenn jemand nur reingelassen wird, wenn er von einem anderer Person empfohlen wird? Als ich käme nur rein, wenn Sie mich beispielsweise empfehlen. Und wenn ich Schei... baue, kommen auch Sie dran.

Das heisst nicht, dass man den Empfohlenen überwachen muss. Aber man würde ihn wohl nicht empfehlen, wäre man sich nicht sicher, dass er sich anständig benimmt. Das kreiert indirekt ein (kollektives) Verantwortungsbewusstsein. Genau das erwarten wir ja alle (oder zumindest die 99.9 %, welche keine Probleme machen). Und die Anonymität ist weg.

Wenn wir die Masse nicht einbinden, bleiben eben nur Massnahmen, die kollektiv wirken und repressiv sind, obwohl es 99.9 % nicht betrifft.

Das ist nur eine spontane Idee. Vielleicht gibt es ja noch bessere...

Zappadong said...

Lieber titus. So was Ähnliches gibt es. Es nennt sich Fancard.

Zitat NZZ: "Das Szenario für einen Fussball- oder Eishockeyfan könnte ab 2011 so aussehen: Für den Besuch eines Spieles braucht er eine Fancard zur Identifikation. Reist ein Fan an ein Auswärtsspiel, muss er ein Kombiticket lösen, sonst kommt er nicht ins Stadion; das heisst, er muss mit einem organisierten Fantransport anreisen, der ihn direkt in den Gästesektor des Stadions schleust."

Das Problem: Die "Fans" rasten wegen der Fancard aus und lehnen sie ab. Zu viel Big Brother. Würde mich mal interessieren, was echte Fans dazu sagen. Werde mich fachkundig machen und berichten, was ich so gefunden habe.

Ich denke auch, dass nur ein Herausreissen aus der Anonymität Erfolg haben kann.

A propos Anonymität. In Basel hat ein weiterer "Saubannerzug" stattgefunden. Alle Vermummte, alles Kurz- und Kleinschlager. Ohne anderes Motiv (zum Beispiel ein politisches) - es ging wirklich nur darum, eine Schneise der Zerstörung zu hinterlassen. Wenn wir gegen solche Exzessen nicht bald ein Mittel finden, haben wir ein wirklich grosses Problem.

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Das-Aufgebot-zur-Aktion-erfolgte-per-SMS/story/18067219

kopfchaos said...

..... in meinen augen is' die "fan-card" ein sehr probates mittel, denn auf diese weise is' der fan nicht mehr ein namenloses mitglied einer grossen gruppe, sondern kann namentlich identifiziert werden, in wie weit die durch diese "fan-card" erhobenen daten verwendet werden dürfen, das is' dann wieder 'n auftrag an die datenschützer.....
..... eine mögliche variante is', dass die fan-clubs und-organisationen diese daten selbst erheben und dann den behörden, bei begründetem verdacht, zur verfügung stellen.....

..... denn wenn die fan-clubs und -organisationen ihre leute im zaum halten können, sprich die "vernünftigen" und an spiel und sport interessierten sich deutlich von den hooligans distanzieren, so gelangen ebendiese krawallmacher nicht mehr in die stadien, es lohnt sich auch nicht mehr für sie nur anzureisen um stunk zu machen, da sie auf den wegen zu den stadien von der staatsgewalt angehalten und kontrolliert und gegebenenfalls auch "aus dem verkehr gezogen" werden können.....
..... die fan-clubs und -organisationen müssten sich, auch mit deutlicher finanzieller beteiligung, dafür aussprechen, das rigorose zugangskontrollen bei den stadien stattfinden, dies würde auch wieder das vertrauen der öffentlichkeit in die clubs und organisationen stärken.....
..... doch genau da liegt einer der hunde begraben, die meisten fan-clubs und -organisationen wollen von solchen massnahmen nichts wissen.....
..... in meinen augen verspielen sie so leider auch den letzten kredit und goodwill.....

Titus said...

Wie wär's mit einer Fan-Card für 1. Mai-Veranstaltungen? ;-)

Die Frage ist natürlich zynisch gemeint und doch zeigt sie eben auch, dass, wer Krawall machen will, auch Krawall macht.

Genau darum hatte ich die Frage gestellt, was denn die Ursache dafür ist, dass einige immer wieder die Sau rauslassen müssen. In Fussballstadien mag man mit allerlei Massnahmen zu Lasten aller die Sache einigermassen in den Griff bekommen. Und was ist ausserhalb der Stadien? Was ist an 1. Mai- oder anderen Veranstaltungen? Was ist am Donnerstag, Freitag und Samstag Abend?

Was läuft falsch, dass es immer wieder zu solchen Exzessen kommt? Und wann beginnt man endlich, nach den Hintergründen zu fragen?

Ich fand z. B. die Befragung der Polizeikorps zu den jugendlichen Intensiv-Tätern höchst aufschlussreich (http://www.ejpd.admin.ch/etc/medialib/data/pressemitteilung/2009/2009-07-02.Par.0001.File.tmp/Kantonsumfrage_Jugendliche_d.pdf)

Genau einen solchen Bericht wünschte ich mir zu den Chaoten in den Stadien, an anderen Veranstaltungen oder eben einfach nur im Ausgang (die verschiedenen «Chaoten» und ihre Motive sind untereinander eventuell nicht vergleichbar). Denn erst dann verstehen wir deren Motivation und können ihnen mit den «richtigen» Massnahmen quasi gezielt den Wind aus den Segeln nehmen - ganz ohne Fan-Card, Videoüberwachung usw...

Zappadong said...

@titus: Danke für das Lesefutter. Antwort kann eine Weile dauern - Ich möchte diese 26 Seiten gründlich durchlesen ... und Alter Ego ist ab heute heftigst unterwegs.