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Die bösen Hardliner haben verloren

Die netten, unbescholtenen Jungs und Männer, die ihr Leuchtfackelzeug nur aus praktischen Gründen im Genitalbereich versteckt ins Fussballstadion tragen wollten (war halt grad keine Hand frei und das Handtäschchen zu Hause vergessen gegangen), trafen auf böse, böse Polizisten, die OHNE VORANKÜNDIGUNG (welche Frechheit!!!) die Eingangskontrollen verschärft hatten. Die waren dann nicht nur böse, sondern auch unverschämt genug, den ganzen Körper abzutasten und das - ehrlich, wirklich nur aus praktischen Gründen im Genitalbereich untergebrachte - Pyrozeug zu finden. Ausserdem: Die harmlosen Feuerwerkskörper wurden nur ins Stadium mitgenommen, damit sie nicht alleine daheim bleiben mussten. Abfackeln wollte man sie selbstverständlich nicht. Neiiiiiin. Ehrlich. Aber die bösen Hardliner sahen das anders und leiteten ein Strafverfahren ein - und sind mit dieser Sichtweise voll auf die Nase gefallen. Weshalb alles ganz legal war. Und sich die Anwältin jetzt in der WOZ freuen darf.

Ich bin zu alt, so was zu verstehen. Hätte die WOZ heute nicht noch andere, wirklich gute Artikel auf Lager gehabt, ich hätte ihr die Liebe und das Abo gekündigt. Vielleicht schreiben die WOZ-Journalisten ja für so alte Hardlinerfrauen wie mich mal einen Artikel, in dem sie mir erklären, wie sie der Gewalt in und um den Fussball Einhalt gebieten würden.

39 Kommentare:

ugugu said...

das problem von hardlinern liegt unter anderem auch in verkürzungen wie pyroshowliebhaber = gewalttäter.

diese fackeldinger können in einer menschenmenge abgefeuert, aufgrund der enormen temperaturen, zweifellos gefährlich sein. warum nicht das kontrollierte abbrennen vor dem spiel wieder einführen, was anfangs der 90er-jahre in schweizer fussballstadien durchaus gang und gäbe war?

gegen die gewalt in und um fussballstadien würde ich es mal mit abgabe von vuvuzelas an alle tröten versuchen. ;-)

Zappadong said...

Vuvuzelas gegen Gewalt? Schon mal was von akkustischer Folter gehört ;-)

Ich liebe Feuerwerke (coole Sache). Aber nicht in Stadien, gleich über dem Familienbereich, auf den man das Zeug dann auch noch hinunterwirft. Aus Spass an der Freude (oder infolge erhöhten Alkoholpegels).

Das Problem scheint mir zu sein, dass eigentlich alle etwas gegen die Gewalt rund um den Fussball tun wollen, aber keiner bereit ist, dafür - freiwillige - Einschränkungen in Kauf zu nehmen.

Es wäre wirklich schön, wenn auf freiwilliger Basis und mit viel guter Fanarbeit etwas erreicht werden könnte. Leider muss man solche Sätze im Konjunktiv schreiben. Bis jetzt. Vielleicht findet ja doch noch irgendwer DIE Lösung aller Lösungen.

Leid tun mir die Polizisten, denen bei Bedarf auch mal ins Gesicht gespuckt wird, von verbalen Entgleisungen mal ganz abgesehen. Und ich frage mich, welche der heftigsten Kritiker von "Hardlinern" je mit Vertretern dieser Berufsgruppe darüber geredet haben, was einem so alles passiert rund um ein Fussballstadion.

David said...

Das eine ist die grundsätzliche Pyrothematik. Ich teile Ugugus Meinung. Pyros sind den Fans so wichtig, dass das Verbot nie durchgesetzt werden kann. Würde man verantwortungsvollen, nicht alkoholisierten, nicht anonymen Fan ein geregeltes, kontrolliertes Abbrennen erlauben, könnte die Sicherheit meines Erachtens viel besser garantiert werden als mit dem heutigen Ansatz, wo man begeisterte Fussballfans zu Dutzenden oder gar Hunderten kriminalisiert und damit nur erreicht, dass die Pyros anonym in der Menge gezündet werden.

Das andere ist dieser spezifische Fall. Zum Glück kann man in unserem Staat nicht für mutmassliche Absichten bestraft werden, sondern nur für Taten gemäss Strafgesetzbuch. Würden wir diesen Grundsatz aufgeben, wäre Willkür Tür und Tor geöffnet. Ausserdem ist das Vorgehen der Polizei bereits jetzt sehr willkürlich, wenn sie die Verhaftung mit Vorwürfen begründet, die weder Hand noch Fuss haben.

Titus said...

Sagt man denen nicht Winkel-Advokaten, welche durch eine unvollständige gesetzliche Definition ein Hintertürchen finden?

Der Frust sollte sich aber wirklich eher gegen den Gesetzgeber richten, welcher wohl ziemlich naiv davon ausging, dass es Leute gibt, die Pyros nur so zum Spass mit sich herumtragen, ohne sie je abfeuern zu wollen...

Mich stört aber vor allem der Umgang mit Verdächtigen: «Die Fans wurden auf den Boden gedrückt, die Hände mit Kabelbindern gefesselt. Ein Sicherheitsbeamter zog ihnen dann die Hosen aus.»

Das geschah (sofern die Anwältin da nicht übertreibt) aufgrund eines Anfangverdachts nach dem Abtasten. Ich bin absolut einverstanden, dass man daraufhin weiter sucht. Aber bitte schön doch nicht gleich auf eine so rabiate Art und Weise! Der steht ja schliesslich nicht unter Terrorverdacht und ist kurz davor, sich und seine Umwelt in die Luft zu sprengen, sondern kann sehr wohl auch noch selber langsam die Hosen runter lassen, oder?

Wenn das mir jemand aufgrund eines Anfangsverdacht machen würde (und es ist und bleibt halt immer noch nur ein Verdacht), dann würde ich denen aber die Hosen ziemlich über die Ohren ziehen... ;-)

Zappadong said...

@David: Einverstanden mit Ihrem ersten Punkt. Nur schwingt da halt wieder der Konjunktiv mit.

Zum Wort "verantwortungsvoll": Wir fordern dies von den Abzockern. Dass sie endlich zur Vernunft kommen, einsehen, welchen Schaden sie anrichten. Wir hoffen - vergeblich - dass sie sich mässigen. Bei den Abzockern schreit die ganze Welt. Beim Thema Fussball scheint da irgendwie automatisch ein Abwerreflex aufzukommen.

Womit ich beim nächsten Punkt bin: Ja, dem Recht wurde Genüge getan. Aber auch die Abzocker in der Wirtschaft berufen sich darauf, dass alles legal war. Wenn eine WOZ jetzt seit Wochen eine sehr harte Linie gegen die Abzocker in der Finanzwelt fährt, fährt sie mit diesem Artikel - mindestens in meinen Augen - auf einer sehr schrägen Schiene.

Zur Polizei: Wer die Arbeitsbedingungen dieser Menschen kennt, wer weiss, welchen Provokationen sie zum Teil ausgesetzt sind, der wundert sich nicht über ihr Verhalten. Nein, das entschuldigt es nicht, aber mich würde interessieren, was die Männer genau gesagt und getan haben, damit es so weit kommen konnte. Oder was vor dem Durchsuchen dieser Männer alles gelaufen ist.

Um einen Gegenpunkt zu setzen: Tocher Zap ist Stammgast am Bahnhof (er ist ihr "Aussenwohnzimmer") und wird regelmässig kontrolliert. Immer anständig und mit Respekt - weil auch die jungen Leute ihrer Gruppe mit Anstand und Respekt auf diese Kontrollen reagieren. Wenn mal einer der Polizisten etwas aggressiver drauf ist, weiss Tochter, dass das mit ihr nichts zu tun hat. Vielleicht hatte er an diesem Tag schon unzählige negative Erlebnisse und muss jetzt auch noch "die da" kontrollieren. Von Polizisten zu erwarten, dass sie - egal, wer sie vorher brandschwarz belogen, verbal zur Sau gemacht oder gar angespuckt oder angerempelt hat - immer freundlich und nett drauf sind, erwartet Unmögliches.

Dies wie gesagt nicht als Entschuldigung. Aber vielleicht als Gedankenfutter, warum der unbescholtene Mann seine Hose nicht selber herunterlassen durfte.

kopfchaos said...

..... pyrotechnischer kram hat in meinen augen in keinem stadion was zu suchen, dafür is' die unfall- und missbrauchsgefahr zu gross.....
..... ein echter fan, nicht der "hau-drauf-weil-ich-gern-rauf"-prolet, versteht, wenn sein club die sicherheit der anderen, wohlgemerkt zahlenden zuschauer, gewährleisten will und akzeptiert gewisse regeln, zum wohle seines clubs.....
..... und genau dieser gedankenansatz fehlt mir bei den meisten fan-organisationen.....

..... stellt euch vor, der familienvater mit seinen kindern, der "echte" fan und auch die am spiel interessierten gehen nicht mehr in die stadien, kaufen keine eintrittstickets mehr, essen keine bratwurst mehr im stadion.....
..... können die "hau-drauf-weil-ich-gern-rauf"-proleten und schlachtenbummler die dann den clubs und stadienbetreibern fehlenden einnahmen ersetzen.....?

..... man sollte fahrzeuge bauen, die innen sozusagen unkaputtbar sind, die "fans" von den bahnhöfen damit kostenlos abholen und direkt in die stadien fahren, wo sie saufen und raufen dürfen, ohne eingangskontrollen, nein man sollte ihnen auch gleich jedem einen satz pyros geben und das spiel nur für sie stattfinden lassen.....
..... damit können sich fan-organisationen doch einverstanden erklären und somit sollte es ihnen denn auch ned schwer fallen die entstehenden kosten bei ihren mitgliedern zu sammeln.....
..... der prolet ha seinen willen, der "echte" fan bekommt ein TV-abo spendiert und kann in sicherheit in seiner eigenen stube für sein club partei ergreifen und mitfiebern.....

..... ach, schöne, heile welt - was bist du scheisse.....

Zappadong said...

@Ist noch witzig. Hab mir vorhin, draussen an der frischen Luft, genau dasselbe überlegt. Nur verstösst wahrscheinlich der Transport in einem "nichtkaputtmachbaren" Fahrzeug gegen irgendein Menschenrecht.

Zur heilen Welt und dem Gesetz noch ein Nachtrag. Heute in der Regionalzeitung: Da klopfen sich 24 Leute am Bahnhof die Birne weich, es gibt Verletzte, die Polizei greift ein, findet Verursacher und Rädelsführer, die werden verurteilt, legen Einspruch ein ("ist ja gar nichts passiert" / "wir haben nicht geschlagen." "Familienehre") ... und müssen freigesprochen werden.

Mein Fazit - wäre ich Polizist: Nächstes Mal, wenn ich zu einer Schlägerei, in der nicht geschlagen wird, gerufen werde, und sehe, es sind die Typen mit der Familienehre, würde ich nicht mal aus dem Streifenwagen aussteigen, sondern gleich weiterfahren.

Die heile Welt ist schon ein bisschen unheil geworden.

Zappadong said...

Himmel. Korrektur. @Kopfchaos

Bobsmile said...

Noch mal zurück zum Pyrourteil.
Ich finde es einfach bedenklich, wenn das Gesetz anscheinend nicht zum Schutz von friedvollen Stadionbesuchern angewandt werden kann. Beim Schutz gegen Passivrauchen geht das doch auch?

Auszug aus der Hausordnung des Stade de Suisse Wankdorf:

"Verboten ist das Mitführen und Einsetzen von Gegenständen wie: Feuerwerkskörper jeglicher Art, inklusive Bengalischen Fackeln; Waffen oder waffenähnliche Gegenstände, usw.; "
[...]
"Keinen Zutritt haben Personen: die sich weigern auf verbotene Gegenstände abgetastet zu werden;die Gegenstände mit sich führen, deren Besitz und das Tragen verboten sind; die sich weigern, verbotene Gegenstände bis zum Eventende in einem Depot hinterlegen zu lassen;"

(Quelle: stadedesuisse.ch)

Und zur Erinnerung an die Krawalle nach dem Cupspiel 2009 YB-Sion:

"Die Polizei ruft in Erinnerung, dass die in den Fansektoren verwendeten Fackeln Temperaturen von bis zu 2000 Grad Celsius erreichten und sich - "einmal gezündet" - nicht mehr löschen liessen. Damit sei klar, dass solche Feuerwerkskörper ein sehr grosses Gefährdungspotenzial hätten."
(Quelle: DerBund 22.Mai09)

Tja, noch Fragen?

Zappadong said...

Da bin ich doch gleich die Stadionordnung vom FC St. Gallen suchen gegangen. Und siehe da:

"6. Verbotene Gegenstände und Verhaltensweisen

6.1 Das Mitführen folgender Gegenstände ist im Stadion untersagt:

* Waffen oder Waffenähnliche Gegenstände (Schusswaffen, Messer, Schlagringe, Baseballschläger, etc.);
* Pyrotechnische Artikel (bengalische Fackeln, Knallkörper, Rauchpulver, Petarden, etc.);"

"8.1 Werden die Verhaltenspflichten dieser Stadionordnung – insb. Ziffern 5, 6 und 7 – verletzt, kann die fehlbare Person mit den in Ziffer 8 vorgesehenen Sanktionen (Wegweisung, Stadionverbot, Umtriebsentschädigung und/oder Strafanzeige) belegt werden, wobei in jedem Fall Schadenersatzforderungen auf dem Rechtsweg vorbehalten bleiben."

Eigentlich ein klarer Fall.

David said...

@Bobsmile & Kopfchaos: Ich finde, ihr übertreibt es mit den Gefahren. Nicht dass ich die Pyros nötig finde, aber man muss einfach feststellen, dass sie für viele Fans nicht wegzudenkender Teil ihrer Fankultur ist. Das wird sich kaum ändern, und darum wird man das Problem mit Verboten kaum bekämpfen können. Es braucht pragmatischere Lösungen. Es ist durchaus möglich, Pyros in einem Stadion kontrolliert abzubrennen, ohne die Sicherheit zu gefährden.

Und, Bobsmile, es gibt kein Gesetz, das das Mitführen von Pyros verbietet. Eine Hausordnung ist kein Gesetz.

David said...

@Zappadong: Natürlich haben sie Stadionverbot (dafür braucht es kein Gericht), eine Strafanzeige hatten sie auch, Schadenersatz kann nur eingefordert werden, wenn Schaden entstanden ist. Also Strafrechtlich ein klarer Fall: Freispruch.

Zappadong said...

@David. "Eine Hausordnung ist kein Gesetz."

Und damit können wir sie in der Luft zerfetzen. Was für einen Sinn macht es denn, mit Vereinen und zusammenzuarbeiten, mit Stadionbetreibern Lösungen und Hausordnungen zu erstellen? Warum bemüht man sich überhaupt um Lösungen, wenn man im voraus schon weiss, dass nichts verbindlich ist, nichts Konsequenzen hat?

Leute, die sich für bessere Bedingungen einsetzen, die präventiv wirken wollen, werden so zu Lachnummern in den Augen der "Hau-drauf-ist-geil"-Fraktion. Ich möchte nicht geschenkt Fanarbeit machen müssen. Das muss der reinste Masochistentrip sein.

David said...

Aber du verstehst schon, dass in einem Rechtsstaat Richter niemals nach Hausordnungen urteilen können, oder?

Die Konsequenz von einem Verstoss gegen eine Hausordnung ist ein Hausverbot, allenfalls für alle Stadien, das ist für ein Fan nicht nichts. Jedoch bin ich nicht sicher, ob diese Hausverbote auch wirklich durchgesetzt werden (können).

Ich denke eher, dass man jede Fanarbeit vergessen kann, wenn Fans kriminalisiert werden, die nichts anderes als ihren Club unterstützen und ihre Fankultur leben, niemanden gefährden und nichts zerstören wollen. Wenn man ihnen jede Verantwortung wegnimmt, werden sie auch keine Verantwortung übernehmen.

Bobsmile said...

@David
Kein Schaden, keine Forderung, völlig einverstanden, aber (Zitat):"..., niemanden gefährden und nichts zerstören wollen."
Wenn man in einer dichtgedrängten Menschenmenge eine nicht löschbare 2000 Grad heisse Fackel loslässt?
Klar, ungefährlich!
Wenn schon Unterstützung FÜR die Mannschaft, dann lautstark duch Gesänge und nicht mit vernebelnder Action auf den Rängen für die 20Minuten Reporter.

Zappadong said...

Ja, ich verstehe, dass Hausordnungen nicht Gesetz sind.

Was ich jetzt nicht verstehe: Warum sich der ganz normale Fan, der nichts anderes tut, als seinen Club zu unterstützen und seine Fankultur zu leben, kriminalisiert vorkommt. Niemand kriminalisiert die Leute, die sich verantwortlich verhalten. Wenn sie sich kriminalisiert vorkommen, dann ziehen sie sich diesen Schuh selber an.

Was hingegen stimmt: Sie leiden unter den harten Bestimmungen, die im Moment die Runde machen. Nur: Wennn sie möchten, dass in ihrem Sport Ruhe einkehrt (nicht zu verwechseln mit Freudlosigkeit und Grabesstille), dann müssen sie wohl oder übel ein paar Kröten schlucken.

Es ist wie bei meiner Tochter: Sie raucht nicht, trinkt nicht, nimmt keine Drogen und legt anderen Menschen gegenüber Respekt an den Tag. Weil sie aber am Bahnhof vorne rumhängt, wo man das leider nicht von allen Leuten sagen kann, wird sie regelmässig von der Polizei kontrolliert. Sie versteht das. Es macht ihr weder Bauchweh noch fühlt sie sich dadurch kriminalisiert.

Zur Fankultur: Ich geh an Rockkonzerte und kenne jenste Rituale von Fankultur. Die meisten laut, einige Choreographien ... Da geht völlig friedlich die Post ab (obwohl auch an solchen Konzerten der Alkohol zum Teil in rauen Mengen konsumiert wird).

David said...

Die etwas erhöhrte Gefährdung betrifft nur Fans, die völlig freiwillig und bei vollem Bewusstsein über die etwas erhöhte Gefährdung sich in den Fanblock stellen, in dem Pyros abgebrannt werden. Andere Personen werden nicht gefährdet. Die Stadien sind heute nicht mehr brennbar. OK, die Ausnahme bilden jene vereinzelten Episoden, in denen die Fackeln aufs Spielfeld oder auf andere Zuschauer geworfen wurden. Aber: Soviel ich weiss, wurden in Fussballstadien viel häufiger Personen durch geworfene Fünfliberstücke oder Feuerzeuge verletzt. Soll man deswegen alle Personen kriminalisieren, die Fünfliber ins Stadion nehmen wollen? Gab es überhaupt schon mal ernsthaft Verletzte in Schweizer Stadien wegen der Pyros? Und wie viele Verletzte (oder Alkoholvergiftungen) gab es im Vergleich dazu an Rockkonzerten? Sorry, aber ich finde diese Fackeln weiterhin relativ harmlos und keinen Grund für diese Hysterie.

"Wenn man in einer dichtgedrängten Menschenmenge…"
Die Fackeln werden in der dichtgedrängten Menschenmenge gezündet, WEIL es verboten ist. Wäre es nicht verboten, könnten sie mit einem gewissen Sicherheitsabstand gezündet werden.

"Wenn schon Unterstützung FÜR die Mannschaft, dann lautstark duch Gesänge und nicht mit vernebelnder Action auf den Rängen für die 20Minuten Reporter."
Weder du noch ich können bestimmen, was Fankultur ist. Du kannst es ablehnen, aber das ändert nichts daran, dass die Fackeln ein sehr tief verankertes Element der Fankultur sind. Ich finde es ziemlich naiv zu glauben, das könne man von aussen ändern. Die einzige Chance wäre, die Fans von der Gefährlichkeit zu überzeugen – aber der Alltag in den Stadien zeigt eben, dass sie nicht so gefährlich sind, und darum wird die Überzeugungsarbeit nicht erfolgreich sein.

kopfchaos said...

@David
..... hausordnung ist doch gesetz.....
..... sprich der inhaber des hauses kann festlegen was in seinem haus sache ist, und hat damit auch vor gericht einen guten stand, denn es ist sein eigentum, über welches er, und nur er, verfügungsgewalt hat, es sind seine gegenstände, die, zum beispiel durch brandflecken von pyros, beschädigt werden.....

..... ich weiss von der situation hier in st.gallen, es wurde versucht im konstruktiven dialog mit den fan-organisationen nach möglichen wegen zu suchen, doch schlussendlich sind es die fan-organisationen gewesen, die sich quergestellt haben.....
..... ich verstehe, dass eine organisation seine mitglieder schützen will, auch wenn einzelne dieser bekannte straftäter (sachbeschädigung, verstösse gegen das transportgesetz, etc.) sind, was ich aber nicht verstehe, ist dass man deshalb den dialog, sobald es um zugeständnisse von seiten der organisation ging, abklemmt und sich verweigert.....
..... nehmen wir nur mal das beispiel sonderzüge der SBB, da könnten die fan-organistaionen diese bestellen und würden sie auch erhalten, müssten aber dafür haftbar sein, sollten vandalismus und sachbeschädigungen vorkommen.....
..... in meinen augen wäre dies eine chance, damit die fan-organisationen wieder ernst zu nehmende dialog-teilnehmer sind.....
..... die organisationen, als bestelller und bezahler der sonderzüge haben zudem das recht, festzulegen, ob nun der einzelne sachbeschädiger oder die organisation als solidargemeinschaft haftbar sind für die schäden, sie könnten in den zügen auch eigene "security" aufstellen, um dieses recht durchzusetzen.....

..... den aufschrei, dass das alles geld kostet, den lasse ich nicht gelten, denn ein echter fan stellt seiner organisation das geld zur verfügung, sprich zahlt einen mitgliederbeitrag und zahlt auch sein ticket für den sonderzug.....

David said...

@Kopfchaos:
Hausordnung: Nein, die Hausordnung nützt herzlich wenig vor Gericht. Sachbeschädigung bleibt Sachbeschädigung. Allenfalls kann der Anklagepunkt Hausfriedensbruch mit einer Hausordnung besser belegt werden.

Querstellen: Wenn für die Fans auch etwas rausschaut, werden sie sich bestimmt nicht querstellen. Miteinbeziehen bedeutet natürlich nicht, beschlossene Massnahmen einfach von den Fan-Organisationen absegnen zu lassen. Zugeständnisse müssen von beiden Seiten kommen. Und wenn Fans mit konstruierten Vorwürfen festgenommen werden, trägt die Polizei massgeblich zur Zerstörung der Vertrauensbasis bei. Ohne Vertrauen sind Verhandlungen immer schwierig.

Sonderzüge: Natürlich wäre die Fan-Organisationen sofort Konkurs, wenn sie für die Sachbeschädigungen in den Sonderzügen die Haftung übernehmen würden. Dein Vorschlag hat für anständige Fans nur Nachteile. Es gibt keinen Grund, wieso sie dem zustimmen sollten.

Zappadong said...

Kurze Zwischenmeldung: Ich habe mir die letzten zwei Tage überlegt, den Blog einzustellen. Was nützt schon all das Gegeneinanderreden? Habe ich mich gefragt. Was ändert so ein Blog (Ausser dass Blogbetreiberin sich virtuell verliert)?

Nachdem ich die letzten Kommentare gelesen habe, kommt wieder etwas Motivation zurück. Danke für die Diskussion.

Wenn ich die Diskussion so lese, kommen mir noch ein paar Fragen in den Sinn:

- Warum reisen "echte Fans" mit Fanzügen an, obwohl sie schon im Voraus wissen, dass die auseinandergenommen werden? (Ein echter Fan, der sich an die allgemeinen Regeln des Zusammenlebens hält, kann doch auch normal anreisen) - oder warum distanzieren sich "echte Fans" nicht vor solchen Randalierern - oder versuchen gar, postiv auf sie einzuwirken. Würde es nicht im Interesse "echter Fans" liegen, dem Vorschlag von Kopfchaos zuzustimmen? Sie hätten so während der Fahrt Argumente, der Zerstörung Einhalt zu gebieten. Oder ist es etwa so, dass sich "echte Fans" schon lange damit abgefunden haben, dass ihnen ein paar Wenige auf dem Kopf herumtrampeln und ihnen alles kaputtmachen?

- Ich habe mittlerweile kapiert, dass Pyro zur Fankultur gehört. Aber: Zu "echten" Konzerten gehörte auch das Rauchen ... Falls es dennoch einfach dazugehören sollte: Wie wäre es mit einem Pyro-Moratorium, bis sich die ganze Lage etwas beruhigt hat? Als Zeichen des guten Willens?

- Welches sind die konkreten Gründe des von Kopfchaos erwähnten Scheiterns der Gespräche zwischen Fanorganisationen und Vertretern von Politik / Polizei?

- Wie kann man jemandem Vertrauen schenken, der es sich bei jeden Match aufs Neue verspielt? Gut, könnte man auch umgekehrt stellen. Aber wie wäre es, wenn man einer allfällig überhitzten, gestressten, demotivierten Polizei gegenüber mit der Aggression zurückhalten würde? So nach dem Motto: Dann beginnen eben wir, wenn ihr nicht beginnen wollt / könnt / dürft?

Grundsätzlich bin ich ebenfalls der Meinung, dass Vertrauen einer der wichtigsten Schlüsselpunkte im Leben ist. Nur, Vertrauen darf kein Wort sein, sondern muss gelebt werden. Wo es enttäuscht wird, schleicht sich das Misstrauen ein und es dauert, bis es wieder aufgebaut ist.

- Wo stehen eigentlich die Clubs in dieser Sache? Es kann ihnen ja nicht egal sein, was da abläuft (ich höre von den Clubs meistens nur, dass sie nicht mehr bezahlen können, und dass der Fussball - oder mindestens ihr Verein - untergeht, wenn noch mehr Kosten und / oder Verantwortung auf die Clubs überwälzt wird).

Bobby California said...

Zappadong > «Ich habe mir überlegt, den Blog einzustellen»: Don't do it. Ich weiss: Bloggen kann viel Zeit verschlingen. Aber abbrechen ist nicht die einzige Lösung. Man kann auch die Internet-Zeit limitieren, indem man weniger schreibt, oder indem man weniger Antworten schreibt.

Mit Deinem Pyro-Artikel hast Du jedenfalls einen wichtigen Punkt angesprochen. Wir brauchen mehr unerschrockene Stimmen, die sich so wie Du äussern. Mir ist es auch schon sauer aufgestossen, wie die WoZ und auch der Tagi die Fan-Gewalt als «Fan-Kultur» verharmlosen. Dario Venutti durfte das jahrelang im Tagi machen. Und genau deshalb ändert sich nie etwas, und genau deshalb werden die «Fans» immer sozial-un-verträglicher. Denn gegen «Fan-Kultur» kann man ja nichts sagen. Vielleicht braucht es Tote (zB «Fans» die von einem Zug verschnetzelt werden, so wie kürzlich in Katalonien), bis die unsägliche Beschönigung der «Fan-Kultur» endlich aufhört. Hoffentlich nicht.

Blog on, Zappadong!

David said...

@Zappading: Ich fände eine Blog-Einstellung natürlich auch sehr schade!

"Warum reisen "echte Fans" mit Fanzügen an, obwohl sie schon im Voraus wissen, dass die auseinandergenommen werden?"
Weil das von Polizei und SBB so wollen und entsprechende Anreize schaffen. Die normalen Züge haben gar keinen Platz für sie.

"oder warum distanzieren sich "echte Fans" nicht vor solchen Randalierern - oder versuchen gar, positiv auf sie einzuwirken."
Ich nehme an, das tun sie, teilweise. Aber oft sind sie halt auch alkoholisiert.

"Würde es nicht im Interesse "echter Fans" liegen, dem Vorschlag von Kopfchaos zuzustimmen?"
Finanzielle Haftung für andere zu übernehmen kann nicht in ihrem Interesse sein. Deine Tochter würde auch nicht haften wollen für alles, was am Bahnhof geschieht.

"Wie wäre es mit einem Pyro-Moratorium, bis sich die ganze Lage etwas beruhigt hat? Als Zeichen des guten Willens?"
Gegenfrage: Wie wäre es mit einem Verzicht auf die Verfolgung von Pyro-Vergehen, als Zeichen des guten Willens? Natürlich sollten die Fans kompromissbereit sein, aber für Kompromisse braucht es ein Entgegenkommen von beiden Seiten.

"Welches sind die konkreten Gründe des von Kopfchaos erwähnten Scheiterns der Gespräche zwischen Fanorganisationen und Vertretern von Politik / Polizei?"
Ich habe keine Ahnung, wann und wo was für Gespräche stattfanden, ich sehe nur, dass sie bisher nicht erfolgreich waren.

"Aber wie wäre es, wenn man einer allfällig überhitzten, gestressten, demotivierten Polizei gegenüber mit der Aggression zurückhalten würde? So nach dem Motto: Dann beginnen eben wir, wenn ihr nicht beginnen wollt / könnt / dürft?"
Natürlich wäre das vernünftig. Die allermeisten Fans tun das ja aber auch. Die Frage ist, wie man die Unvernünftigen zur Raison bringen kann.

"Wo stehen eigentlich die Clubs in dieser Sache?"
Ich habe auch den Eindruck, dass die Klubs ihre Verantwortung zu wenig wahrnehmen. Die Politik müsste meines Erachtens mehr Kosten auf die Klubs überwälzen. Aber anscheinend ist Spitzensport so wichtig, dass es quasi staatlich subventioniert wird. Das ist natürlich bequem für die Klubs.

@Bobby California:
"Mir ist es auch schon sauer aufgestossen, wie die WoZ und auch der Tagi die Fan-Gewalt als «Fan-Kultur» verharmlosen."
Hast du ein Beispiel?

Zappadong said...

Zur Blogeinstellung: Es geht mir nicht um die Zeit (die habe ich mal besser und mal weniger gut im Griff - wartet nur auf die Sommerferien ;-)), sondern um das Emotionale. Mich schlauchen manche unserer Blogdiskussionen so sehr, dass ich manchmal tagelang in grässlichen Gedankenschlaufen stecke, manche gehen mir aus ganz persönlichen Gründen furchtbar an die Nieren. Beispiel: Ich bin furchtbar ungern mit Thinkabout uneins; uneins in dem Sinn, dass wir uns gegenseitig nicht mehr verstehen, oder besser gesagt, der Argumentation des andern gar nicht mehr folgen können, das tut, ehrlich gesagt, jeweils grausam weh - weil ich ihn wahnsinnig gut mag. Nur verschiedener Meinung zu sein ist das Eine, damit habe ich kein Problem, sich nicht mehr zu verstehen, das ist das andere. Und da habe ich mich eben gefragt, ob das Ganze hier nicht zu "Arena"-mässig abläuft, ob wir einfach unsere Meinungen hier reinbrüllen. Das Lesen der Kommentare heute Morgen hat dann richtig gutgetan - weil ich das Gefühl hatte, dass nebst all dem Stammtisch und der Arena noch mehr dahinter steckt - und die Diskussionen immer anständig verlaufen, auch wenn die Meinungen meilenweit auseinander liegen.

Eine ausführliche Antwort an @David folgt morgen (bin nur schnell online, weil Sohnemann etwas bestellen wollte - und ich das Passwort für die Zahlungsauslösung habe).

Eine Antwort aber jetzt schon: Oh, ich erinnere mich SEHR gut an den absolut dämlichen WOZartikel über Vorschläge, wie man das Fanproblem lösen kann (in etwa, in dem man allen Fans gratis eine Olmabratwurst abgibt). Damals sass ich kopfschüttelnd über die Zeitung gebeugt und fragte mich, ob die sie noch alle haben. Der Artikel war total auf das Lächerlichmachen sämtlicher Massnahmen aus - ohne auch nur einen einzigen brauchbaren Lösungsansatz aufzuzeigen.

Bobby California said...

David > «Hast du ein Beispiel»: Aber sicher, ich habe mich lange genug über Dario Venutti geärgert. Es genügt, Dario Venutti zu googeln und dann kommen jede Menge Beispiele, zB:

«Doch wie schlimm steht es um die Gewalt? Die Antwort hängt in erster Linie davon ab, was unter Gewalt zu verstehen ist» (wie wenn man zuerst definieren müsste, was Gewalt ist!)

«...als Scharmützel und bengalische Fackeln beim Test­spiel Basel - Dortmund am Uhrencup in Gren­chen zum Krawall skandalisiert wurden» (aha: das Problem sind die Medien, nicht die gewalttätigen Fans!)

«Schwebt ihnen eine Fankultur vor, die den Anhängern Selbstbe­stimmung und eigene Gestaltung ermöglicht?
Oder wollen sie die Zuschauer zu passiven Kon­sumenten degradieren»: (das wehleidige Gejammer vom Venutti ist fürchterlich: wie wenn es nur die Wahl zwischen Gewalt und passivem Konsum geben würde! Was für ein Schwachsinn.)

Zappadong > «in dem man allen Fans gratis eine Olmabratwurst abgibt»: Köstlich. Ich habe auch ein paar Ideen: Wie wäre es mit Gratis-Rückenmassagen für Hooligans... oder Freibier für alle, die einen Extrazug demolieren... ;-)

David said...

@Bobby California: Deine Zitierweise und Kommentierung ist tendenziös. Wenn man missverstehen will, kann man das natürlich immer. Deine "jede Menge Beispiele" kommen alle aus einem Kommentar: http://www.fczforum.ch/forum/fussball-club-zuerich-f1/busse-fuer-fanverhalten-des-fcz-t14118-s1122.html#p415276
Und dieser ist sehr differenziert.

"wie wenn man zuerst definieren müsste, was Gewalt ist!"
Ja, denn anscheinend ist für manche das Zünden von Bengalen Gewalt, für andere nicht.

"aha: das Problem sind die Medien, nicht die gewalttätigen Fans!"
Aha: dann darf man die Medien nicht mehr kritisieren, sobald Gewalt im Spiel ist?

"wie wenn es nur die Wahl zwischen Gewalt und passivem Konsum geben würde!"
Wie wenn er so etwas behaupten würde! Der nächste Satz lautet nämlich: "Selbstbestimmung be­deutet nicht, dass rechtsfreie Räume geschaffen werden. Ihre Grenzen sollten ausgehandelt und nicht einseitig verordnet werden."

Dario Venutti differenziert sehr wohl und ist anscheinend einer der wenigen Journalisten, die überhaupt verstehen wollen, was bei den Fans abgeht. Kommentare wie diese finde ich jedenfalls ziemlich überzeugend: http://www.1898.ch/forum/showentry.php?sNo=443505

Aber dir scheint es nicht darum zu gehen, die Fans zu verstehen.

Titus said...

Und selbst wenn man den Fussball, den Eishockey und alle anderen Sportarten verbieten würde, bei denen gewisse «Fans» sich so fragwürdig verhalten, träte diese Form von Gewalt wohl einfach andernorts auf.

Oder anders gesagt: Warum geht man das Problem nicht einmal «ganzheitlich» an? Warum sucht man die Lösung immerzu nur in den Kreisen des Sports und dessen Austragungsorte und nie in der Gesellschaft an sich?

Bobby California said...

David > «Dir scheint es nicht darum zu gehen, die Fans zu verstehen»: Doch, ich verstehe die «Fans» sehr gut. Ich verstehe, dass es viel Spass macht, den Bahnverkehr stillzulegen, Züge zu demolieren, andere Fans zu verprügeln, Fackeln auf den Rasen zu werfen, andere Fans zu gefährden mit Fackeln usw.

Aber ich hoffe auch, dass Du verstehst, dass diese gewalttätigen Umtriebe der «Fans» allen anderen Menschen auf den Wecker gehen, und dass ausserhalb der «Fan»kreise niemand versteht, warum man ein Fussballspiel nicht geniessen kann ohne Gewalt und Zerstörungswut.

Titus > «Warum geht man das Problem nicht einmal ganzheitlich an» Wie soll denn das gehen? Soll der Polizist vielleicht zum Gewalttäter sagen: OK, ich werde dein Problem jetzt ganzheitlich angehen, ich werde dich nicht verhaften, du kannst weiterhin prügeln und Sachen beschädigen so lange du willst, denn du bist ja nicht schuld daran, schuld ist nur die Ganzheit?

Es ist wohl offensichtlich, dass das nur eine Ausrede à la Venutti ist, um nichts ändern zu müssen. Je gewalttätiger sich die «Fans» aber benehmen, umso mehr Leute merken, dass etwas getan werden muss. Ich weiss: Verbote sind unsympathisch, aber leider geht es nicht anders.

David said...

Jedem sein Feindbild…
Ist ja auch viel bequemer, sich dauernd die vorgefasste Meinung bestätigen zu lassen, als sich mit den Grautönen der Realität zu befassen.
Damit erübrigt sich leider eine weitere Diskussion.

Zappadong said...

So, jetzt hat Blogger meine ganze, ausfühliche Antwort gefressen, deshalb hier eine kürzere:

Ganzheitlich angehen: Darin sind wir uns einig. Ich denke, wir sind uns auch einig, dass das unter Umständen ein Wandlungsprozess ist, der sich über Generationen hinzieht.

Zu Zap und ihrer Truppe: Sie würde den Ort wechseln und weiterhin friedlich anderswo zusammensitzen. Übertragen auf die echten Fussballfans könnte das heissen: Anders anreisen, in selbst organisierten Bussen, in kleinen Gruppen auf anderen Zügen, in Fahrgemeinschaften mit dem Auto. Damit würden sie die Randalierer auflaufen lassen.

Wenn ich das richtig verstehe, sind die "echten" Fans massiv an der Überzahl. Sie könnten die Randalierer alleine durch ihr Verhalten ins Aus spedieren. Aber: Wer sich Wochenende um Wochenende ganz bewusst in einen Zug setzt, von dem er weiss, dass er auseinandergenommen wird, der deckt schlussendlich das Tun der Randalierer und verhindert mögliche Problemlösungen.

Zum Massnahmenpaper der kantonalen Polizeikonferenz und der Verantwortung. Das Problem hat sich über JAHRE aufgebaut; Clubs, Fans, Verantwortliche hätten seit Jahren mit Eigenverantwortung etwas tun können. Das Papier ist nur das Resultat einer passiven, duldenden Haltung von Direktbetroffenen. Sie haben das Vertrauen, das man in sie gesetzt hat, nicht oder nur sehr halbherzig genutzt. Jetzt - wo es eigentlich viel zu spät ist - wird es plötzlich gefordert. Nun, für das Fordern ist es meiner Meinung nach zu spät. Jetzt muss man es sich erst einmal zurückverdienen. Und sei es nur, indem man unbeliebte Massnahmen für eine Weile toleriert, zum Wohle aller. Aber nein, man stellt sich lieber auf die die andere Seite, wo immer die ist, aber halt auch dort, wo die Pöbler und die Randalierer sind. Damit duldet man in letzter Konsequenz deren Verhalten.

Stellen wir uns doch mal vor, alle "echten" Fans boykottieren die nächsten paar Spiele. Ich bin überzeugt, bei den Clubs würden sämtliche Alarmglocken sehr laut klingeln.

Leider ist heute fast niemand mehr bereit, auf seinen Spass zu verzichten (womit wir beim gesamtgesellschaftlichen Problem sind). So nach dem Motto: Was kratzt es mich, was am Ende übrig bleibt - solange andere dafür bezahlen und ich meinen Spass hatte.

Zappadong said...

Nachsatz an @DAvid. Na, das ist mir jetzt aber eine sehr einfache Antwort. Was hat das denn mit "Feindbild" zu tun, wenn sich einer über die Typen aufregt, die offensichtlich in ihrer Zerstörungswut keine Grenzen kennen? Man könnte es auch anders herum anschauen: Sie tun das, weil sie es können. Sie werden das tun, solange wir es zulassen (wie in allen anderen Lebensbereichen).

David said...

@Zappadong: Das "Feindbild" bezog sich auf Bobby Californias folgende Aussage, die für mich in aller Deutlichkeit zeigt, dass es ihm nicht daran gelegen ist, die Fans zu verstehen und ernst zu nehmen:
"Doch, ich verstehe die «Fans» sehr gut. Ich verstehe, dass es viel Spass macht, den Bahnverkehr stillzulegen, Züge zu demolieren, andere Fans zu verprügeln, Fackeln auf den Rasen zu werfen, andere Fans zu gefährden mit Fackeln usw."
Differenzierung? Fehlanzeige.

Zug-Alternativen: Bei normalen Zügen und Privatautos gibt es ein Kapazitätsproblem. Reisebusse könnte möglich sein. Ich bin aber nicht sicher, ob das den SBB lieber ist, denn es ist relativ leicht absehbar, dass die Rowdys dann normale Züge besteigen und normale Fahrgäste stören (oder verängstigen) werden. Aber es ist sicher ein Vorschlag, den man diskutieren müsste.

Ansonsten ich bin auch der Meinung, dass es das Eingreifen der vernünftigen Fans braucht. Diese verärgert, schikaniert und kriminalisiert man aber dauernd, statt sie als Partner wahrzunehmen.

Zappadong said...

@David: Ich habe Bobbys Kommentar gelesen - er ähnelt im Stil meinem Blogeintrag. Und ich finde, ein wenig Provokation und Zuspitzung der Gedanken darf hin und wieder auch sein (mache ich ja auch).

Wenn ich so formuliere, hat mich meistens der nackte Zorn über ein Verhalten gepackt - und dass man angesichts der Verwüstungen in nackten Zorn ausbrechen kann, das verstehe ich.

Du hast das Verärgern, Schikanieren und Kriminalisieren in diesem Thread schon einmal angesprochen. Wo und wie äussert sich das deiner Meinung nach konkret?

Und: Wen genau soll denn die Polizei / Justiz als Partner wahrnehmen? Wie erkennt sie den "vernünftigen" Fan? Woran?

Ich glaube nicht, dass Polizei und Justiz völlig losgelöst von gar allen Beteiligten Konzepte entworfen haben. Vielleicht hatten / haben sie ja das Gefühl, mit den "vernünftigen" Fans zu arbeiten ...

David said...

"Du hast das Verärgern, Schikanieren und Kriminalisieren in diesem Thread schon einmal angesprochen. Wo und wie äussert sich das deiner Meinung nach konkret?"
Na, wenn man Fans 48 Stunden lang ohne triftigen Grund inhaftiert und Schnellurteile fällt, die keinen Bestand haben.
Oder wenn normale Matchbesucher zu «Chaoten» gemacht werden: http://www.gczforum.ch/forum/viewtopic.php?f=1&t=13748 - man Vergleiche die Schilderungen der Fans mit der Meldung in den Medien: http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Polizei-stoppt-250-Chaoten/story/20516838
Oder man erinnere an die Verhaftungsaktion von Altstetten: http://www.augenauf.ch/bs/archiv/fcb/erleben.htm

"Wen genau soll denn die Polizei / Justiz als Partner wahrnehmen? Wie erkennt sie den "vernünftigen" Fan? Woran?"
Ultras sind gut organisiert in Fanclubs. Diese haben Ansprechpersonen. Wenn man mit ihnen zusammenarbeitet, merkt man schnell, ob sie vernünftig sind oder nicht.

"Ich glaube nicht, dass Polizei und Justiz völlig losgelöst von gar allen Beteiligten Konzepte entworfen haben. Vielleicht hatten / haben sie ja das Gefühl, mit den "vernünftigen" Fans zu arbeiten"
Die Konzepte zeigen meines Erachtens, dass sie keinem Fan vertrauen und alle als potenzielle Schläger und Randalierer betrachten. Von einer Einbindung der Fans kann jedenfalls keine Rede sein.

Zappadong said...

@David: Ich war auf so Fanseiten. Mir wurde ein bisschen trümmlig ob einigen der geäusserten Meinungen.

Ich habe auch die Berichte der Festgenommenen gelesen - und ganz ehrlich gesagt hält sich mein Mitleid in Grenzen: Wer in einen Fanzug steigt, weiss, was das bedeutet. Woher soll denn die Polizei bei einer anrollenden, emotional aufgeheizten Meute wissen, wer "gut" und wer "böse" ist?

Weil sich Zaps Welt so gut zu Vergleichen eignet: Ein paar von Zaps Kollegen sind Friedensaktivisten. An die Züricher 1. Mai Demo gehen sie aus zwei Gründen nicht mehr:

1. Sie machen sich durch ihr Aussehen verdächtig (die haben so ihren ureigenen "look") und finden es bescheuert, sich auf dem Präsentierteller zu zeigen.

2. Sie sagen, dass die gewaltbereiten Demonstranten so viel mit Friedensaktivisten zu tun haben wie Fische mit Fahrradfahren. Nämlich nichts. Und von diesen Chaoten wollen sie sich distanzieren.

Und so suchen sie sich Anlässe, wo sie ganz friedlich für den Frieden protestieren können. Die sind lokaler und kleiner (aber dann halt nicht so spektakulär).

Zu den organisierten Ultras: So viel ich bis jetzt gelesen und recherchiert habe (das ist eine Menge, aber zugegebenermassen nicht alles), blocken diese Fanclubs sehr vieles ab.

Zum Vertrauen: Da beisst sich halt die Katze in den Schwanz. Wie soll ich jemandem vertrauen, von dem ich mich andauernd verarscht vorkomme - das denken sich wohl beide Seiten.

Ist eine verfahrene Sache. Entspannung in die Angelegenheit bringen können meiner Meinung nach nur die gemässigten Fans. Indem sie Stellung beziehen durch Taten. Zum Beispiel: Boykottieren der Fanzüge. Einigung auf vorübergehende Einführung der Fancard (mit der Option, nach einem Jahr Bilanz zu ziehen). Ganz klares verbales Distanzieren von den Randalierern.

David said...

"Wer in einen Fanzug steigt, weiss, was das bedeutet."
Wer an einen Auswärtsmatch will, wird aufgefordert, den Fanzug zu nehmen. Da sind Familien mit Kindern drin. Ich denke, du hast ein falsches Bild von einem Fanzug. Weder Polizei, noch SBB, noch Clubs wollen, dass die Fanzüge boykottiert werden.

Pauschale Präventivhaft für 427 teilweise minderjährige Fans – sorry, aber da fehlt mir jegliches Verständnis. Das ist, wie wenn die ganze 1.-Mai-Demo verhaftet würde. Und auch die polizeiliche Fichierung ganz gewöhnlicher Matchbesucher geht in meinen Augen zu weit.

Zum Vertrauen: Ja, aber die Polizei hat die Staatsgewalt inne, und sie hat einen Kommandanten, der die Strategie vorgibt. Deshalb kann man von der Polizei erwarten, dass sie darauf hinarbeitet, Vertrauen zu schaffen, auch wenn einzelne Fans (die keine gemeinsam Strategie haben) dieses Vertrauen nicht erwidern.

Zappadong said...

Als Familie mit Kindern würde ich in 1000 Jahren nicht in einen dieser Fanzüge einsteigen. Egal, wer mir dazu rät und wer darüber unglücklich wäre, dass ich es nicht tue. Man weiss doch genau, was auf solchen Zügen passiert / passieren kann. Alleine mit seiner Anwesenheit als Familie signalisiert man: Ich bin einverstanden. Ich gebe den Pöblern ein Alibi, ich verharmlose sie, denn hey, auf einem Zug, in dem Kinder mitfahren, kann doch niemand wirklich so rücksichtslos sein, oder?

Ich weiss nicht, wie sich die verhafteten Fans als Gruppe verhalten haben. Ich habe aber schon Gruppen erlebt, deren Verhalten aus dem Ruder gelaufen ist - und glaub mir, ich hätte dort nicht aussiebeln wollen, wen ich nun festnehme oder nicht. Man kann es sich einfach machen und sagen: Keinen. Ob das die Lösung ist, wage ich zu bezweifeln. Denn: Wenn erst einmal etwas Schlimmes passiert, heisst es als erstes: Und wo war die Polizei???

Fichierung? Was verstehst du unter Fichierung? Jedes Mal, wenn Zap am Bahnhof den Ausweis zeigen muss, wird ihr Name aufgeschrieben. Ist das schon Fichierung? Schikane? Kriminalisierung? Gut, mir wäre es auch lieber, es ginge ohne Notierung des Namens. Andererseits bin ich froh, dass die Polizei ein Auge auf das Jungvolk wirft, Präsenz zeigt ... und vor allem auch einen persönlichen Kontakt schafft. Denn mittlerweile entwickeln sich bei diesen Kontrollen auch Gespräche.

Weil ich bei meinen Recherchen öfters mit der Polizei zu tun habe, erlebe ich sie einfach nicht als Feind. Ich gehe davon aus, dass sie darauf hin arbeitet, Vertrauen zu schaffen. Auf jeden Fall deuten die Gespräche, die ich führe ganz klar darauf hin. Mir scheint, es ist manchmal sehr einfach, die Polizei und den Staat für alles verantwortlich zu machen, nur damit sein eigenes Denken und Handeln nicht rechtfertigen muss. Wenn ich zu schnell fahre, bin ich der Idiot, nicht der Polizist, der mir den Strafzettel ausstellt.

Vielleicht sollten Fussballfans anerkennen, dass es im Umfeld ihres Sports Probleme gibt. Dass die gelöst werden müssen. Und dass dass das allenfalls temporäre, unpopuläre Einschnitte bedeutet.

Eine Möglichkeit von Seiten der Fans wäre es doch, einen Verein zu gründen, dem jene beitreten, denen es ernst ist mit Änderungen. Ein Verein mit einem Ehrenkodex. Man könnte ja durchaus mal mit einem guten Beispiel auffallen und so der Staatsgewalt zeigen, dass man bereit ist, sich in der Sache zu bewegen.

kopfchaos said...

..... gerade heute in der printausgabe von 20min (st.gallen) gesehen, dass in basel 'n fanclub gegründet wurde, wo man, um mitglied zu werden, erst einen strafregisterauszug vorlegen muss.....
..... gegründet wurde der verein von echten fans, die das spiel mögen und ihren club, aber die krawalle und vandalismus ablehnen.....

..... es geschehen noch zeichen und wunder.....!

Zappadong said...

@kopfchaos. Habe mich heute Nachmittag gründlich ins Thema eingelesen. Solche Fanclubs gibt es in mehreren Städten; die machen zum Teil extrem tolle Sachen. Wirklich überzeugend. Und sehr, sehr konstruktiv. Werde in Kürze mal einen Blogeintrag dazu schreiben. Da gibt es zum Beispiel einen GC Fanclub, bei dem jugendliche Fans in Begleitung und ohne Alkohol zum Spiel gefahren werden (damit sie nicht den Fanzug nehmen müssen). Einfach genial.

Doch, ja, nach all dieser Lektüre muss ich sagen: Es tut sich schon was. Nun hoffe ich, dass diese Fanclubs ganz viele Mitglieder gewinnen können, die einen guten Einfluss auf die anderen haben.

David said...

@Zappadong: Unter Fichierung verstehe ich die mittel- oder längerfristige Speicherung von Personalien in einer Polizeidatenbank. Zaps Personalien werden sie wohl nach spätestens ein paar Tagen wegschmeissen – hoffe ich zumindest.

Kann sein, dass das Mitfahren in einem Fanzug teilweise unklug ist – aber verhaften kann man nicht einfach jemanden, der dummerweise am falschen Ort steht. Sowas ist und bleibt für mich inakzeptabel. Die Polizei hat genügend andere Möglichkeiten. Sie könnte beim Einsteigen eine Personenkontrolle machen. Dafür müsste die Zürcher mit der Basler Polizei zusammenarbeiten, und das ist anscheinend zuviel verlangt.

So, und in dem Fall freue ich mich auf deine nächsten Beiträge!