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Kriegserklärung

Mr Doorman steht am Fenster und schaut auf die Berge, die poskartenkitschmässig schön aussehen an diesem föhnigen Herbsttag. "Sie gehören schon zu einem irren Volk", sagt er zu mir.
Nun, ob wir in der Schweiz irr sind, lasse ich mal offen, aber unseren eigenen Grind haben wir tatsächlich. "Wie kommen Sie denn zu dieser Schlussfolgerung?", frage ich meinen Türsteher mit russischen Wurzeln.
"Ich habe zum Beispiel nicht gewusst, dass das Schweizer Volk der Wirtschaft den Krieg erklären kann", antwortet er. "Den Krieg. Verstehen Sie?"
Nein, ich verstehe nicht. Weshalb ich sage: "Ich auch nicht. Wer behauptet denn so was?"
"Ruedi Noser. Nationalrat."
"Können Sie mir das genauer erklären?", frage ich. "Das mit Herrn Noser und der Kriegserklärung."
Mr Doorman nickt. "1:12", antwortet er.

(Anmerkung von Frau Zappadong: Sie wissen, diese Abstimmung, bei der wir darüber entscheiden, ob wir den höchsten Lohn in einer Firma  höchstens 12 Mal höher wollen als den tiefsten).

"Ruedi Noser sagt, alles andere als ein Nein-Anteil von 70% bei dieser Initiative wäre eine Kriegserklärung an die Wirtschaft."
"Aha", sage ich (und stelle mir das mal nicht theoretisch, sondern praktisch vor).
"Vielleicht sollten Sie sich das mit Ihrem Ja noch einmal überlegen", meint Mr Doorman.
"Nein", sage ich.
"Aber Krieg, Frau Zappadong! Krieg! Das können Sie doch nicht wollen."
"Nein, ich will keinen Krieg. Ich will nur eine gerechtere Schweiz."
Mr Doorman schaut zu den Bergen hinüber. "Klingt gut. Sogar für einen wie mich. Soll ich mal mit Herrn Noser reden?"
"Können Sie gerne tun. Erklären Sie ihm dabei doch bitte gleich auch unsere Demokratie mit ihren Spielregeln."
Mr Doorman lacht schallend. "Ein Russe soll einem Schweizer FdP-ler die Demokratie erklären? Denken sie wirklich, das ist eine gute Idee?"
"Warum nicht?", antworte ich. "Ist einen Versuch wert. Und allemal besser als eine Kriegserklärung."

Weitere Posts zu diesem Thema: Gerechtigkeit ist subjektiv

Ist der Anreiz zu gross, leidet die Qualität

Ich finde Mr Doorman in Tränen aufgelöst über der Tageszeitung.
"Um Himmels Willen!", sage ich besorgt. "Was ist passiert?".
Mr Doorman gluckst. Dann stösste er Gackerlaute aus, die in lautes Gelächter übergehen. Ich begreife: Mein Türsteher weint nicht, weil er traurig ist, sondern weil er gerade einem Lachanfall erlegen ist.
"Darf ich Ihnen etwas vorlesen?", fragt er zwischen zwei Glucksern.
"Aber sicher", antworte ich.
Er räuspert sich, gluckst, räuspert sich erneut und liest dann vor. "Sind sie besonders produktiv, können Näherinnen gar 115% ihres Grundlohns erarbeiten. Mehr aber nicht, denn ist der Anreiz zu gross, leidet die Qualität." Mr Doorman gluckst erneut. "Stellen Sie sich mal vor, Frau Zappadong, ein Bankhäuptling sagt so was zu seinem Investmentfondheini. Wenn ich dir mehr als 115% deines Basisgehalts bezahle, leidet die Qualität!
Ich würde gerne mitglucksen, aber irgendwie fehlt mit jetzt grad der Humor dazu. "Wie viel verdient denn so eine Näherin?", frage ich.
"2700 bis 3300 Franken im Monat", sagt Herr Doorman.
"Also etwa das, was ein so ein Banker in ein paar Sekunden verdient", antworte ich.
"Ja."
"Und das in der Schweiz."
"Ja." Mr Doorman gluckst nicht mehr. "Darum kommen die Näherinnen als Grenzgängerinnen aus Italien. Dort kann man nämlich mit diesem Lohn gut leben."
"Aha", sage ich und so langsam steigt mir die Galle ziemlich hoch. "Kann man. Und was nähen denn die Näherinnen da so?"
"Unterwäsche", antwortet Mr Doorman. Für eine bekannte Firma. Nicole Kidman hat sie in einem Film getragen. Die Unterwäsche, nicht die Firma.." Er gluckst wieder. "Da kostet ein paar Unterhosen so zwischen 60 und 100 Franken."
"Sie meinen ein Multipack davon", sage ich.
"Nein, eine Unterhose."
"Eine?"
"Ja."
"Und die Näherin verdient 2700 Franken im Monat?"
"Ja."
"Und man erwartet von ihr Topqualität."
"Ja."
"Und wer sagt das mit den 115%?"
"Die Unterwäschefirma."
Ich schlucke meine Galle wieder dorthin, wo sie anatomisch hingehört. "Andere Frage, Mr Doorman. Worum geht es in dem Artikel?"
"Darum, dass ein Mindestlohn von 4000 Franken im Kanton Tessin tödlich wäre und man die Arbeitsplätze ins Ausland verlegen müsste, wenn er eingeführt würde."
"Und eine Unterhose kostet da schon mal 100 Franken?", vergewissere ich mich.
"Ja."
"Und die Näherinnen kommen sowieso die meisten aus Italien."
"Ja."
"Aber die Nähfabrik steht in der Schweiz?"
"Ja. Sie wissen schon. Made in Switzerland, unkomplizierte Bürokratie  und so."
"Aha."
"Frau Zappadong, sind Sie endlich fertig mit ihren Fragen?"
"Ja", antworte ich entkräftet.
"Darf ich ihnen einen Kaffee anbieten?"
"Ja. Und schütten Sie eine Flasche Vodka rein, Mr Doorman. Ich glaube, das brauche ich jetzt."

Quelle: Tages Anzeiger

Gerechtigkeit ist subjektiv

"Gerechtigkeit ist subjektiv", liest mir Mr Doorman vor.
"Aha", sage ich. "Wer sagt das?"
"Heinz Karrer, Häuptling von Economiesuisse."
"Aha", sage ich noch einmal. "In welchem Zusammenhang?"
"1:12."

(Zwischenbemerkung von Frau Zappadong: 1:12 ist eine Initiative, über die wir Schweizer im November abstimmen. Sie verlangt, dass das höchste Einkommen in einem Betrieb - egal ob gross oder klein - nicht mehr als 12 Mal so hoch sein darf wie das geringste.)

"Oha", antworte ich. Und ahne schon mal, dass die Subjektivität von Herrn Karrer und mir nicht am gleichen Ort liegt.
"Darf ich Sie noch etwas mehr provozieren?",  fragt mich Mr Doorman.
Ich seufze, denn ich habe so ein Gefühl, ich weiss, was jetzt kommen wird. Also öffne ich den Mund, um Nein zu sagen, aber ich komme zu spät. Mr Doorman ist schneller als ich.
"So etwas erfinden nur Leute, die sich nie in einem Arbeitsumfeld bewegt haben.", liest er mir vor, was Herr Karrer sonst noch so gesagt hat.
"So was kommentiere ich schon gar nicht, Mr Doorman", sage ich

"Aber er hat doch recht", sagt Mr Doorman, der mit der Nase tief im Interview steckt. "Der Staat hat den Firmen bei den Löhnen nicht dreinzureden."

Dieser Ansicht war ich auch einmal. Mit Betonung auf war. Bis irgendwelche Idioten bei den Banken das Geld schneller vernichtet haben, als es arbeitende Leute aus dem "Arbeitsumfeld" jemals gekonnt hätten - aber genau diese Leute aus dem "Arbeitsumfeld" dann den Grind (=Kopf) dafür hinhalten mussten. An die Selbstregulierung von Grossfirmen glauben nur noch Leute, die auch an das Christkind und die Zahnfee glauben.

Lieber Herr Karrer und Konsorten. Es ist so: Wenn die Firmen in den letzten paar Jahren nicht vollständig aus dem Ruder gelaufen wären in ihren Lohnzahlungen an ihr ach so tolles Management, dann hätte es NIE eine Initiative 1:12 gegeben. Genau wie es keine Abzockerinitiative gegeben hätte. Und es keine für einen Mindestlohninitiative brauchen würde.

Gerechtigkeit ist in der Tat subjektiv. Es sieht von oben (dort, wo man sich das Geld nimmt, von dem man denkt, es stehe einem zu) nicht gleich aus wie von unten (wo man 42 Stunden die Woche malocht und sich dann fragt, wie man Mietkosten, Krankenkasse und Sonstiges bezahlen soll).

"Frau Zappadong!" holt mich Mr Doorman aus meinen Gedanken.
"Ja?" frage ich.
"Wie stimmen Sie denn ab?"
"Na, raten Sie doch mal, Mr Doorman", sage ich. "Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten? Habe die Maschine gerade entkalkt und gereinigt."
"Gerne", anwortet Mr Doorman und grinst.