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Ist der Anreiz zu gross, leidet die Qualität

Ich finde Mr Doorman in Tränen aufgelöst über der Tageszeitung.
"Um Himmels Willen!", sage ich besorgt. "Was ist passiert?".
Mr Doorman gluckst. Dann stösste er Gackerlaute aus, die in lautes Gelächter übergehen. Ich begreife: Mein Türsteher weint nicht, weil er traurig ist, sondern weil er gerade einem Lachanfall erlegen ist.
"Darf ich Ihnen etwas vorlesen?", fragt er zwischen zwei Glucksern.
"Aber sicher", antworte ich.
Er räuspert sich, gluckst, räuspert sich erneut und liest dann vor. "Sind sie besonders produktiv, können Näherinnen gar 115% ihres Grundlohns erarbeiten. Mehr aber nicht, denn ist der Anreiz zu gross, leidet die Qualität." Mr Doorman gluckst erneut. "Stellen Sie sich mal vor, Frau Zappadong, ein Bankhäuptling sagt so was zu seinem Investmentfondheini. Wenn ich dir mehr als 115% deines Basisgehalts bezahle, leidet die Qualität!
Ich würde gerne mitglucksen, aber irgendwie fehlt mit jetzt grad der Humor dazu. "Wie viel verdient denn so eine Näherin?", frage ich.
"2700 bis 3300 Franken im Monat", sagt Herr Doorman.
"Also etwa das, was ein so ein Banker in ein paar Sekunden verdient", antworte ich.
"Ja."
"Und das in der Schweiz."
"Ja." Mr Doorman gluckst nicht mehr. "Darum kommen die Näherinnen als Grenzgängerinnen aus Italien. Dort kann man nämlich mit diesem Lohn gut leben."
"Aha", sage ich und so langsam steigt mir die Galle ziemlich hoch. "Kann man. Und was nähen denn die Näherinnen da so?"
"Unterwäsche", antwortet Mr Doorman. Für eine bekannte Firma. Nicole Kidman hat sie in einem Film getragen. Die Unterwäsche, nicht die Firma.." Er gluckst wieder. "Da kostet ein paar Unterhosen so zwischen 60 und 100 Franken."
"Sie meinen ein Multipack davon", sage ich.
"Nein, eine Unterhose."
"Eine?"
"Ja."
"Und die Näherin verdient 2700 Franken im Monat?"
"Ja."
"Und man erwartet von ihr Topqualität."
"Ja."
"Und wer sagt das mit den 115%?"
"Die Unterwäschefirma."
Ich schlucke meine Galle wieder dorthin, wo sie anatomisch hingehört. "Andere Frage, Mr Doorman. Worum geht es in dem Artikel?"
"Darum, dass ein Mindestlohn von 4000 Franken im Kanton Tessin tödlich wäre und man die Arbeitsplätze ins Ausland verlegen müsste, wenn er eingeführt würde."
"Und eine Unterhose kostet da schon mal 100 Franken?", vergewissere ich mich.
"Ja."
"Und die Näherinnen kommen sowieso die meisten aus Italien."
"Ja."
"Aber die Nähfabrik steht in der Schweiz?"
"Ja. Sie wissen schon. Made in Switzerland, unkomplizierte Bürokratie  und so."
"Aha."
"Frau Zappadong, sind Sie endlich fertig mit ihren Fragen?"
"Ja", antworte ich entkräftet.
"Darf ich ihnen einen Kaffee anbieten?"
"Ja. Und schütten Sie eine Flasche Vodka rein, Mr Doorman. Ich glaube, das brauche ich jetzt."

Quelle: Tages Anzeiger

2 Kommentare:

Yara Snow said...

Liebe Frau Zappadong

Ich freue mich ungemein, dass Sie wieder Bloggen:-)

Zappadong said...

Liebe Frau Snow

Ich freue mich ebenfalls. Habe meinen Mr Doorman vermisst.

Herzliche Grüsse

Frau Zappadong