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Das liest Frau Zappadong

Weil heute schönes Wetter ist / wird.
Weil heute ein guter Tag zum Lesen ist.
Weil ich mich grad gruusig geärgert habe über einen, der mir unterstellt, ich gebe nur vor, die Sprache zu lieben.

Hier drei Buchanfänge, die mich begeistern:

Allen voran der Einstieg zu "Killing God" - den besten Buchanfang, den ich je gelesen habe. Der Rest des Buches ist übrigens ebenfalls bedrückend und verstörend genial.

Dann den Anfang von "Landeplatz der Engel". Wer so in ein Buch einsteigt wie Frank M. Reifenberg, der hat mein (Sprach)Herz erobert.

Und kürzlich, kürzlich, da hat mir ein Autorenkollege den Tag gerettet mit seinem Buchanfang  von "Ihr mich auch" - und danach die Woche mit dem Rest des Buches :-)

Alle drei Bücher sind Jugendbücher. Alle drei Bücher sollten eigentlich auch in der "Erwachsenenabteilung" stehen. Weil sie das leider, leider nicht tun, empfehle ich Ihnen ab und zu einen Abstecher in die Jugendbuchabteilung. Es gibt dort wahre Perlen zu finden.

UPDATE (weil vor lauter Sprachärger fast vergessen): Und das hört Frau Zappadong. Gestern Abend live in Dornbirn.

7 Kommentare:

Relax-Senf said...

Gut ausgewählte Empfehlungen. Beim "besten Buchanfang" kommt mir halt der alte Skeptiker in den Weg! Ist es denkbar, dass ein 15-Jähriger so einen Text eigenständig produziert??

Zappadong said...

Lieber Relax

Selber produzieren? Na ja, ich könnte Ihnen mal einen Text von Tochter Zap schicken ... sie ist nahe dran an so was ;-)

Ich denke, kaum eine 15 jährige könnte das PRODUZIEREN. Aber denken und fühlen. Kevin Brooks wäre dann sozusagen das "Medium", welches den Text aufschreibt.

Zu Kevin Brooks: Ich hatte die Ehre und das Vergnügen ihn kennenzulernen und habe ihn - da mir beim Schreiben die Ausgestaltung und Glaubwürdigkeit der Figuren sehr wichtig sind - über seine Art, an seine Figuren heranzugehen gefragt. Die Antwort: Kevin Brooks versetzt sich in den Jugendlichen / die Jugendliche und IST dann ungefähr ein Jahr lang - so lange braucht er für eine Geschichte - diese Figur.

Er hat mir damals in Frankfurt verraten, dass es für ihn eine der allerhärtesten Erfahrungen gewesen ist, ein Jahr lang ein übergewichtiger, unsympathischer fünfzehnjähriger Loser zu sein (die Hauptfigur in "Kissing the Rain" - ein Buch, das auch zum Lesen ein sehr harter Brocken ist; eben genau darum, weil Brooks den Ton dieses fünfzehnjährigen messerscharf getroffen hat).

Bobby California said...

Ruhig Blut Frau Zappadong, das hab ich ja alles gar nicht gesagt.

«Wenn ich Sie als Schriftstellerin enttäusche»: Sie enttäuschen mich nicht, denn ich habe nie eines Ihrer Bücher gelesen.

«Ich schreibe weiterhin so, wie ich schreiben möchte»: Machen Sie das, aber checken Sie vorher die Fakten.

«Ich messe der Sprache durchaus eine Bedeutung zu»: Das habe ich ja gar nie bestritten. Ich sagte nur: WENN Sie die Sprache lieben, DANN erstaunt es mich, dass Sie so streng zwischen Sprache und Leben trennen. Normalerweise tendieren Leute, die die Sprache lieben, dazu, enge Zusammenhänge zwischen der Sprache und dem Leben zu sehen. Sprachliebhaber sagen normalerweise nicht: Es ist egal, wie sich die Leute ausdrücken, denn die Sprache ist weniger wichtig als das Leben. Jemand, der die Sprache liebt, sagt eher: Sprache IST das Leben.

«Ich lese nur Jugendbuchautoren»: Das können Sie von mir aus machen, aber die Sprache hat noch viel mehr zu bieten. Sie verpassen eine ganze Menge.

«Ich werde hier nie schreiben: Liebe Zappadong-Besucher und liebe Zappadongbesucherinnen»: Das müssen Sie auch nicht. Der Sprachleitfaden ist ja nur für die Berner Verwaltung verbindlich. Und in Bern gibt es nun mal viele Frauen, denen es nicht egal ist, wenn sie immer mit der männlichen Form angesprochen und «mitgemeint» werden. Dafür habe ich volles Verständnis. Ich hätte keine Lust, als Mann immer mit «Liebe Zappadongbesucherinnen» angesprochen (und mitgemeint) zu werden, dann würde ich relativ bald denken, ich sei gar nicht angesprochen.

Zappadong said...

@Bobby California: öhm, doch, haben Sie ... ich meine, gesagt. Zum Beispiel das da:

"Es enttäuscht mich aber nicht wenig, dass Sie als Schriftstellerin, die vorgeben, die Sprache zu lieben"

=> Interpretation von Frau Zappadong: Ich gebe als Schriftstellerin vor, die Sprache zu lieben. Will heissen: Ich tue nur so. Wenn schon präzis formulieren, dann bitte auch von Ihrer Seite, Bobby California.

Und: Ich habe zwar keine Zeit gehabt, alles, was ich geschrieben habe, zu kontrollieren, aber so aus der Erinnerung: Ich glaube nicht, geschrieben zu haben, ich lese nur Jugendbücher. Weil ich das nicht tue. Weder im Sinne eines abwertenden "nur" noch im Sinne eines ausschliessenden "nur".
Ich kann mich aber irren. Heute ist nämlich tatsächlich ein irrer Tag: Der Rheintaler Föhn hat mein Hirn ziemlich leer geblasen. Hätte sich tatsächlich im Zusammenhang mit dem Lesen von Jugendbüchern ein "nur" in meinen Text geschlichen, möchte ich das hiermit widerrufen, und zwar in beiden Bedeutungen des Wortes. Ich lese durchaus auch andere Literatur, räume aber ein, dass ich schon aus beruflichen Gründen sehr viel Jugendliteratur lese.

Wo ich Ihnen recht gebe: Es ist nicht egal, wie sich die Leute ausdrücken. Vielleicht können Sie und ich uns darauf einigen, dass wir beide eine unterschiedliche Toleranzgrenze haben, und andere nochmals eine andere. Mir ist es absolut egal, wenn irgendwo steht: "Liebe Zuschauer" / "Liebe Autoren" usw. Es gibt auch Wörter in unserer Sprache, die einige Sprachwissenschaftler unbedingt ersetzen möchten (weil sie politisch nicht mehr ganz korrekt sind), aber ich esse zum Beispiel weiterhin "Mohrenköpfe" (keine Ahnung, ob die noch so heissen und ob die auf irgendeiner Liste stehen; ist nur ein fiktives Beispiel).

Ich lache auch herzlich gerne über Frauenwitze - und mache fürs Leben gerne Witze über Männer (meine liebsten Witze stammen aus diesen zwei Sparten). Ich liebe sie trotzdem, die Frauen wie die Männer.

Zurück zu "Sprache ist das Leben." Sie ist für mich ein wichtiger Teil des Lebens. Aber nicht der ganze Teil. Ich trenne die Sprache auch nicht vom Leben. Aber um bei meinem Beispiel zu bleiben: Die ganze Sprache nützt uns absolut nichts, wenn wir nachher nicht das leben, was die Sprache vorgibt. In anderen Worten: Ich habe vor vielen Jahren aktiv Politik gemacht, in einer Partei. An Lippenbekenntnissen zur Gleichberechtigung hat es nicht gefehlt. Bei der Umsetzung, na ja ... darüber schweige ich jetzt mal. Das meine ich, wenn ich schreibe, dass ich mir mit der Sprache alleine nichts kaufen kann. Es braucht die Menschen dazu, die auch (vor)leben, was da irgendjemand geschrieben hat.

Zudem verweise ich an dieser Stelle gerne noch auf den Blog von Hanspeter. Der hat sich diese ganze Sprachsache noch von einer ganz anderen Seite angesehen:

http://volkskultur.blogspot.com/2010/06/uber-die-schopferqualitat-des.html

Bobby California said...

«Es braucht Menschen, die vorleben, was jemand geschrieben hat»: Gewiss, gewiss. Aber das eine schliesst doch das andere nicht aus. Bobby sagt: Es braucht beides: faire Sprache UND faire Taten.

Aber wenn Sie über die Sprache reden, dann klingen Sie wie jemand, der von der Sprache abgrundtief enttäuscht ist: Dann sprechen Sie von «Lippenbekenntnissen»... wie wenn die Sprache nur ein Medium für Lügen und billige Tricks wäre. Um es mit einem Vergleich zu verdeutlichen: Wenn Sie über die Sprache reden, kommen Sie mir vor wie ein Mann, der sagt, alle Frauen seien verlogen, und eigentlich wolle er am liebsten nichts mehr mit Frauen zu tun haben, sondern nur noch mit Männern.

Hanspeters Beitrag überzeugt mich so wenig wie andere, aber wenigstens kommt Hanspeter ohne sexistische Schimpfwörter aus, das finde ich lobenswert.

Zappadong said...

@Bobby California: Oha. Ich stelle gerade fest, WIE verschieden wir zwei ticken. Ich bin von der Sprache überhaupt nicht enttäuscht, im Gegenteil. Ich liebe sie (Sonst würde ich weder lesen noch schreiben wollen). Den Schuh der Enttäsuchten müssen Sie also jemand anderem anziehen, ich will ihn nicht.

Ich will einfach nicht jeden Sprachgugus mitmachen. Wie zum Beispiel den vom Fussgängerstreifen / Zebrastreifen (der ist schlicht und einfach nur lächerlich).

Ein paar Beispiele: Eine Weile geisterten - aus den USA herkommend - ein paar totale sprachliche Irrlichter herum (wenigstens haben wir sie nicht ins Deutsche übernommen!). Da war ich plötzlich nicht mehr klein und dick sondern "horizontal und vertikal benachteiligt".

Oder es gibt dieses furchtbare Trara um den Begriff Hausfrau. So was ist man ja heutzutage nicht mehr. Eine Weile war man Familienfrau (grässlich ... hat schon mal jemand überlegt, was für eine Monstrosität sich hinter diesem Wort verbirgt???), jetzt ist man Familienmanagerin (noch viel grässlicher). Sinn und Zweck dieser Sprachakrobatik soll es wohl sein, den Beruf der Hausfrau zu stärken und aufzuwerten - statt dessen macht man ihn lächerlich, indem man Müttern und Hausfrauen suggeriert, sie könnten schon morgen eine halbe Führungsposition in einer Bank einnehmen, denn sie "managen" ja eine Familie. So was ist Verarsche pur. Da bin ich lieber Hausfrau und Mutter. Mutter sehr gerne, Hausfrau furchtbar ungerne. Ich hasse Haushaltsarbeiten und sie werden (für mich) nicht spannender dadurch, dass man mir einreden will ich sei Familienmanagerin. Nun, lange wird das wohl nicht dauern. Bestimmt findet man irgendwann einen total englischen Begriff für das, was ich zu Hause mache. Family manager. Oder, äxgüsi: Family manageress. Und Herr Zappadong ist dann Family manager. Weil wir im Job-Sharing arbeiten :-). Und um möglichen Missverständnissen vorzubeugen: Ich habe tiefsten Respekt vor Hausfrauen und Müttern. Ob sie das vollberuflich machen oder in Teilzeit (wie ich). Aber das wäre dann wieder ein ganz anderes Thema.

Bobby California said...

Zappadong > Es freut mich aufrichtig, dass man mit Ihnen zivilisiert diskutieren kann, auch wenn wir nicht gleich ticken. Das ist eine Rarität in der Blogwelt. Wenn mehr Blogger so sportlich wie Sie wären, müsste ich emänd mein Urteil revidieren, dass Blogger besser im Austeilen als im Einstecken sind. Bei Ihnen ist das zum Glück nicht so. Chapeau!

Ich finde natürlich auch, dass die politisch korrekte Sprache ab und zu monströse Wörter enthält. Die -Innen-Form finde ich nicht befriedigend. Dass die Behinderten «anders begabt» sein sollen, ist ein arger Euphemismus. Hausfrau hat aber schon einen starken Fifties-Beigeschmack. Gewiss, Familienmanagerin ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss.

Handkehrum verstehe ich die hysterische Aufregung um den Berner Leitfaden gar nicht. «Sprach-Irrsinn» schrieb der Blick, das ist schon grotesk übertrieben. Es hat Wörter drin wie Zebrastreifen (wo ist das Problem? Zebtrastreifen ist doch schon fast ein umgangssprachliches Wort), Grundkurs statt Anfängerkurs, Team statt Mannschaft usw. Das klingt doch alles sehr gemässigt, ist wirklich keine Zumutung und dürfte auch für Machos akzeptabel sein.