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None of my business

Darüber denke ich in den letzten Tagen nach. Weil mir André bei titus drüben gesagt hat, es sei "none of my business", ob ein Kind den Schwimmunterricht oder ein Schullager besucht. Und David hat es in einem Kommentar so formuliert:
Wer reines Gewissen hat, werfe den ersten Stein. Wer nicht, sollte davon wegkommen, mit dem Finger auf "Verantwortungslose" zu zeigen.
Nun, was mache ich denn, wenn ich einen kenne, der sein Kind misshandelt? None of my business? Oder weil kein Mensch ein reines Gewissen hat, halt nicht mit dem Finger auf ihn zeigen? Darf ich - weil es mich ja entweder nichts angeht oder ich halt wie alle nicht perfekt bin - nicht gegen das schreiben, was ich als Wunde in der Gesellschaft empfinde? Wo beginnt meine Verantwortung? Und wo hört sie auf? Was darf ich sagen und was nicht?

Update: Gerade bei Thinkabout gefunden. Ich habe so eine Ahnung, dass die beiden Beiträge irgendwie zusammengehören, obwohl sie auf den ersten Blick in total verschiedene Richtungen gehen. Fragen Sie mich jetzt nicht, warum. Es ist nur ein Gefühl.

12 Kommentare:

Bobby California said...

Of course it's your business, and it's my business as well. Lass Dir den Schneid nicht so schnell abkaufen. Die Integration der Immigranten geht uns alle an. Und wir leben in einem freien Land und dürfen genau das denken, was wir wollen. Wir brauchen dafür keine Genehmigung von André Marty.

Als Kind hätte ich mich liebend gerne vom Schwimmunterricht dispensieren lassen, und vom Turnen auch. Ich bin aber auch froh, dass ich als Kind nicht streng muslimisch erzogen wurde.

Religionen basieren sehr stark auf Verboten. Das ist mir kürzlich «eingefahren», als ich einen französischen Roman las, in dem es um einen zum Katholizismus Bekehrten ging. Der gab sich alle Mühe, nicht zu sündigen. Und sündigen hiess natürlich vor allem eines: Sex haben, oder auch nur an Sex denken. Solche Verbote sind natürlich nur eines: Lust- und lebensfeindlich. Weg damit! Zum Glück leben wir in einer Gesellschaft, in der solche Verbote nicht mehr zum guten Ton gehören. Und deshalb bin ich dagegen, dass Immigranten die Uhr zurückdrehen wollen.

Mara said...

Das sagt ja schon das Wort, Paternalistisch dürfen nur Männer sein..;-)

David said...

OK, Frau Zappadong, ich verstehe, dass mein Kommentar problematisch ist. Ich habe kein Problem damit, dass Verhaltensweisen kritisiert werden (tu ich ja selber laufend). Wenn ich es mir genau überlege, beginnt mein Problem dann, wenn Menschen in bessere Menschen und schlechtere Menschen eingeteilt werden. (Und diesen Eindruck hatte ich bei jenem Artikel – vielleicht auch zu unrecht.)

Man soll nicht schweigen, wenn einen etwas stört. Man soll sich einmischen, wenn Menschen zu Opfern werden (drohen). Die Frage ist, wie.

Nach meiner Ansicht gibt es keine schlechteren Menschen. Wir alle handeln eigennützig. (Jedoch nicht immer auf Kosten der anderen. Auch Empathie kann eigennützig sein.) Das ist unsere Natur (und schon ist er da, der Zusammenhang mit Thinkabouts Text). Wir können diese Natur nicht ändern. Auch nicht mit Schuldzuweisungen. Aber wir können die Systeme ändern, so dass das Eigennützige auch das ist, was der Allgemeinheit nützt. Bei den "Abzockern" und den Fans müsste das meiner Meinung nach möglich sein.

Bei religionsbedingten Konflikten wird es schwieriger. Weltanschauungen sind nicht so einfach zu ändern. Und ich finde auch nicht, dass es die Aufgabe des Staates ist, diese zu ändern. Die Aufgabe des Staates ist es aber, die Kinderrechte durchzusetzen, auch wenn sie aus religiösen Gründen verletzt werden. Und der Staat (bzw. die Gemeinschaft) kann für die Volksschulen Regeln definieren, die er für sinnvoll erachtet – auch wenn dadurch für Religiöse manchmal ein Konflikt entsteht. Rücksichtnahme ist nicht grundsätzlich falsch, aber es ist unmöglich, auf alle Ansichten Rücksicht zu nehmen.

@Bobby California: Schuldispensen sind in erster Linie ein religiöses Problem und nur in zweiter Linie ein Integrationsproblem. Freikirchler und Konvertiten haben kein Integrationsdefizit. Die meisten Dispensationsgesuche kommen von Freikirchlern, nicht von immigrierten Muslimen. Und wer nun die Uhr zurückdrehen will, darüber kann man vortrefflich streiten – in meinen Augen sind es vor allem Leute, die der EDU und der SVP nahe stehen.

Bobby California said...

David > «Die meisten Dispensationsgesuche kommen von Freikirchlern, nicht von immigrierten Muslimen»: Das wusste ich nicht. Aber es ändert nichts an meiner Argumentation, im Gegenteil: lustfeindliche religiöse Verbote gehören abgeschafft, egal aus welcher Ecke sie kommen.

Und ja klar, auch die SVP will die Uhr zurückdrehen, da bin ich natürlich auch dagegen.

Es gibt aber doch einen Zusammenhang zum Immigrationsthema. Ein Müsterchen kann das zeigen: In der Nähe von Zürich gibt es einen FKK-Strand. Kürzlich hat die Stadt da, so berichtete der Tages-Anzeiger, einen Zaun hochgezogen, weil die ausländischen Bewohner einer nahen Neubausiedlung den Anblick der FKK-Leute nicht ertragen hätten. Vorher war es aus Naturschutzgründen angeblich nicht möglich, einen Zaun zu bauen.

Zappadong said...

@Bobby: Es ist nicht so, dass ich Andrés Absegnung brauche ... ich stelle mir einfach die Frage, wie weit er recht hat. Zum Beispiel würde es mich tatsächlich absolut nichts angehen, wenn meine Nachbarn nackt auf dem Grundstück herumwuselten - oder sich ihre Haare rosa färbten. Wo ist also die Grenze? Was geht mich was an? Ich für mich habe immer gedacht: Dort, wo das Verhalten des Einzelnen das Zusammenleben mit anderen negativ beeinflusst. Nur: Auch das ist Ansichtssache. Beispiel: Tochter Zap und ihre Kollegen sind wunderbare Leute - meiner Meinung nach. Fragst du einen, der gerade aus dem Zug ausgestiegen ist, was er von dem bunten Trüppchen hält, das da auf dem Boden sitzt und über irgendwelche Dinge lacht oder redet, die er "doof" findet, bekommst du eine ganz andere Antwort.

@David: Es gibt einen grossen Unterschied zwischen Menschen in schlechtere und bessere Menschen einzuteilen und bei Menschen besseres oder schlechteres Benehmen festzustellen. Wer sich schlecht benimmt, ist noch lange kein schlechter Mensch. Die Frage zielt darauf: Wie weit darf ich mich über über das schlechte Benehmen von Menschen aufregen (im Zusammenhang mit den Randalierern rund um den Fussball)? Wie weit darf ich eine Meinung zu Verhalten haben, das auf der Umsetzung von persönlich gelebtem Glauben basiert? Wo sind die Grenzen? Wo die Tabus? Und was geht mich einfach wirklich nichts an?

David said...

@Bobby: OK, Migranten sind durchschnittlich konservativer als die Durchschnittsbevölkerung, zumindest die städtische. Aber ich wäre da nicht so sicher, ob der Zaun nicht auch dann hochgezogen worden wäre, wenn vorwiegend Familien aus der Innerschweiz zugezogen wären. Auch viele Schweizer Eltern wollen ihren Kindern den Anblick von nackten Menschen ersparen. Auch hier sehe ich nicht in erster Linie ein Migrationsproblem.

@Zappadong: OK, ich wollte nur erklären, wie ich den Kommentar gemeint hatte. Grundsätzlich: Es gibt keine allgemeine Grenze. Die Jugendlichen am Bahnhof betreffen die Passanten schon ziemlich direkt, also dürfen sie ihnen auch ihre Meinung sagen, finde ich. Aber ihnen verbieten, sich dort aufzuhalten: Nein. Gleiches gilt für mich bei kopftuchtragenden jugendlichen Schülerinnen. Aber die Grenze der individuellen Freiheit muss von Fall zu Fall immer wieder neu ausgehandelt werden. Ich denke nicht, dass es da eine Richtlinie geben kann.

Bobby California said...

David > «Auch viele Schweizer Eltern wollen ihren Kindern den Anblick von nackten Menschen ersparen»: Das stimmt nicht und ist eine typisch sozialdemokratische Verwedelungstaktik (und das erlaube ich mir zu sagen als überzeugter SP-Wähler). Tatsache ist: Die Schweizer Eltern waren schon vorher da, sie hatten nichts gegen den Anblick. Bisher wurden Naturschutzgründe (-> kein Zaun) immer höher gewichtet als moralische Gründe (-> Zaun). Jetzt ist das plötzlich anders. Denn die Immigranten sagen nicht: it's none of my business. Versteh mich richtig: Der Zaun ist kein Problem (ausser, wenn man darin ein Naturschutzproblem sieht), und deshalb ist er auch kein Migrationsproblem, aber er ist ein Migrationsphänomen, das zeigt: Wie wir zusammen leben, ist unser aller Business.

David said...

Vor den riesigen Überbauungen war da viel Platz am Katzensee, so dass man einander besser aus dem Weg gehen konnte. Und es waren auch damals nicht nur Schweizer, die in der Umgebung wohnten. Heute tritt man sich auf den Füssen herum. Das Nacktwandererverbot in Appenzell zeigt doch, dass die Schweizer Nacktheit nur dann tolerieren, wenn man ihr ausweichen kann. Sorry, aber ich sehe da noch immer kein hauptsächliches Migrationsphänomen.

Bobby California said...

David > «Sorry, aber ich sehe da noch immer kein hauptsächliches Migrationsphänomen»: Ebenfalls sorry: Der Zaun-Bau wurde vom Badi-Personal so begründet, also von Leuten, die wissen, was am Katzensee abgeht: «Vor allem Neuzuzüger aus verschiedensten Nationen würden sich am Anblick der Nackten stören, heisst es am Kiosk. Die Klagen kämen in erster Linie von Menschen aus anderen Kulturkreisen» (Zitat Tages-Anzeiger)

«Das Nacktwandererverbot in Appenzell zeigt doch...»: Ja, aber das ist tiefste Ostschweiz, dort herrschen ähnliche Sitten wie in Saudi-Arabien (die Frauen dürfen in Appenzell seit 20 Jahren abstimmen... und auch das nur, weil das Bundesgericht die Appenzeller dazu gezwungen hat).

Zappadong said...

Ich hüstle dann mal diskret und verrate Bobby, dass ich in der tiefsten Ostschweizer Provinz lebe. Und im gleichen Atemzug vermelde ich, dass mich das Nacktwandern angurkt - und ich es verboten hätte, egal, ob das jetzt my business ist oder nicht. Nicht aus moralischen Gründen. Sondern aus Gründen der Ethik ;-)

Seinen Spleen hemmungslos und ohne Rücksicht auf andere auszuleben ist das eine, füttlaplutt aber dafür mit Schuhen und Socken zu wandeln das andere und inkonsequent bis hinter den Bach.

Zappadong said...

Korrigenda: Boah, zu lange in der Sonne im Garten herumgekrochen ... Ich korrigiere: Aus Gründen der Ästhetik.

Bobby California said...

Zappadong > Ich wäre sehr für das Nacktwandern, wenn es Frauen praktizieren würden. Aber so wie es ist, alte Männer in Wanderschuhen, das finde ich auch doof. Solange sich das Ganze in der Ostschweiz abspielt und nicht in Californiahausen, ist es mir egal ;-)