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Die Schule ist auch nicht mehr, was sie mal war

Kürzlich, da sassen wir in einer Gruppe zusammen und fragten uns, wo das mit den ganzen Baustellen im Bildungswesen noch hinführen solle. Wir sprachen dabei von den Kindern, den Jugendlichen und den Lehrkräften; von Reformen, die auf ihrem Buckel durchgeführt werden und über deren Sinn und Unsinn man vielleicht einmal diskutieren müsste. Und in dieser Diskussion vor allem endlich den Lehrkräften zuhören sollte, die viele dieser auf Papier gut klingenden Reformen umsetzen sollen und dabei an ihre Grenzen stossen. Weil vieles zwar gut gemeint ist, aber nur mit viel höherem finanziellen und personellem Aufwand bewältigt werden könnte. Und weil vieles zwar gut gemeint ist, leider aber nie zu Ende gedacht wurde.

Zum Beispiel: Man schult die Kinder immer früher ein. Mit dem Resultat, dass die jüngsten Jugendlichen die obligatorische Schulzeit im Alter von genau 15 Jahren hinter sich haben. Wenn man nun bedenkt, dass man sich heute ein Jahr vor Schulabschluss um eine Lehrstelle bewerben muss und vorher ja auch noch Zeit braucht, sich zu überlegen, was man denn im Leben will, dann kommt man zum Schluss, dass ein Kind mit 13 oder spätestens mit 14 Jahren wissen muss, was denn dereinst aus ihm werden soll. Damit sind viele Jugendliche überfordert, weil der Entscheid zu früh kommt. Wenn sie nun nicht das Potential haben, eine Aufnahmeprüfung an eine weiterführende Schule zu bestehen, sind sie auf Gedeih und Verderben dem ziemlich uneinheitlichen System der Brückenangebote ausgeliefert. Und da ist dann oft nach einem Jahr fertig. Sprich: Man schult früher ein und spuckt die Jugendlichen dann mit 15 in eine Welt, der sie oft nicht gewachsen sind. Nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie noch zu jung sind.

Zum Beispiel: Der ganze Integrationsgedanke ist gut, scheitert aber grandios an den Finanzen und dem fehlenden Personal. Mit dem Resultat, dass es Kinder und Jugendliche gibt, die in speziellen Klassen eine optimale Förderung erhielten, nun aber in regulären Klassen mehr oder weniger gehütet werden und vom Unterricht nicht profitieren, weil er über ihre Köpfe hinweggeht.

Dass jeder und jede (auch Frau Zappadong) zur Schule eine Meinung hat und praktisch jeder und jede sie auch verkündet, macht die ganze Sache nicht einfacher. Und nun hat auch der Wirtschaftsverband Economiesuisse seine Ansicht zur Volksschule kundgetan und dabei gleich eine Mängel- und Wunschliste abgeliefert.

Der Fokus soll also auf den Kernkompetenzen liegen, die da wären: Deutsch und Mathematik. Das finde ich eine gar nicht so üble Idee. Nur hat man in den letzten Jahren - nicht zuletzt auf Wunsch der Wirtschaft - andere Fächer prominent in den Lehrplan aufgenommen. Diese wieder rauszuwerfen dürfte schwierig sein, oder auf Kosten von Fächern gehen, die in den Augen der Wirtschaft "nicht so wichtig" sind.

Im ganzen Bildungswesen öffnen die Forderungen von Economiesuisse nur eine weitere Baustelle. Um auf die anfangs erwähnte Diskussion zurückzukommen: Ich bin nicht sicher, ob ich im heutigen System noch Lehrkraft sein möchte. Und deshalb bringt es für mich der Kommentar von Antonio Cortesi im heutigen Tagi für mich am Ende auf den Punkt:
Letztlich funktioniert eine Schule nur mit guten Pädagogen. Zum virulenten Thema Lehrermangel gibt es von Economiesuisse aber keine Rezepte. Wie wäre es, wenn sich die Wirtschaft für höhere Löhne und bessere Anstellungsbedingungen einsetzen würde?

9 Kommentare:

David said...

Immer früher eingeschult? Im Kanton Zürich ist das Einschulungsalter seit Jahrzehnten gleich und wird nun mit Harmos ganze 3 Monate nach vorne verschoben. Im Kanton St. Gallen sogar nur um 1 Monat, nachdem es seit 1970 gleich blieb. (Wenn ich dieses Dokument richtig interpretiere: http://edudoc.ch/record/31335/files/document-2.pdf)

Es ändert sich nur, dass der Kindergarten neu zur obligatorischen Schulzeit gezählt wird. Dadurch ist die «Einschulung» zwei Jahre früher, das Schulabschlussalter bleibt aber gleich, ausser der Schüler überspringt mit Einwilligung der Eltern eine Klasse. Übrigens können die Eltern auch in Zukunft ein Gesuch um spätere Einschulung stellen.

Hier ist überhaupt kein Problem vorhanden, oder wenn, dann seit 1970.

Mit den anderen Punkten bin ich einverstanden.

Zappadong said...

@David. Ich brauche das Papier nicht zu lesen ...

In der Zeit, in der meine Kinder klein waren, wurde das Einschulungsalter (oder besser: das Kindergarteneintrittsalter) im Kanton St. Gallen stufenweise vom 1. April auf den 1. August verschoben.

Für Sohnemann mit Geburtstag im September war das kein Problem.

Bei der Tochter, die dann im "letzten" Rutsch drin war, sah das so aus:

Geburtsdatum: Mitte Juli 1994
Eintritt Kindergarten: Mitte August 1998 - mit ziemlich genau vier Jahren und einem Monat.

Wenn Tochter keine "Ehrenrunde" auf der Oberstufe gedreht hätte, hätte sie die obligatorische Schulzeit zwei Wochen vor ihrem 15. Geburtstag beendet. Es versteht sich von selbst, dass wir über diese "Ehrenrunde" (nach der 6. Primarschule in die erste Real und von dort in die Sek), mehr als nur froh sind. Sie hätte sich sonst mit 14 um ihre Lehrstelle bewerben müssen (falls sie dann schon gewusst hätte, was sie will).

Was mich damals (1998) am meisten frustrierte: Die Kindergartenlehrern fiel beinahe in Ohnmacht, als sie unsere Kleine sah (sie kommt nach mir und war mit vier Jahren SEHR klein). In ihrem Gesicht stand ein sehr deutliches "Was will die denn hier?"

Und beim Elternabend für die Primarschule fragte ich, ob die Schule sich der Tatsache angepasst habe, dass die Kinder nun im Schnitt 4 Monate jünger sind, wenn sie in die Schule kommen. Die Antwort war ein ziemlich ernüchterndes Nein.

Nun, das ist Schnee von gestern. Was mir fehlt: Ein sinnvoller Anschluss an die obligatorische Schulzeit für jene, die mit 15 Jahren aus der Oberstufe kommen. Bei uns in Zappadong-Hausen ist das Angebot sehr gut, aber ich habe kürzlich mit St. Galler Reallehrern gesprochen, und da sah es dann schon ganz anders aus. Abgesehen davon: Für diese 10. Schuljahre muss man überall ein paar Tausend Franken bezahlen. Und das können vor allem jene nicht, die diese Schulen brauchen würden.

Titus said...

Inzwischen gibt es ja einige dieser tollen Talent-Shows. Sie zeigen nicht nur, wie sich einige selber völlig überschätzen. Sie zeigen auch, dass einige tatsächlich auch Talent haben. Und dabei geht es ja meistens «nur» um irgendeine Kategorie, welche sich für eine Show gut eignet (singen, tanzen usw.).

Was sagt uns das? Es bedeutet, dass da Talente sind, welche bisher unentdeckt blieben. Eigentlich schade, oder?

Wenn wir nun die Optik weiter öffnen und nicht bloss auf die Showbiz-Kategorien schauen, dann gibt es wohl bestimmt unzählige Menschen, die gut schreinern, schreiben, erziehen oder was-auch-immer-können - nur blieb auch ihr wahres Talent bisher unentdeckt. Eigentlich schade, oder?

Woran liegt das?

Wir haben noch immer ein Schulsystem, mit welchem wir den Kindern und Jugendlichen ein enges Korsett überstülpen. Alle haben mehr oder weniger während neun Jahren das gleiche theoretische Wissen zu erlernen - egal ob es sie nun interessiert oder nicht.

Im günstigsten Fall können sie in der Oberstufe zwischen einigen Freifächer wählen. Individuell wird die Bildung erst nach der Schule. Und das wichtigste Rüstzeug, lesen, schreiben und rechnen, beherrschen sie normalerweise schon im dritten/vierten Schuljahr.

Wie wär's also, wenn wir uns einmal von diesem starren Bildungssystem lösen und stattdessen versuchen, die Talente der Kinder und Jugendlichen zu entdecken?

Das scheint mir beim aktuellen System nicht möglich zu sein. Dafür bräuchte es mehr Einblicke in verschiedene Themenbereiche.

Ich hatte beispielsweise zwei Jahre lang technisches Zeichnen. Schon nach drei Monaten konnte ich sagen, dass ich a) weder ein Talent dafür habe noch b) dass mich das Thema interessiert. Warum musste ich dann stur dieses Schulfach absitzen und mir Mühe geben, einigermassen vernünftige Noten zu erreichen? Das war keine Talentförderung, das war Tortur... ;-)

Biologie, Chemie, Physik, Geometrie geht für mich genau ins gleiche Thema. Geblieben ist mir davon nicht viel - wohl auch weil es mich nicht interessierte. Aber absitzen musste ich diese Schulstunden trotzdem...

Dabei hätten mich vielleicht andere Themen mehr interessiert, nur kamen diese nie zur Sprache.

Würden den Kindern und Jugendlichen mehr Einblicke in die verschiedenen Bereiche gegeben, wüssten sie vielleicht auch eher, was ihnen liegt und was sie interessiert.

Das bedeutet nun nicht, einfach die Zahl der Schulfächer noch weiter zu erhöhen. Vielmehr sollten die Schulfächer häufiger abgelöst werden. Sie sollten nur einen ersten, allgemeinen Eindruck über ein Thema vermitteln, welcher bei einem Interesse des Schülers zu einem späteren Zeitpunkt (Freifächer) noch vertieft werden kann.

Wenn man nicht mehr lernen muss, was einem sowieso nicht interessiert (und daran ändert der Lernzwang auch nichts), dann löst sich das Problem mit der mangelnden Disziplin sicher auch von alleine...

Zappadong said...

@titus: Es gibt private Schulmodelle, die auf dieser Philosophie basieren. Kürzlich habe ich im Magi einen Artikel über eine dieser Schulen gelesen, wo ein "Mathemüder" erst mal zwei Jahre lang einen grossen Bogen um Mathe gemacht hat - um das Fach dann neugierig in Angriff zu nehmen. Vielleicht sind diese Schüler bei ihrer Aufnahmeprüfung in weiterführende Schule etwas älter (weil sie Umwege nehmen, sich Zeit für einzelne Fächer lassen) - aber auch reifer und selbstbewusster.

Es gibt ja bei den Privatschulen auch das Modell, dass jeder jedes Fach in seinem Tempo lernt. Und vor allem fördern viele Privatschulen das, was die Staatsschule so vehement verteidigen muss: Die "weichen" Fächer.

Ich möchte damit nicht sagen, dass Privatschulen besser sind. Aber sie haben die Chance, andere Modelle zu testen, ohne dass gleich eine ganze Nation aufschreit. Das kann schiefgehen, kann aber auch zu wunderbaren Resultaten führen.

David said...

@Zappadong: Dann wird es so sein. Aber das ist kein schweizerischer Trend, und auch kein sankt-gallischer, sondern eine einmalige Anpassung an das eidgenössische Mittel. St. Gallen war anscheinend früher bei den am spätesten einschulenden Kantonen und hat Harmos quasi vorweggenommen.

Manche Kantone haben bisher noch früher eingeschult und passen sich nun mit Harmos in die Gegenrichtung an.

Durch Einschulungsklassen und die Möglicheit, den Schuleintritt zu verschieben, ist es heute möglich, auf den individuellen Entwicklungsstand des Kindes einzugehen. Ich sehe da wirklich kein Problem. Das 10. Schuljahr gratis zu machen, fände ich aber keine schlechte Idee.

@Titus: Naja, eine gewisse Allgemeinbildung finde ich schon gut. Meistens kommt es ja hauptsächlich auf den Lehrer an, ob ein Fach spannend ist. Wenn dann ein Lehrer tolle Physikstunden gibt, dann wählt dann das ganze Schulhaus Physik, und wenn die Mathestunden eher langweilig sind, dann wählt niemand mehr Mathe und in der Lehre werden es viele bereuen.

Zappadong said...

@David. Unsere Tochter war mehr als bereit für den Kindergarten - und auch für die Primarschule. Es hat also bestens gepasst. Die frühe Einschulung ist deshalb für mich nicht unbedingt das Problem. Das Problem liegt für mich darin, dass zwar früh eingeschult wird, aber am Ende der obligatorischen Schulzeit zum Teil zu früh "entlassen" wird. Für mich ist dieser Gedanke wirklich nicht zu Ende gedacht. Denn: nicht alle, die nicht wissen, was sie beruflich machen wollen, haben das Potential, eine Aufnahmeprüfung an eine weiterführende Schule zu bestehen.

Ja, der Kanton St. Gallen hat Harmos vorweggenommen. Als die grossen Diskussionen aufkamen, zusammen mit den unsäglichen SVP-Plakaten weinender Kinder - hatten wir die meisten Harmosvorgaben schon umgesetzt. Allerdings gab es bis vor ganz wenigen Jahren sehr viel Spielraum für die Eltern. Wer fand, sein Kind sei zu jung, schulte es einfach später ein. Heute ist das nicht mehr ganz so einfach möglich.

Viel wichtiger als das gewählte Schulsystem sind für mich die Lehrkräfte. Was gute Lehrkräfte bewirken können, haben meine Kinder erleben dürfen. Deshalb wäre es für mich so wichtig, dass bei all den Reformen vor allem den Lehrkräften zugehört würde. Viele von ihnen verfügen über jahrelange Erfahrung; sie könnten viel Sinnvolles einbringen. Eine Weile lang hatte ich aber ganz stark das Gefühl, die Politik und die Erziehungsdepartemente (nicht immer sehr praxisnah) lenkten die Reformen, ohne Rücksicht auf die gelebte Praxis. So etwas demotiviert. So etwas schreckt davon ab, den Beruf Lehrer zu wählen. Um im Notfall gesagt zu kommen, man sei ein wirtschaftsfeindlicher Jammerer.

David said...

Damit bin ich voll einverstanden. :)

Titus said...

@ David
Einverstanden, etwas Allgemeinbildung sehe ich auch. Wir können uns nach darunter unterhalten, was man denn genau unter Allgemeinbildung verstehen kann/will/muss...

Zum Lehrer-Beispiel: Wir wären damit wieder beim oben angesprochenen Talent. Würden jene lehren, die auch das Talent dafür haben, würde sich die Frage nach dem guter Lehrer/schlechter Lehrer gar nicht erst stellen...

Titus said...

Bin grad über ein kleines Witzli gestolpert, das hier hin passt:

Eine Lehrerin versucht, ihre neuen Psychologiekenntnisse in den Unterricht einzubauen. Sie beginnt die Stunde mit den Worten: "Ein jeder, der denkt, dass er dumm ist, steht auf!"

Die Schüler schauen sie verwundert an. Nach kurzem Zögern steht der kleine Hannes auf.

Daher fragt die Lehrerin: "Und Hannes? Du denkst also, dass Du dumm bist?"

Hannes: "Nein, Frau Lehrerin! Mir tat es einfach leid, wenn Sie alleine stehen!"