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Gerechtigkeit ist subjektiv

"Gerechtigkeit ist subjektiv", liest mir Mr Doorman vor.
"Aha", sage ich. "Wer sagt das?"
"Heinz Karrer, Häuptling von Economiesuisse."
"Aha", sage ich noch einmal. "In welchem Zusammenhang?"
"1:12."

(Zwischenbemerkung von Frau Zappadong: 1:12 ist eine Initiative, über die wir Schweizer im November abstimmen. Sie verlangt, dass das höchste Einkommen in einem Betrieb - egal ob gross oder klein - nicht mehr als 12 Mal so hoch sein darf wie das geringste.)

"Oha", antworte ich. Und ahne schon mal, dass die Subjektivität von Herrn Karrer und mir nicht am gleichen Ort liegt.
"Darf ich Sie noch etwas mehr provozieren?",  fragt mich Mr Doorman.
Ich seufze, denn ich habe so ein Gefühl, ich weiss, was jetzt kommen wird. Also öffne ich den Mund, um Nein zu sagen, aber ich komme zu spät. Mr Doorman ist schneller als ich.
"So etwas erfinden nur Leute, die sich nie in einem Arbeitsumfeld bewegt haben.", liest er mir vor, was Herr Karrer sonst noch so gesagt hat.
"So was kommentiere ich schon gar nicht, Mr Doorman", sage ich

"Aber er hat doch recht", sagt Mr Doorman, der mit der Nase tief im Interview steckt. "Der Staat hat den Firmen bei den Löhnen nicht dreinzureden."

Dieser Ansicht war ich auch einmal. Mit Betonung auf war. Bis irgendwelche Idioten bei den Banken das Geld schneller vernichtet haben, als es arbeitende Leute aus dem "Arbeitsumfeld" jemals gekonnt hätten - aber genau diese Leute aus dem "Arbeitsumfeld" dann den Grind (=Kopf) dafür hinhalten mussten. An die Selbstregulierung von Grossfirmen glauben nur noch Leute, die auch an das Christkind und die Zahnfee glauben.

Lieber Herr Karrer und Konsorten. Es ist so: Wenn die Firmen in den letzten paar Jahren nicht vollständig aus dem Ruder gelaufen wären in ihren Lohnzahlungen an ihr ach so tolles Management, dann hätte es NIE eine Initiative 1:12 gegeben. Genau wie es keine Abzockerinitiative gegeben hätte. Und es keine für einen Mindestlohninitiative brauchen würde.

Gerechtigkeit ist in der Tat subjektiv. Es sieht von oben (dort, wo man sich das Geld nimmt, von dem man denkt, es stehe einem zu) nicht gleich aus wie von unten (wo man 42 Stunden die Woche malocht und sich dann fragt, wie man Mietkosten, Krankenkasse und Sonstiges bezahlen soll).

"Frau Zappadong!" holt mich Mr Doorman aus meinen Gedanken.
"Ja?" frage ich.
"Wie stimmen Sie denn ab?"
"Na, raten Sie doch mal, Mr Doorman", sage ich. "Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten? Habe die Maschine gerade entkalkt und gereinigt."
"Gerne", anwortet Mr Doorman und grinst.

2 Kommentare:

Hausfrau Hanna said...

Ich hoffe doch,
liebe Frau Zappadong,
dass ich eine Tasse Kaffee mittrinken darf in Ihrer Runde. Und mitdiskutieren. Über Gerechtigkeit zum Beispiel und über die 1:12-Initiative, die in gewissen Kreisen für heisse Köpfe sorgt...

Senkrechtherzliche Grüsse
Hausfrau Hanna

Alice Gabathuler said...

Hausfrau Hanna, Sie sind herzlich eingeladen. Ich geh dann schon mal den Kaffee holen.