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Ein neues Kabel für den Verstärker

"Wo waren Sie denn?", fragt Mr Doorman.
"Einkaufen", antworte ich.
"Einkaufen?" Er runzelt die Stirn. "Ich denke, Sie hassen einkaufen?"
"Ja."
"Wenn Sie etwas gesagt hätten ..."
Ich winke ab. Wenn ich Mr Doorman gesagt hätte, dass wir ein neues Kabel für den Verstärker brauchen, hätte er den Musikladen gestürmt und leergekauft. Ausserdem ist das Einkaufen recht lustig geworden, seit wir wieder da sind. Der Coop in Zappadonghausen erinnert nämlich an die DDR. Oder an meine Vorstellung von einem Laden in der DDR. In den Regalen fehlen immer wieder Dinge, manchmal so viele, dass ich endlich weiss, wie ein Laden nach einer Plünderung aussieht. Ich wollte das eigentlich dem Coop auch schreiben. Habe das Online-Forumular brav ausgefüllt und wollte es absenden. Das ging aber nicht. Vielleicht ist mein Computer schuld. Vielleicht die Webseite vom Coop. Mir ist es egal. Wahrscheinlich aber waren die einfach so furchtbar damit beschäftigt, hunderte von Produkten billiger zu machen, dass sie darob das Liefern vergassen. Oder sie sparen bei den Angestellten. Auch das ist mir eigentlich egal. Ob ich nach einer Supercard (Coop) oder einer Cumulus Karte (Migros) gefragt werde, macht keinen Unterschied. Weshalb ich immer öfter - dann, wenn ich Lust auf gefüllte Regale habe - bei der Migros vorbeischaue. Am schönsten ist es sowieso im Musikladen.
"Kommen Sie, wir gehen eine Runde in den Übungsraum", sage ich zu Mr Doorman.
"Da fällt mir ein ...", beginnt er.
Ich halte das neue Verstärkerkabel in die Luft.
"Oh, Sie waren schon dort." Es gelingt ihm nicht ganz, seine Enttäuschung zu verbergen.
"Ja", sage ich.
"Da hätten Sie auch gleich ..."
"Ein anderes Mal", verspreche ich.
Im Panikraum stecke ich das Kabel in den Verstärker und meine E-Gitarre, drücke alle Schalter auf on ... KRWMCH ... ah, DAS ist Musik!

Position 84

"Sieht grässlich aus hier", meint Mr Doorman.
Was hat er denn erwartet? Dass nach monatelanger Abwesenheit alles glänzt? Das würde es vielleicht, wenn Svetlana, unsere Putzfrau Raumpflegerin noch bei uns wäre. Ist sie aber seit Ewigkeiten nicht mehr.
"Eigentlich wollte ich gar nicht zurückkommen", sage ich.
"Bei Onkel Vladimir bleiben wäre schlimmer gewesen."
Da bin ich mir nicht so sicher. Immerhin gab es dort frische Bettwäsche und eine Köchin, die wunderbares Essen zubereitet hat.
"Und was machen wir jetzt?", frage ich meinen Lieblingstürsteher, der gleichezitig mein Lieblingsschlagzeuger ist.
Die Antwort kommt umgehend. "Unsere Schallplatte an die Wand des Panikraums hängen."
So ist er, Mr Doorman. Immer den Blick auf das Wesentliche gerichtet.
"Gute Idee", antworte ich.
Mr Doorman grinst. "Und dann machen wir aus dem Panikraum einen Übungsraum. Müssen ja schliesslich in Form bleiben."
Müssen wir. In Tibet auf Position 84 der Hitcharts gekommen zu sein, verpflichtet. Ich weiss zwar nicht genau zu was, aber es verpflichtet.